Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,17-22

Pfarrer Lorenz Bührmann (ev.)

05.06.2016 Stadtmissionsgemeinde Berlin Tegel

„Neue Nachbarn“

 

"Neue Nachbarn"

 

Liebe Gemeinde,

wir sollten neue Nachbarn kriegen. Die ältere Dame, die neben uns wohnte, hatte sich entschieden, die Wohnung gegenüber von uns aufzugeben und zu ihren Kindern zu ziehen. Als sie es mir sagte, fand ich das im ersten Moment recht schade. Wir hatten ab und zu ein nettes Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräch. Vor allem aber: Man konnte gut mit der Frau zusammen leben, sie war ziemlich friedlich, keine laute Musik aus der Wohnung, keine Konflikte…. Wer würde wohl nach ihr in die Wohnung einziehen? Würde auch der Nachmieter so freundlich und friedlich sein?

Als die Dame ausgezogen war, kam mir an einem Morgen ein Mann im Treppenhaus entgegen. Kahlköpfig, mit einer speckigen Handwerkerweste. Seine Arme waren fast vollständig tätowiert. Er hatte wohl gerade geraucht, das konnte ich an dem Geruch, der mir entgegenwehte, deutlich merken.

Wie kam der hier rein? War das etwa…. der neue Mieter?

„Guten Tag“, sagte ich kurz angebunden „Darf ich fragen, was Sie hier machen?“

„Ick bin vonne Firma Minol und les´ die Heizungen ab,“ antwortete er mir. Da sah ich auch schon das Ablesegerät, das er in seiner Hand hatte….

Glück gehabt, dachte ich. Irgendwie hatte das ja spontan ein Unbehagen in mir verursacht, als mir dieser Mann mit seinem Erscheinungsbild begegnet war. Irgendwie muss da unbewusst etwas in mir ausgelöst worden sein. Da ging bei mir sofort innerlich eine Schublade auf, so dass ich dachte: Das könnte ein schwieriger Nachbar sein.

 

 Das Thema, mit wem wir denn „unter einem Dach“ leben wollen, mit wem wir friedlich zusammenleben können und wen wir lieber nicht als Nachbarn hätten, hat auch schon die Menschen vor ungefähr 2000 Jahren in der der Gemeinde in Ephesus beschäftigt. Deshalb wurde der Epheserbrief geschrieben mit den Worten, die wir eben zu Anfang gehört haben.

Das Thema des Briefes ist aber auch heute noch brandaktuell. Einerseits weil wir hier in Tegel Süd bald in einem neuen Haus neue Nachbarn bekommen werden. Und andererseits weil sich der AfD Politiker Alexander Gauland letzten Sonntag zum Thema Nachbarschaft geäußert hat und damit eine gesellschaftliche Diskussion ausgelöst hat. Nach Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung soll Herr Gauland (inzwischen sagt er sogar selbst, dass es sein mag, dass er das gesagt hat) Folgendes über den farbigen Fußballnationalspieler Jerome Boateng gesagt haben: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben….“ ( Vgl. Fußnote 1)

Vielleicht hat Alexander Gauland nur etwas ausgesprochen, was viele heute heimlich denken, vielleicht auch Christen aus unseren Kreisen. Da ist eine unbewusste Angst vor dem Fremden, vor dem, was unsere Werte und unsere Kultur bedroht. Da ist eine unbewusste Ablehnung gegen bestimmt Leute in unserer Umgebung. Manche Christen hegen eine heimliche Sympathie für die AfD, vor allem dann, wenn sie Angst vor dem „Untergang des christlichen Abendlandes“ haben. Sind da nicht Leute in der AfD, die sich endlich wieder stark machen für das christliche Abendland? Frauke Petry ist ja immerhin mit einem Pfarrer verheiratet…. Alexander Gaulands Tochter ist Pfarrerin…. Da ist doch die christliche Tradition tief in den Familien verankert, oder?

Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass Frauke Petry nicht mehr mit ihrem Mann zusammenlebt, mit dem sie vier Kinder hat. Sie hat inzwischen einen AfD Politiker als Partner. Und ihr Noch-Ehemann ist bewusst in eine andere Partei eingetreten, auch, um nicht immer mit der AfD in  Verbindung gebracht zu werden. Und die Tochter von Alexander Gauland, Pfarrerin in Rüsselsheim, hat einen Flüchtling aus Eritrea aufgenommen und kann die Aussagen ihres Vaters nur schwer aushalten: „Ich finde es schrecklich, was er sagt,“ sagte sie dem Magazin der Wochenzeitung „Zeit“. (Vgl. Fußnote 2)

Eine Äußerung von Herrn Gauland zum Christentun ist interessant: „Wir wollen nicht das Christentum im religiösen Sinne verteidigen.“ Die Wähler der AfD wollten aber, dass man für „ihr So-Sein“ kämpfe, für alles, „was man von den Vätern ererbt“ habe. „Das Christentum ist dafür eine Metapher.“ (vgl. Fußnote 3)  

Und Jerome Boateng? Der hat einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter und ist in Berlin-Wedding aufgewachsen, wo auf einer Hauswand an der Pankstraße drei Porträts der Boateng Brüder zu sehen sind. Vielleicht haben es Leute aus Wedding auf die Hauswand gepinselt, weil sie sagen wollen: Einer von uns, einer, der es geschafft hat.

Jerome Boateng hat übrigens ein Tattoo, nein, genauer gesagt mehrere Tattoos  - upps, vielleicht würde bei mir da eine Schublade aufgehen … Auf seinem linken Unterarm hat er die Gottesmutter Maria tätowiert, auf dem rechten Oberarm ein Kreuz. „Weil ich Christ bin,“ hatte er es begründet. „Ich lasse mir nur Tattoos machen, die für mich eine Bedeutung haben.“

 

Ich habe jetzt einfach nur ein paar Dinge zitiert, die Leute selbst gesagt haben. Aber mal ehrlich: Wer steht mehr für christliche Werte? Jemand, der im Christentum nur eine „Metapher“ für das sieht, „was man von den Vätern ererbt hat“ oder jemand, der ziemlich offen und deutlich nach außen zeigt, was sein Bekenntnis ist? Auf den zweiten Blick sieht die Welt manchmal ganz anders aus…

 

Wofür das Christentum wirklich steht, können wir am besten rausfinden, wenn wir wieder an den Ursprung gehen, zu Jesus Christus. Und von dem schreibt Paulus seiner Gemeinde in Ephesus. Es war wichtig, dass er davon schreibt, denn da gab es offenbar auch heftige Diskussionen in dieser Gemeinde, wer eigentlich dazu gehören darf. Bis Jesus Christus kam, lebten nämlich nur Menschen jüdischen Glaubens im Haus des einen Gottes, der sich in ihrer Geschichte gezeigt hatte. Aber das Evangelium von Jesus Christus hatte das Haus des einen Gottes auch geöffnet für andere. Durch Jesus Christus hatten plötzlich auch andere Zugang zu diesem Haus des Vaters. 

Mit Jesus Christus öffneten sich die Türen auch für andere. Die Friedensverheißung Gottes galt auch den Heiden, den vielen fremden Völkern, in deren Tradition es auch viele mit dem jüdischen Glauben inkompatible Elemente gab.

Die ersten Jünger Jesu waren Juden. Und diese Jünger hätten ja auch sagen können: Wir bleiben unter uns Judenchristen. Die Fremden, die Heiden, die da mitmachen wollen, wollen wir nicht mit im Haus haben. Wenn das der Geist der ersten Jünger gewesen wäre, dann würde es gar nicht so etwas wie ein christliches Abendland geben, dann gäbe es uns nicht. Dann würde es vielleicht eine kleine exklusive Religionsgemeinschaft im Bereich des Judentums geben, die Jesus Christus als Messias sehen würden. Aber keine weltweite Kirche mit Menschen aus vielen Völkern und Kulturen….. Uns Christen gäbe es hier gar nicht, wenn die ersten Jünger die Fremden außen vor gelassen hätten.

Aber zum Glück war der Geist Jesu Christi stärker. Zum Glück war dieser Geist des Friedens stärker als der Geist der Furcht, der Vorbehalte, der Ablehnung des Fremden. Die Heidenchristen durften erleben, dass sie für Gott nicht nur Gäste und Fremdlinge waren, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Die wurden nicht abgeschoben, sie waren nicht „nur geduldet“, nein, in Gottes Augen waren sie vollwertige Geschwister, Mitbewohner im Haus Gottes.

Die Zeit der ersten Christen war nicht weniger eine Mulitkulitwelt als unsere. Amerika hat heute einen farbigen Präsidenten, London hat seit kurzem den ersten muslimischen Bürgermeister. Das erscheint uns vielleicht als besonders fortschrittlich. Im römischen Reich waren Kaiser mit Migrationshintergrund gang und gäbe. Kaiser Hadrian wurde etwa Graeculus – kleiner Grieche genannt. Das ganze römische Reich war ein Haufen von verschiedenen Völkern und Integration und Friede die größte Aufgabe. Es gab die unterschiedlichsten Mittel, um das hinzubekommen: Menschen, die nicht zum Integrationskonzept passten, wurden versklavt oder verfolgt. Andere bekamen großzügig das römische Bürgerrecht. Eine gewaltige Militärmaschine sorgte für Aufrechterhaltung der Ordnung, das alles waren Maßnahmen, um die Pax Romana, den römischen Frieden im Sinne der Integration der vielen unterschiedlichen Menschen und Völker durchzusetzen.

 

Aber dann gab es da noch diese eine Gruppe der Christen, die ihr ganz eigenes Integrationskonzept verfolgten. Und irgendwie schien es zu funktionieren. Der Herr, an dem sie sich orientierten, setzte nicht auf politische oder militärische Maßnahmen. Ihm ging es darum, dass in seinem Geist der Friede wachsen konnte, von seinen Ideen her, von seinem persönlichen vorgelebten Umgang mit Nahen und Fernen. Und dieses Integrationskonzept scheint für den Bereich der Gemeinden aufgegangen zu sein. In Ephesus haben es die Menschen jedenfalls erlebt, dass Grenzen abgebrochen wurden, Feindschaften aufhörten. Wenn die Menschen in seinem Namen Gottesdienst und Abendmahl feierten, erlebten sie sich eins im Frieden des Herrn, sie erlebten, wie im Namen Jesu Christi Gemeinschaft entstand. Diese Gemeinschaft hat immer mehr Leute aus allen Gegenden fasziniert, die merkten, im Glauben an Jesus Christus liegt eine versöhnende und grenzüberschreitende Kraft, die Menschen verändert.

Dieses Miteinander der Menschen, das Zusammenleben im Haus Gottes war in Ephesus lange noch nicht fertig. Es war wie ein unfertiger Bau. Aber Paulus war ganz sicher, dass es da den Eckstein gab, der gelegt war: Jesus Christus. Und durch Jesu Geist sollte auf diesem Grund weiterhin ein Bau entstehen, der wie ein himmlischer Tempel sein würde, in dem alle Gott begegnen könnten. Das war die Vision eines christlichen Missionars inmitten einer Multikultiwelt, wo Menschen irgendwie miteinander zusammenleben mussten, ob sie nun wollten oder nicht….

 

Mal angenommen, das, was die Bibel dort zu sagen hat, gilt auch noch heute. In einer Zeit, wo da drüben, 150 m von unserer Gemeinde in rasanter Geschwindigkeit ein Bau wächst, ein neunstöckiges Gebäude für 230 Menschen, die aus fremden Ländern kommen. Die Leute hier in der Siedlung haben vor ein paar Tagen ein Schreiben vom Bezirksamt bekommen, wo das genauer erklärt wird. Da sind auch viele Ängste. Können wir weiterhin in Frieden leben? Sind diese Fremden in der Nachbarschaft vielleicht sogar eine Bedrohung für uns? Die Situation ist angespannt. Es gibt ja schon soziale Probleme hier, das Zusammenleben der Menschen ist schon schwer genug, müssen wir noch mehr davon haben?

Vor ein paar Wochen fragte mich die Wohnungsbaugesellschaft, ob ich nicht etwas „aus Sicht der Kirche“ sagen kann. Offenbar wird in dieser schwierigen Gemengelage den Kirchen und den Christen zugetraut, irgendetwas Hilfreiches, Positives einzubringen.

Über 500 Leute waren auf der Versammlung. Einige waren aufgebracht, riefen immer wieder rein, manch einer voller Wut, andere voller Angst. Und in so eine Stimmung sollte ich was Konstruktiv-Positives sagen? Ich hatte vorher gebetet. Mir kamen die Bilder von Menschen in den Sinn, die mir bei Einsätzen im unserer Flüchtlingsunterkunft in der Mertensstraße begegnet waren. Menschen wie Du und ich, Kinder, die sich freuen, wenn sie mit einem bunten Luftballon rumtoben können. Menschen, die dankbar sind, dass sie hier Aufnahme gefunden haben. Menschen, die nichts haben, aber doch in Gastfreundschaft Besuchern begegnen. Mir kam das Motto unseres Werkes, der Berliner Stadtmission in den Sinn: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ (Jeremia 29,7). Das Beste der Stadt, da steht im Urtext „Schalom“ – der Frieden Gottes. Den Frieden der Stadt suchen, das heißt für mich heute, zuerst mal Menschen als Menschen zu sehen. Und dann auch mit allen Menschen, die hier wohnen, das Beste aus der Situation zu machen. Warum sollen wir unsere Energien darein stecken, Ängste zu schüren und Vorurteile zu festigen? Von den ersten Christen will ich lernen, dass sie aus ihrem Glauben heraus die Kraft hatten, im Sinne des Friedens für alle zu handeln. Sie haben Grenzen überschritten und ihre Gesellschaft verändert.

Ich bin also hingegangen zu der Mieterversammlung und habe versucht, das zu sagen: Dass wir gemeinsam das Beste für den Kiez aus dieser Herausforderung machen sollen.

Doch  fühlte ich mich dabei ziemlich schwach, Zwischenrufe machten mich unsicher und ich zweifelte daran, ob meine Worte irgendetwas gebracht hätten.

In der letzten Woche bei der Kiez AG sprach mich eine Frau an, die nicht auf der Versammlung war: „Mein Kollege hat mir erzählt, dass Sie bei der Versammlung etwas gesagt haben…“ Ich war verunsichert – was kam jetzt? „Ja, und mein Kollege hat auch gesagt, dass er den Eindruck hatte, das, was Sie gesagt haben war ganz wichtig auf dieser Versammlung. Vorher war so viel Spannung und Negativität zum dem Thema da. Das, was Sie gesagt haben, hat irgendwie Ruhe reingebracht, danach war die Atmosphäre auf der Versammlung irgendwie anders….“

Dieser Eindruck berührte mich. Für mich war das eine Erfahrung, die zeigt, wie das, was ich von meinem Glauben in Jesus Christus her erkannt habe, Wirkung entfaltet. Ich traue meinem Glauben das manchmal gar nicht zu, dass er hinein in unsere Gesellschaft wirkt. Aber ich habe gemerkt, in dieser Situation war da eine Kraft am Werk, die auf wunderbare Weise etwas zum Frieden beigetragen hat.

Wo wir helfen, etwas aufzubauen zum Guten, zum Frieden als Christen, da wirkt es - so wie es schon die ersten Gemeinden in ihrer Zeit erfahren haben.

Die muslimischen Frauen, die wir vor zwei Wochen nach dem Gottesdienst zum Essen bei uns eingeladen hatten, haben Gastfreundschaft kennenlernt und uns zum Abschied die Hand gereicht. Das ist vielleicht nicht so selbstverständlich in einer muslimischen Gesellschaft. In der Schweiz wird gerade darüber diskutiert, ob junge Muslime ihrer Lehrerin die Hand geben müssen. Aber vielleicht gibt es Situation, wo das Leben stärker ist als irgendwelche Vorbehalte, so dass Menschen einander die Hand reichen.

Joachim Lenz, unserer Stadtmissionsdirektor erzählte, dass bei einem Essen mit Geflüchteten ein arabischer Wachmann ein Gespräch mitbekommen hat. Da sagte ein junger Mann zum einem anderen: „Wir haben doch gelernt, dass Christen Hunde sind…. Warum nehmen die uns jetzt hier so auf?“

Mit solchen Fragen kann Veränderung beginnen. Nicht nur Abgrenzung wirkt.

Wo wir uns von unserem Glauben bewegen lassen, unsere Grenzen und Berührungsängste zu überwinden, können wir erleben: Gott wirkt an uns und anderen und er schafft neue Gemeinschaft und Frieden. Möge dieser Frieden, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahren, unserem Herrn. Amen.

 

Fußnoten:

1 vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gauland-bestreitet-aussage-ueber-boateng-nicht-mehr-14262293.html

2 vgl. www.handelsblatt.com/politik/deutschland/afd-vize-gauland-tochter-entsetzt-ueber-aeusserungen-ihres-vaters/13009964.html

3  vgl. www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-vize-gauland-beleidigt-jerome-boateng-14257743.html