Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 4,14-16

Pfarrerin Barbara Eberhardt (ev.)

14.02.2016 Kirche St. Johannes in Regensburg

Der geschlossene Vorhang

 

Sie sitzt in ihrem Zimmer.

Duster ist es.

Durch das kleine Fenster sieht sie nur grauen Himmel.

Neben ihr flackert eine Öllampe.

Es ist gerade genug Licht,

dass sie schreiben kann.

Gern hätte sie jetzt die anderen bei sich.

Früher waren sie

an solchen Tagen zusammengesessen.

Sie reichten sich

Schälchen mit Oliven und Pistazien weiter,

brachen das Brot, tranken Wein.

Lachten.

Diskutierten.

Beteten.

Glaubten.

 

Jetzt ist sie allein.

Sie fröstelt.

Sieht zur Tür.

Die ist nur mit einem Vorhang verhängt.

Die kalte Winterluft zieht herein.

Wie schön wäre es,

wenn sich der Vorhang beiseiteschieben

und ein vertrautes Gesicht zeigen würde.

Aber der Vorhang bleibt zu.

Keiner kommt.

 

Sie haben andere Beschäftigungen gefunden.

Gehen ihrem Tagwerk nach.

Die eine ist jetzt, so hört man,

Beraterin für spirituelle Praxis.

Was auch immer das heißen mag.

Den anderen findet man meistens

in der Taverne am Hafen.

Dort knabbert er zurzeit seine Oliven und Pistazien

und dort trinkt er seinen Wein.

Ob er noch ab und zu betet?

Sie weiß es nicht.

 

Sie würde so gern

die anderen wieder zusammenholen.

Aber sie weiß nicht wie.

Und so sitzt sie allein in ihrem Zimmer und schreibt.

Von dem, was sie verbunden hat.

Vom gemeinsamen Bekenntnis damals.

Von ihrem Glauben jetzt.

 

Weil wir also einen großen Hohenpriester haben,

Jesus, den Sohn Gottes,

der die Himmel durchschritten hat,

so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

 

 

Der sympathische Hohepriester

 

Sie sieht zum Vorhang an der Tür

und sie muss an einen anderen Vorhang denken.

Damals im Jerusalemer Tempel

hing er vor dem Allerheiligsten,

dem Raum,

der nur einmal im Jahr betreten werden durfte.

 

Der Vorhang bewegt sich leicht.

Der Hohepriester hat ihn berührt.

Der große Moment ist da.

Das ganze Jahr über

hat er gelebt wie ein normaler Mensch.

Er ist seiner täglichen Arbeit nachgegangen,

im Schweiß seines Angesichts.

Er hat sich geärgert über seinen Chef

und war oft froh, wenn es endlich Feierabend war.

Er hat seine Kinder geschimpft

und sich mit seiner Frau gestritten.

Und sich wieder versöhnt,

die Stunden mit der Familie genossen.

 

Aber dann kam die Zeit

vor dem großen Versöhnungstag,

Jom Kippur.

Er hat sich vorbereitet,

eine Woche lang,

abgesondert von den anderen.

In der letzten Nacht hat er gewacht.

Am Morgen hat er sich im Tauchbad gereinigt,

hat gebetet und die Opferriten vollzogen,

damit Gott ihm seine Sünden vergibt.

Die Ungeduld mit den Kindern.

Den Streit mit der Frau.

Die Eitelkeit, immer der Beste sein zu wollen.

 

Jetzt steht er da.

Gereinigt.

Bereit.

Nur der Vorhang trennt ihn noch vom Allerheiligsten.

 

Außen sind die anderen.

Die vielen, die am Versöhnungstag

zum Jerusalemer Tempel gekommen sind.

Sie stehen in den Vorhöfen

und, weil die nicht reichen,

auch in den Gassen, die zum Tempel führen.

Sie sehen den Hohenpriester nicht.

Er ist verborgen hinter den Tempelmauern.

Aber sie wissen:

Wir haben nicht einen Hohenpriester,

der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,

sondern der versucht worden ist in allem wie wir.

 

Man nennt das

die Sympathiestruktur des Glaubens.

Sympathie heißt Mit-leiden.

Mit-fühlen.

Nur wer mitfühlt,

wer die Erfahrungen der Menschen teilt,

kann sie auch vor Gott vertreten.

Das ist die Gegenwelt zu Funktionärslogik

und abgehobener Hierarchie.

Solidarität und Mitleiden.

Er ist einer von uns:

der Hohepriester.

 

 

Jesus, versucht wie wir

 

Er ist einer von uns:

Jesus, Kind Gottes.

Wurde versucht wie wir.

Er hat sich eine Auszeit genommen,

abgesondert von den anderen.

40 Tage.

Sieben Wochen ohne.

Ohne Schokolade.

Ohne Sportschau.

Ohne Alkohol.

Ohne gesellige Runden mit Freunden

und Oliven und Pistazien.

Ohne kluge Worte und Recht haben.

 

Und dann kommen die Fragen:

Warum machst du das?

Hängst du so stark am Alkohol?

Oder an Schokolade?

Oder an Geselligkeit?

Warum ziehst du den Vorhang zu,

schaffst Distanz zwischen dir und den anderen?

Und auch die subtilen Fragen kommen,

die innere Stimme:

Willst du damit nicht eigentlich wieder etwas leisten,

gut dastehen vor den anderen?

Dient das nicht nur der Selbstbestätigung?

 

Jesus hat den Fragen standgehalten.

Den Fragen des Versuchers in der Wüste,

den Fragen seiner Freunde,

den Fragen auch seiner Feinde.

Er ist seinen Weg gegangen.

Den menschlichen Weg.

Durch Einsamkeit und durch Zweifel,

durch übermütige Feste

und durch die kostbaren Abende

mit seinen Freundinnen und Freunden,

bei Pistazien und Oliven,

Brot und Wein.

Jesus ist den menschlichen Weg gegangen,

durch Kana und Kapernaum,

durch den Garten Gethsemane

bis nach Golgatha.

Dort ist er gestorben.

 

 

Gnade strömt heraus

 

Und in diesem Moment

zerriss der Vorhang im Tempel.

So haben es die Evangelisten geschrieben.

 

Sie sitzt in ihrem Zimmer

im flackernden Schein der Öllampe

und hat ein anderes Bild im Kopf.

Sie stellt sich den Hohenpriester vor,

wie er den Vorhang im Tempel berührt

und behutsam beiseiteschiebt. 

Duster ist es im Allerheiligsten.

Aber der Hohepriester

tritt mit Zuversicht in das Dunkel,

an die Stelle,

wo früher die Bundeslade stand.

Jetzt ist da nur noch ein Stein,

gerade einmal drei Finger breit über dem Boden.

Man nannte den Stein Schtija, Grundstein.

Und man nannte ihn auch Thron der Gnade.

Weil Gott Gnade ist.

Und der Hohepriester meint zu spüren,

wie die Gnade, wie Gott selbst,

von diesem Stein ausgeht.

Wie sie ihn umströmt und weiterzieht,

durch die offene Tür in den ganzen Tempel

und von dort weiter

über die Menschen vor dem Tempel

und in den Gassen Jerusalems,

und weiter und noch weiter.

 

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht

zu dem Thron der Gnade,

damit wir Barmherzigkeit empfangen

und Gnade finden zu der Zeit,

wenn wir Hilfe nötig haben.

 

 

Durch den Vorhang in die Welt

 

Sie liest die Zeilen noch einmal durch,

die sie geschrieben hat.

Die Worte sind gut.

Später wird sie weiter schreiben.

Von Jesus.

Der Himmel und Erde durchschreitet.

Weil der Vorhang jetzt offen ist.

Und offen bleibt.

Sie wird ihre Gedanken unter die Leute bringen.

In einem Brief.

Aber ihren Namen wird sie nicht darunter setzen.

Sollen sich die Menschen später

den Kopf darüber zerbrechen,

wer das geschrieben hat:

ein Mann oder eine Frau,

jüdisch oder nicht-jüdisch.

Hauptsache sie lesen es.

 

Aber vorher, vor allen weiteren Worten,

ist es an der Zeit, etwas anderes zu tun.

Sie will mit-leiden,

mit-fühlen mit Jesus,

dem großen Hohepriester,

der Mensch war unter Menschen.

Behutsam bläst sie die Öllampe aus,

zieht Schuhe und Mantel an,

nimmt das vollbeschriebene Papyrusblatt

und steckt es in ihren Beutel.

Sie geht zur Tür

und schiebt den Vorhang beiseite.

Grau ist es draußen.

Es wird noch etwas dauern,

bis der Frühling kommt.

 

Sie geht hinaus

durch die Gassen und Straßen ihrer Stadt,

spricht mit einer Frau, die sie nach dem Weg fragt.

Geht in einen Laden und kauft Oliven und Pistazien.

Mit dem Beutel in der Hand läuft sie weiter

bis zum Hafen.

Dort sieht sie die Taverne

mit den hell erleuchteten Fensterscheiben.

Und sie sieht ihn.

Den alten Freund.

Er sitzt allein an einem Tisch,

vor ihm ein Glas Rotwein.

Sie geht hinein und setzt sich zu ihm.

„Lange nicht mehr gesehen“,

sagt sie.

Und sie bestellt sich ein Glas Wein

und legt Pistazien und Oliven auf den Tisch.

Es ist gut, da zu sitzen.

Schweigend und knabbernd.

Nach einer Weile zieht sie das Papyrusblatt 

aus ihrem Beutel und sagt:

„Ich habe etwas geschrieben.

Vielleicht kannst du etwas damit anfangen.“

 

14. Weil wir also

einen großen Hohenpriester haben,

Jesus, den Sohn Gottes,

der die Himmel durchschritten hat,

so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

15. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,

der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,

sondern der versucht worden ist in allem wie wir,

doch ohne Sünde.

16. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht

zu dem Thron der Gnade,

damit wir Barmherzigkeit empfangen

und Gnade finden zu der Zeit,

wenn wir Hilfe nötig haben.

 

Amen.