Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hiob 14

Dr. med. Kinderarzt Eckhard Piegsa

11.11.2012 in der Ev. St. Martini Kirche in Bremen

Einen Mitschnitt der Predigt hören Sie hier ab 04:25.

 

Mensch, wer bist du? Diese Frage steht über dem 14. Kapitel des Buches Hiob. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst und jede Generation setzt bei der Antwort darauf eigene Akzente. Auf den ersten Blick scheint dies lebensfernes Philosophieren zu sein. Doch ist diese Frage von entscheidender Bedeutung für unseren Alltag und unsere Einstellung zu uns selbst, zum Nächsten und zum Leben. Wir wollen uns definieren, streben danach, unser Leben selbst zu kontrollieren und zu gestalten. In der Aufklärung, der "Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit", erhielt dies Streben einen kräftigen Schub. Gott wurde in den Hintergrund gerückt, die Fessel der Religion abgestreift. Heutzutage sind wir soweit, dass man „sich selbst erfindet". Man stellt sein Profil bei Facebook ein, schönt Bewerbungszeugnisse und Lebensläufe und sucht seinen Wert, indem man eine Fußspur im Internet hinterlässt.

Auch die Menschheit als ganze scheint sich selbst ständig neu erfinden zu wollen. Das Streben wissenschaftlicher Forschung zielt ja längst nicht allein darauf, das Leben der Menschen angenehmer zu machen, sondern bislang unantastbare Grenzen zu sprengen. Und das nicht nur im Weltraum, sondern auch und gerade im Mikrokosmos: Genforschung und Genmanipulation wollen nicht einfach Nöte lindern und Krankheiten beseitigen. Dahinter steht auch die Suche nach dem perfekten Menschen. Der Einzelne wird dabei zunehmend (und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt) zur Verfügungsmasse und zum Objekt. - In diese Situation hinein wollen die Worte Hiobs uns neu zum Nachdenken bringen über das Wesen des Menschen.

"Der Mensch, geboren von der Frau..." So beginnt dieser Abschnitt. Was wie ein überflüssiger Zusatz oder ein poeti-sches Stilelement wirkt, stellt für den AT'lichen Hörer des Textes den Zusammenhang zur Urgeschichte und somit zur biblischen Gesamtschau vom Menschen her. Die Worte Hiobs sind voller Rückbezüge auf die ersten vier Kapitel der Bibel. Es lohnt sich, einmal Hiob 14 und 1.Mose 1-4 nebeneinander zu lesen. Dabei mag man die naturwissenschaftlichen Bedeutung dieser Kapitel unterschiedlich werten. Die darin enthaltenen anthropologischen Aussagen aber sind grundlegend für die biblische Sicht vom Menschen. Ich möchte fünf Punkte herausgreifen.

1. Die Verortung des Menschen

Wie oft denken wir, dass mit uns die Zeitrechnung beginnt? Mit den Worten "...geboren von der Frau", stellt Hiob den Menschen hinein in ein Geflecht von Beziehungen. Es ist Teil unserer normalen Persönlichkeitsentwicklung, dass wir uns als Kinder für den Mittelpunkt der Welt halten, dem alles andere zugeordnet ist. Und in der Pubertät wird alles Wissen, alle Erfahrung der Eltern beiseite geschoben und bekämpft. Leider aber halten wir auch nach der Pubertät als Einzelne, als Gruppen und als Völker oft unerschütterlich daran fest, uns als Nabel der Welt zu sehen, um den sich alles andere zu drehen hat. Demgegenüber macht die Bibel deutlich, dass wir in einer Abhängigkeit stehen, die sich zurückverfolgen lässt bis zur Schöpfung und zum Sündenfall. Das ist ernüchternd und entlastend zugleich. Wir sind nicht so großartig, wie wir gern von uns denken. Und doch sind wir als Geschöpfe Gottes zugleich viel großartiger, als wir es je selbst bewerkstelligen könnten!

Nach biblischem Zeugnis ist der Mensch aus Gottes Willen und zu Gottes Ebenbild geschaffen; und dann aus der Vereinigung von Mann und Frau gezeugt. Damit aber ist er nicht als Einzelwesen, sondern zur Gemeinschaft berufen. Er ist hineingestellt in das Gefallensein der Menschheit, in die Geschichte der gestörten Beziehungen und schmerz-haften Geburt. Und er steht zugleich unter der Verheißung, dass aus der Nachkommenschaft der Frau der kommen wird, der das Gefallensein der Welt und den Satan über-winden wird. All dies schwingt mit in dem Zusatz "geboren von der Frau". Es widerspricht unserer modernen Sicht vom Menschen, unserem Credo von Individualität und Autono-mie, Selbstverwirklichung und Selbstüberhöhung. Zugleich widerspricht es der Vorstellung von der Verfügbarkeit des Lebens, ganz gleich ob damit ein Verfügen über das eigene Leben oder über das der anderen gemeint ist.

2. Die Begrenztheit des Menschen

Hiob beschreibt die Vergänglichkeit des Menschen in drasti-schen Bildern: "kurzlebig" ist der Mensch, "wie eine Blume", "wie ein Schatten"; Gott hat seine Tage und seine Grenzen festgesetzt; sein Leben verrinnt, "wie Wasser aus dem See schwindet und ein Strom versiegt und austrocknet". (Ähnlich haben wir es vorhin in Ps. 90 gelesen.) Wir stemmen uns gegen diese Kurzlebigkeit, versuchen, den Zeitpunkt des Todes hinauszuschieben, Zeit zu gewinnen, weil wir tief im Inneren spüren, dass es eigentlich anders sein sollte. In Prd. 3.11 heißt es, dass Gott den Menschen "die Ewigkeit in ihr Herz gelegt" hat. Die Urgeschichte zeigt, dass Gott uns Menschen zum Leben bestimmt hatte, nicht zum Tod. Der Tod als Grenze ist Folge der Auflehnung des Menschen gegen Gott. Wir leiden an dieser Begrenztheit, wollen sie durchbrechen, indem wir entweder das Leben verlängern oder aber zumindest autonom entscheiden, wann und wie es zu Ende zu gehen hat. Letzteres wird sichtbar an der Diskussion über selbstbestimmtes Sterben und assistierten Suizid. Wenn der Tod schon unausweichlich ist, will man sich wenigstens auch im letzten noch als Handelnden erleben. Hiob macht deutlich, dass unsere Tage feststehen und Gott derjenige ist, der über unser Sein entscheidet. Ob uns das passt oder nicht.

Paradoxerweise hängen wir nicht nur am Leben, sondern verschleudern zugleich dies kostbarste aller irdischen Güter. Dabei hilft uns eine ganze Freizeitindustrie, Zeit totzuschlagen. Laut einem Artikel im Dt. Ärzteblatt vom 02.11.12 verbringen schon Vorschulkinder mehr als 25% ihrer Wachzeit vor dem Fernseher! Das ist das Gegenteil von gelebter und erlebter Zeit.

3. Die Heimatlosigkeit des Menschen

Laut Hiob ist der Mensch "voller Unruhe" - auch dies ein Anklang an die Urgeschichte. Nach dem Bruch der Gemeinschaft mit Gott wird der Mensch aus dem Garten vertrieben. Der Bruch mit Gott wird zugleich zum Verlust des Vertrauens der Menschen zueinander, der Selbstwahrnehmung und der Beziehung zur Schöpfung. Der Mensch verliert seine innere und äußere Heimat. Und schließlich wird Kain nach dem Mord an seinem Bruder Abel zum Gejagten. Unser Streben nach der heilen Welt ist Ausdruck der Suche nach dem verlorenen Paradies - sei es in den großen Ideologien der Menschheit oder im kleinen Reich von Balkon und Garten. Dass die Entwürfe der großen Ideologien nicht tragen, sollten wir inzwischen gemerkt haben. Doch selbst wenn wir unser persönliches kleines Glück erreichen, wird dadurch unser Durst nicht nachhaltig gelöscht. Denn er ist nicht für die Dinge dieser Welt gemacht, sondern für die Ewigkeit.

Unser Verlangen, das Leben voll auszuschöpfen, führt in unserer medialen Zeit dabei in eine neue Falle. Um ja nichts zu verpassen, hetzen wir voll Unruhe von einer Aktivität oder Passivität zur nächsten, immer einen Stöpsel im Ohr oder einen Bildschirm vor den Augen. Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft und doch findet kaum noch Verständigung statt, weil wir das Hinhören verlernt haben und Elektronik die Begegnung ersetzt. Selbst die Tischgemeinschaft – sofern es sie überhaupt noch gibt - wird durch SMS und Telefon unterbrochen. In unserem Bemühen, das meiste aus der Zeit herauszuholen, haben wir verlernt, zur Ruhe zu kommen und zu fragen, was denn der Sinn der uns geschenkten Zeit, des uns verliehenen Lebens ist. Ruhe ist teil der AT'lichen Heilsverheißung. Wir aber halten sie nicht aus. Dabei ist Ruhe zum Nachdenken und Stillwerden unverzichtbar. Erst in der Stille erinnert sich der verlorene Sohn in Jesu Gleichnis an das Vaterhaus und kehrt um.

4. Die Verantwortung des Menschen

Hiob sieht den Menschen in der Gegenwart Gottes, vor dem Angesicht Gottes stehen. Das aber mit sehr gemischten Gefühlen: "Über ihm hältst du dein Auge offen, und ihn ziehst du vor dein Gericht." Während Gott in der Schöpfung lediglich über die Pflanzen- und Tierwelt spricht, spricht er zum Menschen! Der Mensch ist als Gegenüber geschaffen, als Antwortender und Verantwortlicher - vor Gott, vor seinem Nächsten und vor sich selbst.

Mit der Verantwortung aber tun wir uns schwer. Wir möchten gern irgendwie wichtig sein, groß dastehen, selbstbestimmt handeln. Wenn aber etwas schief geht, möchte keiner "es" gewesen sein. Das findet sich schon beim Sündenfall, wo Adam die Schuld auf Eva und auf Gott abschiebt und Eva die Schuld auf die Schlange (und damit indirekt ebenfalls auf Gott, der sie ja geschaffen hatte). Das ist heute nicht anders. Verantwortung und Verantwortlichkeit aber gehören nicht nur nach biblischem Zeugnis zum Wesen des Menschseins, sondern sind eine anthropologische Notwendigkeit. Darum kann die Bibel auch das Reden vom Gericht Gottes nicht lassen. Denn wenn wir dem Menschen die Fähigkeit zur Verantwortung absprechen, nehmen wir ihm den Kern des Menschseins! Nur dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und zu ihrer Verantwortung stehen, entwickeln sie sich und wachsen in ihrer Persönlichkeit. Das ist beim Kleinkind so, wenn es das "Selber" entdeckt und unter Geklecker sein erstes Brot schmiert oder beim Abwasch hilft. Das betrifft den Schüler, der sich erst dann bessern wird, wenn er begreift, dass an seinen schlechten Zensuren nicht nur die Lehrer schuld sind. Das gilt in der psychologischen Therapie ebenso wie in der Betreuung Straffälliger. Und es gilt für alle Versöhnung, die immer des Schuldeingeständnisses bedarf, damit sie zustande kommt.

Im Lichte Gottes erkennt der Mensch sich immer als Schuldigen. Das geht auch Hiob so - und er reagiert so, wie man das ungefiltert bei Kindern sehen kann, die normalerweise Mama und Papa entgegen strahlen, wenn sie deren Zuwendung spüren. Wenn sie aber etwas falsch gemacht haben, halten sie den Blick der Eltern nicht aus. So auch Hiob, wenn er ruft: "Blicke weg von ihm, dass er Ruhe findet..." Wir wünschen uns einen Gott, der seine Augen über uns offen hält zu unserem Wohl und Heil, wie Schiller in seiner Ode an die Freude sagt: "Brüder - überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen." Aber der mindestens ein Auge zudrückt, wenn wir unsere eigenen krummen Wege gehen. Dabei übersehen wir, dass ein wirklich lieber Vater bei seinen Kindern keinerlei Bosheit tolerieren wird. Denn er will für seine Kinder und von seinen Kindern das Beste. Der Theologe Kurt Marti formuliert in einem Gedicht über die Auferstehung: "das könnte manchen herren so passen wenn mit dem tode alles beglichen". Ich vermute, es könnte nicht nur manchen Herren so passen, sondern auch den meisten von uns. Ich darf Sie beunruhigen: Es wird nicht so sein! Wir werden uns vor Gott verantworten müssen.

5. Die Sehnsucht des Menschen

Hinter dem Reden von der Begrenztheit, der Heimatlosigkeit, der Schuldbehaftung des Menschen steht eine Sehnsucht: Die Sehnsucht nach Heilung der Verhältnisse und Erneuerung der Beziehung zu Gott. "Könntest du mich doch im Totenreich bewahren, mich verbergen, bis dein Zorn sich wendet, mir eine Frist setzen und dich dann meiner erinnern! [...] Du würdest rufen, und ich gäbe dir Antwort, nach dem Werk deiner Hände sehntest du dich. Wenn du dann meine Schritte zähltest, gäbst du nicht acht auf meine Sünde. Mein Vergehen wäre im Beutel versiegelt, und meine Schuld hättest du übertüncht." Am Ende des Kapitels fällt diese Hoffnung des Hiob wieder in sich zusammen. Und doch scheint sie immer wieder auf. In Hi. 16.19-21 heißt es: "Aber seht, schon jetzt ist im Himmel mein Zeuge und mein Bürge in der Höhe. [...] mit Tränen blickt mein Auge zu Gott, dass er Recht schaffe dem Mann bei Gott." Und sie gipfelt in den Worten aus Hi. 19.25: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben."

Damit weist Hiob über sich und seine Zeit hinaus. Angesichts seiner schonungslosen Analyse des Menschseins ist ihm klar, dass nur Gott selbst den Menschen vor Gott vertreten kann. Und dass der Mensch, wie edel er auch sei, der Erlösung bedarf. Der Erlöser, von dem Hiob spricht, ist der in Jesus Christus in Zeit und Raum Mensch gewordene Gott. Er hat unsere Begrenztheit und Heimatlosigkeit durchlitten und als der Unschuldige unsere Schuld getragen. In ihm können wir Befreiung, Heilung und Heimat finden bei Gott. Gotteszweifler und Glaubenskritiker mögen dies als fromme Selbsttäuschung und Jenseitsvertröstung abtun. Das steht ihnen frei. Doch sind ihre Antworten auf die Frage „Mensch, wer bist du?“ überzeugender als die der Bibel? Und welche Antwort haben sie auf die Sehnsucht des Menschen?

Für Hiob sind nicht alle Fragen geklärt. Noch quält ihn unsägliches Leid und darin die Verborgenheit Gottes. Und dennoch steht über allem das Bekenntnis seines Glaubens: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.“