Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2,41a.42-47

Lisa Erlmann, Studentin (ev.)

10.07.2016 Peterskirche zu Leipzig

Liebe Gemeinde,

„und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott noch immer, loben ihn, beten zu ihm, hören auf sein Wort, teilen untereinander und brechen das Brot noch immer.“
So gerne hätte ich diesen Satz als letzten Vers zum Predigttext hinzugefügt. Zu harmonisch, zu irreal klingt der Text für mich: Alle sind schön einmütig beisammen. Alle besitzen alles zusammen. Beliebt sind sie beim ganzen Volk und wachsen tut die Gemeinde auch noch. Die perfekte Gemeinde – in jeder Hinsicht. Zu schön, um heute noch wahr zu sein.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott noch immer, loben ihn, beten zu ihm, hören auf sein Wort, teilen und brechen das Brot noch immer.“

Sind sie also gestorben, solche Christen? Gibt es so eine Gemeinde gar nicht mehr, wie Lukas sie in der Apostelgeschichte beschreibt?

Ich denke an den heutigen Gottesdienst:

Furcht

Ich sehe eine ältere Frau vor mir. Schon sehr früh war sie in die Kirche gekommen und hatte sich einen Platz gesucht. Dort war sie erst einmal einen Moment stehen geblieben, hat die Augen geschlossen und die Hände übereinander gelegt. Erst nach einigen Sekunden setzte sie sich hin.

Der Konfirmand hatte auf dem Kirchenvorplatz noch schnell sein Fahrrad angeschlossen, die Basecap fest auf dem Kopf. Als er aber die Kirche betrat, nahm er seine Cap ab und suchte sich einen Platz. Weshalb die Alten da immer so stehen blieben, hatte er noch nie verstanden. Aber mit Cap in die Kirche zu gehen, ne, das hätte er komisch gefunden.

Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Sind das Stehenbleiben der älteren Frau und das Cap-Abnehmen des Konfirmanden heutige Varianten von Furcht? Furcht also nicht im Sinne von Eingeschüchtert-Sein, sondern Furcht im Sinne von Ehr-Furcht, dieser besonderen Art, die Verehrung und Respekt ausdrückt?

Mit Wundern und Zeichen haben wir es heute ja nicht mehr so, aber so ein Kirchenraum ruft doch auf geheimnisvolle Weise etwas von diesem Gefühl der Ehrfurcht hervor:

Die Architektur der Peterskirche, die mit ihrer Größe alles in den Schatten stellt, was die Leipziger Südvorstadt sonst so zu bieten hat.

Der Innenraum der Peterskirche, dessen Weite sogar den Kölner Dom übertrifft.

Der gleiche Innenraum, der nach dem 2. Weltkrieg 10 Jahre lang ohne Dach da stand, der viel Vandalismus während der DDR-Zeit erfahren musste und bis heute an zahlreichen Stellen Spuren der Geschichte erkennen lässt. Aber diese Kirche steht, sie unterbricht die Wohnungsblöcke um sich herum, sie ragt heraus. Und Menschen betreten sie. Und verhalten sich irgendwie anders in ihr als außen.

 

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer.“

Lobgesang

Der Gottesdienst hat begonnen, die Orgel erklingt, das erste Lied wird gesungen.

Die Mutter mit dem Kleinkind ist damit beschäftigt, das Kind ruhig zu halten. Es sitzt auf ihrem Schoß, aber würde doch viel lieber in der großen Kirche herumspazieren. Die Mutter gibt ihm die Bändchen des Gesangbuchs in die Hand zum Spielen. Dabei versucht sie so gut es geht das erste Lied mitzusingen. Alle Lieder kennt sie nicht, aber die Melodie kommt ihr bekannt vor. Das Kind scheint überrascht über den Gesang, macht große Augen und lauscht den Klängen.

Die ältere Frau ist voll organisiert, schließlich kennt sie das Geschehen schon seit über 60 Jahren. Gleich nachdem sie sich hingesetzt hatte, hatte sie ihre Brille aufgesetzt und angefangen, Bändchen im Gesangbuch einzulegen. So musste sie jetzt nicht so viel blättern. Die erste Zeile des Liedes konnte sie aber eh noch auswendig „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte.“ Dann schaute sie aber doch lieber ins Gesangbuch.

Und sie lobten Gott. Martin Luther sagte einst bei der Einweihung der Schlosskirche in Torgau:

„Meine lieben Freunde, wir wollen jetzt dieses neue Haus einsegnen und weihen unserem Herrn Jesus Christus, [...] auf dass nichts anderes darin geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“

Gebet und Lobgesang. Darin reden wir mit Gott im Gottesdienst, darin begegnen wir Gott. Eine klingende Gottesbegegnung – das ist unser Lobgesang. Die Orgel, die Stimmen der einzelnen Menschen, die sich zu einem Akkord aufbauen und zum Chor der vielen werden.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer und loben ihn noch immer.“

Gebet

Dann die ersten Worte des Pfarrers „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Begrüßung, Psalm, „Ehre sei dem Vater“, Kyrie, „Ehre sei Gott in der Höhe“. Dann ein „Lasst uns beten!“.

Der Gast aus einer anderen Landeskirche will intuitiv aufstehen. Gerade rechtzeitig merkt er noch, dass man das in Sachsen für das Tagesgebet anscheinend nicht macht. Dann eben im Sitzen.

Die Mutter nimmt die Hände ihres Kindes und faltet sie. Sie schließt ihre Augen und versucht sich auf die Worte zu konzentrieren, die der Pfarrer sagt.

Sie blieben aber beständig im Gebet. Das Gebet ist neben dem Lobgesang nach Luther die andere Form, in der wir mit Gott im Gottesdienst reden. Einfach ist es nicht mit dem Gebet. Manchmal fehlen mir eigene Worte zum Beten. Dann werden die Worte des Pfarrers – wenns gut geht -  beim Beten im Gottesdienst auch zu meinen Worten.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer, loben ihn und beten noch immer zu ihm.“

Lehre der Apostel

Die Lektorin steht auf und läuft zum Lesepult. Jetzt darf er auch aufstehen, der Gast aus der anderen Landeskirche. Alle erheben sich für die Lesungen. Der älteren Frau fällt das Aufstehen etwas schwer. Der Konfirmand steht ein wenig lustlos. Das Kleinkind freut sich über die Abwechslung und will schon wieder loslaufen. Die Mutter holt es zurück.

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel. „Dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort“. Dieses heilige Wort Gottes, die Lehre des Alten Testaments, die Lehre Jesu und die Lehre der Apostel. Darin spricht Gott mit uns im Gottesdienst. Mag man es unter der Woche halten wie man will mit der persönlichen Bibellektüre, im Gottesdienst wird dem Wort Gottes Zeit und Raum gegeben.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer, loben ihn, beten zu ihm und hören noch immer auf sein Wort.“

Diakonischer Aspekt

Während des Predigtliedes wird es etwas unruhig. Die ältere Frau und die Mutter beginnen in ihren Handtaschen nach dem Geld für den Klingelbeutel zu kramen. Der Konfirmand hat es einfacher, ein Griff in die Hosentasche und er hat seine Münze. Es klimpert, irgendjemandem ist sein Geldstück heruntergefallen. Der Küster lässt den Klingelbeutel durch die Reihen gehen.

Sie hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Nein, alles geben muss keiner. Der Bibelvers steht im Zeichen der Erwartung der frühen Christen, dass das Reich Gottes bald kommen würde – ein Reich Gottes, in dem niemand mehr Mangel leiden würde. Die Zeit der Naherwartung ist vorbei. Die Zeit der Erwartung, dass dieses Reich Gottes kommen wird, in dem niemand mehr Mangel leiden wird, aber nicht. Der Kontrast zwischen Erwartung und irdischer Realität schmerzt. Etwas ändern, etwas tun, etwas teilen, etwas einbringen, Vermögen, Fähigkeiten, Zeit – daran erinnert der Klingelbeutel.

 

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer, loben ihn, beten zu ihm, hören auf sein Wort und teilen untereinander noch immer.“

Abendmahl

„Kommt herzu, es ist alles bereit, sehet und schmecket wie freundlich der Herr ist!“ Der Pfarrer lädt ein zum Abendmahl. Die ältere Frau, der Konfirmand, die Mutter mit dem Kind auf dem Arm, der Gast aus der anderen Landeskirche, die Lektorin, der Küster und all die anderen Getauften kommen nach vorne in den Altarraum. „Christi Leib für dich gegeben“. „Christi Blut für dich vergossen“. Das Kleinkind wird gesegnet.

Sie blieben aber beständig im Brotbrechen. Und sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen. Jesus feierte mit seinen Jüngern das Abendmahl. Die ersten Gemeinden taten es ebenso. Und so viele Christen feierten schon Abendmahl in dieser Kirche beziehungsweise werden es noch feiern. Da kommen Menschen zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, sich vielleicht nicht einmal leiden können oder einfach grund-unterschiedlich sind.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fürchten sie Gott also noch immer, loben ihn, beten zu ihm, hören auf sein Wort, teilen untereinander und brechen das Brot noch immer.“

Überzeitlichkeit von Glauben

Als ich den Predigttext gelesen hatte, kam er mir vor wie ein Märchen. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass es in der Jerusalemer Urgemeinde so harmonisch war. Aber in der Gemeinde und in dem, was sie taten, lebte er, der Glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist!

Und hier stehe ich nun, heute, inmitten dieser Gemeinde und wir feiern Gottesdienst. Seit der Urgemeinde vor 2000 Jahren hat sich viel verändert. Aber er lebt, der Glaube. Und der Gottesdienst gibt Zeugnis davon. Der Glaube lebt in der Gemeinde der Peterskirche. Er lebt in Gemeinden in Leipzig. In Sachsen. In Deutschland. Und an so vielen anderen Stellen der Erde.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.