Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,13-22

Pfarrer i.R. Martin Rambow

25.09.2016

Herbsttagung 2016 des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins

Liebe Gemeinde,

von einem Geschichtenerzähler wird berichtet, dass er seine besten Erzählungen immer mit dem Satz begann:

„lhr werdet's nicht glauben. Ich erzähle es trotzdem." Und dann erzählte er Unglaubliches. Manche sagten da bestimmt: „So ein Quatsch, das gibt's ja gar nicht.“ Und andere vielleicht „Warum nicht? Manchmal passieren große Dinge, wenn man anfängt, das ganz und gar Unmögliche erst mal wenigstens zu denken."

„Ihr werdet's nicht glauben, ich erzähle es trotzdem." So mag auch der Schreiber des Epheserbriefes gedacht haben, als er diesen Satz schrieb, der im Zentrum unseres heutigen Predigttextes steht: „Christus hat die Mauem der Feindschaft niedergerissen." Ist das nicht ein ganz. und gar unglaubliches Wort?!  So, wie beinahe alles Reden vom Frieden, von entfeindetem Miteinander, unglaublich ist in unseren Tagen. Wir erleben, überrascht und verwirrt, zunehmend unfriedliche Stimmung in unserm Land, unsrer Stadt und Nachbarschaft, die scheinbar da herrührt, dass welche zu uns kommen, die unsern Frieden stören - und wir wissen gar nicht so recht wie und warum. War es nicht bisher ganz friedlich bei uns und zwischen uns und der sonstigen Völkerfamilie? Oder stimmt es doch, was warnende Stimmen schon lange (und vielleicht doch nicht ganz zu Unrecht?) sagen: Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge. Wer Zäune zieht, macht seinen eigenen Horizont eng. Wer Mauem baut, wird selber zum Gefangenen.

„Christus hat die Mauern der Feindschaft niedergerissen." Vielen klingt das zu unglaublich. Trotzdem hat der Weltkirchenrat dieses Wort, schon zum zweiten Mal, über die „Weltwoche für Frieden in Palästina und Israel" gestellt. Diese Woche, jährlich im September begangen, lenkt unsern Blick auf diese zerstrittenen zwei Völker, auf das Volk der Juden und das arabische Volk der Palästinenser - feindliche Brüder, die doch beide in ihren heiligen Schriften die gleiche Geschichte lesen: die Geschichte von Ismael und Isaak, den zwei blutsverwandten Söhnen Abrahams. Halbbrüder, die einander nicht das Leben, nicht das Land, nicht den Segen Gottes gönnen. Heute erleben wir den lsmael-lsaak-Bruderzwist als den am längsten andauernden Konflikt der Gegenwart. Genau vor 100 Jahren, 1916, mitten im 1. Weltkrieg, begann der Nahe und Mittlere Osten, wie man ihn bis dahin kannte, zu zerfallen. Sykes und Picot, ein englischer und ein französischer Diplomat, zeichneten mit dem Lineal am berühmten grünen Tisch neue Ländergrenzen. Fragten nicht nach den dort ansässigen Völkern und ihrer angestammten Heimat, sondern waren darauf bedacht, die Interessen der Großen zu bedienen: England, Frankreich, Russland, Italien. Alle Völker wurden so zu Spielbällen und Opfern der Großmächte - die seit Jahrhunderten ansässigen arabischen Völkerschaften ebenso wie auch die Juden, die begonnen hatten, in den Nahen Osten einzuwandern.

Und heute? Hat nun Christus die Mauern der Feindschaft niedergerissen? Die Mauern, von denen die vorhin gehörten Zeugnisse von Menschen aus Aleppo und Palästina reden, oder an die wir zum Tag des Flüchtlings am kommenden Freitag erinnert werden?

Der von mir erwähnte Geschichtenerzähler redete unglaubliche Dinge. Und auch der Epheserbrief mutet uns ein unglaubliches Wort zu: „Die Mauem der Feindschaft sind niedergerissen." Liebe Gemeinde, so wie ich manchmal bei den schlimmen Gewallt-Texten der Bibel denke, es wäre gut, wenn die nicht in der Bibel stünden, so geht es mir mit den ganz großen positiven Worten auch: Müssten wir nicht in unserer Bibel ganze Passagen, die scheinbar so unrealistischen Friedensworte, einklammern oder rausretuschieren, weil sie einer Konfrontation mit der Friedlosigkeit der Welt überhaupt nicht standhalten? Vielleicht kann man ja vor dem großen Wort „Frieden" nur schweigen – angesichts des Eifers und Kraftaufwands, mit denen Feindschaften aufrechterhalten und ausgebaut werden; mit denen auf die globale Krise zugesteuert wird; mit denen die reichen Industriestaaten ihre Entschlossenheit, keine Abstriche an ihrem Wohlstand zuzulassen, als weltweiten Ressourcenkrieg austragen? Der Psychotherapeut Viktor Frankl sagte vor Jahren: „Die heutige Menschheit weiß nicht, wohin die Reise geht, aber das mit aller Kraft." Vielleicht würde er heute sagen: Wir wissen sogar, wohin die Reise geht, denn der Expresszug zur globalen Krise ist in voller Fahrt, und dass mit aller Kraft.

Müssten nicht über einer Weltwoche für Frieden. egal an welche Krisenregion der Welt wir denken, ganz andere Worte, auch andere Bibelworte, stehen? Nicht nach Epheser 2 „Die Mauer der Feindschaft ist niedergerissen", sondern beispielsweise nach 1. Mose 28: „Ich schicke euch die ägyptischen Plagen," spricht Gott, ,,wenn ihr meinem Wort nicht gehorcht und nicht im Bund mit mir bleibt."

Frieden, wie die Bibel ihn versteht, ist Ausdruck des Verhältnisses zwischen Gott und seinem Volk, zwischen Gott und uns Menschen. Noch einfacher gesagt: Frieden ist kein Zustand, sondern eine Verhaltensweise. Friedliche Verhältnisse kommen aus friedlichem Verhalten. So wie unfriedliche Verhältnisse aus unfriedlichem Verhalten kommen. So wie Mauem von Menschen kommen, die mauem.  Darum bedeutet ein Bibelwort wie dieses:

„Christus hat die Mauem niedergerissen", dass in unsrem Verhalten ein Abriss und ein Umbau geschehen muss. Unser Mauern soll, muss und kann aufhören.

Es geht eben beim Frieden nicht um irgendwelche anonymen Verhältnisse oder fernen Zustände, sondern um Gottes Auftrag an uns. Deshalb ist auch der Unfrieden zwischen Israel und Palästina unser Thema. Wir haben mit beiden. Völkern eine vielfältig verwobene Geschichte, als deutsches Volk wie auch als Kirche. Wir haben als Christen mit Juden und Muslimen gemeinsam den Glauben an einen Gott. Gibt es eigentlich mehrere „einzige" Götter?  Ich denke nicht.  Dennoch sind die Jahrhunderte und Jahrtausende unserer gemeinsamen Geschichte über weite Strecken ein intensives Gegeneinander. Und so haben wir als deutsches Volk eine einmalige Schuldgeschichte gegenüber den Juden. Wir waren und sind als Großmacht an der kolonialen und imperialistischen Aufteilung der Welt beteiligt, die in großen Teilen bis heute gilt und wirkt, ja sich sogar erneuert. Und es richten sich auf uns auch die Blicke und Hoffnungen der Christen in Palästina und im Nahen Osten - und die Christen in Palästina sind nun mal Angehörige arabischer Völker. Aber auf eine rätselhafte Weise tun wir uns schwer damit, ihnen zuzuhören, uns ihren Bitten um Solidarität und Fürbitte zu öffnen. Das geht bis hin zu der Meinung, dass, wer für Palästinenser betet, damit automatisch gegen Juden betet. Ich halte von solchem Vergleichen und Aufrechnen nicht viel. Wenn einer sein Opfersein klagt und erfahrene Ungerechtigkeit, dann will ich nicht distanziert dastehen und sagen: Sieh doch, wie es auch anderen so geht. Und sich auf die, die unter dir leiden wie du unter ihnen. Ich denke: Unrecht ist Unrecht ist Unrecht, von wem und an wem auch immer es geschieht. Der Generalsekretär des Weltkirchenrates, der norwegische Pastor Fykse-Tveit, sagte diese Woche in einem Interview zur Weltwoche für Frieden in Palästina und Israel: „Die Frage, ob die Kirchen in den Diskussionen über die israelische Besatzung ausgewogen sind, ist von großer Relevanz. Niemand kann eine, ausgewogene Haltung einnehmen zu Ungerechtigkeit und zur Unterdrückung der Rechte eines Volkes. Wenn eine Seite die Besatzungsmacht ist und die andere die besetzte, kann der Leitgedanke nicht sein, „ausgewogen“ zu reden ... Und was mich so verwirrt, ist, dass der Glaube an Gott benutzt werden kann, um Ungerechtigkeit zu legitimieren und die Besatzung zu institutionalisieren."

Über der Weltwoche für Frieden des Ökumenischen Rates steht außer dem Bibelwort noch eine Art Slogan, ein eingängiger, werbender Spruch: „Wall ·will fall", zu Deutsch: „Die Mauer wird fallen", Der Geschichtenerzähler vom Anfang würde sagen: „lhr werde´s nicht glauben, ich sag es trotzdem: Wall will fall - Die Mauer wird fallen". Mir persönlich ist der Plural noch lieber: Walls will fall - alle Mauem an allen Orten werden fallen. Darauf hoffe ich. Die israelische Mauer in Palästina. Die Zäune in Melilla zwischen Gibraltar und Nordafrika, die Zäune in Ungarn. Die Mauer in Calais, für die sich Frankreich und Großbritannien jetzt gemeinsam ins Zeug legen. Dass sie fallen, darum beten wir, auch heute hier in diesem Gottesdienst. Dieses unglaublichen Wortes wegen: „Christus hat die Mauem der Feindschaft niedergerissen."

Diesen Satz illustrieren die Jesusgeschichten des Neuen Testament immer wieder. Jesus zeigt: Wo von der Liebe Gottes geredet, wo im Namen Gottes gehandelt wird, da kann es kein Drinnen und Draußen geben, kein vor und hinter der Mauer. Jede der Geschichten von Jesus, die die Bibel erzählt, kann man, ja muss man so lesen. Angefangen bei der netten, lieben Geschichte, wo Jesus die Kinder segnet. Auch da wird gemauert. Von den Jüngern Jesu interessanterweise, beschämenderweise. Das Evangelium erzählt: „Die Jünger fuhren die an, die die Kinder zu Jesus brachten." Und dann heißt es: „Als Jesus das bemerkte, wurde er zornig." Denn: Immer war Jesus bei denen, die hinter der Mauer waren. Bei Zöllnern und Sündern, bei den ausgestoßenen Aussätzigen und den nicht Makellosen, bei den ungläubigen Zweifeln. Mit Jesus und in seinem Namen oder mit seiner Hilfe kann man keine Mauem bauen, auch nicht sie stillschweigend dulden oder gar verteidigen. Wir können nicht, liebe Gemeinde, von der Liebe Gottes reden, die alle meint, und vom Frieden Gottes, der alle versöhnt, und dabei nicht zwangsläufig an alle Menschen diesseits und jenseits aller Mauern denken.

Und so mag eine jede und ein jeder von uns für sich bedenken: Wer sind für mich „die da draußen"? „Die da drüben"? „Die da unten"? „Die da oben"? „Christus hat die Mauern niedergerissen" - das heißt einfach: Bei dir, Christus, gilt kein Hüben und Drüben. „Die Kirche darf nur gregorianisch singen, wenn sie auch für Juden und Kommunisten schreit", lautet ein berühmter Ausspruch von Dietrich Bonhoeffer. Historiker streiten darüber, ob Bonhoeffer diesen Satz wirklich so gesagt hat. Ich sage: Geschenkt. Denn wahr ist er allemal. Du, Christus, bist allen Menschen so nahegekommen, Freund und Feind, dass da keine Mauer dazwischen passt. Das ist unglaublich. Aber gerade deshalb müssen und wollen wir es immer wieder erzählen. Und danach handeln.

Amen.