Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 10,24

Pfarrer Jürgen Kattenstein (ev.)

07.05.2016 Auferstehungskirche am Kurpark

Eheschließung

Liebes Brautpaar,

liebe Familien H. und S.,      

liebe Hochzeitsgemeinde,

 

wir feiern diesen Gottesdienst heute in Bad Oeynhausen, weil Sie, liebes Brautpaar, es so wollten; Sie haben eine Geschichte mit dieser Stadt: Als ich darüber nachdachte, daß Sie beide sich vor fast 16 Jahren am Immanuel – Kant – Gymnasium, dem IKG, kennengelernt haben, mußte ich lächeln.

 

Nicht nur, weil die Schule vielleicht einen km Luftlinie von der Auferstehungskirche entfernt liegt. Nicht nur, weil der große Philosoph eine Menge zum Verhältnis von Vernunft und Glauben geschrieben hat. Nein, vor allem mußte ich daran denken, daß es heißt, der Vordenker der Aufklärung sei nie aus seiner Heimatstadt Königsberg herausgekommen. Ganz anders Sie beide: Paris und Sydney, Köln und Hamburg sind Städte , in denen Sie einzeln oder zusammen gelebt haben oder jetzt zuhause sind. Und trotzdem gibt es eine Verbindung zu Ostwestfalen, es ist eben die Heimat!

 

Jetzt wohnen Sie in der Wiekestraße in Hamburg. Dort ist Ihr neues Zuhause. Sie wollen zusammenbleiben und sich in der Hansestadt eine Existenz aufbauen und eine Familie gründen.

 

Heute nun sagen Sie vor Gott und vor der großen Gemeinde „ja“ zueinander. Privates soll öffentlich werden. Eine Beziehung, die gewachsen ist, soll noch verbindlicher werden. Der neue Lebensabschnitt soll unter dem Segen des Barmherzigen stehen, und: es soll gefeiert werden.

 

Sie beide kennen sich schon lange und Sie kennen sich gut. Sie haben schon eine Geschichte miteinander. Die Ehe ist für Sie keine rosarote Wolke, sondern

(ich muß das strapazierte Bild wegen Ihrer neuen Heimatstadt benutzen):

die Ehe ist für Sie ein sicherer Hafen. Übrigens feiert Hamburg heute Hafengeburtstag.

 

Als ich Ihre Briefe an mich gelesen habe , dachte ich: was haben die beiden schon erlebt!

So viele Orte, so viele Arbeitsstellen, so viele Ausflüge, so viele Eindrücke!

Manche Ostwestfalen sehen in 90 Jahren nicht das, was Sie sich in 34 bzw. 32 Jahren angeschaut haben.

Allerdings dachte ich auch: da ist viel Unruhe drin: Abbruch und Aufbruch! Fernweh und Heimweh! Anfangen und loslassen!

Möglicherweise haben die Eltern gedacht:Irgendwann werden die beiden ruhiger werden, und möglicherweise geschieht genau das im Jahr 2016. Vielleicht sind die turbulenten Zeiten vorbei, und nach den Jahren „auf hoher See“ gehen die beiden schicken Yachten jetzt vor Anker.

 

Sie sind nicht naiv. Sie wissen, daß die Beziehungsarbeit nicht beendet ist, nur weil man geheiratet hat. Sie wollen am Ball bleiben und weiterhin durch viele Gespräche die anstehenden Fragen lösen. Sie sind fasziniert voneinander, vielleicht auch, weil Sie sich Ihrer Unterschiedlichkeit bewußt sind!

 

Partnerschaftlich wollen Sie miteinander umgehen, was ja schon daran deutlich wird, daß Sie beide Ihren Nachnamen behalten haben.

Sie wollen sich gegenseitig befruchten: Trockene Betriebswirtschaftslehre trifft auf unsortierte Kunstgeschichte. Struktur begegnet Phantasie. Und wenn beides zusammenkommt, wird ein interessantes, lebhaftes Ganzes daraus.

 

Sie wollen füreinander da sein und haben sich darum folgenden Vers aus dem Hebräerbrief als Trauspruch ausgesucht:

„ Und wir wollen aufeinander acht geben und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen:“

 

Dem wäre nichts hinzuzufügen. Oder doch? Ich versuche es einmal.

Achtsamkeit, ein Auge aufeinander haben: das ist Ausdruck zutiefst menschlichen Umgangs. Manchmal ist es allerdings auch gut, ein Auge oder sogar beide zuzudrücken, damit das Gegenüber vor lauter BeACHTung sich nicht eingeengt fühlt, sondern auch in der Ehe den Geist der Freiheit spürt, von dem in der Bibel die Rede ist, denn nächste Woche feiern wir Pfingsten.

 

Zwei Menschen mit Lebenserfahrung wollen zusammenbleiben. Sie kennen sich, Sie lieben sich, Sie freuen sich auf die gemeinsame Zukunft. Wenn man so oft wie Sie Arbeitsstelle und Wohnort gewechselt hat, erlebt man immer wieder etwas Neues, aber kann auch nirgendwo richtig Wurzeln schlagen: Das Abenteuer, Unbekanntes zu entdecken, hat eine Kehrseite: ich kann , wenn überhaupt, nur schwer eine intensive Beziehung zu meinen Nachbarn und Kollegen aufbauen. Es können sich i.d.R keine Freundschaften entwickeln. Das Paar ist aufeinander angewiesen.

 

„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!“ sagt die Bibel. Es ist auch nicht gut, daß das Paar allein sei, möchte ich ergänzen. Wir Christen sprechen von Gemeinde. Sie können es auch gern neudeutsch soziales Umfeld nennen.

Das Paar ist Teil eines größeren Ganzen: die Familie, die Freunde, die Nachbarn, die Kollegen, (im Ausland die deutsche community) gehören dazu.

In Ostwestfalen gibt es den Verein, in Hamburg die Gilde oder den Club, vielleicht und hoffentlich auch die Kirchengemeinde.

Orte, an denen menschliche Beziehungen entstehen, die die Geborgenheit der Ehe ergänzen.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie auch DARAUF achtgeben, Freundschaften zu pflegen, den Kontakt zur Familie zu halten und neue Bekanntschaften nicht von vornherein als oberflächig einzuschätzen.

 

„Und wir wollen aufeinander achtgeben und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen!“

Der Schreiber des Hebräerbriefes richtet diese  Wort nicht nur an Mann und Frau, sondern an die ganze Gemeinde, von der das Paar und die Familie ein Teil ist. Aber heute denken Sie natürlich in erster Linie an Ihren Gatten, an Ihre Gemahlin, wenn Sie das Wort „Liebe“ hören.

 

Und das ist auch gut so!

 

Würden Sie auch eine Formulierung wählen: mit ihm ist es himmlisch,  sie ist ein Engel? Ich rate zur Vorsicht: solche Sätze sind verräterisch. Es geht nicht darum, den Partner oder die Partnerin zu vergöttern!      -

 

Kehren wir noch einmal zu Immanuel Kant zurück. „Sapere aude“ hat er gesagt: Habe den Mut, Deinen Verstand zu benutzen. Wenn ich das tue, wird mir schnell klar, daß ich zwischen einem Menschen (und sei ich noch so verliebt in ihn)  und Gott unterscheiden muß. Ansonsten werde ich enttäuscht. Mensch ist Mensch und Gott ist Gott.

In unserer Vorläufigkeit, Verletzbarkeit und Begrenztheit sind wir auf den Schöpfer hingewiesen und angewiesen (auch wenn wir in manchen Phasen unseres Lebens meinen, wir können ohne ihn auskommen).

 

Sie beide haben sehr viele schöne Erfahrungen machen dürfen und sind sehr erfolgreich.

 

Glück? Harte Arbeit?  -

  

Oder auch Geschenk des Allmächtigen und Barmherzigen, gepriesen sei sein Name, an seine Kinder

Gott hat es gut mit Ihnen gemeint. Und wir alle hoffen, daß SEIN Segen Sie begleitet, daß Ihnen erfüllte Stunden geschenkt werden, daß aus dem Ehepaar eine glückliche Familie wird, daß Sie dankbar das Geschenk eines gelungenen Lebens aus SEINER Hand nehmen können und auch in späteren Jahren noch denken, spüren und aussprechen:

 

„Und wir wollen aufeinander achtgeben und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen!“

 

AMEN