Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Lied "Meinem Gott gehört die Welt" (EG 408)

Pfarrer Joachim Grössing (ev A. B.)

14.09.2014 in der Evangelischen Kirche in Mörbisch am See/Österreich

zum Kirchweihfest/Kirtag

Bekennen lernen

Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,

du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an. Ps 22/11  

Liebe Schwestern und Brüder,

wie lernen wir glauben? Wie lernen wir bekennen? In der Familie, mit Eltern und Großeltern oder mit unseren Paten. In der Begegnung mit anderen Menschen, deren Glauben uns anspricht und überzeugt. Und: immer auch im Gottesdienst.

Deshalb ist unser Gotteshaus, unsere Kirche, dieses 222-jährige Gebäude auch ein Ort des Lernens. Des Einübens von Glauben und Bekennen.

Lieder zu singen, immer wieder - das ist in unserer evangelischen Tradition eine gute Möglichkeit, Bekennen und Glauben zu lernen, zu verinnerlichen.

Die Predigt zum heutigen Kirtag möchte ich einem Lied widmen. Es ist ein Lied, das mich begleitet hat seit meiner Kindheit. Ein Lied, das wir sehr oft in den Kinder- und Familiengottesdiensten singen, manchmal auch im Erwachsenengottesdienst. Ein Lied, das für mich auch zu diesem Gebäude gehört, genauso, wie der Turm, die Altartücher oder das Bild vom Sämann auf unserer Kanzel. Und ich liebe es, wenn der Klang des Liedes diesen Raum füllt, gesungen von kleinen und großen, jungen und alten Menschen.

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1 Kleines kindheitsgeschichtliches Credo

Stellt euch vor: Man schreibt das Jahr 1972. Die ersten Planungen für den Bau der UNO-City beginnen. Der Flughafen Wien bekommt eine zweite Landebahn. Und mit dem Bau der Donauinsel wird auch begonnen, obwohl noch niemand weiß, dass in drei Jahren die alte Reichsbrücke einstürzen wird. In Mörbisch wird im Sommer Eine Nacht in Venedig gespielt, mit Vico Torriani in der Hauptrolle. Schwer beeindruckend für das neunjährige Kind. Zum ersten Mal auf der Seebühne. Die erste Gondel. Die erste Liebesgeschichte im Theater. Die erste Operette.

Im Jahr 1972, wie auch in den Jahren davor und danach: ein kleiner Raum in einem kleinen Gemeindezentrum in einem großen Wiener Vorstadtbezirk. Kein besonders heller Raum. Sonntag. Kindergottesdienst. Kein besonders schöner Raum, typisch Kirchenmehrzweck. Es gibt damals noch wenig gestaltete Mitten, ein Tisch an der Wand tut es auch. Ein Tisch mit Kerzen, Kreuz und Bibel. Erlebnis- und eventpädagogisches Entwicklungsland. Aber die Kerzen brennen, der Tisch ist Teil des Kreise, in dem wir sitzen.

Und es ist schön, hier zu sein, unsere Beine baumeln von den großen Sesseln. Unsere Religionslehrerin - wir nennen sie Schwester Liesl - hat uns freundlich begrüßt und jetzt singen wir: …meinem Gott das Himmelszelt, ihm gehört der Raum, die Zeit, sein ist auch die Ewigkeit.

Ich denke ein bisschen nach, während ich singe. Jedes Kind kennt ja das Weltall gut - aus der ganz neuen Serie Raumschiff Enterprise. Unsere Familie hat ihr ersten Jahre mit Fernseher hinter sich. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Das Lied vermischt sich mit dem, was Captain Kirk und Mister Spok und Lieutenant Uhura da draußen erleben. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Und hinter all dem ist ER, ist Gott. Raum. Zeit. Raum und Zeit. Hinter allem oder über allem, oder in allem - wenn ihm alles gehört, dann ist das so. Größer als die unendlichen Weiten ist Gott.

Im Dialog mit Raumschiff Enterprise entwickelt das Lied meinen Glauben, kann sich mein Glaube entwickeln. Ich lerne glauben. Ich lerne nachdenken über das Leben. Schwere, verwickelte Begriffe gewinnen Kontur. Auch der Begriff Ewigkeit:

Wird Gott auch im Jahr 2200 noch da sein, hinter allem, über allem? Und wird man dann mit einem Raumschiff endlich nicht nur bis zum Mond kommen, sondern wirklich in andere Galaxien? Und was sind Lichtjahre? Galaxien weiß ich schon, aber Lichtjahre, das muss ich die Mama fragen…

Taschenlampe an. Drücke ich den Schalter, erscheint der Lichtkegel drüben an der Wand des Nachbarhauses. So schnell ist das Licht, sagt Mama. Es ist gleichzeitig, sage ich. Fast, fast gleichzeitig, sagt sie. So fast gleichzeitig, dass wir den Unterschied gar nicht merken. Der Unterschied zwischen gleichzeitig und fast gleichzeitig - so schnell ist das Licht. Wenn das Licht ein Jahr braucht, um irgendwohin zu kommen, dann muss das ganz weit weg, sein unvorstellbar weit. Lichtjahre, Ewigkeiten.

Ich liege auf der Wiese und starre in den Himmel. Blau, nur Blau. Tiefes Blau. Himmelszelt. Starre hinein in die unendlichen Weiten. Was ist hinter dem Blau? Noch mehr Blau? Kommt da noch was? Wie geht es da weiter? Hinter dem blauen Zelt, in dem blauen Zelt? Dort wo die Sternlein sind, die man jetzt nicht sieht?

Dort muss er sein, Gott. Und gleichzeitig muss er auch hier sein, weil er einen Plan hat, nicht nur für jedes Sternlein - auch für jeden von uns. Das hat Schwester Liesl im Kindergottesdienst gesagt. Als wir sie gefragt haben, was das heißen soll: keins fällt je aus Gottes Plan.

Wir gehören ja auch zu ihm. …sein eigen bin auch ich, Gottes Hände halten mich… Nicht nur die Ewigkeit, die Lichtjahre und Galaxien gehören Gott, sondern auch wir Menschen, meine Eltern, mein Bruder, meine Großeltern, mein bester Freund, der leider bald in eine andere Schule kommen wird… alle Menschen. Das Große und das Kleine und das ganz kleine, zum Beispiel die Ameise, die auf meiner Hand herumkrabbelt.

Ganz weit weg ist Gott und ganz nah. Das beruhigt mich. Blau ist zwar meine Lieblingsfarbe, aber so lange ins Blaue zu starren, sich dieser Weite und dem Gefühl der Unendlichkeit auszusetzen, hat auch etwas Beängstigendes. Gut, dass Gott nicht nur die Sternlein hält, sondern auch mich. Dass er fern ist und nah.

Ich lerne bekennen: Meinem Gott gehört die Welt. Und sein eigen bin auch ich.

2 In der Mitte hat sich Jesus versteckt

Wer christlich bekennen lernt, lernt auch Jesus bekennen. Und diesmal werden die Kinder im Kindergottesdienst gefragt: Woran erinnert euch der Anfang der vierten Strophe? Und nicht ohne Stolz sagen wir: an das Vaterunser. So entdecken wir, dass sich Jesus in dem Lied versteckt hat. Eigentlich nicht versteckt, nur sein Name wird nicht genannt. Er ist ja doch da - in seinen Worten, die wir von ihm gelernt haben: …täglich gibt er mir das Brot und …muss sein Wille mir geschehn. …vergibt mit meine Schuld. Er ist da, in den Geschichten, die wir von ihm gehört haben. Die Geschichten, die sagen, dass Gott wie ein guter Vater ist. Die vielen Geschichten vom Gesundwerden, wie er Menschen hilft. Den Kranken, denen, die niemand mag - denen, die jemanden brauchen. Täglich hilft er in der Not.

So lerne ich Jesus bekennen, der in seinen Worten da ist, im Lied, bei uns. Der in seinen Geschichten beschreibt, dass Gott uns lieb hat, uns verzeiht, wenn wir etwas falsch machen. Dass Gott hilft und rettet. Ich lerne bekennen, dass Jesus Gott "verkörpert" - ohne es explizit und aktiv zu wissen. Aber mit dem Lied trage ich das Bekenntnis in mir.

Das Bekenntnis, das der Dichter des Liedes, Arno Pötzsch (1900-1956), mit folgenden Worten formuliert:

"Gott, Grund und Ziel alles Lebens,

in Christus anschaubar geworden,

kann uns auch in Nacht und Tod

nicht mehr völlig entschwinden.

Wir sind getragen, geborgen."

Täglich hilft er in der Not. Als Erwachsener werde ich dazulernen, dass der Name Jesus mit dem hebräischen Wort für "Hilfe" zusammenhängt. Jesus bedeutet auf Deutsch: "Gott hilft", "Gott rettet". Und wieder viele Jahre später wird mir beim Singen während eines Familiengottesdienstes plötzlich auffallen, dass Jesus in dem Lied "Täglich-hilft-er-in-der-Not" genannt wird, dass in diesem Satz der Name "Jesus" da ist. Der Name "Jesus", vom Dichter übersetzt in den Satz: Täglich hilft er in der Not.

3 Exkurs: Fragen wir den Autor

In einer Betrachtung mit dem Titel "Woher? Wohin?" macht sich Arno Pötzsch im Jahr 1933 Gedanken über die Lebensfragen des Menschen. Für mich wirkt das Lied wie eine poetische Verdichtung dieser Gedanken.

Der nationalsozialistische Staat hatte den Bürgern - soweit sie ein öffentliches Amt bekleideten - gerade die Frage nach ihrem Woher? - rassistisch verstanden - zur Klärung aufgegeben. Zur Klärung mittels Ariernachweis. Ziel war die Ausgrenzung von Menschen, vor allem von Menschen jüdischen Glaubens.

Arno Pötzsch war damals gerade 33 Jahre alt und hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Freiwilliger mit 17 Jahren im ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Kriegsmarine. Der Krieg mit seinen Schrecken löst eine Lebenskrise aus. Er sucht nach dem "Woher?" und "Wohin?" seines Lebens. Er findet einen Platz und eine neue Aufgabe in der kirchlichen Sozialarbeit als Erzieher. Mit fast 30 Jahren beginnt er mit dem Theologiestudium. Er will Pfarrer werden. Im Glauben hat er Antwort auf die Woher-und-Wohin-Frage gefunden. Er schreibt:

"Alles Leben hat sein Ziel, wie es seinen letzten Grund hat.

Alle Ziele, die Menschen denken und erstreben können,

werden überboten von einem letzten Ziel.

In ihm münden, unentrinnbar, aber auch unbeirrbar,

alle Wege im Himmel und auf Erden.

Gott ist das Ziel. Damit schließt sich der Kreis:

der letzte Grund aller Dinge, Gott, ist auch ihr letztes Ziel."

Wir kommen von Gott her und gehen zu ihm hin. Seine Hände halten uns. Auch in seinem Lied Meinem Gott gehört die Welt, dessen Entstehung wahrscheinlich in diese Zeit zurückreicht, beschreibt Arno Pötzsch diesen Kreislauf des Aufgehobenseins: Leb ich Gott, bist du bei mir. Sterb ich, bleib ich auch bei dir.

Gott, der letzte Grund und das letzte Ziel allen Lebens - diese Gedanken und Worte haben - nicht nur im Jahr 1933 - eine politische Dimension. Die Vorstellung von der Einheit der Welt in Gott steht der Ausgrenzung und dem Rassismus in Theorie und Praxis diametral entgegen. Das Lied ist als Bekenntnis zu Gott, dem Schöpfer, Erhalter und Vollender auch eine Aussage in die Zeit hinein, in der es gesungen wird. Wir bekennen unseren Glauben immer in einer bestimmten Zeit. Und ein offenes, öffentliches Bekenntnis ist immer auch ein Kommentar, ein Stellungnahme zu dieser Zeit mit ihren Ideologien und Problemen.

4 Totensonntag denkt man an die Toten

Man kann auch Ewigkeitssonntag zu dem Sonntag sagen. An die Toten denken kann man am besten, wenn man zu den Gräbern geht. Es ist kalt. Wir sind lange mit dem Auto gefahren und fast genauso lange über die schon gefrorene Erde der Friedhofswege gegangen. Raschelndes, gefrorenes Laub klingt anders als raschelndes nasses Laub. Dann - endlich da. Ich frage mich, wie es wäre, einen großen Bruder zu haben. Wenn der nicht schon so früh gestorben wäre, so bald nach der Geburt. Johannes heißt er, oder muss man da sagen "hat er geheißen"? Drei Wochen nur hat sein Leben gedauert; meines dauert jetzt schon neun Jahre. So habe ich einen großen Bruder, den ich nicht habe, weil ich ihn nie gekannt habe. Den ich nur kenne von diesen Totensonntagsbesuchen. Vor ein paar Jahren noch haben mein kleiner Bruder und ich Spielzeugautos und Geld in der Erde vergraben. Wir wollten Johannes etwas schenken. Heute kommt mir das komisch vor. Wir reden. Ich sage, dass ich es mit schön vorstelle, einen großen Bruder zu haben, richtig zu haben. Und weil wir alle ein bisschen traurig sind, singen wir das Lied: Leb ich Gott bist du bei mir, sterb ich bleib ich auch bei dir. Das tröstet. Das wärmt sogar ein bisschen. Und mir fällt auch die andere Strophe ein, die mit dem Mutterschoß. Liebe ist wie eine Decke, die uns alle zudeckt. Die uns vorsichtig und weich zudeckt, wie der Schnee, der gerade anfängt zu fallen, und alles zu bedecken. Nur ist die Liebe warm und nicht kalt.

Ich lerne glauben und bekennen, dass es einen Platz gibt für uns bei Gott, für die Lebenden und für die Gestorbenen, und dass dieser Platz ein guter Ort voll Geborgenheit sein muss. Wie unter einer warmen und weichen Decke. Ich lerne den Glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben bekennen.

Und noch heute denke ich an der entsprechenden Stelle beim Glaubensbekenntnis oft an diesen einen Satz: Liebe deckt und birgt mich lind.

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Glauben lernen, Bekennen lernen - das geschieht immer wieder neu. Es geschieht durch die Lieder, die wir singen. Es geschieht, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen und dabei über die einzelnen Formulierungen nachdenken. Es geschieht, wenn wir Gott unsere Schuld bekennen. Es geschieht, wenn wir Gottes Wort hören und mit seiner Hilfeüber unser Leben nachdenken.

Oft geschieht es in unserer Kirche, deren Geburtstag wir heute feiern - in diesem vertrauten, schönen Gebäude.

Und es geschieht im Alltag unseres Lebens, wo unser Glaube, unsere Bekenntnis und unsere Liebe gefragt sind. Amen

Joachim Grössing

Zitate sind entnommen aus: Arno Pötzsch, Woher? Wohin? Jahresbriefe des Berneuchener Kreises 1932/33, S. 154-159, zitiert nach: www.quatember.de/J1933/q33154.htm