Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 5,1

Pfarrer Hans-Peter Lauer (ev.)

09.06.2017 Gottesdienst zur Eröffnung der Kreissynode Duisburg

Reformationsjubiläum 2017

Predigt zum Gottesdienst der Tagung der Synode des. Ev. Kirchenkreises 

Liebe Schwestern und Brüder,

ob ich denn viel zu tun hätte im Lutherjahr, hat mich ein städtischer Angestellter auf dem Friedhof gefragt, wo wir uns auf eine Beerdigung vorbereiteten. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Aber ich hätte ihn darauf aufmerksam machen können, dass es offiziell von Seiten der evangelischen Kirche nicht Lutherjahr, sondern „Reformationsjubiläum“ heißt. Ich hätte noch hinzugefügt, dass es sich aus meiner Sicht um ein Gedenken an die reformatorische Bewegung handeln sollte. Eine reformatorische Bewegung, zu der Martin Luther sicherlich die Initialzündung gab, die aber schon bald miteinander im Streit darüber lag, welche Richtung sie nehmen sollte.

Da wir uns auf einem Friedhof befanden, hätte ich ihm auch gleich eine Beerdigungspredigt halten können. Nicht zu Martin Luther, der seine Denkmäler erhalten hat, sondern zu den Toten des Bauernkrieges, zu den Gefallenen von 1525, den erschlagenen und aufgespießten, den enthaupteten und zu Tode gefolterten Bauern. Auch sie gehören nach dem Urteil heutiger Kirchenhistoriker zur reformatorischen Bewegung. Aber unsere evangelische Kirche tut sich immer noch schwer, sie als ihre Glaubenszeugen wahrzunehmen, wie es ihr ähnlich schwerfiel, den wegen seines politischen Widerstands hingerichteten Dietrich Bonhoeffer als ihren Märtyrer anzuerkennen. Beides ist wohl durch Luthers vernichtendes Urteil über die aufständischen Bauern beeinflusst.

Als die Bauern längst geschlagen waren, hielt Luther es für nötig – auch aufgrund von Kritik aus den eigenen Reihen –, sein „hartes Büchlein wider die Bauern“, wie er es nennt, noch einmal zu verteidigen. Er beharrt weiter darauf, dass man Aufrührern mit der Faust aufs Maul antworten soll, bis das Blut zur Nase herausgeht. Da die Bauern nicht hören wollten, musste man ihnen die Ohren mit Geschossen aufknöpfen, dass die Köpfe in die Luft sprangen. „Wer Gottes Wort nicht mit Güte hören will“, wettert Luther, „der muss den Henker mit Schärfe hören.“

Diese Bauern haben aber ein besseres Gedenken verdient. Sie waren durchaus überzeugt, Gottes Wort zu hören, und sahen sich dadurch bevollmächtigt, ihre Forderungen aufzustellen. Von Luthers Entdeckung der christlichen Freiheit ließen sie sich inspirieren, bis die Art und Weise, wie sie mit dieser Freiheit ernstmachten, an einem entscheidenden Punkt vom Reformator abwich. Für mich wird dies an einem Vers aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Galatien deutlich. Das 5. Kapitel beginnt mit dem Satz:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Hört man diesen Satz mit Luther, dann ist die Freiheit, zu der Christus befreit, zuerst und vor allem eine innere Angelegenheit zwischen Gott und Mensch, zwischen der Seele und dem Wort Gottes. Ich will dies einmal in einer uns vertrauteren Begrifflichkeit ausdrücken:

Die christliche Freiheit geht hervor aus einer tiefgreifenden Strukturkrise der Heilerwerbsarbeit, der Heilsbeschaffung durch Eigenleistung. Diese Krise entlarvt die Vorstellung, dass die Arbeit fürs eigene Heil nie ausgehe, als Illusion, und die Erwartung, durch gute Werke auch guten Lohn zu erhalten, als Irrtum. Denn so sehr die Beschäftigten auch reinhauen, so hoch sie sich auch qualifizieren, so viel sie auch verzichten und zu jedem Opfer bereit sind, so innovativ und flexibel sie auch sein mögen, sie sind einfach nicht konkurrenzfähig. Ein einziger Mensch namens Jesus Christus hat allen anderen Menschen ihre Heilerwerbsarbeit für immer abgenommen und endgültig alles erledigt. Nach seinem schwarzen Freitag ist Schicht im Schacht und klar: Leistung muss sich nicht mehr lohnen. Die Kränkung ist bei allen, die so stolz auf ihre guten Werke sind, groß, die Enttäuschung bei denen, die sich ihr Leben lang für Gott krumm gemacht haben, gewaltig, hat doch der, für den sie zu arbeiten meinten, alles an anderer Stelle investiert und sie damit um Arbeit und Lohn gebracht.

Den Gotteslohnarbeitern wird einerseits mitgeteilt, dass sie fristlos von aller Arbeit für ihr Heil freigesetzt sind, aber zugleich auch zugesagt, dass sie keine Angst vor der Zukunft haben müssen. Denn dieser eine Mensch namens Jesus Christus, der Grund ihrer Arbeitslosigkeit, hat für alle einen Sozialplan erreicht, von dem sie in ihren kühnsten Träumen nie zu träumen wagten. Ihnen werden ab sofort alle Schulden erlassen, die sie soundso trotz härtester Arbeit in ihrem Leben nie abbezahlen können. Ihnen wird lebenslanges mietfreies Wohnen in bester Toplage garantiert, nämlich in Gottes Nähe, dazu gratis Brot des Lebens ohne Ende. Ihnen wird alle Anerkennung und alles Ansehen zuteil, ohne auch nur einen Finger dafür krumm gemacht zu haben, und obendrauf bekommen sie im Todesfall sogar noch umsonst ewiges Leben, das sie sich auch mit den größten Ersparnissen und Guthaben nie hätten leisten können. Es reicht völlig aus, auf diese Zusagen zu vertrauen und sich damit in das neue Menschsein einzufinden.

Das ist - etwas sehr verkürzt und zugespitzt gesagt - die Freiheit, zu der Christus befreit hat. Aber nun schließt sich im Galaterbrief an diesen ersten ein zweiter Satz an, in dem nicht mehr der entscheidende Akteur Christus ist, sondern die von ihm zur Freiheit Befreiten:

So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen!

Offensichtlich folgt aus der Aktion des Befreiers eine Reaktion der Befreiten, aus dem Zuspruch ein Anspruch, aus der Gabe eine Aufgabe, aus dem Wort eine Antwort, kurzum aus dem Stehen in Freiheit das Aufstehen gegen Unfreiheit. Genau an dieser Schnittstelle zwischen dem Sein vor Gott und dem Sein in der Welt, zwischen innerer Freiheit und äußerer Unfreiheit, zwischen Glaube und Handeln, zwischen Empfangen und Verhüten liegt der Streitpunkt, an dem sich die Geister der Reformation im Bauernkrieg scheiden werden.

Für Luther ist an dieser Schnittstelle der christlichen Freiheit die vorrangige Frage, ob das alleinige Vertrauen auf Gottes Gnade nicht zu faulen und bösen, also auch zu ungehorsamen und aufsässigen Menschen führt. Das sind aber nicht die Fragen eines bibellesenden Bauern. Denn er ist kein Mönch, der vorrangig mit Werktätigkeit für sein Heil beschäftigt ist, sondern ein Bauer, der arbeitet, um seine materielle Existenz zu sichern. Daher ist seine naheliegende Frage, ob die Freiheit, zu der Christus befreit, auch die unfreien Bedingungen seiner Arbeit beendet. In der Begrifflichkeit von eben gesagt: ob die Strukturkrise der Heilerwerbsarbeit auch zu einem Strukturwandel seiner eigenen Arbeit führt.

In den „Zwölf Artikeln an die Bauern“, ein weitverbreitetes Manifest der Bauernbewegung, das dann auch Luther kommentiert hat, werden eingangs die Fragen formuliert, die die Bauern umtreiben:

„Für den Fall aber, dass Gott die Bauern (die nach seinem Wort zu leben ängstlich rufen) erhören will, wer will den Willen Gottes tadeln? Hat er die Kinder Israels erhört, die zu ihm schrien, und aus der Hand des Pharaos befreit, kann er nicht auch heute noch die Seinen erretten?“

Das Anliegen der Bauern, nach Gottes Wort leben zu können, schließt für sie wesentlich ein, die Leibeigenschaft aufzuheben. Die Forderung wird damit begründet, „dass uns Christus alle mit seinem kostbaren Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten ebenso wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum ergibt sich aus der Schrift, dass wir frei sind und frei sein wollen.“

Luther urteilt hierzu: „Das heißt, die christliche Freiheit ganz fleischlich machen.“ Was ihm an dieser Fleischwerdung christlicher Freiheit gegen den Strich geht, ist die für ihn verheerende Konsequenz, dass eine Aufhebung der Leibeigenschaft alle Obrigkeit aufzuheben und alle Menschen gleichzumachen droht, was im Chaos endet.

Die Bauern bleiben aber mit ihren Forderungen in ihrem Stand. Das Modell, das sie vor Augen haben, ist eine gestärkte lokale Selbstverwaltung, eine Gemeinschaft freier Produzenten, die einerseits von ihrer Arbeit leben können, anderseits über den Verwendungszweck ihrer Abgaben mitbestimmen. Als erstes fordern sie, dass eine Gemeinde ihren Pfarrer selbst wählen und wieder entlassen kann. Er hat die Aufgabe, „das heilige Evangelium lauter und klar zu predigen, ohne jeden menschlichen Zusatz, Lehre und Gebot“. Der Zehnte soll zu seinem Unterhalt dienen; was davon noch übrigbleibt, zur Unterstützung der Armen verwendet und von dem dann noch verbliebenen Rest die Landesverteidigung finanziert werden. Wälder und Gewässer, die sich die Herrschaften angeeignet, also privatisiert haben, sollen wieder als öffentliche Güter den Dorfgemeinschaften zur Verfügung gestellt werden. Das sind weitgehend Forderungen, die mit den Interessen der Herrschenden kollidieren. Allerdings sind die Bauern bereit, von jeder Forderung Abstand zu nehmen, wenn man ihnen nachweist, dass sie dem Wort Gottes widerspricht.

Für diese evangelischen Bauern ermächtigt und befähigt die christliche Freiheit dazu, die Bedingungen ihrer Arbeit und die damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen wie auch ihr Gemeinwesen neu zu organisieren und selbst zu verwalten. Unter christlicher Freiheit verstehen und praktizieren sie, was man heute wohl mit dem neudeutschen Begriff „Empowerment“ bezeichnen würde. Nur kommt die Power, die Kraft zur Verbesserung der eigenen Lebenslage nicht aus menschlichen Fähigkeiten, sondern aus dem Wort Gottes. Die christliche Freiheit wird in der Welt zur Gestaltungsfreiheit für die Welt.

Für Luther dagegen bleibt die christliche Freiheit wesentlich eine innere Freiheit. Das Leben eines Christenmenschen in der Welt fasst er dagegen unter den vieldeutigen Begriff „Dienstbarkeit“. Eine Dienstbarkeit, die sich an die gegebenen Herrschaftsverhältnisse hält und die faktische Machtverteilung nicht antastet. So kommt den Herren viel, den Knechten dagegen wenig oder gar keine Gestaltungsfreiheit zu.

Mein Schwiegervater erzählte mir einmal, dass sein eigener Schwiegervater, ein lutherischer Pfarrer in Bayern, eine Art von kirchlicher Arbeitnehmerweiterbildung betrieb. Er versammelte Industriearbeiter in Augsburg um sich und erklärte ihnen allen Ernstes, dass jeder Unternehmer bzw. Arbeitgeber ein unsichtbares Krönchen auf dem Haupt trage. Ein solches Betriebsverfassungsgesetz von Gottes Gnaden vertrat er nicht etwa zur Zeit des Kaiserreichs, sondern nach 1945 in der noch jungen Bundesrepublik.

Es ist schon tragisch für unsere evangelische Kirche, dass die Stimme der Bauern mit ihrem Verständnis christlicher Freiheit so schnell zum Verstummen gebracht wurde. Denn diese Freiheit braucht immer beides: Einen Mönch, dem die Welt, wie immer sie sein mag, nicht genug ist und der befreit vor Gott steht, und einen Bauern, dem die Welt, wie sie ist, nicht genügt und der gegen Unfreiheit in ihr aufsteht. Beides braucht die Kirche, und beides brauchen wir in uns selbst, diesen Mönch und jenen Bauern, um dann immer auch beides zu hören und zu leben:

Den ersten Satz Zur Freiheit hat uns Christus befreit!  Und auch den zweiten Satz So steht nun fest in der Freiheit und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen. Amen