Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Humor

Pfarrer Michael Knöller (ev.)

26.12.2016 Ev. Gemeindehaus Pfrondorf

„Schenk uns Glaubensheiterkeit“:

Humor und Glaube 

 

Damit das klar ist: Wir sind nicht zum Spaß hier!

Denn das ist manchmal echt nicht mehr lustig, was manche für lachhaft halten oder was sie vom Lachen halten.

 

Im Himmel wird Lachen sein - schön, wenigstens da. 

Auf Erden weißt du nicht, ob du lachen oder weinen sollst. Und auch im Paradies gab´s nichts zu lachen denn da war die Welt noch perfekt. Lachen und Humor aber leben vom nicht perfekten, fehlerhaften und Unvollkommenen! 

In einer Welt, die sich selbst zur Perfektion verdammt brauchen wir den Clown, der seine Unvollkommenheit inszeniert und über seine Beine stolpert.

 

(1) Wir leben in einer gebrochenen Welt. Das zeigt sich am Lachen mit dem man Menschen lächerlich macht, 

das verkommen kann zum mitleidigen Belächeln,

das mutieren kann zum aufgesetzten, falschen Lachen

und verletzen kann, wo man mit anderen über andere lacht.

 

Über andere lachen: Die älteste Darstellung eines Kreuzes ist kein Heiligenbild sondern eine Karikatur – ja, schon damals. Ein Römer machte sich über einen Christen lustig,

er malte ein Kreuz an dem ein Mann mit Eselskopf hängt.

Er schrieb dazu: Alexandros betet seinen Gott an. Der Esel!

 

Über andere lachen: Seit den Komödien des alten Griechenlands stehen Komiker und Comidians auf der Bühne

um sich und andere der Lächerlichkeit preiszugeben.

Männer lachen über die Macken der Frauen; Frauen lachen

über ihre Macker und die Dunkelhaarigen über Blondinen.

 

(2) In der gebrochenen Welt kannst du lachen „bis der Arzt kommt“. Leider musste der auch kommen, für manche zu spät, damals in Paris, nach dem Anschlag auf die Zeitung „Charlie Hebdo“, die vorher eine Karikatur über Mohammed veröffentlicht hatten. Wie auch schon vorher die Mohammed – Karikatur eines Dänen für Ärger sorgte!

 

Lachst du über andere kannst du nur hoffen, dass denen auch zum Lachen zumute ist! Denn treffen deine Späße auf ihren heiligen Ernst, was dann?!

Fundamentalisten wollen wahrlich „mit aller Gewalt“,

dass uns das Lachen vergeht, wie zur Zeit im Islam.

 

Aber wie sieht es denn bei uns aus, im Christentum?!

In der Bibel wird zwar viel von Freude gesprochen –

aber wenig vom Lachen und wenn, wird es meisten kritisiert als das ungläubige Lachen der Spötter, siehe Psalm1.

 

So scheinen manche christliche Kreise nicht das Lachen nicht erfunden zu haben und singen am liebsten „Mit Ernst oh Menschenkinder“.

Der Religionssoziologe Peter L. Berger stellt über die christliche Theologie fest, sie sei „größtenteils eine deprimierend weinerliche Angelegenheit“. 1

 

Schon schräg: Wir leben von einer „guten Nachricht“, vom Evangelium; wir haben allen Grund, uns zu freuen.

Doch die Kirchen machte lange eine toternste Sache draus.

Aus gutem, nein, aus schlechtem Grund:

Aus der Angst der Menschen konnte man Profit schlagen.

Denken Sie an „Der Name der Rose“! 2

Da wird der Mönch Jorge von Burgos zum Mörder damit

niemand ein Buch des Aristoteles über die Komödie und den Humor liest. Das Lachen sei gefährlich denn es töte die Furcht! Ohne Furcht gäbe es keinen Glauben, keine Ehrfurcht - und keine Kirche, die Ehrfurcht verlangt! 

Denn wer lacht laufe Gefahr, den Teufel nicht mehr zu fürchten. Nur Angst, glaubt Jorge, veranlasse Menschen, ein gottgefälliges Leben zu führen.

 

Klar gab es mit dem Osterlachen auch Gegenbeispiele;

da wurde im Mittelalter an Ostern der Tod ausgelacht mit reichlich derben Witzen.  

Aber sonst verstand die Kirche beim Humor keinen Spaß!

Es gab einen Streit, ob Jesus gelacht hat, das ist kein Witz!

Große Kirchenväter wie Origenes waren davon überzeugt, dass Jesus keinen Humor verstand. Und Augustin wollte alles Fröhliche aus den Gemeinden verbannen. 3

 

Muss in der Bibel was Lustiges stehen damit wir lachen dürfen?!  Müssen wir wissen, ob Jesus gelacht hat oder ob Gott Humor hat – darüber haben die Tübinger Theologen in einer Vorlesungsreihe allen Ernstes nachgedacht.

 

Ja natürlich hat Jesus gelacht, er war ein Mensch.

Und natürlich hat Gott Humor, er wurde ja Mensch.

Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, musst du ihm nur

deine Plänen erzählen …“?!

 

 

(3) Dass wir in einer gebrochenen Welt leben, kann man

auch daran sehen, wie ernst man das Lachen nehmen kann,

wie die Vorlesungsreihe der Evang. Theologen zeigt.

Und wenn Sie denken, Humor sei nicht gerade die Kernkompetenz Evangelischer Theologen dann denken Sie mal daran, wie ernsthaft der Humor in der Fastnacht verwaltet wird. Da kann nicht jeder Dahergelaufene ein „Häs“ tragen! Da werden die Narren „narred“! In der Narrenzunft ist alles streng geregelt.

 

Man kann darüber lächeln - und das wird das Beste sein!

(4) Doch dass wir in einer gebrochenen Welt leben, zeigt sich auch an der Gewalt, mit der auf Humor manchmal manch reagiert hat, siehe Karikaturenstreit.

 

Gerade dann wenn Humor das ist, was es auch ist:

Eine kritische Infragestellung der bestehenden Macht!

Auch das ist kein neues sondern ein altes Thema.

Der Hofnarr durfte Witze machen - aber nicht auf Kosten des Königs. Das Maß an Satire und politischem Kabarett zeigt die Offenheit und Toleranz eines politischen Systems.

 

(5) Aber darf man über alles Lachen

Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ wurde das diskutiert, ohne eine abschließende Antwort zu finden.

Jeder muss selbst wissen, wo er aus Respekt vor den Gefühlen und Überzeugungen eines Anderen Grenzen setzt.

 

Wo die Satire behauptet, sie dürfe alles und das grenzenlos erklärt sie sich quasi von selbst für allmächtig – eine gerade

zu religiöse Überhöhung, die ich kritisch finde.

Wo Menschen nur der Witz selbst noch heilig ist, wird die Unterhaltung zum Götzen und die Satiriker machen sich

zum Hohepriester, die der Satire alles und alle opfern.

 (5) Aber dass wir in einer gebrochenen Welt leben, merke ich auch daran, dass man nicht nur Menschen wegen ihres Humors verletzt sondern wie verletzend Humor sein kann.

Beim Zyniker bekommt alles und jeder sein Fett weg!

Klar, denn Zyniker oder Zynismus kommt von einer griechischen Philosophenschule, den Kynikern, das heißt „Hund“. Und Hunde beißen. Zyniker haben einen „beißenden“ Humor, der verletzen will.

Wie der Sarkasmus; das Wort bedeutet „zerfleischen“. Aber ist das wirklich witzig wenn Humor wie ein Bluthund zupackt und den zerfleischt, auf den er es abgesehen hat?!

 

(6) Wenn ich an politische Verhältnisse denke, kann man sich schon manchmal fragen, ob Humor je bissiger wird, je mehr es um den Erhalt von Macht und Kontrolle geht.

Je autoritärer weltliche oder auch religiöse Machtapparate in der Geschichte oder in der Gegenwart auftreten, umso mehr fürchteten sie den Humor weil sich das Lachen jeder Kontrolle entzieht, weil Lachen subversiv ist, weil Lachen befreit!

Das ist ja, was Jorge von Burgos befürchtet und fürchtet. Und denken Sie an das Märchen „Des Kaisers neuen Klei-

der“. Das Kind sagt: Der ist ja nackt – und alle lachen!

Denken Sie an die frechen Büttenreden und Wagen

im rheinischen Carneval; denken Sie an die politischen Kabarettisten oder die Karikaturen im „Tagblatt“.

 

Das gilt nicht nur für die Gesellschaft und Politik

das gilt auch für die Religion!

„Sitzt nicht, wo die Spötter sitzen“ – tja nun…

Jesus war ein Spötter! Er machte sich über die mächtige Gruppe der Pharisäer lustig; er nannte sie „blinde Blindenführer“ und erzählte das skurrile Gleichnis vom Balken im Auge um zu provozieren und zum Nachdenken bringen.

Martin Luther war ein Spötter und was für einer.

Und was wurde über Martin Luther an Spott ausgegossen!

Evangelische und Katholische haben sich in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit nichts geschenkt!

 

Aber auch das ist halt Humor: Mit Witz am Lack kratzen, als ewige und unantastbar deklarierte Strukturen, Denkmuster oder Dogmen humorvoll hinterfragen

um herauszufinden, was echt ist und was „aufgesetzt“.

Das „Allzu Menschliche“ im „Ewigen“ zu entlarven.

Man kann sich darüber aufregen oder man kann versuchen, das souverän mit einem Lächeln nehmen u. nachzudenken.

 

Wegen der allzu selbstverständlichen männlichen Rede über Gott heißt es: Als Gott den Mann schuf, übte sie noch.

 

Katholischen Christen bitte ich um Nachsicht, denn bei dem geht es um Theorie und Praxis des Zölibats.

Ein katholischer Pfarrer fragt seinen Kollegen: Meinst du, wir erleben noch die Abschaffung des Zölibats? Meint der

andere: Wir nicht, aber vielleicht unsere Kinder!

 

Über die Wundergläubigkeit macht sich der lustig bei dem ein Mann aus einer Wallfahrtskirche kommt und schreit „Mein Gott, jetzt kann ich wieder laufen“. Der Priester fragt begeistert: „Ist ein Wunder geschehen?“ Der Mann meint: Ach was, mir hat einer mein Rad gestohlen!“

 

Der Fairness halber zwei Witze über evangelische Pfarrer.

Über lange und langweile Predigten macht sich der lustig,

wo ein Busfahrer und ein evangelischer Pfarrer gleichzeitig

in den Himmel kommen. Petrus lässt zuerst den Busfahrer

eintreten. Der Pfarrer mault, warum der Busfahrer zuerst kommt. Petrus sagt: Wenn du gepredigt hast, haben alle geschlafen. Aber wenn der gefahren ist, haben alle gebetet!

 

Und auch der Konfirmandenunterricht ist Ziel des Spotts.

Zwei Evangelische Dorfpfarrer treffen sich. Der eine beklagt sich: „Bei uns sind Fledermäuse im Kirchturm – ich bekomme die einfach nicht weg. Hast du eine Idee?“

Der andere meint: „Das Problem hatte ich auch. Du musst die nur konfirmieren, dann siehst du sie nie wieder…!“

 

(7) Diese Welt tut sich mit Humor nicht leicht und hat ihn doch so bitter nötig.  Mit jüdischem Humor verbinde ich

heitere Gelassenheit und lächelnde Lebensweisheit.

Der Klassiker: Ein evangelischer, ein katholischer und jüdischer Geistlicher streiten, wann das Leben anfängt.

Der Priester meint: „Dann, wenn das Kind gezeugt wird“.

Der Pfarrer sagt: „Wenn das Kind zur Welt kommt.“

Der Rabbi sagt: „Ich sag euch wenn das Leben anfängt: Wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus!“

 

Heitere Gelassenheit weil alles so menschlich ist und um Gottes Wille auch sein darf! Darauf weist Pater Anselm

Grün hin, als er über den „Engel des Humors“4  nachdenkt.

 

Das Wort Humor kommt auch vom lateinischen „Humus“,  - genau das, was Sie im Frühjahr auf ihre Beete werfen.

„Humus“ heißt „Erde“. Humor hat der Mensch, „der auf dem Boden bleibt“, der nicht mehr aus sich machen muss als dass er ist. Der sich damit ausgesöhnt hat, dass jeder Mensch Fehler hat, Fehler macht und der deshalb zuerst und zuletzt über sich selbst lacht und nicht über andere!.

 

„Selig die, die über sich selbst lachen können, sie werden

immer genug Unterhaltung haben“ heißt es deshalb sinnig in einer Inschrift des Klosters Banz.

 

Der humorlose Mensch stresst sich selbst und stellt sich unter den Zwang, immer gut da zu stehen, perfekt zu sein. Weil er sich selbst letztlich nicht so annehmen kann, wie er ist, kann er auch nicht entspannt über sich lachen.

Er nimmt sich zu ernst, baut anderen gegenüber Druck auf weil er sich selbst unter Druck stellt.  Er bläht sich auf weil er meint, mehr sein zu müssen als er ist. Und gerade das reizt andere dazu, ihm durch einen Witz Luft abzulassen.

 

Humor ist also eine Art Liebe und damit „verkappte

Religiösität“. Eine Liebe, sich und anderen gegenüber.

Eine Liebe in Form von heiterer und milder Gelassenheit,

die nicht zynisch sich und andere zerfleischt sondern die eigenen Grenzen und Fehler genauso akzeptieren kann wie die Macken der anderen. So ist Humor heilsam und heilig.

 

Einfach nur Mensch sein – Papst Johannes XXIII erzählte,

das er oft nicht schlafen konnte wegen der vielen Aufgaben

und der Bürde des Papstamtes. Immer dann hätte ihm sein Schutzengel zugeflüstert: „Ach Johannes, nimm dich nicht so wichtig!“ Und er wäre gut eingeschlafen.

Heitere Gelassenheit und heilsame Distanz – auch dazu verhilft uns der Humor nach Anselm Grün.

Vom „Engel der lächelt“ am Bamberger Dom erzählt er.5 Humor und Lächeln über die Welt hilft denen, die in der Welt zurecht kommen müssen.

Eine kluge Weisheit sagt: Die schönste Art einem vermeintlichen Gegner die Zähne zu zeigen ist, ihn anzulächeln.

 

Das Lächeln über uns und die Welt weil wir wissen, dass wir für Gott gar nicht perfekt sein müssen; weil wir von Gott nicht wegen unserer Fehler verurteilt werden sondern trotz unserer Fehler geliebt sind!

 

Wir sind Kinder Gottes, begründet in seiner Liebe zum Leben. Dieser Grund trägt im Hin und Her des Lebens. So  können wir innerlich frei, kritisch und entspannt den Ansprüchen und Maßstäben dieser Welt gegenüber stehen.

 

Schön, wenn wir mit einem Lächeln durch die Welt gehen können weil „die Welt mir ein Lachen ist“, wie Paul

Gerhardt in einem Osterlied dichtete.

Das klappt nicht immer. Deshalb bitte ich Gott mit dem Vers aus einem Kirchenlied, der diesen Gottesdienst überschrieb: „In dem rasenden Getümmel schenk uns Glaubensheiterkeit“ (EG 137,8).

 

Lächeln und Humor lässt uns aus dieser Welt aussteigen und eintreten in die Sphäre des menschenfreundlichen Gottes, der Mensch wurde und uns Menschen kennt.

Oder wie Hanns-Dieter Hüsch in seinem Psalm vom Anfang schrieb: „Ich bin vergnügt, erlöst befreit. Gott nahm

 in seine Hände meine Zeit. Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt!6

AMEN

 

1www.n-tv.de/politik(Hat-Gott-eigentlich-Humor-article

2Internet unter Name der Rose, Jorge Lachen

3 Evangelisches Gemeindeblatt 3-2016

4 Anselm Grün, Engel für das Jahr, S. 264 ff

5 Anselm Grün, Engel für das Jahr, S. 215 ff

6Hanns – Dieter Hüsch, Das Schwere leicht gesagt, S. 45