Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Deuteronomium 6, 4-9

Pfarrerin Gerlinde Feine (ev)

22.06.2014 in Böblingen, Stadtkirche St.Dionysius

Hauptgottesdienst am 1. Sonntag nach Trinitatis

Zettel an der Tür. Gedächtnisstützen: „Schlüssel“ steht drauf und „Anrufbeantworter“. Ein-Wort-Sätze, selten mehr. Vor dem Verlassen des Hauses nochmal an das erinnert werden, was man nicht vergessen darf. „Niki vom Training abholen“ – ausnahmsweise. Das muss man sich aufschreiben, weil es noch nicht zur Gewohnheit wurde. Sie soll ja nicht allein im Dunkeln nach Hause gehen. Viel zu gefährlich. Gut, dass es die gelben Zettel gibt. Sie helfen, verlässlich zu sein. Manche haften schon über Jahre dort, gehören zum Dekor und fallen schon gar nicht mehr auf. Aber sie haben sich eingeprägt, so wie die Vokabeln auf dem Spickzettel und die Telefonnummer am Küchenschrank – Vom Zettel ins Gedächtnis, vom Auge ins Herz.

Schreib dirs auf, an die Tür, hinters Ohr, direkt ins Herz…

Schreib dir auf, was du dir einprägen musst. In der Schule gilt das schon lange nicht mehr. Heft vergessen? Macht nichts. Foto machen mit dem Smartphone. Ausdrucken. Lesen. Und dann doch nicht mehr wissen, was da stand. Also doch: Schreiben… ein Spickzettel oder ein Gruß über drei Bänke hinweg. Schreiben hilft. „Schreiben Sie mir doch Ihren Namen hinters Ohr“, sagte der charmante Musiker, der trotz vieler gemeinsamer Auftritte schon wieder vergessen hatte, wie ich heiße. Ich lasse mich amüsiert auf das Spiel ein – und staune beim nächsten Treffen, weil es funktioniert. War es die Berührung, das Eingravieren der Buchstaben mit dem Fingernagel, sanft, aber nachdrücklich?!

Schreib dirs auf die Stirn– merk es dir – lass es dir in Fleisch und Blut übergehen.

Zettel – überall. An der Tür. Auf dem Tischchen im Flur. Im Portemonnaie. Jean Paul verfügt über einen immensen Zettelkasten, um nichts zu vergessen, was sich noch in Literatur verwandeln könnte. Immanuel Kant kämpft als alter Mann mit solchen Zetteln um seinen schwindenden Verstand: „Lampe muss vergessen werden“, notiert er nach einem Streit mit seinem Diener und Vertrauten. Doch vergaß er das Vergessen – Gott sei Dank, denn Lampe verzieh den Streit, blieb vertraut und pflegte ihn bis zum Tod. Es geht so leicht, das Vergessen, trotz der Zettel an der Tür. Die Schlüssel, die Geheimnummern, die Namen des Partners und der Kinder…

Schreib dirs auf. Hab es vor Augen. Schließ es in dein Herz… Das eine Wort, den einen Namen: EINER.

Er flieht aus Witebsk. Im Hintergrund sieht man die Häuser brennen, die Türen, an denen die Merkzettel hingen, sind längst Asche und Rauch. Nur das Nötigste hat er gerettet, dieser Mann mit dem Gebetsschal um den Kopf und der Torarolle im Arm. Die Tefillim, die Gebetsriemen, hat er sich um Kopf und Unterarm gewickelt, so wie es Vorschrift ist; die kleinen Kästchen mit dem sorgsam gewickelten Pergament auf der Stirn, in Augen- und Herzhöhe. Der dritte Zettel, der in der Mesusa an der Tür – verbrannt. Immer, wenn er über die Schwelle seines Hause trat, waren die Finger zwischen den Lippen und dem kleinen Kästchen hin und hergegangen. Ein Kuss – ganz automatisch im Lauf der Jahre, und doch: Vergessen hat er ihn nie, und immer wusste er, woran ihn das erinnern sollte.

Schreib es über die Schwelle deines Hauses und auf deine Stirn und in dein Herz…

Höre, Israel, Jahwe ist der Herr, dein Gott, der Herr ist Einer. Der Einzige. Ihm allein gehörst du. Er allein regiert. Keine anderen Götter neben ihm. Das Schema Jisrael, das Glaubensbekenntnis Israels. Aufgeschrieben, gelernt, verinnerlicht. „Der Rabbi mit der Torarolle“, den Marc Chagall 1941 malt, kennt es in- und auswendig. Oft hat er es bedacht, stets hat er danach gelebt, und deshalb muss er fliehen, wegen der Treue zu dem einen Gott, deshalb brennt sein Haus, verschwinden seine Erinnerungen – und die Erinnerung an ihn wohl auch. Aber dieses Wort nimmt er mit: Höre, Israel, Jahwe ist der Herr dein Gott, der Herr ist Einer. In der Schule haben wir dieses Bild kennengelernt. Haben gehört, wie Chagall die russischen Pogrome Anfang des 20. Jahrhunderts künstlerisch zu einem Gleichnis verarbeitet für die Judenverfolgung im Dritten Reich. Millionen verlieren da ihre Häuser, auch die, an deren Türen längst keine Mesusa mehr hing. Millionen verlieren ihr Leben. Aber man erzählt sich, dass die, die den Aufstand im Warschauer Ghetto anführten (und das waren nicht die Allerfrömmsten, hört man), dass die im Moment der Hinrichtung das „Schema“ riefen – und beim Wort „echad“ sterben wollten.

„Echad“ – Einer. Der Herr ist Einer. Der Einzige. Dem gehörst du. Schreib dirs auf, vergiss es nicht. Hab es vor Augen, hab es im Herz.

Der Eine, der an dich denkt. Der Eine, der dich nicht vergessen hat, der dich nicht allein lässt in der Kälte und in der Dunkelheit, der dir entgegenkommt und dich nach Hause bringt. „Höre, Israel, Jahwe ist der Herr, dein Gott, er allein, er, der Einzige.“ Als Jesus gefragt wird, welches das höchste der Gebote sei, da nennt er als erstes das Glaubensbekenntnis seines Volkes. Er hat es stets vor Augen und in seinem Herzen, in allem, was er tut. Er ist nicht käuflich, und in seinem Herzen ist kein Raum für fremde Mächte. Er kennt alle Gebote, aber er weiß: Nur eines kann es mit dem Gebot des Herzens aufnehmen: „Du aber, liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und so kümmert er sich nicht um Vorschriften, sondern heilt und tröstet und zieht Menschen aus der Dunkelheit – auch die Fremden, auch am Sabbat, und ohne nach den Kosten zu fragen. Und schließlich zahlt er selbst dafür mit seinem Leben. Doch der Eine Gott ist auch da, wo kein Mensch mehr hinkommt, dort, wo der Tod droht und das ewige Vergessen.

Schau hin und schreib dir das hinter die Ohren, schreib dirs an deine Tür und in dein Herz. Gott ist der Eine, der uns nicht vergisst. Schau hin und lies und handle. Wenn nötig, schreib selbst.

Schreib, wie sie geschrieben haben in Barmen 1938: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem allein wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Er allein. Niemand sonst. Der zeigt dir den Weg, dem folge nach. Der zeigt dir, wer Gott ist: der Eine, der sein Volk nicht vergisst, der jede und jeden einzelnen sieht, der uns freundlich entgegenkommt und die Tür öffnet – für die, die aus brennenden Häusern fliehen und für die, die nachts in der Kälte warten. Für die, die ihn lange vergaßen und für die, die selbst das Vergessen vergessen haben. Gott ist da, der eine. Unsere Namen hat er sich eingeschrieben. Zwischen den Augen, hinter den Ohren, in sein Herz. Sie stehen an der Tür seines Hauses, weil wir dort Wohnrecht haben. Wer das weiß, muss sonst gar nicht viel begreifen, der weiß auch so, was zu tun ist. Der weiß, was aus ihm wird, in dieser und in der kommenden Welt. Amen.