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Predigt über "Familie heute – Ein Wagnis am Abgrund?"

Herma Brandenburger (kath.)

04.07.2010 Deutschlandradio Kultur - FEIERTAG

Hier die Predigt hören

 

Autorin:

„Familie ist Glückssache“ hat der Geheime Rat Goethe gesagt, und: „Über die Wahl seiner Freunde kann jeder selbst bestimmen, über die Wahl seiner Familie, in die er hineingeboren wird, nicht.“ Entgegen anders lautender Behauptungen können wir uns mitnichten aussuchen, von wem wir geboren werden wollen. Nicht alle, die das soziale Gefüge einer Familie darstellen, sind auch in der Lage, eine gesunde Entfaltung aller im Familienverband zu gewährleisten.

 

Sprecher:

Zwei Menschen, die beschließen, beieinander zu bleiben und fortan füreinander da zu sein, bilden ein Paar; ein Ich und ein Du. Erst wenn ein Kind oder mehrere hinzukommen, wird aus allen zusammen eine Familie, ein Wir. Von ihr leitet jeder Mensch seine Abstammung her, hat er seine Wurzeln und übt Nähe und Distanz ein. Trotz auffälliger Unterschiedlichkeit der einzelnen Mitglieder, tun alle gut daran, einander zu akzeptieren und zu respektieren. Die Familie ist die allererste Schule des Lebens, der Ort, von dem aus jeder den ersten Blick auf die Welt wagt.

 

Autorin:

Wir kommen nur scheinbar als fertige Geschöpfe zur Welt; in Wirklichkeit sind wir hilflose kleine Menschenbündel, hungrig und sehnsüchtig, voller Verlangen nach Liebe und Zuwendung. Die Familie ist entscheidend für unsere leibliche wie für unsere seelische Menschwerdung, sie wirkt persönlichkeitsbildend. In ihr üben wir Zusammenhalt und Verlässlichkeit ein.

 

Sprecher:

Es müssen nicht der biologische Vater und die leibliche Mutter sein; auch andere Menschen können für ein Kind Familie sein, wenn sie ihm das untrügliche Gefühl geben, willkommen und wertvoll zu sein für diese Welt. Wenn sie einem Heranwachsenden Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln, wenn sie Verantwortung übernehmen und Verpflichtung füreinander lehren und vorleben. Und wenn sie die Nestwärme garantieren, die ein Menschenkind nötig braucht, um sich an Leib und Seele so gesund wie möglich zu entwickeln.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, Nr. 1 (von fremden Ländern.., 1'38“)

 

 

Autorin:

'Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf', sagt ein afrikanisches Sprichwort. Bei unserem heutigen Drang nach Individualisierung lassen wir uns ungern dreinreden, wenn es um die Erziehung unserer Kinder geht. Afrikanische Verhältnisse lassen sich nicht eins zu eins auf uns übertragen. In Wirklichkeit erzieht die Umwelt doch mehr mit, wirkt sie vorbildhafter bzw. nachahmenswerter, als es Eltern manchmal lieb ist. Wir prägen unsere Kinder nicht allein, dazu müssten wir sie schon einsperren und von jeglichem Kontakt zu anderen Menschen fernhalten. Ich selbst war als Mutter manchmal ganz froh, wenn einem meiner heranwachsenden Kinder von jemand anderem als mir klargemacht wurde, dass es sich im Irrtum oder im Unrecht befand. Wo ich völlig entnervt und überstrapaziert Geduld und gute Miene zu falschem Spiel machen zu müssen glaubte, tat ein einziger Satz eines Außenstehenden gelegentlich volle Wirkung.

 

Sprecher:

Waren sich Eltern früherer Generationen noch völlig im Klaren darüber, wie die Erziehung ihrer Kinder zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft zu erfolgen hatte, sind Eltern heute zunehmend verunsichert. Dem mag zu Grunde liegen, dass Familien früher eine feste Hierarchie darstellten. Oberhaupt war der Vater, dessen Anordnungen hatte die Mutter zu folgen, und auf beide mussten die Kinder hören. Väter stellten sich so gut wie nie in Frage; sie hatten (in ihren Augen) immer recht, brachten sie doch das Geld nach Hause, von dem die Familie lebte.

 

Autorin:

Von Müttern erwartete die Gesellschaft, dass sie sich uneingeschränkt aufzuopfern hatten für Mann und Kinder. Eine Selbstverständlichkeit, in der Frauen mit Recht schon lange nicht mehr ihre Rolle erkennen. Sie wolllen nicht mehr ausschließlich in ihrer Funktion als Mütter aufgehen, die dafür ihr Frausein völlig hintan stellen. Mütter sind keine Selbstbedienungsläden, dazu geschaffen, jederzeit geöffnet zu haben und mit einem grenzenlosen Sortiment an Kraft und Liebe ausgestattet zu sein. Wer sich als Mutter selbst so sieht, wird irgendwann ausgebrannt sein, oder sich wie geplündert vorkommen. Und wird auch noch selbst schuld daran sein. Zum Glück beschränken sich viele Väter inzwischen nicht mehr ausschließlich auf das Geldverdienen und darauf, dass sie allein das Sagen haben. Sie wissen, dass sie für ihre Nachkommen wertvolle Modelle sind, mit denen sie sich identifizieren können. Und sie gestehen sich zunehmend ihr eigenes Verlangen nach Nähe und Zärtlichkeit zu ihren Kindern zu. In den Augen heutiger Väter sind Kinder nicht mehr reine Frauensache. Und im Bewusstsein der Kinder sind ihre Väter keine gefürchteten Autoritäten mehr.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, (Hasche Mann, 32“)

 

Sprecher:

Viele Erwartungen an die Familie zielen mehr denn je auf das persönliche Glücksempfinden eines jeden Mitgliedes ab. Wer sich nicht optimal gefördert erlebt in seinem Anspruch auf Verwirklichung und Erfüllung seiner Wünsche an das Leben, wird seine Kindheit und Jugend später schwerlich eine glückliche nennen. Der Ausspruch eines Schriftstellers der Gegenwart gibt doch zu denken: „Wer eine glückliche Kindheit hatte, der schreibt keine Bücher!“ Erklärt dies etwa den Umstand, dass jedes Jahr so viele Neuerscheinungen auf den Bücher-Markt drängen? - Es genügt offenbar schon lange nicht mehr, dankbar für das Leben an sich zu sein. Das Streben geht heutzutage vielfach nach Dauerglücksempfinden.

 

Es ist schon erstaunlich, dass es in unserem, als einem der best situierten Länder der Erde, mit der Zufriedenheit nicht allzu weit her ist.

 

Autorin:

Oft lassen sich Eltern über Gebühr fordern, nur damit der immer unersättlicher werdende Nachwuchs nicht den Familienfrieden kippt. Dabei schätzt der Nachwuchs es im Grunde gar nicht, wenn sich Vater und Mutter ihm anbiedern. Mithalten zu können und nicht als minderbemittelt zu gelten, scheint die gegenwärtige Devise zu sein. Nie zuvor waren die Ansprüche derart hoch wie heute. Dadurch entstand eine heillose Entwicklung, der sich offenbar niemand zu widersetzen vermag. Es wäre jedoch zu einfach, würde man allein die Heranwachsenden als Urheber dieser Habenwollen-Kultur ausmachen.

 

Sprecher:

Woher sollten sie ihre Orientierung denn beziehen, wenn nicht von den Erwachsenen, wenn die ihnen uneingeschränktes Habenwollen vorleben und darüber verlernt haben, zuallererst im persönlichen Sein Erfüllung anzustreben.

 

Der beliebte Münchner Volksschauspieler Karl Valentin sagte einmal, dass er Erziehung für zwecklos halte, da Kinder sowieso alles nachmachten.

Sich etwas zu versagen und im Verzicht einen Sinn zu sehen, ohne sich für seine Selbstbeschränkung schämen oder sich dafür rechtfertigen zu müssen, halten viele schon für abwegig. Natürlich setzt sich der einzelne damit ungeheuer unter Druck. Wer unbedingt dazugehören will, entzieht sich ungern dem Diktat der Masse , denn ausgeklammert zu werden ist – nicht nur für Kinder - immer schmerzlich. Im Grunde geht es aber doch darum, sein ureigenes Maß zu finden.

 

Autorin:

Schon lange werde ich den Eindruck nicht los, dass ein erfülltes Familienleben heute schwerer zu gestalten ist, als früher; einerseits, weil die Rollen nicht mehr so festgelegt sind wie damals, als noch unumstößliche Regeln galten. Heute stellt manchmal schon der Kleinste seine Regeln auf, und wenn Eltern nicht aufpassen, tanzt alles nach der Melodie des Jüngsten. Ein Segen ist jedoch, dass der einzelne innerhalb seiner Familie heute ernster genommen wird, als in früheren Zeiten. Mehr Rechte zu genießen, heißt jedoch auch, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, Nr. 5 (Glückes genug, 1'09)

 

Sprecher:

Es ist nicht zu übersehen: Die Erwartungen innerhalb der Familie haben sich geändert, auch wenn manche Familienmitglieder mehr oder weniger von der Angst besessen sind, zu kurz zu kommen und sich nicht optimal selbstverwirklichen zu können. Auch dies ist so ein neues Schlagwort, als wäre man nicht bereits durch seine Ankunft auf dieser Erde „verwirklicht“. Manch einer macht aus seinen frühkindlichen Defiziten eine lebenslängliche Mängelliste, aufgrund derer er sich gegenüber allen Anforderungen des Erwachsenenlebens nur bedingt verpflichtet fühlt. Dabei vergisst er ganz, dass seine ihm unzulänglich erscheinenden Eltern auch Eltern hatten, die nicht fehlerfrei gewesen sind, und diese wiederum von Eltern mit Mängeln abstammen.... Die Kette fehlbarer Elternhäuser ließe sich so endlos zurückverfolgen, was zeigt, wie wichtig es ist, in den eigenen Reihen Verständnis und Barmherzigkeit zu kultivieren, damit das Zusammenleben gelingt.

 

Autorin:

In unsere Familie werden wir nicht wie ins Paradies hineingeboren; wir sind täglich von neuem gefordert, es miteinander auszuhalten. Leider ist die eigene Familie auch nicht immer der fruchtbare Ackerboden, in dem man optimal verwurzeln und gedeihen kann. Wer aber glaubt, an seiner Familie verzweifeln zu müssen, der nehme getrost einmal das Buch der Bücher, die Bibel, zur Hand. Dort findet er im Alten Testament reichlich Beispiele dafür, wie konfliktreich Familienleben schon vor tausenden von Jahren geschildert wird. Da kann zum Beispiel einer den Eltern nicht verheimlichen, dass sein Bruder nicht mehr nach Hause kommt, weil er ihn erschlagen hat. So die Geschichte von Kain und Abel. Und das, nachdem Gottes schöne Schöpfung gerade erst begonnen hatte, sich zu entfalten.

 

Sprecher:

In einer anderen Familie ist sogar die eigene Mutter dabei behilflich, durch Begünstigung des einen Sohnes den anderen um sein rechtmäßiges Erbe zu betrügen und sät damit jahrzehntelange Zwietracht zwischen den Geschwistern Jakob und Esau. Falsch zu vererben ist – auch heute noch – der sicherste Weg, den Familienfrieden zu zerstören. „Seid ihr noch einig, oder habt ihr schon geerbt?“ heißt es im Volksmund. Zum Glück finden die Brüder Jakob und Esau nach langer Zeit als gereifte Männer wieder zueinander.

 

Autorin:

Oder die Geschichte, in der mehrere Geschwister beschließen, den Lieblingssohn ihres Vaters auf heimtückische Weise aus dem Familienverband zu „entsorgen“, und dem Vater eine Lügengeschichte über den bedauernswerten Tod des Kleinen auftischen, wie in der Erzählung von Joseph und seinen Brüdern. Geschwisterneid ist so alt wie die Menschheit.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, Nr. 11 (Fürchtenmachen, 1'50“)

 

Sprecher:

Ein Beispiel, fast wie aus unseren Tagen, ist auch die Geschichte aus dem Neuen Testament, von dem Knaben Jesus. Mit gerade mal 12 Jahren macht er als Ausreißer von sich reden, und versetzt seine Eltern 3 Tage und Nächte in Angst und Schrecken. Als sie ihn endlich in der Synagoge finden, wo er Religionsgelehrte durch seine Reden verblüfft, findet er die elterliche Sorge völlig überflüssig. Wer schon einmal seinen Nachwuchs als vermisst melden musste, weiß, durch welche Hölle Eltern dabei gehen.

Später,als Jesus bereits erwachsen ist, macht er auch nicht gerade den Eindruck eines ausgeprägten Familienmenschen. Als er wieder einmal vor vielen Lleuten redet, sagt jemand zu ihm, dass draußen vor der Tür seine Mutter und seine Brüder stünden und mit ihm reden wollten. Da reagiert er keineswegs erfreut, sondern reichlich schroff. Dieses Vorkommnis hielten alle drei, Matthäus, Markus und Lukas, in ihren Evangelien für erwähnenswert.

 

Autorin:

Solche Situationen kennen Eltern. Als ob es ihren erwachsenen Kindern peinlich wäre, in einem entscheidenden Augenblick ihrer Tätigkeit auf ihre Existenz als Sohn bzw. Tochter reduziert zu werden. Sie tun dann schon einmal so, als hätten sie mit ihren „Altvorderen“ nichts zu schaffen – aber diese sind in dem Moment in ihrem Anspruch auf Zusammengehörigkeit schrecklich verletzt.

 

Sprecher:

Später zeigt sich Jesus aber doch voll verantwortlich für die Mutter. In seiner Todesstunde ist die Sorge um sie einer seiner letzten Gedanken. Er bittet seinen Lieblingsjünger Johannes, für sie wie für eine eigene Mutter zu sorgen, da sie als Hinterbliebene eines Gekreuzigten gesellschaftlich keinen leichten Stand haben würde.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, Nr. 8 (am Kamin, 54“)

 

Autorin:

Bei aller Liebe kann Familie schwerlich der Ort sein, wo alle einander unentwegt liebevoll bestätigen. Wahrscheinlicher ist, dass der gemeinsame Esstisch gelegentlich als Kampfplatz für das Ausfechten gegenseitiger Angriffe herhalten muss, und es in den eigenen vier Wänden zeitweise deutlich zur Sache geht. Ein Glück, wenn man dann schnell die Haustür wie eine Zugbrücke einziehen, und die private Zimmerschlacht vor fremden Einblicken abschirmen kann. Ich erinnere mich noch gut, wie ich immer gerannt bin, um offenstehende Fenster zu schließen, wenn es bei uns mal wieder hoch herging, damit das traute Familienbild vor den Nachbarn nicht beschädigt wurde.

 

Sprecher:

Die Familie – oder das, was ihre Stelle einnimmt – ist und bleibt die prägendste Schule des Lebens. Hier werden einem erste Grenzen gesetzt, wird Zusammenhalt trainiert. Das schafft einen stabilen Untergrund fürs Leben. Mit zur frühesten Erfahrung gehört außerdem, ob man wertvoll oder minderwertig ist; ob man als unnützer Esser empfunden wird, oder als der ersehnte Nachwuchs. Es ist furchtbar für einen Menschen, bedeutungslos zu sein. Wer in seiner Familie nicht lernt, liebesfähig zu sein, wie soll der später in der Lage sein, auch verzeihen und vergeben zu können?

 

Autorin:

Vielleicht hat kaum etwas in letzter Zeit eine so gravierende Veränderung erfahren, wie das Familienleben. Dass Menschen, trotz vielfachem eigenem wie fremdem Scheitern immer wieder das Bedürfnis haben, und auch den Mut aufbringen, eine Familie zu gründen, berechtigt zu der Hoffnung, dass das Leben weitergehen wird. Eine Herkunft ohne Familie ist schier unmöglich, und ein größerer Schaden kann einen Menschen kaum ereilen, als wenn er seine Familie verliert.

Bei allem Streben nach Unabhängigkeit und danach, sein eigener Herr zu sein, spürt wohl jeder tief in seinem Innern, wie sehr die eigene Familie ihn festigt und Struktur in sein Leben bringt; vorausgesetzt, dass den Familienmitgliedern Nähe und Distanz in einem wohlausgewogenen Verhältnis zueinander gelingen.

Zu einem Wagnis am Abgrund kann Familie allerdings werden, wenn ihre Mitglieder vollkommen unfähig sind, zu lieben. Ganz unrecht hatte der geheime Rat Goethe also nicht, als er es zur Glückssache erklärte, in welche Familie man hineingeboren wird.

 

M U S I K : Robert Schumann, aus den Kinderszenen, Nr. 13 (der Dichter spricht, 2'35“)

 

CD: Peter Schmalfuss, Klavier

  Jägel GmbH, Baden-Baden, LC 1616