Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 5,14-20

Pfarrer Karlfriedrich Schaller

31.01.2017 Evang. Jakobusgemeinde, Tübingen

 „Wach auf, der du schläfst und steh auf von den Toten, so wird Christus dein Licht sein!

Achtet nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt: nicht als Toren, sondern als Weise! Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. Seid also nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist. Und berauscht euch nicht mit Wein – das bringt nur Unheil – sondern lasst euch erfüllen vom Geist: Lasst in eurer Mitte Psalmen ertönen, Hymnen und geistliche Lieder, singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen und dankt unserem Gott und Vater allezeit für alle Dinge im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“            (Eph. 5, 14 -20)

Nein! Darauf so sprech ich nicht: Amen! Was sollen diese ganzen Anweisungen?

Liebe Gemeinde, dieser Textabschnitt aus dem Epheserbrief ist an frisch getaufte Glaubensanfänger gerichtet. Das mag eine Erklärung dafür sein, dass er voller Ratschläge steckt. Wie so oft in der Kirche sind die Ratschläge ja gut gemeint – aber es bleiben auch Schläge!  Was heißt denn: kauft die Zeit aus?  Das kann doch nicht die Kaufland-schaft meinen, deren Segensspruch Aldi et Obi lautet. Oder in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erleben nach dem Motto: Europa in 4 Tagen oder in der S-Bahn mit dem smartphoneknochen in der flinken Linken, den Musikstöpsel im Ohr, und den Blick starr auf lebenswichtige, existenzielle Informationen gerichtet. Das pralle Leben!

Für mich heißt: Kauft die Zeit aus, etwas anderes, nämlich: lebt sorgfältig, aufmerksam, achtsam. Und in der Tat: Im griechischen Originaltext steht hier nicht das übliche Wort für Zeit: chronos, sondern hier steht kairos, das meint den Zeitpunkt, die günstige Gelegenheit. Achtet drauf, was die Stunde geschlagen hat!

 

Der kairos wird in der griechischen Mythologie oft dargestellt als schnell vorbeilaufende Gestalt, die vorn keine Haare hat aber hinten dafür einen langen Haarschweif. Von dieser Vorstellung kommt unsere Redewendung: die Gelegenheit  beim Schopf ergreifen, jetzt oder nie. Spüren sie für sich, was die Stunde geschlagen hat, was für Sie persönlich gerade dran ist in Zeiten der Verunsicherung, des granatenmäßigen Fremdenhasses, des fortlaufenden Erfolges aus unseren Kirchen?  Achten Sie darauf oder beachten Sie das weniger?                                                                                   

Achtsamkeit ist auch so ein Modewort geworden, klingt irgendwie spirituell, meditativ, und schick! Aber bitte sehr, auf wen oder was sollen wir denn achten? Darauf kommt’s doch an! Der Text aus dem Epheserbrief gibt darauf ebenso präzise wie problematisch eine Antwort. „Seid also nicht unverständig (zu deutsch blöd), sondern begreift, was der Wille des Herrn ist!“

Damit fangen die Schwierigkeiten an. Der gute Briefschreiber sagt uns nämlich gerade nicht, was der Wille des Herrn ist. Der lässt seine Glaubensanfänger im Regen stehen. Er zitiert kein Gesetzeswerk, wo man nachschlagen und mit dem man notfalls zuschlagen kann!                                                                                               Er verweist nicht z. B. auf die Bergpredigt als den Willen Gottes, nicht mal auf den Minimalkatalog der 10 Gebote. Keine einzige Scharia ist der Wille Gottes oder das ungesunde Volksempfinden oder was der Pfarrer sagt oder die Kirche vorschreibt. Hier wird uns  zugemutet ob Glaubensanfänger oder Fortgeschrittene, jedem und jeder Einzelnen, selber herauszufinden, was denn nun für sie oder ihn dran ist.

Der Wille Gottes ist eben kein ehernes Gesetz –das hätten alle Fundamentalisten gern! – sondern der muss in der jeweiligen Situation immer wieder neu mit unserm ganzen Leben in unser ganzes Leben durchbuchstabiert werden, oft genug mühsam mit allen Fehlern.

Der geistlose Gesetzesfundamentalismus – und sei es bloß der scheinbar harmlos erhobene Zeigefinder der Moral - ist tödlich. Der Wille des lebendigen Gottes jedoch, der doch das Leben selber ist, von dem alles Leben kommt, zielt immer -  wie könnte es auch anders sein - auf das Leben, das heilige, von Gott uns geliehene Leben, das er in uns lebt und mit uns und das er noch durch den Tod hindurch dort an jenem Kruez vor Jerusalem für uns gerettet hat. Was bedeutet denn sonst Ostern für uns? le hajim – auf das Leben. Und weil dieses Leben bunt und vielfältig ist, kann der Wille Gottes nicht schwarzweiß gedruckt, zwischen zwei Buchdeckel geklemmt und einfältig sein.

So unbequem das auch sein mag: seid nicht unverständig, sondern begreift im jeweiligen Augenblick, was Gott jetzt von euch will und was ihr verantworten könnt vor ihm und seinem heiligen Leben.

 Solch ein achtsames Leben - sie ahnen es - ist unbequem. Voller Fragen, Auseinandersetzungen und neuen Zusammensetzungen. Das ist kein Schiff, in dem Gemeinde pennt. Wo man sich betreuen lässt (Herr Pfarrer machet sie`s, sie hend studiert!), wo man religiösen Service erkauft. Nein, das ist ein eindringlicher Weckruf ins eigen verantwortete Leben.  „Mache du dich auf und werde leicht, Christus wird dein Licht sein!“ Nicht zufällig steht dieses urchristliche Tauflied am Anfang des Abschnitts.

Freilich, es braucht dazu ein spezielles Gespür um in der Spur zu diesem neuen Leben zu bleiben. Der unbekannte Paulusschüler gibt da einen Hinweis, der in der Weinstadt Ephesus wohl gezielt deutlich war. (Wie das in Fellbach ist, weiß ich nicht!). Lasst euch nicht volllaufen mit Wein, sondern seid erfüllt vom Heiligen Geist. Berauscht euch nicht an den eigenen Erzeugnissen, werdet nicht high vor lauter Frömmigkeit, hebt auch nicht ab bei der wunderschönen Musik, sondern werdet heilig nüchtern durch Gottes Lebens-Geist, der euch aufweckt, aufstehen lässt – jetzt schon – von allem Toten. Der Tod ist doch überall dort, wo sich nichts mehr bewegt! Die sieben letzten Worte jeder sterbenden Gemeinschaft lauten: „ Das haben wir schon immer so gemacht!“  Dauernd was Neues und außerdem: mit Routine kann man ganz schön viel Energie sparen, (wir sollen doch sparen) von Sonntag zu Sonntag!

Nein! „ lasst euch erfüllen vom Geist“  – lebt geistesgegenwärtig. Dazu gibt der Epheserbrief einen Hinweis: indem ihr euch Psalmen zusingt, Hymnen und geistliche Lieder, singt und musiziert aus vollem Herzen.

Musik scheint damals schon gewesen zu sein, wie heute noch ein großes Einfallstor für den besonderen Geist Gottes in unser Leben zu sein. Musik ist Gottes schönstes Geschenk für seine Menschen und für mich der überzeugendste Gottesbeweis.

In Johann Sebastian Bachs Bibel steht eine von ihm geschriebene Randbemerkung: „Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart!“

 Davon ich singen und sagen will! In dieser Reihenfolge. Zuerst kommt das Singen! Deshalb stell ich jetzt für ein paar Minuten das Sagen ein.. Vielleicht singt ja der kairos ganz leise in ihnen: „Mache dich auf, bewege dich, denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen BeWegungen. Und jetzt hör mal rein in dich und dann keine Angst!“

Chor: Angelis suis

Auf allen deinen Wegen – durch die Jahresringe des Lebens, im Konzertsaal und auf dem Acker, im Krankenbett und an der Geburtstagstafel.

Diese Anweisung an die frisch Getauften hat zwei Richtungen, zwei Schwerpunkte. Sie redet auf der einen Seite von einem klugen Kopf  und auf der andern Seite von einem liebevollen Herzen.

Das ist ja unser Dilemma, dass der Weg zwischen den beiden Persönlichkeitsanteilen oft so unendlich weit ist. Das Herz als Chiffre für unsere „Herzlichkeit“, die spontane Emphatie und der Kopf für die Vernunft und das Nachdenken  sollten irgendwie synchronisiert sein, zusammenkommen: ein geistreich-liebesvolles Denken und ein kluges Herz?           Jedoch manchmal sind die beiden doch sehr weit auseinander. Zum Beispiel  bei der Flüchtlingsproblematik, die durch die Schlagzeilen geistert. Was sagt denn da ihr Herz und was sagt ihr Kopf? Bei mir sind das zwei paar Stiefel.

Dabei habe ich  bewusst noch nicht mal nach dem Bauch, dem dumpfen Untergrund gefragt. Weil ich überzeugt bin, dass diese Aufgabe nur mit Kopf und Herz zu lösen ist und weil der Monatsspruch für den ausgehenden Januar ganz sicher die heimliche Jahreslosung werden wird, die lautet: Gott hat uns nicht gegeben einen Bauchgeist der Furcht, sondern den Kopfgeist der Besonnenheit und Herzgeist der Liebe.

Wer die Liebe nicht wagt und sich nicht öffnet dem neuen Lebens-Geist Gottes, braucht sich nicht wundern, wenn sein/ihr Christsein sich anfühlt wie eingeschlafene Füße!

Für die geistliche Beziehung zwischen Kopf und Herz gibt es eine neue Wortschöpfung, die mir sehr gefällt: man nennt dies Salatkopfspiritualität – weil nämlich der Salat sein Herz im Kopf hat, mitten drin!

Davon ist heute vielleicht etwas zu ahnen in dieser österlich-pfingstlichen Feierstunde. Ihr vom CIS dort oben predigt mit den Tönen und ich als Mundwerker hier unten singe mit meinen Worten.

Trotz allem, allem zum Trotz: Es bleibt eine verwegene Zuversicht, in diesen Tagen auf den Blüten-Sieg des Lebens zu setzen, es bleibt ein Wagnis in diesen Tagen in der Geistesgegenwart Gottes Entscheidungen zu fällen mit dem Herzen (dazu muss man nicht Bundeskanzlerin sein).

Wenn ihr Knaben und Männer vom CIS solch steile Sätze singt, wie sie auch heute wieder erklingen („Ganz in eins hat uns Christi Liebe gesammelt!“), dann sollt ihr manchmal zwischendurch wenigstens erschrecken und erschaudern! Das ist mehr als verwegen, das ist unmöglich, was ihr da mitunter von euch gebt!

Und doch:  Ihr seid Geburtshelfer für die Hoffnung, die Zuversicht, das Vertrauen in die unglaublichste befreiende Botschaft für unsere Welt, die notwendiger ist denn je. Und dafür gebührt euch unser großer Dank!

Und ihr, liebe Gemeinde, haltet mir den Salatkopf hoch, euer kluges Herz und das liebevolle Denken. seid aufgeweckt, bewegt euch, wo sich sonst nichts mehr bewegt!  

Wir woll’n uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, die‘s Tun vergisst! Die Liebe wird uns leiten, den Weg bereiten und mit den Augen deuten auf mancherlei, ob’s etwa Zeit zu streiten ob’s Rasttag sei.                                    

 So ist es oder hebräisch:  Amen