Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 5,1

Pfarrerin Carolina Baltes (ev.)

24.04.2016 Jonakirche (Essen-Heidhausen)

Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

heute feiern wir Eure Konfirmation. Für euch heißt das: Ihr seid keine Kinder mehr, und das wird öffentlich wahrgenommen und gefeiert. Ihr habt einen großen Schritt des Erwachsenwerdens getan. Ihr dürft und könnt immer mehr selbst Entscheidungen fällen und Euer Leben selbst gestalten. Und es dauert wirklich nur noch wenige Jahre, dann ist die Schule für Euch vorbei und Ihr müsst schauen, was Ihr mit Eurem Leben anfangt.

Und das ist eine Situation, in der man sich schon fragen kann: Was ist das für eine Welt, in die ich aufbreche, um mein Leben zu leben? Woran kann ich mich orientieren in meinem Leben, welche Regeln gelten da, worauf kann ich vertrauen?

Und was meinen Sie dazu als Eltern? Sie veranstalten heute ein großes Fest – für Ihren Sohn, für Ihre Tochter. Und Sie denken vielleicht zurück an die Zeit, als Ihr Kind noch ganz klein war. Wie schnell sind die Jahre dahin geflogen. Jetzt sitzen hier Ihre großen Kinder, die nun eben keine Kinder mehr sind. In 4 oder 5 Jahren werden die ersten ausgezogen sein in andere Städte, eigene Wohnungen, zu Ausbildung und Studium. Viel Zeit haben Sie nicht mehr, um Ihrer Tochter, Ihrem Sohn durch das gemeinsame Leben, durch Ihr Vorbildsein noch etwas mitzugeben fürs Leben.

Vielleicht erfüllen heute nicht nur Stolz und Freude Ihre Herzen, sondern auch ein paar Fragen und auch etwas Sorge? Was wird die Zukunft bringen für meine Tochter, meinen Sohn? Was ist das für eine Welt, in der sie dann immer noch leben werden, wenn meine eigene Lebenszeit einmal dem Ende nähern wird? Habe ich meinem Kind die richtigen Regeln beigebracht, die richtigen Werte? Haben Sie selbst denn in Ihrem Leben Antwort gefunden auf die Frage: Worauf kann ich vertrauen und mein Leben bauen?

 

 

Liebe KonfirmandenInnen und Konfirmanden, wo schaut ihr euch um für Antworten auf eure Fragen? Mir ist schon klar, dass ihr nicht als erstes in der Bibel nachschlagt, und dass ihr auch nicht unbedingt eure Eltern fragt. In unserer vernetzten Welt stehen ständig Bilder und bewegte Bilder, Filme zur Verfügung, zur unserer Unterhaltung und zum Spaß. Sie bevölkern unsere Phantasie und, ich frage mich, ob sie nicht auch ein Stück weit einfärben, wie wir unsere Welt und unser Leben wahrnehmen.

 

Die Welt von Gossip Girl, alle sehen aus wie weibliche und, falls es die denn gäbe, männliche Gewinner von Germanys next Topmodel, alle bewegen sich beinahe wie Erwachsene zwischen Essengehen, Taxifahren, Shoppen, Parties, miteinander Sex haben und Intrigenspinnen hin und her, zwischendurch scheint auch noch ein bisschen Schule stattzufinden. Eine verrückte Welt, in der Blair von ihrer Mutter zu hören bekommt: „Du wirst nie wieder so schön, so schlank und auch nie wieder so glücklich sein wie gerade jetzt.“

 

Oder Panem, die Welt, in der das regierende Kapitol aus jedem der 13 Distrikte zwei Jugendliche in den Hunger Games gegeneinander kämpfen lässt. Zwar siegt am Ende die Liebe von Katness und Peeta (also da muss man schon bis zum Ende von Buch 3 gelesen haben). Aber bis dahin geht es in Panem ums nackte Überleben mit allen Mitteln der Gewalt.

 

Oder die Welt von Orange ist the new Black: Jahre nach einem relativ kleinen Delikt – dem Schmuggeln von Drogengeld – muss Piper Chapman ihre Haftstrafe im Frauengefängnis Litchfield, in Connecticut, antreten und gerät geradezu in ein Haifischbecken. Die Machtspiele der Küchenchefin Red lassen sie fast verhungern, die Manipulationen ihrer ehemaligen Komplizin bringen sie in Isohaft und führen zur Trennung von ihrem Verlobten Larry.

Die Insassin Taystee rappt bei einer Party anlässlich einer Entlassung:
„Die Welt besteht nicht nur aus Regenbögen, Die Welt ist ein ganz böser Ort. Du machst Fehler, musst dafür büßen und dann sperren sie dich fort. Scheißegal wie stark du bist, die Welt zwingt dich in die Knie, scheißegal wie sehr du’s versuchst, am Ende gewinnst du nie. Niemand schlägt dich härter als das Leben, nicht Gott, kein Gangster der Welt, so ist das Leben.“

Wer in Litchfield überleben will, darf keine Schwäche zeigen, muss immer das Beste für sich herausschlagen ohne Rücksicht auf andere. In Litchfield teilt man sich die Welt ein in schwarz und weiß – Feinde und Verbündete –und schließt sich mit anderen einzig dafür zu einer kleinen Gruppe – zu einer „Familie“ – zusammen, um den eigenen Nutzen zu mehren.

 

 

Ich würde Euch gerne zurufen: Die Welt ist nicht so grausam und brutal wie Panem oder Litchfield oder so verrückt wie die Upper East Side. Glaubt diesen Bildern nicht!

Allerdings muss ich zugeben: Wenn wir auf unsere Welt schauen, wenn wir nicht unsere Augen zu machen und uns nur um unser privates Glück kümmern, dann sehen wir den IS-Terror, dann sehen wir die Flüchtlingskrise, dann sehen wir, wie die Ölvorräte des Planeten unwiderruflich schwinden, wir sehen die ökologische Krise. Und uns ist dann auch bewusst, dass selbst unsere Hightech-Medizin an Grenzen stößt, dass Krankheit und Tod nicht aus der Welt zu schaffen sind. - Übertrifft also die Realität nicht unsere schlimmsten Phantasien? Ist die Welt nicht doch eine Art großes Gefängnis, in dem wir den Einflüssen zerstörerischer Mächte verhältnismäßig hilflos ausgeliefert sind? Wie Tiere sitzen wir in der Falle, kommen nicht raus, können höchstens möglichst lange überleben und unsere Zeit absitzen, - the animals, the animals, trapped, trapped, trapped - ?.

 

Man kann auch anders auf die Welt schauen, von Gott her, von Jesus her. Die Bibel ist voll von Geschichten verschiedener Menschen, die erlebt haben, wie sie aus ihrer Falle befreit wurden.

 

Für Zachäus ist die Welt ein feindlicher Ort. „Nur wenn ich was habe, bin ich wer,“ war seine Maxime. Und so hat er als Zöllner den Leuten so viel Geld wie er nur kriegen konnte abgeknöpft. Ihr erinnert Euch an den Zachy-Tag auf KonTour. – Aber Jesus hat genau gemerkt, dass Zachy in seinem Herzen ein ganz einsamer Mensch war, sich selbst abkapsend und von den anderen ausgegrenzt. Und so sagt er zu Zachy : „Heute muss ich in diesem Hause Gast sein.“ Und zu den Leuten, die darüber abfällige Bemerkungen machen: „Auch dieser ist ein Sohn Abrahams“. So hat uns Jesus vorgemacht, wie Liebe geht, was Liebe ist und kann.

Damit eröffnet er dem Zachy eine neue Welt, eine Welt, in der wir Menschen miteinander verbunden sind. Er macht den Einzelkämpfer Zachy frei von seinem Muster, durch das Anhäufen von Geld Macht zu gewinnen, er befreit ihn, so dass sein Herz wieder liebesfähig wird und seine Liebe ins Fließen kommen kann „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Für Zachäus ist die Welt kein Gefängnis mehr, in dem nur zählt, wer reicher ist und Macht hat, in der mein eigener Nutzen über allem steht, und ich einsam über alle anderen triumphiere. Für Zachy ist jetzt alles anders. Weil Jesus ihn hat erleben lassen: Du bist ein geliebtes Geschöpf Gottes, du bist mit allen anderen Geschöpfen Gottes verbunden und teilst dir mit ihnen diese Welt als dein Zuhause. –

 

Oder denkt an den Jenny-Tag: und an die Geschichte, die Jesus von dem Sohn erzählt, der sein Erbe eingefordert und verprasst hat. Wie sein Vater ihn ohne Vorwürfe und ganz voller Liebe wieder aufgenommen hat. So ist Gott, hat Jesus gesagt. Gottes Liebe holt uns aus dem Gefängnis unserer Schuld wieder heraus. Wir können neu anfangen. Er macht uns frei dazu. Wir können ein Leben in Verbundenheit mit anderen leben, ein Leben in Freiheit und Liebe.

 

Menschen, die Jesus begegnet sind, haben das immer wieder erlebt, durch seine Taten und auch seine Worte. Dass sich ihr Leben verändert hat zum Guten, dass alte Zwänge wegfielen, alte Muster, Schuld, ja sogar Krankheiten. Dass in ihrem Leben sich Liebe und Freiheit ausbreiteten.

 

Und daher fasst der Apostel Paulus das in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien so zusammen:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lass euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen. Gal 5, 1

 

 

„Die Welt ist gar nicht so schlecht, wie viele denken“. Hat ein junges Paar geschrieben, dass über 400 Tage lang auf seiner Hochzeitsreise die ganze Welt bereiste. Ja, die Welt ist nicht so schlecht wie Panem oder Litchfield. In dem Buch (Buch hochhalten!) „Orange is the new Black“, das – anders als die Serie - nicht Fiktion ist, lernt Piper Kerman (wie sie im wahren Leben heißt, nicht Chapman), dass sie verbunden ist mit allen Menschen, und dass andere Menschen sie lieben, und sie wandelt sich allmählich. Sie ist nicht länger egozentrisch und einsam, und auch ihre Beziehung zu Larry geht durch den Gefängnisaufenthalt nicht kaputt, sondern vertieft sich nach und nach, immer mehr.

Ja, die Welt ist ein guter Ort zum Leben, und es stimmt auch nicht, dass ihr nur glücklich sein könnt, wenn ihr jung und schlank seid und für Germanys next Top model in Frage kommt. Gott mag euch so, wie ihr seid.

Darum: Ihr könnt immer glücklich sein, und werdet es sein, wenn Liebe euer Herz berührt und wenn Liebe aus eurem Herzen fließt. Das ist wahre Freiheit.

 

Woran kann ich mich orientieren in meinem Leben, welche Regeln gelten, worauf kann ich vertrauen? – Die Fragen vom Anfang.

Wenn echte Liebe uns bestimmt, dann gibt es keine festen Regeln, dann sind wir frei vom Joch der Knechtschaft, wie Paulus sagt, von allen äußeren und inneren Gefängnissen in unserer Welt.

Ihr habt das an Dietrich Bonhoeffer gesehen. Obwohl er von den Nazis inhaftiert war und schließlich umgebracht wurde, lebte er als ein freier Mensch, durchdrungen von Gottes Liebe.

Und selbst in Litchfield findet sich so etwas:

Als Red von Vee fast totgeschlagen wird, weigert sie sich, der Gefängnisleitung die Schuldige zu nennen. Sie ist Old School, sie traut dem System nicht. Sie wartet lieber auf eine günstige Gelegenheit zur Rache. Aber als Vee die Sache Crazy Eyes anhängen will, da folgt Red nicht mehr ihrer eigenen Regel. Ihre Zuneigung zu der benachteiligten Crazy Eyes und ihre Liebe zur Gerechtigkeit führen dazu, dass sie „das Richtige“ – „the right thing“ tun will und Vee bei der Gefängnisleitung anzeigen will.

 

Wenn echte Liebe uns bestimmt, dann gibt es keine festen Regeln, dann sind wir frei vom Joch der Knechtschaft, wie Paulus sagt, von allen äußeren und inneren Gefängnissen in unserer Welt. Und das hat das Folgen für den Lebensstil und für die großen Lebens-Entscheidungen. Denn aus Liebe gibt es einen inneren Antrieb zu Verantwortung für andere, zu Verbundenheit, zu Mitgefühl. Aus Liebe gibt es eine Sehnsucht nach Frieden, und nach Gerechtigkeit, nach einem guten Leben für alle hier, und eben nicht nur für mich einsam, allein, gegen den Rest der Welt. Aus Liebe gibt es Mut zu Taten, die diese Welt zu einem besseren Ort machen, so wie Gott sie gemeint hat.

 

 

 

„Und wie bekomme ich nun Gottes Liebe für mein Leben?“ werdet Ihr vielleicht fragen. –

Ihr habt 8 Monate Zeit gehabt, angefangen mit der KonTour-Fahrt, dann die KonfiSAMStage, die Besuche in den Kliniken, in den Gemeindegruppen, die Gottesdienstbesuche. Ich hoffe, dass diese Zeit ausgereicht hat, dass Ihr immer wieder mal den göttlichen Liebesfunken gespürt habt, der uns alle verbindet. Ich wünsche Euch, dass Ihr diese vielleicht sehr kleinen, feinen Erfahrungen mitnehmt und immer wieder auf sie zurückkommt, und davon ausgehend, Euer Leben gestaltet in Freiheit hier in dieser Welt, die Gott Euch als Zuhause geschenkt hat.

Gottes Liebe ist immer schon da, weil Gott zu dir Ja gesagt hat, sonst wärst Du gar nicht auf der Welt. Du brauchst nur ebenfalls Ja zu sagen. Die ausgestreckte Hand ist da, die Käfigtür ist offen, geh hinaus, wo Jesus mit offenen Armen schon längst auf dich wartet. Amen