Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Bergpredigt

Pastor Dr. Werner Steinmann (ev.-luth.)

03.12.2017 Erlöserkirche Vahrendorf

Verabschiedungsgottesdienst

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei jetzt mit uns allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
das alte Kirchenjahr ist mit dem vergangenen Sonntag, mit dem Ewigkeitssonntag, zu Ende gegangen. Wir haben es sozusagen verabschiedet, indem wir uns all der Lieben erinnert haben, die bereits von uns gegangen sind.
Heute, am 1. Advent, beginnt nicht nur das neue Kirchenjahr; es beginnt auch inhaltlich etwas Neues, etwas, das uns neu ausrichtet, das uns nach Vorne blicken lässt, das unserer Hoffnung auf Leben neue Nahrung gibt. Als Zeichen dafür brennt heute die erste Kerze an unserem Adventskranz.
Ihr Licht schenkt uns einen verheißungsvollen Glanz. Es weist auf jenes große Licht hin, auf jene Quelle des Lebens, von der wir unsere innere und äußere Schönheit empfangen – wir, die wir als Ebenbilder Gottes geschaffen sind.
Gott kommt in die Dunkelheit dieser Welt hinein, um es hell werden zu lassen, um uns zu erleuchten, um uns unseren Weg finden zu lassen. –
Wenn wir an Licht denken, dann haben wir zunächst eine räumliche Vorstellung. In Abwesenheit von Licht, also in der Dunkelheit, unterwegs zu sein, kann dazu führen, dass wir ins Stolpern geraten, die Orientierung verlieren, in die Irre gehen.
Wenn es hell ist, wenn uns ein Licht scheint oder die Sonne, sehen wir, was vor uns liegt, erreichen wir – selbst wenn der Weg steinig und schwer zu begehen ist – den Ort, den wir als Ziel vor Augen haben.
Dies, liebe Gemeinde, gilt umso mehr für die innere Dimension, für die innere Bedeutung des Lichtes. Das Bild vom Licht ist eine großartige Metapher. Aber was macht den tiefen Sinn dieses Lichtes aus?
Es gibt in der Bergpredigt einen berühmten Text, der diese Frage beantwortet.
Dort spricht Jesus die folgenden Worte:
Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?
Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:
Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? …Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Liebe Gemeinde,
in diesem Text finden wir das Herzstück der jesuanischen Botschaft, ja, man könnte sogar sagen, das, was der rote Faden der gesamten biblischen Botschaft, des Alten und Neuen Testaments, ist.
Es geht immer um jenes hingebungsvolle Vertrauen, das kein Wenn und Aber kennt, keinen doppelten Boden, kein Sicherheitsnetz. Sondern, das sich ganz und gar
voller Hingabe auf Gottes Da sein für mich, auf sein Bei mir sein verlässt.
Dieses Vertrauen zwischen einem Menschen und Gott ist das innere Licht der Gottesbeziehung. Dieses Vertrauen lässt den Menschen die Dunkelheit überwinden, die Dunkelheit, die man auch als Verlorenheit bezeichnen könnte.
Kennen wir dieses Sein bzw. Nichtsein der Verlorenheit? Dieses Schattenreich, wo der Sinn für die Dinge verloren gegangen ist? Es ist ein schlimmer Zustand, der in eine große Not, in eine große Einsamkeit, in eine große Dunkelheit führt.
Eine Dunkelheit, die nur Gott selbst erhellen kann, indem er uns sein „Du“ zuruft, indem er uns in Christus herausreißt und neu verständlich macht, was das Leben bedeutet, und indem er uns einlädt, ihm zu vertrauen – von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
Also das Licht, das uns in der Adventszeit aufgeht, verweist im Grunde auf eine Beziehungsebene, die im Vertrauen, im Glauben, ihre wunderbare Lichtgestalt entfaltet und die die Dunkelheit durchleuchtet.
Dieser Glaube ist dann in der Nachfolge Jesu immer wieder bedeutsam geworden – dem Apostel Paulus und vielen anderen großartigen Frauen und Männern der Kirchengeschichte. Auch Martin Luther, auf den wir unsere Wurzeln als Ev.-Luth. Kirche zurückführen.
In diesem Glauben widerfährt uns das Licht, wird erfahrbar, was unser Dasein sinnvoll, licht und schön macht, was uns verwandelt, und was uns zu einer menschlichen Haltung verhilft, die der Veränderung zum Guten auf dieser Welt dient.
Die äußere Gestalt sollte dabei immer auf eine innere Gestalt gründen. Auch unsere Kirche ist so dazu berufen, Gefäß für die innere Gestalt des Glaubens zu sein. Würde sie dieser dienenden Aufgabe nicht gerecht, so hätte sie ihr Ziel verfehlt.
Ebenso verhält es sich mit unserer Gemeinde. Auch sie
besitzt eine äußere und eine innere Gestalt.
Ich habe meine Aufgabe als Pastor immer so verstanden, der Gemeinde das Vertrauen auf und in Gott zu vermitteln, um auf dieser Grundlage die äußere Gestalt der Gemeinde zu formen und den Erfordernissen eines lebendigen Gemeindelebens anzupassen.
Aus diesem Ansatz heraus haben wir dann gemeinsam das Konzept einer beteiligten Gemeinde entwickelt.
Ich hoffe, dass sich dieses auch weiterhin als tragfähig erweist.
Der Geist des Evangeliums inspiriert die Gemeinde Gottes und wird ihr immer wieder die Kraft schenken, die äußeren Strukturen zu reformieren und an den Bedürfnissen ihrer Gläubigen orientiert den Weg in die Zukunft zu finden.
Liebe Gemeinde, kürzlich hörte ich vom Waldrand oberhalb der Erlöserkirche Kinderstimmen. Es waren Schulkinder, die sich auf ihrem Weg zur Schule befanden.
Anstatt an der Straße weiterzugehen, öffneten sie die kleine Friedhofspforte und betraten, an der Kirche vorbei, vertrauten Schrittes den Friedhof, überquerten ihn und gelangten zum Kindergarten und dann weiter zur Schule.
Ich habe bei mir gedacht: Welch ein schöner Ort ist dies, wo die Kinder zu Hause sind. Wo ihnen Heimat widerfährt – äußerlich und im Herzen.
Wo sie Gemeinschaft mit ihren Freundinnen und Freunden erleben und wo sie schon als ganz Kleine von jenem Licht erfahren, das sie begleiten und das sie tragen möchte bis zum Ende ihrer Zeiten.
War es das, was die Gründer unserer Kirchengemeinde in großem Bürgerengagement nach den Wirren des 2. Weltkrieges suchten, als sie diesen Ort am Hang des Kiekeberges für den Bau der Kirche wählten? War es die Sehnsucht nach Beheimatung in einer Welt, die so fragil geworden war? War es die Sehnsucht nach einem Ort, der ihren Seelen ein Zuhause bieten konnte?
Viele von uns werden heute diese Sehnsucht noch ganz
ähnlich empfinden, wenn sie unsere Kirche aufsuchen in Freud oder Leid – und mit hoffenden und vielleicht auch dankbaren Augen auf unseren Christus am Kreuz auf dem Altar blicken.
Dieser Ort ist ein Ort der Kraft und der Zuversicht. An ihm schenkt Gott uns seine Gegenwart und wir werden eingeladen, Ernst zu machen mit jenem wunderbaren Zuspruch Jesu:
„Sorgt nicht um euer Leben … Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“
In solch einem Geist wird unser Leben mit einmal ganz leicht, und als hörende Gemeinde dürfen wir die Vorstellung vom Licht ganz unmittelbar auf uns selbst beziehen:
„Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein … So lasst euer Licht leuchten und preist euren Vater im Himmel.“
Wer also im Vertrauen auf Gott das vitalisierende Licht des Lebens empfängt, der ist dazu berufen und in der Lage, selbst licht zu werden und selbst als Licht in die Dunkelheit zu scheinen.
Ich wünsche der Erlösergemeinde Vahrendorf, dass sie auf diesem Weg weiter voranschreitet.
Amen.