Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 3,14-19

Dr. Thomas Deutsch (röm.-kath.)

17.11.2017 Kapelle des Bischöflichen Priesterseminars Trier

Beginn des Priesterrates der Diözese Trier

Kontemplation und Krisenmanagement –  Kirche als Gottes-Erfahrungsraum?!

Es war einmal – in einer Zeit vor unserer Zeit, in einem echten Priesterseminar mit realexistierenden Seminaristen geleitet von einem Regens, zwei Subregenten und begleitet von zwei Spiritualen wird einer der beiden letztgenannten Personen verabschiedet. Dabei tritt ein verkleideter Student in einem Sketch auf und wagt es, einen der beiden Subregenten – und zwar den bodenständig-stämmig – als Mystiker zu bezeichnen. Alle lachen: „Der, ein Mystiker – zu komisch!“ Der Student beharrt. Die Mutter des Betroffenen hätte schon als Kind zu ihm gesagt: „Fritz (Name geändert), is‘ Gemüs‘ Dicker!!!“

Das Gelächter war damals groß und ich wage zu behaupten, diese humorvolle Szene ist symptomatisch. Trotz aller Bemühungen der beiden Spirituale, die zentrale Bedeutung religiöser Erfahrung für den priesterlichen Dienst herauszuarbeiten, spiegelt sich hier die Einstellung wider: Mystik, das ist nichts für Weltpriester. Von wegen: „der Priester der Zukunft wird ein Mystiker sein“. Das ist ja zum Lachen. Spätestens seit den Siebzigern haben Priester (und ihre Gemeinden) „aktiv“ zu sein. „Der Mönch im Pfarrhaus“ – das Ideal ist passé. Praktisch muss er sein der zeitgemäße Weltpriester, gut organisiert, zupackend, gestaltend, mit Managerqualitäten ausgestattet – und nicht mystisch-kontemplativ.

Ja, wenn – ja wenn es nicht das Wörtchen „wenn“ gäbe und ernstzunehmende Gesprächspartner wie Gertrud von Helfta, die Heilige des heutigen Tages, und Alter-Paulus, den einfachheitshalber von mir so genannten Verfassers des Epheserbriefes, aus dessen drittem Kapitel wir soeben einen Abschnitt gehört haben.

Setzt doch gerade Alter-Paulus in einer Krisensituation seiner Kirche auf die Erfahrung und die Erfahrbarkeit Gottes. Sein Gebet spricht Bände: Der dreifaltige Gott will und wird sich selber geben – nicht zu fassen. Kirche muss nur darum bitten und dann wird sie sich auch in der Krise zu ihrer eigentlichen Größe aufschwingen und der privilegierte Raum und der einmalige Möglichkeitsgrund sein, die Liebe des dreifaltigen Gottes zu erfahren.

Kirche als Erfahrungsraum Gottes – passt so ein antik-statisch-erratischer Gedanke zu unserem postmodern-postsynodalen Bistum? Ich erinnere nur an das gallertartig-erscheinende Leitbild Kirche als „Gemeinschaft in Bewegung – nach innen und außen“ von 2005. Doch der fulminante Vortrag von Prof. Dr. Thomas Schmidt aus dem Jahr 2017 mit dem Titel „Zwischen Mystik und Management“ macht mir Mut, in diese Richtung weiterzudenken. Als Lehrer ist mir natürlich kein professoraler Gedankenblitz, sondern nur ein kleines Blitzlicht möglich. Und ich möchte mich zudem auf die 3G beschränken: die Getauft-Gefirmt-Geweihten.

„Was wäre, wenn…?“ Was wäre, wenn die angedachte Entflechtung von leitendem Management und priesterlichem Dienst in unserem Bistum Trier gelingt. Wenn von 280 Priestern 250 wieder Muße und Freude hätten, die ihnen neu geschenkte Zeit für den ihnen vom Bischof in seinem kürzlich versandten Brief „vorgeschriebenen“ Dienst als „Hüter des Wortes“ zu nutzen – und zu genießen? Und wenn dann zum Brevier als einem Kennzeichen des vorbildlichen Priesters noch in weiten Teilen des Klerus die Betrachtung hinzukäme?

Ob mit dem Wort „Betrachtung“ die von Balthasar bevorzugte Kontemplation der heiligen Schrift, oder doch eher mit Rahner die Selbstreflexion im Gebet der liebenden Aufmerksamkeit gemeint ist, darf in aller Seelenruhe dem persönlichen Geschmack des einzelnen anheimgestellt werden.

Welche Möglichkeiten würden sich daraus ergeben? Was, wenn plötzlich viele von uns aus eigener Erfahrung den folgenden Satz der hl. Gertrud nachsprechen könnten: „Als ich mich am Abend zum Gebet niederkniete, dachte ich plötzlich an die Worte des Evangeliums: Wer mich liebt, der hält sich an mein Wort; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen (Joh 14,23). Da fühlte mein Herz, dass du angekommen und in mir gegenwärtig warst.“? Was wäre, wenn sich die Seelsorge in den 35 Pfarreien der Zukunft aus diesem erfahrungsgesättigten Reservoir der Gelassenheit und Freiheit speisen würde?

Was wäre aber, wenn das ganze Projekt scheitert? Ich erlaube mir an dieser Stelle neben der Freude an der Utopie, auch meiner Lust an der Dystopie zu frönen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein vollmundig angekündigter und mit Heilsversprechen aufgeladener Prozess nicht die Früchte zeitig, die man sich erhofft. Was wäre salopp gesprochen, wenn der Laden zwar nicht unbedingt wegen, aber doch trotz der Veränderungen zusammenkracht, die Frühverrentungen der potentiellen Neu-Kapläne massiv zunehmen, die studentischen Zugänge endgültig versiegen und die außerordentlichen Abgänge Kreuznacher Verhältnisse annähmen? Könnte Kirche im Bistum Trier dann immer noch ein Erfahrungsraum Gottes sein?

 Sicherlich nicht in dem Sinn, dass Kirche der Zukunft – und damit wir Priester der Zukunft – den Glanz der Gegenwart Gottes sakramental, d.h. unter heiligen Zeichen dar- und herstellen. Von einer solchen Vorstellung müssten wir uns dann endgültig, oder zumindest für einen sehr, sehr langen Zeitraum verabschieden.

Kirche als Gottes-Erfahrungs-Raum müsste in diesem Fall anders gedacht werden. Frei nach Michel de Certeau könnten wir Priester nur noch auf das Fehlen Gottes verweisen. Wir hätten ganz vorsichtig, beinahe schüchtern den erfahrenen Gottesmangel, das schmerzliche Vermissen in Leben, Lehre und Liturgie abzubilden, auszuschreiten und auszuhalten. Vorstellbar ist es. Auch das ist eine mystische Erfahrung. Sie klingt allerdings eher nach Johannes vom Kreuz als nach Gertrud von Helfta. Aber möglich ist es. Auch die Erfahrung der Nacht ist Gotteserfahrung.

Genug geträumt oder doch eher ausgeträumt? Bleibt wirklich nur ein „Es war einmal“? Wird die Geschichte der Trierer Kirche in Zukunft eine mehr oder minder Gute-Nacht-Geschichte – oder doch eine taghell-strahlende Geschichte der geistlichen Mystiker? Oder neigen wir (auch) in dieser Frage eher zu einem Trierisch-November-Grau? Ich würde mir jedenfalls wünschen, auch in Zukunft in ganz verwegenen Augenblicken im Geist des Alter-Paulus sprechen zu können: „Ich liebe die Kirche, weil sie Raum und Grund der Liebe Gottes ist.“ Amen