Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13, 8-9

Schulpfarrerin Silvia Anni Pfeiffer-Kuebart (ev.-luth.)

31.12.2013 in St. Nicolai in Lemgo

Abendmahlsgottesdienst zum Altjahrsabend

Die Predigt hören können Sie hier.

 

Predigttext Hebräer 13, 8-9

(Die Predigt wird unterbrochen durch das solistisch vorgetragene Lied 'Seit Ewigkeiten sehn, sehn, sehn', das ist die deutsche Übersetzung des engl. Liedes 'Turn, turn, turn' nach Prediger 3 (Alles hat seine Zeit)

Liebe Gemeinde,

längst hat er begonnen, der Countdown zum Jahreswechsel: Noch 6 Stunden, 31 Minuten und 24 Sekunden! Dann ist es soweit!

Jedes Jahr erneut bin ich amüsiert, erstaunt, aber auch peinlich berührt darüber, wie wichtig es für viele Menschen ist, dass zu einem willkürlich festgelegten Termin eine mehr oder weniger willkürlich festgelegte Jahreszahl wechselt. Und, so scheint es, wird jedes Jahr mehr daraus gemacht: die absolut ultra-super-megagrößte Silvesterparty, dieses Mal in Berlin, oder doch in Sydney, wo das neue Jahr schon längst begonnen hat? Die Events werden immer spektakulärer, die Veranstaltungen immer von noch mehr Menschenmassen besucht, die Feuerwerke immer noch größer als im letzten Jahr. Warum eigentlich? Was steckt dahinter? Was ist das Geheimnis dieses Altjahresabends? - dieser Neujahrsnacht? Vielleicht dieTatsache, dass heute, um Mitternacht, Gestern und Morgen, Vergangenheit und Zukunft für uns alle sichtbar aufeinandertreffen!

Wir spüren es nicht nur, wir sehen es durch den Wechsel der Jahreszahl, wie die Zeit vergeht, verrinnt, uns aus den Händen gleitet, unaufhaltsam! Aber das wollen wir nicht wahrhaben. Wir, die modernen Menschen von Heute, die alles im Griff und für fast jedes Problem eine Lösung haben, die 'Macher“ sind: „Yes, we can!“, können nicht ertragen, dass es etwas gibt, was sich außerhalb menschlicher Einflussmöglichkeiten befindet: Die Zeit, die unaufhaltsam verrinnt! Darum versuchen wir ihr wenigstens den Takt vorzugeben, noch 6 Stunden, 29 Minuten und 10 Sekunden! So, als zwängen wir die Zeit zu vergehen, so, als müsste sie sich nach unserem Zählen richten. Wir Narren! Nicht wir haben die Zeit in der Hand, sondern die Zeit hat uns in der Hand, oder etwa doch nicht?

1. Strophe des Liedes: Seit Ewigkeiten sehn

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wir unsere Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden:

die Zeit zu ernten,

die Zeit zu säen,

die Zeit zu werden,

die Zeit zu vergeh'n,

die Zeit der Freude,

die Zeit des Leids,

die Zeit des Lachens,

die Zeit zu trauern.

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wir unsere Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden!

Alles hat seine Zeit, erkennt der Prediger Salomo im 3. Kapitel seines Buches. Allem, was war, was ist, was sein wird, ist auch Zeit gegeben! Gott gibt Zeit. Die Zeit ist sein Werk, das Geschöpf des 4. Schöpfungstages. Und als sein Schöpfer ist ER ihr nicht unterworfen, sondern hält sie in Händen, wie es im Predigttext des heutigen Abends heißt.

Ich lese aus dem Brief an die Hebräer die Verse 8 und 9 des 13. Kapitels:

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit! Lasset euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Jesus Christus gestern!

Gestern, das ist heute am Altjahresabend ganz besonders das Jahr 2013. Wie ist es gewesen, das Gestern?

2. Strophe des Liedes:

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie unsere Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden:

die Zeit zu bauen,

die Zeit zu zerstör'n,

die Zeit des Duldens,

die Zeit sich zu empör'n,

die Zeit zu kämpfen,

die Zeit zu flieh'n,

die Zeit zu hassen,

die Zeit zu lieben!

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie diese Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden!

Wie ist es gewesen, das Gestern? Es wurde gebaut, es wurde zerstört! Es wurde gehasst, es wurde geliebt! Menschen wurden geboren, Menschen sind gestorben, liebe Menschen vielleicht, Menschen, die uns fehlen, über das Gestern hinaus auch im Heute - und morgen werden sie uns auch noch fehlen! Wir hatten Naturkatastrophen, denken wir nur an die Überschwemmungen im Frühjahr. Kriege – leider selbstverständlich. Skandale. Vieles ist uns misslungen, vieles haben wir auch gut gemacht. Gnade ist uns widerfahren: Vielleicht waren wir traurig und sind getröstet worden, vielleicht waren wir einsam und wurden besucht, vielleicht fühlten wir uns unverstanden und sind unverhofft auf Verständnis gestoßen, vielleicht haben wir Hilfe im richtigen Augenblick bekommen, einen Ratschlag da, wo wir ihn nötig hatten, eine Umarmung zur rechten Zeit, die uns hat wissen lassen: Du bist geliebt, trotz allem oder auch wegen allem.

Gott in Jesus Christus – gestern! Der Wochenspruch aus Psalm 103 sagt eigentlich alles: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte!“ So durften wir Gott bislang erfahren. Auch wenn nicht immer alles in unserem Leben so verlaufen ist, wie wir es wollten, wie wir es geplant hatten, wie wir es uns gewünscht oder vorgestellt hatten, sind wir doch alle, die wir heute Abend hier im Gottesdienst sind, bis auf den heutigen Tag bewahrt und behütet worden, durften Vergebung erfahren von Menschen, die wir gekränkt haben, auch von Gott, gegen den wir uns immer wieder hier und da auflehnen. Selbst Menschen, die wir hergeben mussten, sind doch in seinem Frieden, in seine Herrlichkeit hinein gestorben.

Gottes Barmherzigkeit und Gnade ist aber nicht nur eine Sache des Gestern, sondern sie trägt uns Heute ins Morgen hinein!

Gott im Heiligen Geist heute!

3. Strophe des Liedes:

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie diese Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden:

die Zeit zu verstummen,

die Zeit zu schrei'n,

die Zeit der Reue,

die Zeit zu verzeih'n,

die Zeit der Erlösung,

die Zeit der Qual,

die Zeit der Kälte,

die Zeit der Wärme.

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie uns're Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden!

Gott im Heiligen Geist heute!

Die Epistel des heutigen Abends aus dem Römerbrief erläutert Gottes Gegenwart:

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur, also auch nicht die Zeit, kann uns scheiden von der Liebe Gottes!“

Das ist Gottes Zusage für unser Heute! Und diese Zusage nimmt uns den Druck, den wir so oft im Leben verspüren. Dieses Versprechen schenkt uns Freiheit, unser Leben zu leben! Denn wir wissen: Was immer auch geschieht, wir haben in Gott unseren Halt.

Ich habe gelesen, dass es im Hamburger Hafen eine Flussschifferkirche gibt, die selbst ein Schiff ist. Unter all den anderen dort am Kai liegenden Schiffen erkennt man sie an ihrem am Rumpf des Schiffes sichtbar angebrachten Symbol: Ein Anker, der nach oben hin zu einem Kreuz wird. Will heißen: In Gott zu ankern bewahrt nicht vor den Wellen des Lebensstromes, wir sind ganz bestimmt auch Wind und Wetter ausgesetzt, ganz sicher müssen wir mit Stürmen wie mit Flauten kämpfen, und doch, wenn es am schlimmsten kommt, spüren wir, die wir daran glauben, den Halt, den Gott uns gibt! Und genau das wird in unserem Predigttext ein köstlich Ding genannt! Sich fest in Gott verankern! Allein durch Christus, allein durch die Schrift, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade! Nicht mehr! Keine modernen Heilsversprechen, keine frommen Pflichten, keine religiösen Werke.

Gott in Jesus Christus in Ewigkeit!

4. Strophe des Liedes:

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie uns're Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n,

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden:

die Zeit zu gewinnen,

die Zeit zu verlier'n,

die Zeit des Zorns,

die Zeit der Gewalt,

die Zeit der Versöhnung,

die Zeit für den Sieg,

den Sieg des Friedens in der Welt über den Krieg

Seit Ewigkeiten, sehn, sehn, sehn,

wie uns're Welt sich dreh'n, dreh'n, dreh'n

und doch hat ein Jegliches seine Zeit auf Erden!

Gott in Jesus Christus in Ewigkeit!

Gott hat Zeit! Das ist die gute Nachricht dieses Textes! Wir haben vielleicht keine Zeit mehr oder nur noch wenig Zeit. Oft nehmen wir uns die Zeit nicht für wirklich Wichtiges, weil tagtäglich so viel Unwichtiges uns unsere Zeit raubt.

Während ich predige und Sie zuhören, vergeht Zeit, die Uhr tickt, der Zeiger läuft, nur noch 6 Stunden, 17 Minuten und 10 Sekunden, dann ist auch dieses Jahr vorbei, dann fängt schon das Jahr 2014 an. Das kann doch nicht sein? Wo ist die Zeit hin?

Die Zeit ist in Gott – von Ewigkeit zu Ewigkeiten. Nichts ist vergeblich, nichts wird vergessen. Alles ist aufgehoben, sicher verwahrt: Jedes Lachen, jede Träne, jede Arbeit, jedes Zeitvertreiben, jede hundertstel Sekunde – jede Stunde, jeder Tag – jedes Leben! Alle Kreaturen, all seine Geschöpfe, erst recht jeder Mensch sind ein Teil von ihm, wir kommen von ihm her und gehen auf ihn zu.

Unsere menschliche Zeit, die Einteilung in Sekunden, Stunden, Jahreszahlen, hat für Gott keinerlei Bedeutung. Sie ist tatsächlich menschliches Werk. Seine Zeit, sein Geschöpf ist die Ewigkeit. Meister Eckhart, der Theologe und Mystiker aus dem 13. Jahrhunderts erkannte:

„Weil Sein weder entstehen noch vergehen kann, ist es auch ohne Beginn in der Zeit, wie überhaupt die Zeit eine menschliche Kategorie ist, die erst durch ein vergleichendes Gedächtnis in die Welt kommt. In Gott aber, das heißt: in Wahrheit, sind alle Dinge in einem ewigen Nun, weil das Jetzt kein Teil der Zeit ist.“

Ich finde, dieser Gedanke vom ewigen Nun ist ein wunderschöner Gedanke, den ich gerne mitnehme in das neue Jahr. Gleich, wie es wird, das Jahr 2014: Gottes ewiges Nun, seine Zeit ist und bleibt die allerbeste Zeit!