Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hesekiel 36,26a

Pastorin Carmen Rossol (me.)

01.01.2017 Mennonitengemeinde Weierhof

Neujahr-Gottesdienst

Thema: "Alles neu?"

 

Liebe Gemeinde,

ich wünsche euch allen und euren Lieben ein gutes und gesegnetes neues Jahr. Ich wünsche euch nicht nur Neues. Ich wünsche euch gutes Neues. Gott möge es uns und unserer ganzen Welt schenken.

 

Die Jahreslosung verheißt gutes Neues. Denn sie verspricht Gutes von Gott:

  • Ein neues Herz.
  • Einen neuen Geist.
  • Nicht selbst erarbeitet, sondern
  • von Gott geschenkt.

Das hört sich doch gut an. Von daher hat mir die Jahreslosung sofort gefallen, als ich sie das erste Mal las.

 

Ich will euch aber auch in meine weiteren Gedanken und Gefühle mit hineinnehmen. Auf der einen Seite nur gefällt mir die Jahreslosung. Auf der anderen Seite bin ich sehr skeptisch:

  • Was heißt hier „neu“?
  • Ein neues Herz, einen neuen Geist – das brauchen viele Menschen. Aber ich sehe so viele festgefahrene Wege. Sowohl im kleinen Zwischenmenschlichen als auch in der weiten Welt:
    - So viel gegenseitiges Meiden. 
    - Taktieren.
    - Bekämpfen.
  • Können sich Menschen wirklich ändern? Grundsätzlich neu werden?

Denn darum geht es doch wohl bei dem neuen Herzen und dem neuen Geist. Irgendetwas scheint mir da nicht stimmig.

 

Das kommt mir so vor wie wenn wir sonst von Neuem sprechen:

  • Ich kaufe mir ein neues Auto.
  • Du hast eine neue Frisur.
  • Sie bekommt ein neues Knie.
  • Die USA bekommen einen neuen Präsidenten.

 

Mit all diesen Neuigkeiten ist Neues möglich. Erwartungen sind geweckt. Hoffnungen werden wach:

  • So ist das neue Auto schöner und schneller.
  • Deine neue Frisur macht dich jünger.
  • Mit dem neuen Knie ist sie viel beweglicher.
  • Und der neue Präsident wird es richten.

 

Meine skeptische Seite sieht genauer hin. Da stimmt doch was nicht:

  • Das neue Auto wird in 5 Jahren schon alt sein.
  • Die neue Frisur kann vielleicht oberflächlich verjüngen, aber effektiv nicht jünger machen.
  • Das Knie ist nicht neu, sondern künstlich. Es wird ein Fremdkörper bleiben.
  • Und der neue US-Präsident? Wir werden sehen, ob das Neue auch gutes Neues sein wird.

Jetzt können wir uns bezüglich der Jahreslosung natürlich retten, indem wir sagen: Das Neue kommt ja von Gott und nicht von den Menschen. Gott mit seiner Schöpferkraft kann wirklich Neues entstehen lassen. So wie es vor Jahren in einer Jahreslosung hieß:

"Gott spricht: Seht, ich will ein Neues schaffen! Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr´s denn nicht?" (Jes. 43,19)

 

Wir müssen schon genau hinsehen. Das Neue ist nicht so leicht zu entdecken. Denn es wächst noch.

Dieser Gedanke gefällt mir besser als das neue Herz und die neue Geistkraft in unserer Jahreslosung.

Denn das neue Herz hört sich so nach Herz-Operation an. Gott nimmt das steinerne Herz weg und setzt ein lebendiges ein. Operation geglückt und dann ist alles neu. Ganz ohne Zutun von Menschenhand sogar.

Noch einmal zu meinen unterschiedlichen Eindrücken zur Jahreslosung:

  • Zuerst war da also meine Sympathie. Wie schön, so viel Gutes und Neues!
  • Dann meine Skepsis: Kann es überhaupt gutes Neues bei Menschen geben? Kommt das Alte nicht immer wieder durch?
  • Als Nächstes versuchte ich es mit dem Kontext der Jahreslosung.

Was steht da eigentlich in den Versen rundherum im Buch Hesekiel? Vielleicht bringt das weiter.

Ich lese ausgewählte Verse aus Hesekiel 36 (Gute Nachricht):

» So spricht Gott:
Als die Leute von Israel noch in ihrem Land wohnten,
haben sie es durch ihr Tun und Treiben unrein gemacht.
Sie haben Unschuldige getötet
und das Land mit ihren Götzen geschändet.
Deshalb schüttete ich meinen ganzen Zorn über sie aus. 
Ich zerstreute sie unter fremde Völker und in fremde Länder.
Ich bestrafte sie, wie sie es verdient hatten.
Aber wohin sie auch kamen,
brachten sie meinen heiligen Namen in Verruf.
Denn die Leute dort sagten:
'Sie sind das Volk Gottes.
Aber er hat nicht verhindern können,
dass sie sein Land verlassen mussten.' 
Überall, wohin mein Volk kam,
reden die Leute so über mich.
Das schmerzte mich.
Darum sollst du zu den Leuten von Israel sagen:
'So spricht der mächtige Gott:
Nicht euretwegen greife ich ein, ihr Leute von Israel,
sondern wegen meines heiligen Namens,
Ich werde meinem großen Namen wieder Ehre verschaffen.
Alle Völker sollen erkennen,
dass ich mich als der heilige Gott erweise.
Ich sammle euch aus allen Ländern
und bringe euch wieder in euer Land zurück. 
Dort besprenge ich euch mit reinem Wasser
und wasche den ganzen Schmutz ab, der an euch klebt.
Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist.
Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust
und schenke euch ein lebendiges Herz.
Ich erfülle euch mit meinem Geist
und mache aus euch Menschen,
die nach meinen Ordnungen leben,
die auf meine Gebote achten und sie befolgen.»

Harte prophetische Worte, voller Leidenschaft. So etwas höre ich nicht so gern am Neujahrstag. Da erwarte ich im Gottesdienst doch etwas, das ermutigt. Das neue Herz und der neue Geist, die nehme ich gern. Aber die anderen Sätze sind zeitbedingt und deshalb kann man sie doch auch lassen. Oder?

 

Einer unserer theologischen Lehrer sagte es so über die Verse in den Losungsbüchlein:

„Die sind wie Salzstangen. Ganz nett zu knabbern, aber sie machen nicht satt. Dazu braucht es Schwarzbrot.“

 

Die Jahreslosung ist wie eine Salzstange. Schwarzbrot ist allerdings dieser Prophetentext. Ich habe noch an den Argumenten zu kauen:

  • Gott will nämlich nicht Herz und Geist erneuern, weil er Mitleid mit dem Volk hätte.
  • Er will es nur um seiner selbst willen tun. Denn dass das Volk in Verbannung lebt, schadet seinem, Gottes, Ansehen unter den Völkern. Die verhöhnen ihn, wenn sie sagen: „Seht mal her, die Israeliten sind vertrieben. Dieser Gott ist nicht mal in der Lage, ihnen ihr Land zu erhalten!“
  • Das ist für Gott sozusagen ein internationaler Image-Verlust.

Darum also will er die Not-Operation neues Herz und neue Geistkraft. Mit dem neuen Guten ausgestattet, kann das Volk wieder zurück in die Heimat. Und Gottes Ruf ist wieder hergestellt.

 

Fragen zum Nachdenken für uns:

  • Kümmern wir uns eigentlich um Gottes Ruf?
  • Wenn wir – und sei es nur manchmal – nicht so leben, wie wir es von Jesus gelernt haben: Glauben wir, dass Gott das kalt lässt?
    - Unversöhnt bleiben,
    - schlecht über andere reden,
    - es mit der Wahrheit nicht sooo genau nehmen.
  • Was macht das mit uns und mit unseren Mitmenschen?
  • Was aber macht es auch mit Gott?

 

Nun könnten wir sagen: „Wir brauchen eigentlich kein neues Herz und keinen neuen Geist. Weil: Im Vergleich zu den wirklich schlechten Menschen sind wir ja ganz in Ordnung.“

Und irgendwie stimmt das doch auch. Ich möchte mich und euch nicht schlechter machen als wir sind. Dennoch glaube ich, wir sollten die Bitte des Psalmwortes mitsprechen, in dem es heißt:

 

„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz.

Und gib mir einen neuen gewissen Geist.“ (Ps. 51,12)

 

Das ist ein Gebet, das in einem Bußpsalm steht. Vielleicht kann es im neuen Jahr ein Gebet werden, das wir öfter sprechen:

 

„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz.

Und gib mir einen neuen gewissen Geist.“

 

Nachdem ich euch nun mitgenommen habe in mein Hin und Her mit der Jahreslosung, möchte ich euch aber auch noch die anderen Hesekiel-Verse lesen, die sich anschließen. Und die doch freundlicher klingen:

»So spricht Gott:
Dann dürft ihr für immer in dem Land wohnen,
das ich euren Vorfahren gegeben habe.
Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein.
Ich sorge dafür,
dass ihr nicht mehr unter den Folgen eurer Taten leiden müsst.
Ich rufe das Korn herbei und lasse es wachsen
und sich mehren. 
Ich lasse die Früchte auf den Bäumen reichlich gedeihen
und alles, was auf den Feldern wächst.
Die anderen Völker sollen euch nicht mehr als Hungerleider verspotten.
Und auch das sagt der mächtige Gott:
'Wenn ich euch von eurer Schuld reingewaschen habe,
werden auch eure Städte aus den Trümmern wieder aufgebaut
und von Menschen bewohnt werden. 
Wer bei euch durchreist, wird sagen:
Dieses Land war eine Wüste,
jetzt ist es wie der Garten Eden geworden!
Die Städte lagen verlassen und in Trümmern,
jetzt sind sie bewohnt und gut befestigt!
Die Völker ringsum sollen erkennen,
dass ich, Gott, das Eingerissene wieder aufbaue
und das Verwüstete neu anpflanze.
Ich habe es angekündigt und ich werde es auch tun.'»

Wenn ich in den Nachrichten das zerstörte Aleppo sehe, sehne ich mich danach, dass Gott Neues schafft:

  • Zuerst Menschen mit neuen Herzen und mit seiner neuen, schöpferischen Kraft.
  • Dann Pflanzen, die wieder wachsen und Menschen ernähren können.
  • Tiere, die ohne Schrecken dabei sind.
  • Bewohnbare Häuser, die Heimat geben und auch noch schön aussehen.
  • Später wieder Touristen, die durchreisen und staunen: »Dieses Land war eine Wüste, jetzt ist es wie der Garten Eden geworden! Gott sei Dank.»

Werden sie dann an Gott denken und ihm danken? Wir können uns dann erinnern und ihm danken, wenn es so weit ist.

Und jetzt noch der letzte Vers in dem Kapitel der Jahreslosung:

»Auch das sagt der mächtige Gott:
'Noch eine Bitte werde ich dann den Leuten von Israel erfüllen: Ich will sie vermehren wie eine Schafherde. 
In den Städten, die jetzt noch in Trümmern liegen,
soll es von Menschen wimmeln.» 

Da ist er wieder, der Gott, den ich besser kenne und den ich so liebe: Der Gott, der sich von seinen Leuten erweichen lässt. Er ist doch nicht nur um seinen eigenen Ruf bemüht. Er hört die Bitte und lässt sich darauf ein. Er will wieder Fruchtbarkeit schenken, nicht nur auf den Feldern, auch bei den Menschen. Viele Kinder, viel  Hoffnung. Neues und Gutes.

„Schaffe in uns und unserer Welt, Gott, neue Herzen.

Und gib uns und unserer Welt deine neue Geistkraft. Das bitten wir für das Jahr 2017.“

 

Ich wünsche uns und unserer Welt wirklich "gutes Neues" im neuen Jahr.

Das alte Denken und Tun lässt sich in unserer Welt wohl nicht vermeiden. Es geschieht.

Aber das Neue soll wachsen, möglichst sichtbar. Das wäre schön.

Lasst uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn wir es bei uns und anderen und überhaupt in unserer Welt entdecken.

 

Amen