Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hiob 28,12-28

Pfarrerin Andrea Hose-Opfer (ev.)

05.06.2016 Stadtkirche Bad Wildungen

Altstadt-Jazzfestival

(an diesen Stellen ~~~ jeweils kurze, eingängige Klaviermusik)

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

wir Menschen sind von Natur aus neugierig. Der Wissensdurst ist in uns angelegt. Von klein auf erschließen wir uns nach und nach die Welt, in der wir leben. Der Radius, in dem wir uns bewegen, wird immer größer. Die Einsicht über die Zusammenhänge der Dinge und Ereignisse um uns herum wird immer klarer. Und das ist gut so, denn sonst könnten wir uns nicht zurechtfinden, nicht überleben und würden uns verlieren in der großen, weiten Welt.
Und was für das Individuum gilt, das spiegelt sich auch in der Menschheitsgeschichte wider: Da wurde und wird mit den Mitteln und Möglichkeiten der jeweiligen Zeit geforscht: In den Weiten des Himmels, in den schier undurchdringlichen Urwäldern, in der Tiefe des Meeres, auf und unter der Erde, in allen Bereichen des menschlichen Körpers und im faszinierenden Universum der kleinen Dinge, wo es  z. B. um Up- und Down-Quarks und schwarze Energie geht – und ich als eher geisteswissenschaftlich orientierter Mensch muss zugeben: Wenn ich das nachzuvollziehen versuche, dann kriege ich regelmäßig einen Knoten im Kopf.
Dieses Forschen von Anfang an, dieses Über-den-eigenen-Tellerrand-blicken, ist ein menschliches Phänomen, mit dem sich auch die Bibel an vielen Stellen beschäftigt. Zuerst denke ich da natürlich an die Urgeschichte, in der uns ja ganz Grundsätzlich-Menschliches begegnet. Da ist schon die Rede vom Baum der Erkenntnis. Ja, und auch im Buch Hiob, wir haben es eben in der Lesung gehört, geht es darum, den Wert der Weisheit zu ermessen und sie zu finden, ihr Woher zu ergründen.

Eine Erkenntnis des Hiob ist, dass die wertvollsten Materialien wie Gold, Edelsteine, Perlen, Korallen und Kristall minderwertig sind gegenüber der Weisheit. Man kann sie nicht gegen diese Dinge abwägen und nicht käuflich erwerben.
Doch wer Weisheit hat, hat mehr als Perlen. Und unweigerlich fällt mir ein, was meine Eltern mir regelmäßig gesagt haben, wenn ich keine Lust hatte, mich richtig auf eine Klassenarbeit vorzubereiten: „Kind, lerne, denn was Du im Kopf hast, was Du weißt, das hast Du für´s Leben, das kann Dir keiner nehmen.“ Ja, und auch wenn mir das damals nicht geschmeckt hat, muss ich zugeben: Sie hatten recht. Späte Einsicht ist ja vielleicht auch eine Form der Weisheit.
All der edle Schmuck, alles Geld und Gut , das Menschen besitzen können, ist jedenfalls ziemlich wertlos im Vergleich zu dem, was man erkennen und wissen und im Leben anwenden kann.

Dass das Erkennen und Forschen und Suchen Lust auf mehr macht, und dass es hilfreich ist und gut tut, klug zu sein, diese Erfahrung hat auch die Mäusefamilie im Klavier gemacht. – Ihre Geschichte wurde in einer englischen Tageszeitung veröffentlicht:

Es war einmal eine große Mäusefamilie. Die lebte in einem herrlichen Klavier.

Ihre kleine Welt war oft erfüllt von wunderbarer Musik.
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Die Mäuse genossen die Musik und machten sich Gedanken darüber, von wem die schönen Klänge wohl stammten. Sie dachten, da muss es einen Klavierspieler geben, den sie zwar nicht sehen konnten, der aber ihnen doch hörbar nahe war.
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Eines Tages wagte sich eine Maus weiter nach oben in das Klavier. Und da entdeckte sie das Geheimnis der Musik. Metalldrähte von unterschiedlicher Länge zitterten, und durch ihre Schwingungen entstanden die Töne.

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So mussten die Mäuse ihren alten Glauben an den Klavierspieler aufgeben. Metalldrähte erzeugten die schöne Musik, die wunderbaren Klänge.

Einige Zeit später brachte eine andere Maus noch neuere Erkenntnisse mit. Kleine Filzhämmerchen sprangen und tanzten auf den Drähten und erzeugten die Schwingungen und damit die Musik.
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Nun war der alte Glaube überholt, und die Mäuse wohnten in einer aufgeklärten, wissenschaftlich durchschaubaren Welt.

Aber der Klavierspieler machte auch weiterhin seine wunderbare Musik.
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Woher kommt das Schöne in unserem Leben, das, was uns erfreut?
Warum ist die Welt so bunt? Wozu gibt es all die schönen Blumen und die lustigen Tiere? Wieso erklingt am frühen Morgen ein Vogelkonzert? Warum ist die Landschaft so unterschiedlich, mal scheinbar karg, mal üppig grün, doch überall faszinierend? Wofür leuchten die Sterne so strahlend am Nachthimmel? Warum erklingt immer wieder diese wunderbare Melodie in unserem Leben? – Wer spielt das große Klavier?

Fragen von Mäusen, Fragen von Menschen.

Denn es müsste schließlich nicht zwangsläufig alles so sein, wie es ist. Schwarz-Weiß und Grauschattierungen würden es doch auch tun. Eine Tonlage genügte zur Verständigung. Und zum Überleben, für die Erhaltung der Art, reicht ja wohl das sprichwörtlich gewordene Wasser und Brot. – Warum also diese Vielfalt? Woher kommt diese Klangfülle? Wozu dient diese Buntheit?

Menschen haben das erforscht. So, wie die neugierige Maus sich nicht mit einer überlieferten Erklärung zufriedengegeben hat, lassen Menschen sich gemeinhin nicht mit dem einem „das ist einfach so“ abspeisen. 

Die Maus fand die Saiten im Klavier, entdeckte, dass sie mitunter schwingen und auf diese Weise den Klang erzeugen. Und eine spätere Maus entdeckte die Filzhämmerchen, die die Saiten in Schwingungen versetzen.
Die letzte große Frage der Mäusefamilie schien damit geklärt.

Der alte Glaube an den Klavierspieler war hinfällig geworden.

Der auf diese Weise abgeschaffte große Pianist spielte aber weiter die schöne Melodie des Lebens.
Und das bringt uns unweigerlich zum Schmunzeln … und zu einer Erkenntnis hoffentlich auch: Über uns selbst, über Gott und die Welt.

Die Mäuse nämlich erliegen einem Trugschluss. Sie meinen, dass es nicht mehr gäbe als das, was sie mit ihren kleinen Mäusegedanken erfassen können. Sie erkunden ihren Lebensraum, das Klavier, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, dass es hinter ihrem Horizont weitergehen könnte. Sie meinen, das, was sie sehen und erfassen können, sei schon alles, was es gibt. Sie halten sich für den Nabel der Welt. Und im Kreisen um sich selbst werden sie im wahren Wortsinn beschränkt und nehmen sich das begeisterte Staunen, das sie einst hatten: Das Staunen über das Wunder ihres Daseins, über die schöne Melodie ihres Lebens, die ihnen von außen gespielt wird, von einem Ort, an dem sie nicht sein und nicht leben können.

Die letzte große Frage der Mäusefamilie haben sie damit eigentlich gar nicht beantwortet, sondern sie haben sich nur abgewöhnt, sie zu stellen.

Und die letzte große Frage der Menschheit?

Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht? fragt Hiob, und fragen wir.
Und wir ahnen: Es geht hier nicht um Wissen in einem bestimmten Fachgebiet, nicht um Klugheit und gute Zeugnisnoten. Sondern um die letztliche Weisheit, um die letzte, die allesumfassende Wahrheit. Um die Erkenntnis dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie Goethe es im Faust formuliert hat. Oder um den festen Punkt, an dem man die Welt aus den Angeln heben könnte, wie Archimedes gesagt haben soll.

Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?
Diese Fragen erinnern mich sehr an die Mäusefamilie. Doch Hiob bietet uns eine ganz andere Antwort an. Denn er hat verstanden, dass seine Gedanken, dass unsere menschlichen Gedanken, nicht die ganze Realität erfassen können. Sondern dass wir in unserem Forschen und Fragen immer noch mit mehr rechnen müssen. Dass wir gut beraten sind, wenn wir da noch Platz lassen für etwas Größeres, Umfassenderes, für den, der von Anfang an da war und immer da sein wird, ob wir nach ihm fragen oder nicht. Der die Melodie unseres Lebens spielt. An den wir im Erdenleben nur glauben, den wir nur erahnen können, den wir aber dereinst klar und deutlich sehen und erkennen werden.
Und dann werden wir alles verstehen – die Weisheit, die ganze Wahrheit wird sich uns erschließen. Dann werden die letzten Fragen der Menschheit uns klar beantwortet sein.
Doch was bleibt uns bis dahin? Wie können wir schon jetzt Anteil haben an Gottes Weisheit und Einsicht? Was sollen, was können wir tun?

Hiob würde antworten: Gott und seine unergründlichen Wege, seine unerforschliche Weisheit loben und preisen! – Und ich möchte uns dazu ermutigen: Ja, das können wir! Wir können uns selbst von Gottes wunderbarer Melodie in Schwingung versetzen lassen und darin einstimmen mit unserem Reden und Tun.
Unsere Weisheit besteht darin, ihn als den großen Klavierspieler unseres Lebens anzuerkennen, uns immer wieder zu ihm hinzuwenden und ihn zu ehren.
Und unsere Einsicht ist, das Gute zu suchen und es wahr werden zu lassen, da, wo wir gerade sind und mit denen, die uns begegnen.
So schließe ich nun mit Hiob:

Gott weiß den Weg zur Weisheit, er allein kennt ihre Stätte.
Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit,
und meiden das Böse, das ist Einsicht. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.