Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 8 5-8.14-17, 1. Petrus 3,15-18, Johannes 14,15-21

Prediger Stefan Jagoschütz

21.05.2017 Wartberg, Braunsdorf, Goggendorf

Liebe österliche Schwestern und Brüder,

wer von uns kennt nicht das Gefühl des Sich-verlassen-Fühlens, „nicht nur von allen guten Geistern“, sondern von GOTT und vor allem von den Menschen, die man liebt?

Sich-verlassen-Fühlen tut weh. Abschiednehmen allemal. Obwohl man weiß, dass es für einen jeden von uns immer wieder Tage geben wird, an denen es heißt, Abschied zu nehmen.

Es ist die Angst vor dem Alleinsein, die bedrückt. Die Ungewissheit, den geliebten Menschen nie mehr wiederzusehen, ihn auf immer verloren zu wissen, zermürbt. Vor allem die Frage, wie das Leben nun weitergeht, wie man ohne den geliebten Menschen in Zukunft leben soll, bleibt in der Zeit der Trauer oft ohne eine Antwort, weil doch nichts mehr so sein wird, wie es einmal war?

Zurück bleibt eine Leere. Ein Leiden an verlorengegangenen Perspektiven. Der Verlust des Selbstwertgefühls. Zurück bleiben Ratlosigkeit und Unsicherheit. Letztlich die Angst vor dem Alltag, auch in einer „ver-handy-sierten“ Welt, in der man ständig mit irgendjemanden in Kontakt treten und kommunizieren könnte.

Auch JESUS erspart seinen Jüngern den Abschied nicht. Aber soll damit, mit SEINEM Weggang, SEINER endgültigen Heimkehr zum VATER, nun einfach alles aus und vorbei sein? Alles als eine Geschichte ohne Happyend in Erinnerung bleiben? Nein! Denn es geht weiter. Aber anders, weil Abschied nicht automatisch in einer Katastrophe enden muss.

Antwort darauf gibt uns das heutige EVANGELIUM. Denn darin sagt uns JESUS, wie wir nach SEINEM Weggang weiterhin die Beziehung zu IHM konkret leben können und wie sie sich „gestalten“ lässt, sodass wir nicht „als Waisenkinder zurückbleiben“: Durch die Liebe, die weitergeht und dadurch nicht zu Ende sein muss. Denn die Seele sucht nach einem Ort, an dem der, der weggegangen ist, nun lebt. Nicht in einer äußeren Realität, wohl aber in einer ganz anderen, inneren Wirklichkeit, wozu es weder naturwissenschaftlicher Beweise bedarf, noch irgendwelche esoterische oder spiritistische Spekulationen nötig sind.1

In der Beziehung zu JESUS, nach SEINEM Abschied, heißt es nichts anderes, als SEINE Gebote zu halten. Wenn wir uns dadurch der Welt als glaubwürdige Christen erweisen, wird sich zeigen, dass wir IHN lieben. Weil wir in einer Welt mit ihrer brutalen, gewöhnlichen und grauen Alltäglichkeit2 nur aufgrund der Liebe überlebensfähig sind. Und JESUS lässt uns nicht einfach allein, sondern ER verheißt uns „einen anderen Beistand“, SEINEN Geist, den wir dringender denn je nötig haben.

Deshalb ist die Liebe, von der JESUS im EVANGELIUM spricht, etwas anderes als irgendein „Feeling“ oder ein gefühlsromantisches Abenteuer: Sie ist die beziehungsstiftende Kraft, die sich wie die innere Glut in der Asche der Trauer verbirgt.3 Die Liebe ist die „Fähigkeit“, sich nicht allein zu wissen, weil sie als Gegenkraft zum Verlust wirkt, worin man sie entdecken und für sich bewahren muss.4 Auch als Kirche! Als Gemeinschaft der Gläubigen.

Denn wenn wir uns nicht aus Liebe ins Unkontrollierbare und Unabsehbare hineinwagen, sind wir tot, weil wir dadurch unserer Sendung und unserem Auftrag, einander zu lieben, nicht gerecht werden. Es bleibt die Wahl zwischen Exodus oder Exitus, zwischen dem Weg zu den Menschen oder dem Kältetod, der immer dort eintritt, wo wir nicht vom feurigen GEIST GOTTES beseelt sind. Dieser Geist ist es, der uns dazu antreibt, in Liebe auf die Menschen zuzugehen, ihnen nachzugehen, um sie in ihrem Scheitern und noch auf ihren Irrwegen zu begleiten und nicht allein zu lassen.5

Wir schaffen es nur, wenn wir IHN und einander lieben, wenn wir in IHM sind und ER durch SEINEN GEIST in uns wohnt; und weil wir wissen, dass ER lebt. Denn als solche, die die Liebe „kennen“, können wir darauf vertrauen, dass wir fähig sein werden, Geistvolles vom Geistlosen zu unterscheiden, um der Geschäftigkeit des Zeitgeistes eine Barriere zu bieten.6

Deshalb haben wir, aber nicht als selbstgerechte und selbstverliebte Elite,7 nichts dringend nötiger und keine andere Lektion zu lernen als die Liebe. Schwer genug. Aber die Hoffnung bleibt, dass wir als Christen in der Gemeinschaft der Kirche lernwillig genug sind, um der Welt zu zeigen: Es gibt uns noch! Gerade weil wir lieben.

 

 

1    Vgl. Roland Kachler, Meine Trauer wird dich finden, Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit, 40 und 29.

2    Vgl. Markus Weißer, Exodus statt Exitus, Dynamik einer lebendigen Kirche, in: feinschwarz.net, 1.12.2015, 1.

3    Vgl. Kachler, 37.

4    Vgl. Kachler, 31.

5    Vgl. Weißer, 2.

6    Vgl. Erika Schuster, in: Dolores Bauer, Erfüllte Zeit, Die Botschaft des Matthäusevangeliums, Lesejahr A, 169.

7    Vgl. Weißer, 4.