Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 4,1-6

Joachim Scholz, Pfarrer i.R.

05.06.2017 St. Marien, Reichenbach

Einheit durch die Gaben des Heiligen Geistes  

Die heutige Lesung beschreibt anschaulich, wie sich die Christen nach außen und innen verhalten können und sollen, um erkennbar zu sein.

Diese Lesung aus dem Epheserbrief – dem Apostel Paulus zugeschrieben – empfiehlt uns zunächst drei Grundhaltungen: Demut, Milde und Langmut.

Das deutsche Wort Demut meint damit den Dien-Mut  -  Mut zum Dienen - der Mut des Menschen zu seiner Menschlichkeit, zu seiner Niedrigkeit und Begrenztheit zu stehen. Demut ist der Mut hinabzusteigen - so wie Jesus. Er wählte aus Liebe den Abstieg:

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (Phil 2,6f).

Dann erst ist der ersehnte Aufstieg möglich: Derselbe, der herabstieg, ist auch hinaufgestiegen bis zum höchsten Himmel (Eph 4,10).

Unser Aufstieg zu Gott wird nur gelingen, wenn wir - wie Jesus zuvor - herabsteigen in die Tiefen des eigenen Lebens, in den Schatten, den wir lieber verdrängen, in die Abgründe der eigenen Seele. Dieser Mut zur eigenen Wahrheit gehört zum Christen, auch wenn diese Wahrheit mitunter beschämend ist.

Es gibt Menschen, die viel Frommes tun, um nicht in die Tiefe hinabsteigen oder in die Tiefen der eigenen Seele  blicken zu müssen  -  ein gefährlicher Irrweg.

Den Abstieg traut Gott uns als Eigenleistung zu, unseren Aufstieg bewirkt er für uns.

Die Milde – in moderneren Übersetzungen als „Sanftmut“ oder „Friedfertigkeit“ benannt – ist die zweite Haltung. Es gibt Menschen, die sehr hart mit sich und mit anderen umgehen. Sie urteilen streng über andere, weil sie mit sich selbst nicht klar kommen. Wer innerlich bitter ist, wer aggressiv und unzufrieden ist, wer gegen sich und andere wütet, hat vom Geist Jesu nichts verstanden. Das deutsche Wort mild kommt von ,,mahlen". Mild ist, wer von der Mühle des Lebens gemahlen wird, wer alle Illusionen oder Härten von sich und seinem Leben zermahlen lässt. Der ehrliche Blick auf die eigenen Fehler und Schwächen ermöglicht auch uns Milde im Umgang mit unseren Brüdern und Schwestern. Bei alten Menschen trifft man oft auf diese Milde. Sie tut gut. In der Nähe eines milden Menschen wird man selber mild.

Die dritte Haltung, die den Christen kennzeichnet, ist Langmut - Mut, der lange währt, meint ein weites und großes Herz zu haben - sagen wir: Großherzigkeit. Solche Menschen sind ein Geschenk. Bei solchen kann man sich wohl fühlen, sie haben Verständnis für alle und alles und lassen niemanden fallen.

Die Enge, die man in manchen Gemeinschaften antrifft, widerspricht diesem Großmut. Enge hat immer mit Angst zu tun. Wer Angst hat vor der eigenen Courage, dem zieht sich das Herz zusammen – es wird eng. Er will sich schützen, sich durch diese Enge in seiner Clique vor allen äußeren und inneren Gefahren bewahren.

Aber damit schneidet er sich vom konkreten Leben ab.

In der Enge kann er nicht mehr atmen, da kann nichts Neues wachsen. Da braucht man seine ganze Energie dazu, sich vor dem Leben in acht zu nehmen. Zum Leben selbst bleibt kein Raum mehr. Es ist schade und irrig, wenn man den geistlichen Weg als Weg der Lebensverneinung missversteht, sagt uns doch Jesus: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben! (Joh 10,10).

Demut, Milde und Langmut sind die Voraussetzung dafür, dass die Christen einander ertragen können, dass sie sich aushalten, dass sie miteinander gut zusammenleben können, wenn sie das wollen, dass sie die Einheit des Geistes wahren können.

Diese Einheit ist das eigentliche Merkmal für die christliche Gemeinde. Heute wird manchmal die Einheit als das höchste Gut gesehen. Aber die Einheit darf nicht dazu missbraucht werden, dass man ihr das eigene Denken und Fühlen opfert.

Die Einheit müssen wir nicht herbeischaffen, indem wir uns selbst verleugnen. Die Einheit ist vielmehr vom Heiligen Geist gewirkt. Wir brauchen sie nur zu bewahren.

Um sie zu bewahren, müssen wir hinabsteigen in die eigene Wirklichkeit - frei von Illusionen, also die Demut. Wir brauchen den Blick der Milde für unsere eigenen Fehler und Schwächen, um so auch die andern gelten zu lassen durch ein weites Herz, in dem auch andersgeartete Menschen Heimat finden können  –  

die Großherzigkeit durch Langmut.

Wir können die Einheit in der Kirche wahren, wenn wir zuerst eins geworden sind mit uns selbst. Der Geist, den Jesus uns sendet, eint unsere innere Zerrissenheit, er hält zusammen, was wir nicht immer aus eigener Kraft zusammenbringen. Er durchdringt alles, berührt alles, fügt alles zusammen. Das war die befreiende Erfahrung der frühen Christen. Aus der Erfahrung dieser inneren Einheit wurden sie fähig, miteinander eins zu werden, obwohl sie aus verschiedenen Schichten, Völkern und Kulturen stammten, die sich sonst gegenseitig ausgeschlossen haben.

Die Einheit entsteht nicht durch Ausschluss von missliebigen Meinungen, durch Verdrängen schwelender Konflikte, durch Harmonisieren von Spannungen, die man einfach überspielt. Der Epheserbrief spricht davon, dass die Einheit durch das Band des Friedens gewahrt werden kann. Dieses Band des Friedens hält zusammen, was die Enge unseres Herzens auseinander reißen möchte. Einheit entsteht durch Zusammenhalten und nicht durch Ausschließen, durch bewusstes Anschauen und nicht durch Verdrängen, durch Milde und nicht durch eigensinnige Machtausübung.

Der Epheserbrief will uns einweisen in die Kunst, im Geist Jesu Christi miteinander eins zu werden. Dazu sind auch wir eingeladen.
Amen.