Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 6,1-7

Stephan Hagenow

in der Stadtkirche Solothurn, CH

Pfingsten 2007

Pfingsten 2007

Liebe Gemeinde,

hätte es damals eine Zeitung, gegeben, so hätte der gross aufgemachte Bericht über die eben gehörten - scheinbar harmlosen Konflikte - etwas so gelautet:

„Murren und Aufruhr unter zerstrittenen Christen - droht die Spaltung?!“
Jerusalem, im Jahr 33, von unserem Korrespondenten Zippelius
In den letzten Tagen ist es wiederholt zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb jener neuen Gruppe gekommen, die Jesus von Nazareth als ihren Messias bekennt. Dieser Jesus von Nazareth wurde vor drei Jahren in Jerusalem von den Römern wegen Aufruhrs gekreuzigt. Seine Anhänger behaupten, er sei nach drei Tagen auferstanden. Wir hatten wiederholt berichtet, dass sich diese neue Bewegung immer weiter ausbreitet und für Unruhe sorgt. Ein Teil dieser Leute, überwiegend stammen sie Galiläa hat sich nun in Jerusalem niedergelassen. Sie halten die Gebote ein und gehen regelmässig zum in den Tempel zum Gebet.
Wie unsere Recherchen ergeben haben, sind nun in letzter Zeit immer mehr ausländische Christen, vor allem griechisch sprechende Frauen und Männer - man nennt sie Hellenisten - zu der hebräisch sprechenden Gemeinde gestossen. Sie sind voller Begeisterung und Enthusiasmus, nur mit dem nötigsten ausgerüstet, in unsere heilige Stadt gekommen. Sie wollen konsequent den Weg ihres Herrn radikal fortsetzen und seine Lehre konsequent in die Tat umsetzen. Seitdem ist es mit der Ruhe und Ordnung in der christlichen Gemeinde vorbei, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren haben. Von informierten Kreisen wird bestätigt, das sich die alteingesessenen Christen von jenen eingewanderten Hellenisten distanzieren, wohl um Aufsehen zu vermeiden. Anfangs haben sie deren Bedürftige noch mit in die Armenfürsorge einbezogen. Seit gestern nun wurden diese Hilfsmassnahmen eingestellt. Die Reaktion der Betroffenen war heftig. Die Hellenisten murrten und beschwerten sich bei den 12 Aposteln, dem Leitungsgremium der hebräisch sprechenden Gemeinde. Schon ist es zu einzelnen Ausschreitungen gekommen und man befürchtet eine weitere Eskalation.
Können die 12 Apostel die Einheit der Christen bewahren? Wird das berechtigte Murren der hellenistischen Minderheit abgebaut werden oder droht die Spaltung. Wir werden die geschätzte Leserschaft weiter über den Gang der Ereignisse informieren.

Lied / Zwischenspiel

Dialog - Predigt

A: Weisst Du, was ich beruhigend an dem Text aus der Apostelgeschichte finde?
B: Was denn?
A: Früher war nicht alles besser. Und selbst ganz am Anfang war auch nicht alles ideal!
B: Hast Du das ernsthaft geglaubt? Dann bist Du wohl auch dem Bild aufgesessen, dass Lukas in seiner Apostelgeschichte zeichnet, nämlich dass die ersten Christen „ein Herz und eine Seele waren.“
A: Aber das wäre doch schön gewesen. Wenn man so ein Ideal hätte, nachdem man sich richten könnte. Nimm doch zB. die Gütergemeinschaft, dass die ersten Christen alles miteinander teilten, den Gedanken finde ich faszinierend.
B: Das war wohl schon damals Wunschdenken, das hat es so nie gegeben.
A: Trotzdem, irgendwie gehört für mich die friedliche Eintracht in einer Gemeinde dazu.
B: Ja, die Arbeit in der Kirchgemeinde ist spannend und fordert einen mit seiner ganzen Person. Es gibt viele tolle Begegnungen und Erlebnisse. Aber eben nicht nur. Ich weiss nicht, wie es Dir geht, aber ich höre schon ab und zu ein gewisses Murren.
A: Nein, bei uns in der Kirchgemeinde gibt es so was doch nicht...:) Z.B. höre ich ein Murren von denen, die angeblich nie besucht werden. Aber wenn jemand vom Besuchdienst kommt, ist es auch nicht recht.
B: Und die Nachfolger der Hellenisten, die sich nach Begeisterung und Enthusiasmus im Glauben sehnen, die murren, dass wir nur noch eine Verwaltungskirche geworden sind, die sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt.
A: Und die Nachfolger der Hebräer achten darauf, dass alles seine Ordnung hat und ja kein Aufruhr von Mitarbeitern oder Gemeindegliedern veranstaltet wird, z.B. beim Thema Asyl.
B: Und auch die theologische Diskussion, was nun wichtiger ist, das Gebet oder das diakonische Handeln, wird leidenschaftlich weiter diskutiert. Da murren wir die einen, wir sind doch Volkskirche, wir müssen allen Menschen dienen und sie durch alle Höhen und Tiefen des Lebens begleiten. Und die anderen murren, wir haben doch einen geistlichen Auftrag, wir müssen die Menschen zum Glauben führen, damit sie erlöst werden.
A: Und offensichtlich hat es damals schon Spannungen in der Gemeindeleitung gegeben, die 12 Apostel versus die 7 Diakone. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Die einen fühlen sich nicht ernst genommen und die anderen meinen, dass ihre Arbeit nicht ausreichend gewürdigt wird. Die einen wollen eine straffe, funktionale Führung, die andere eine gemeinschaftliche, demokratischere Leitung.
B: Die einen wollen lieber mehr Gottesdienste, die andere wollen sie am liebsten reduzieren. Die einen akzeptieren nur Gottesdienste mit Orgel, für die anderen kann es gar nicht bunt und vielfältig genug sein. Die einen stecken eine halbe Million in die neue Orgel, die anderen hätten es lieber den Armen verteilt.
A: Und im Religionsunterricht und Konf finden einige Eltern, dass bei uns viel zu viele weltliche Themen behandelt werden wie Drogen, Umwelt, Dritte-Welt oder gar Sexualität. Die Kirche solle sich doch besser um den lieben Gott kümmern und den Kindern klare Werte mit auf den Weg geben.
B: Weisst Du was, ich glaube, wir sollten jetzt langsam aufhören mit dem Murren - auch wenn wir die Reihe der Murrenden noch lange fortsetzen könnten. Aber sonst kriegen die Leute einen schiefen Eindruck, denn zu 90% macht Kirche Freude! Entscheidend ist doch der Stellenwert, dem man dem Murren gibt.
A: Und das ist doch in jeder Gemeinschaft so, wo Menschen miteinander leben und auskommen müssen.
B: Aber gerade deshalb finde ich ja den Bibeltext aus der Apostelgeschichte so heilsam. Auch wenn Lukas sich bemüht, alles harmonischer nach aussen darzustellen als es in Wirklichkeit war.
A: Auch daran hat sich nicht viel geändert.
B: Trotzdem, das eigentlich faszinierende ist doch damals wie heute, dass in der Regel die Leute in der Gemeinde bleiben. Die Hellenisten und Hebräer haben sich dann auch schliesslich zusammengerauft. Die verantwortlichen 12 Apostel erkennen, dass sie auch für die schwächere Minderheit der hellenistischen Gemeinde verantwortlich ist. Sie helfen mit bei der Einrichtung einer eigenen Armenfürsorge. Es geht ihnen nicht darum, alle Fäden in der Hand zu behalten, sondern sie delegieren die Verantwortung an die Betroffenen. Sie sorgen dafür, dass die Gemeinde selbst geeignete Leute wählt, welche die anstehenden Probleme lösen können. Und so werden sieben Männer gewählt, die „voll Geist und Wahrheit“ sind.
A: Frauen sind wieder mal nicht erwähnt.
B: Nein, dass Frauen dienen war in der Antike sowie so klar, aber dass Männer zum Dienen berufen worden sind, das war etwas Besonderes!
A: Interessant finde ich auch, dass die ganze Gemeinde das Recht hat, ihre Leute selber zu wählen...
B: Manchmal wird die Bibel eben doch zum Wort Gottes... Aber Spass beseite, trotz allem Murren und Frust, das eigentliche Wunder ist doch, dass es so etwas wie ein unsichtbares Band gibt, das die verschiedenen Strömungen letztlich zusammenhält.
A: Der Pfingstgeist!
B: Der wird in der Bibel ziemlich feurig und stürmisch beschrieben, kein Wunder, dass es Gestürm gibt.
A: Aber jetzt verstehe ich langsam, warum Du diesen Bibeltext so heilsam findest. Es geht gar nicht darum, dass die Gemeinde so einheitlich auftritt und jeder dasselbe glaubt und tut.
B: Nein, das ist ein falsches Ideal, was grossen Schaden anrichtet. Um ein Bild aus der Musik aufzugreifen. Wenn jeder dasselbe spielt, wir das Musikstück langweilig. Erst das Aufeinanderhören und das Sichergänzen der unterschiedlichen Stimmen lässt ein Konzert zum Genuss werden.
A: Das meint doch Pfingsten, auch als Fest der Kirche. Die Einheit in der Liebe ist viel wichtiger als die Einheit in der Lehre und im Handeln.
B: Solange die Liebe feurig und leidenschaftlich bleibt, ja, als Harmoniemäntelchen taugt sie schlecht.
A: Dann darf ich also weiter murren!
B: Ja, oder fang erst mal an. Und die anderen bitte auch!
B: Ich wünschte uns den Mut zum Murren und gleichzeitig die Gelassenheit, damit umzugehen. Viel schlimmer als das offene Murren ist das Grummeln hinter den Kulissen.
A: Vielleicht ist die Offenheit der Grund, warum es immer noch Gemeinde gibt. Paulus hat die Gemeinde mal den Tempel des heiligen Geistes genannt. Weil sich unter dem Dach des Geistes eben die unterschiedlichsten Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenfinden.
B: und genau deshalb bin ich auch gerne Pfarrer, auch wenn es manchmal nervt als wandelnde Projektionsfläche für alles mögliche Murren umherzuwandeln. Das Wesentliche ist doch jenes unsichtbare Band, das trennendes miteinander verknüpft.
A: Und vielleicht können wir auch das von der Apostelgeschichte lernen: Die Hellenisten und Hebräer haben den Reichtum der Vielfalt schätzen gelernt, nachdem sie den Anspruch auf Vereinheitlichung aufgegeben hatten.
B: Erst dadurch konnten das Wort Gottes und die Gemeinde wachsen, dass die vielfältigen Begabungen und Aufgaben nebeneinander akzeptiert werden konnten. Dann kann das Feuer des heiligen Geistes so richtig lodern.
A: Und es wäre doch toll, wenn die Murrenden aufeinander zugehen und sagen: Wir gehören zueinander, ihr, die jenes für wesentlich haltet und ich, der ich etwas ganz anderes für wichtig erachte.
B: Wenn die Enthusiasten zustimmen, dass das Wort Gottes nicht nur Konsequenzen für den eigenen Glauben hat, sondern auch nach der Gestaltung der Welt ruft.
A: Das ist doch Pfingsten:
Wenn die Ordnungsliebenden anerkennen, dass so ein wenig Pfingstchaos zur Gemeinde gehört. Nicht alles lässt sich regeln und reglementieren.
B: Wenn die Ehrenamtlichen von allen den notwendigen Dank und die Anerkennung spüren.
A: Wenn die Hauptamtlichen das Gefühl haben, sie werden begleitet und getragen von der Gemeinde.
B: Wenn die Begeisterung über die Gemeinschaft nach aussen strahlt.
A: Wenn das Gebet völlig selbstverständlich neben die Diakonie gestellt wird und nicht gegeneinander ausgespielt werden.
B: Das wäre Pfingsten - merkst Du was, wir geraten fast wie Lukas ins Schwärmen.
A: Das schadet doch nichts, oder. Der Pfingstgeist ist eben ansteckend.

Amen.