Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Das Vater Unser im 1. Weltkrieg"

Landespolizeipfarrer Kurt Grützner (ev)

25.10.2012 im HR 1

Hessischer Rundfunk "Zuspruch am Morgen

Hier die Predigt hören.

Vor mir liegt ein Foto, das ich auf der Documenta gemacht habe. Es zeigt ein aufgeschlagenes Buch, das dort in einer Glasvitrine ausgestellt war. Zu sehen ist eine Gruppe deutscher Soldaten, der Uniform nach im 1. Weltkrieg. Auf einer Lichtung am Waldrand machen sie Rast. Ihre Rucksäcke und Gewehre sind vor ihnen auf dem Boden zusammengelegt.

Unter dem Bild lese ich diese Worte: „Das Vater Unser“ neue Zeile: „Vergib uns jede Kugel, die nicht trifft!“ Ausrufezeichen. In Klammern dahinter der Verfasser: Ein Pfarrer. Ich merke, wie mir der Satz einen Stich ins Herz versetzt.

Neben das Foto dieses erschreckenden Exponates der Documenta steht vor mir auf meinem Schreibtisch eine Patronenhülse. Aus dem Hülsenmantel wurde ein Kreuz herausgeschnitten. „Das sei eine künstlerische Neuinterpretation des alten Bibelverses „Schwerter zu Pflugscharen“ (Mi 4,1), das der Friedensbewegung in Deutschland ihre friedliche Richtung gab.“, erklärt der Pfarrer, der sie mir als kleines Dankeschön für einen Vortrag überreicht, den ich in seiner Gemeinde gehalten habe.

Zwei Gewehrkugeln. Zwei Pfarrer. Zwei Interpretationen, wie sie widersprüchlicher nicht sein könnten. Wo mein Herz schlägt in diesem Widerspruch ist klar. Auf der Seite derer, die Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. So habe ich Gottes Wort und Jesu Wirken verstanden, dass Friede werde auf der Erden. Dafür setze ich mich als Christenmensch ein. Dafür arbeite ich in meinem Dienst als Polizeipfarrer. Denn meine Polizisten haben schließlich auch Patronen, die sie - allerdings nur in allergrößter Not - auch abschießen können.

Auf den Koppelschlössern der Soldaten stand „Gott mit uns“. Die Friedenbewegung hat keine Koppelschlösser. Wenn ich mich aber selbstkritisch an meine heiße Phase der Friedensbewegung erinnere – in meinem Kopf stand es wohl doch geschrieben. „Gott mit uns!“ Die beiden Patronenhülsen lehren mich, vorsichtig damit zu sein, „Gott mit uns“ zu denken. Als Christenmensch muss ich tun, was ich als Gottes Willen erkenne. Dass Gott bei uns ist, das glaube und erfahre ich. Ob er aber mit uns ist, entscheidet Gott allein.