Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 4,12.13

Pfarrerin Michaela Jecht (ev.)

31.01.2016 Kirche in Geierswalde

Bomben reißen Löcher.

Worte reißen Wunden.

Schneiden hinein. Ins Fleisch.

Bis auf die Knochen.

Stechen ins Herz.

Ganz bis auf den Grund.

Und legen die Wahrheit frei.

Die Verletzung der Seele.

Die Lüge.

Das Verbrechen.

Worten dringen ein.

Tief in die Seele.

 

„Das eigene Wort, wer holt es zurück,

das lebendige - eben noch unausgesprochene Wort?“1

 

Wo das gute Wort vorbeifliegt blühen die Gräser, werden die Blätter grün, fällt warmer Sommerregen.

 

Ein Vogel käme dir wieder
nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.

Du schickst andere Worte hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.“2

[…]

„Es kommt immer an,

es hört nicht auf, an zu kommen.“3

 

Das liebe und gute Wort. Und das böse.

 

„Am Ende ist das Wort,

immer

am Ende

das Wort.“4

 

Ein messerscharfes Wort von Hilde Domin.

Messerscharf, wie das was ein Unbekannter einst schrieb.

An die Hebräer.

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“ (Hebräer 4,12.13)

 

 

Das sitzt.

Trifft.

Mitten ins Gesicht.

Und ins Innerste.

 

Zwischen all den Worten. Die du so hörst.

Und gesagt bekommst

 

Zwischen den Nachrichten.

Über die Granate. Auf das Flüchtlingswohnheim geworfen.

Europa steht vor dem aus.

Polen rückt nach rechts.

Frau Merkel soll gehen.

 

Zwischen den dummen Worten.

Die auf Flüchtlingswohnheime geworfen werden.

Und die dir vor die Füße geworfen werden.

 

Zwischen den Todesnachrichten

Und dem „ich liebe dich“

 

Das trifft. Das Wort Gottes.

Es schneidet sich hinein in deine Seele.

Und dein Gemüt.

 

Nichts ist verborgen. Jeder steht vor ihm. Und über alles wirst du Rechenschaft geben

 

Scharf und beißend.

Das Wort.

Ein drohender Zeigefinger.

 

Gott „ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Wie das „Gott sieht alles“ aus den Kindertagen.

Auch unter der Bettdecke und im Keller.

Da wo so manches Wort dem anderen durch Mark und Bein geht.

Und ein anderes Mal die Wahrheit ans Licht kommt.

 

„Vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen, es ist alles bloß und aufgedeckt.“

 

Dann stehst du da.

Verletzlich und starr.

Dann, wenn die Wahrheit herauskommt:

 

Dass deine Worte Wunden gerissen haben.

Und sie zu Waffen geworden sind.

Zu Granaten, die gegen Menschen geworfen werden.

Zu Messern, die zerreißen.

Es ist dein Wort.

Dein eigenes, lebendiges, todbringendes Wort.

Und dort wo es ausgesprochen wird verdorren sie.

 

 

 

 

Die zarten Halme

des Vertrauens,

der Liebe.

 

Durch das schwarze Wort.

Das böse,

das schnelle Wort.

 

Das Wort kann nicht wieder zurück.

Es fliegt überall hin.

 

Stich mit einem Messer in ein Kissen.

Die Federn fliegen weiter als du ahnen kannst.

Auch wenn du andere Worte hinterherschickst,

und versuchst die Federn einzusammeln.

Das böse Wort kommt an.

Du setzt es in die Welt

und dann ist es da.

Bleibt.

Ob du willst oder nicht.

Und wenn es dir noch so leid tut.

Das Wort bleibt in der Welt.

 

Aber es ist nicht das erste

und nicht das letzte Wort.

 

Das Erste.

Das Wort, das die Welt ins Leben setzt.

Es werde. Und es ward.

Es soll gut sein.

Und bleiben.

Ein klares, messerscharfes Wort.

„Lasst uns Menschen machen.“

 

Das Wort von einem,

der sagt, wie es geht.

Das Leben.

Mit klaren messerscharfen Worten.

„Wenn du zu Gott gehören willst, dann … .“

 

Dann stehst du da.

Und merkst, nicht alles geht.

Es ist wie ein Messer,

dass dir durch Mark und Bein dringt.

 

Das trifft,

dass die Gewalt der Worte stärker ist.

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch […].

 

 

Ein Wort trifft nicht am Herzen vorbei.

Nicht nur, dass du „einmal Rechenschaft ablegen musst“

 

Auch das andere Wort.

In Liebe und Güte.

Das streichelt.

Und tröstet.

Nach Unworten.

Gerüchten.

Und Vorhaltungen.

Nach einem Streit.

Und dem Schweigen.

 

Die Worte von einem Gott, der einen tröstet, wie einen eine Mutter tröstet.

Die Gewissheit,

das Wort,

dass Jesus für dich gekommen ist.

Und für dich gestorben.

 

Das Wort,

dass du dein Leben auf einmal verstehst.

Warum es so war und nicht anders.

Wenn du es dann siehst.

Und der Richter mit dir Mark und Bein scheidet.

 

Scheidet,

zwischen Lüge und Wahrheit.

gerecht und ungerecht.

gut und böse.

 

Genau hinsieht.

Dir nicht einfach Worte vor die Füße wirft.

Oder etwas behauptet.

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

Es wird alles freigelegt.

Jedes Wort,

und jede Tat.

Jede Verletzung,

und jede Träne.

 

Dein Leben wird offenbar

Und liegt vor.

Und über alles wird das Urteil gesprochen.

Von dem, dessen Wort am Anfang war.

Der am Anfang war.

Und auch am Ende sein wird.

Wenn er sagt:

Bist du bereit.

Und sei dir sicher ich werde gerecht sein.

Alles ansehen.

Und nicht nur das was die Menschen sehen.

Oder sehen wollen.

Sondern alleGedanken und Sinne des Herzens“

Auch all die Albträume und Träume.

Die verbauten Chancen.

Die Versuche Gutes zu tun.

Und das, was gescheitert ist.

 

Sei dir sicher:

Gott ist dein Richter.

Und nicht der Mensch.

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.“

 

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1 Domin, Hilde: „Unaufhaltsam“. (Gedicht).

2 Domin, Hilde: „Unaufhaltsam“. (Gedicht).

3 Domin, Hilde: „Unaufhaltsam“. (Gedicht).

4 Domin, Hilde: „Unaufhaltsam“. (Gedicht).