Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 12,3

Landeskirchenrätin Christine Busch (ev.)

15.01.2016 Martin-Luther-Kirche, Bad Neuenahr

Abschlussgottesdienst anl. d. 68. ord. Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland

Liebe Schwestern und Brüder,

als starke Nachbarn das kleine Land Juda in die Zange nehmen, als sein politisches und wirtschaftliches System kollabiert, der soziale Zusammenhalt schwindet, der religiöse Grund erschüttert wird und das Volk sich von Gott abwendet, da beruft Gott Jeremia zu seinem Propheten. In der turbulenten Zeit eines gesellschaftlichen und religiösen Auflösungsprozesses ist er Gottes kritische Stimme, die aufwecken soll. Sein Auftrag lautet wörtlich: ausreißen und einreißen, zerstören und verderben, bauen und pflanzen. Er soll Gottes Gericht ansagen – und er soll das Volk wieder auf den richtigen Weg bringen.

Diese Aufgabe lastet schwer; sie treibt Jeremia in eine Glaubenskrise, aber nicht von Gott weg, sondern immer tiefer in die Auseinandersetzung mit ihm hinein. In einer frühen Phase will er wissen, wie es um Gottes ordnende Hand steht und ob es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Was ist mit den Menschen, die Gott nicht brauchen und trotzdem erfolgreich sind? Was mit denen, die das Land vertrocknen lassen, so dass die Mitwelt umkommt? i
Jeremia betet: Du, Gott, du kennst mich, du siehst mich und prüfst, ob mein Herz bei dir ist. Das ist die Losung für den letzten Tag unserer Synode. Sie spricht in unsere Aufgaben und Beratungen hinein.

(1) Für Jeremia sind Amt und Person, Auftrag und persönlicher Glaube eng verbunden.
Glauben leben und bekennen, in die Umkehr rufen, die Folgen tragen, – das gehörtzusammen. Doch der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Seine Predigt scheint vergeblich, und es gibt Jahre, in denen er völlig verstummt. Eine Reform des Königs Josia hat keine echte Kursänderung gebracht, sondern ist im Äußerlichen steckengeblieben. Schließlich tritt das Unheil, das Jeremia angekündigt hat, ein. Juda geht unter, Jerusalem und der Tempel werden zerstört, ein Teil des Volkes wird nach Babel verschleppt.
Doch dieses politische und religiöse Drama ist gerade nicht das Ende. Gott setzt einen neuen Anfang. Er will den Bund aus der Zeit der Wüstenwanderung erneuern.
1. „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe …“ ii

Jeremia predigt diese Vision; zieht die Menschen hinein in die Vorstellung eines anderen, besseren Lebens. Er malt ihre Hoffnung in warmen Farben. Vor allem hält er ihre Träume wach: Glaubt an eine Zukunft, von der noch nichts zu sehen ist. Öffnet eure Herzen für das Unvorstellbare. Wendet euch Gott zu. Das Leben ist nicht beliebig. Gerade in der Krise bleibt Gott treu. Ein anderes Leben nach seinem Willen ist möglich!

(2) Solche Hoffnung zieht sich von den alten Zeiten bis in die konkrete Situation unserer Kirche hinein. Die Flüchtlingsarbeit, der Weg in die Nachhaltigkeit, die Umsetzung wirtschaftlicher Alternativen, die wachsende Komplexität in Friedensfragen, vieles andere mehr: Diese Aufgaben nehmen wir auf in der Überzeugung, dass Gott seinem Plan für das Leben, für Recht, Gerechtigkeit und Frieden treu bleibt.
Für diese Mission braucht Gott eine Kirche, die flexibel und überzeugend unterwegs ist, eher mit beweglichen Zelten als steinernen Domen, kulturell versiert und in vielen Sprachen einladend. Eine Kirche, der das Machbare nicht reicht, die auf die Suche geht und dabei demütig bleibt.
„Wir fragen, wie die rheinische Kirche unter den Herausforderungen der Zeit eine prophetische Kirche sein kann, die ihre Position als eine von Gott berufene Institution in der heutigen Gesellschaft klar vertritt.“ Ein Merkposten der Ökumenischen Visite. Gelingt es uns, glaubhaft zu leben und das, was wir gesellschaftlich und politisch fordern, in unserer Kirche auch selbst einzulösen? Denn wir sind Zeuginnen und Zeugen der Botschaft, keine Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie bindet sich ja an unsere Existenz, schenkt Liebe, Hoffnung und Phantasie, auch die Bereitschaft, Neues zu versuchen und uns zu ändern, als Einzelne und als Kirche. Sie sagt uns, dass wir uns Gott überlassen dürfen, wenn wir bitten:
dein Reich komme, und dein Wille geschehe. Wir müssen uns nicht klammern an die Konstruktionen, mit denen wir uns selbst fortschreiben, mit denen wir oftmals alte Zwänge wiederholen oder uns nur an uns selbst messen. Wer sich selbst Maßstab ist, verkrümmt in sich selbst. Das ist Alltagssünde auch von Institutionen.

(3) Zurück zu Jeremia. Die ordnende Hand, nach der er Gott fragte, zeigt sich in einer Radikalität, auf die moderate Antworten nicht mehr möglich sind. Nach der Zerstörung kann es nur noch um eine umfassende geistliche Erneuerung gehen, um das WIE, nicht um das OB.
Jeremias Botschaft lautet: Gott lässt Neues wachsen inmitten von Leid und Zerstörung.
Gott zeigt Zuwendung gerade auch im Elend. Kauf den Acker, auch wenn der babylonische Feind schon vor Jerusalem steht,iii sagt Jeremia. Vertrauen wird sich bewahrheiten, Hoffnung auf Gott sich bewähren. „Es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Juda und dem Hause Israel einen neuen Bund schließen (…) ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein“.iv
Das ist der Modus einer Großen Transformation: nicht kleine Münze, sondern eine grundstürzende Erneuerung, durch die altes Denken und Handeln überwunden werden.
Jeremia hatte immer wieder Gottes Gegenwart angesichts fremder Macht und fremder Kultur gepredigt.v Doch erst später, im Exil, wachsen neue Erkenntnisse und Einstellungen: Man wohnt sich ein in die fremde Kultur. „Suchet der Stadt Bestes“, heißt Gottes Rat für das Leben in Babel. Fremdheit muss den Blick nicht einengen, sondern sie kann ihn freisetzen.
Heute wissen wir: Eine globale Perspektive hilft, die eigene Identität im neuen Licht zu sehen. Es gibt nur die Eine Welt, die wir teilen, und sie lebt von der Hoffnung für eine andere Welt.

(4) Auf dieser Spur ist die ökumenische Bewegung unterwegs. Sie lädt Einzelne und Kirchen zu einer Pilgerreise der Gerechtigkeit und des Friedens ein, zu einer ökumenischen Praxis des Glaubens und zu einer sich politisch verstehenden Frömmigkeit. Jeder einzelne Pilgerweg führt an konkrete Orte: an Schmerzpunkte von Gewalt und Ungerechtigkeit, an Kraftorte des gelingenden Lebens und an Orte, die durch Gerechtigkeit verwandelt werden.
Der Klimapilgerweg im Herbst, der vom Nordkap nach Paris auf die Klimakonferenz führte, hat Barmen und Büchel verbunden, hat Bekenntnis und Widerstand in die Begegnung mit dem persönlichen Glauben geholt. Gottvertrauen kann man nicht planen – doch dieses Pilgern in der bunten Gemeinschaft der Beunruhigten und der Hoffenden half zu entdecken, was den Glauben nährt, trägt und wachsen lässt, was ihn fähig macht zum Vertrauen und zur gesellschaftlichen Einmischung.
„Gott, du siehst mich, du kennst mich, du prüfst mein Herz, das mit dir ist“ – so übersetzt Martin Buber das Gebet Jeremias. Es korreliert mit Gottes Plan. In Bubers Worten: „Ich gebe meine Weisung in ihr Inneres, auf ihr Herz will ich sie schreiben, so werde ich ihnen zum Gott und sie, sie werden mir zum Volk.“ Das Innere, das Herz ist der Ort, wo auch der Verstand wohnt und wo das Denken geschieht. Damit hält die Bibel beieinander, was wir oft trennen: Herz und Verstand, Glauben und Denken. Gottes Weisung auf dem Herzen tragen:
Das ist das Symbol für die Stimmigkeit des Lebens. Es ist eine Einladung zum persönlichen und zum kollektiven Vertrauen und Handeln.

(5) Ein Herz, das mit Gott ist – das ist ein Schlüssel, wenn wir als Kirche auf die Krisen unserer Zeit schauen, ein Schlüssel auch für das Selbstverständnis unserer Kirche, die politisch wach, sozial verpflichtet und zur eigenen Veränderung bereit sein will.
In der Analyse sind wir ganz gut: Klimawandel, unbegrenztes Wachstum, lebensgefährliche Nuklearenergie, neue Kriege, Ursachen von Flucht und Vertreibung, Welt aus den Fugen. In der Praxis ringen wir um das, was wir selbst aktiv verändern wollen und können. Wir haben nicht immer ein gemeinsames Verständnis darüber, wo Möglichkeiten unseres Handelns liegen. Als Synode sehen wir auch Grenzen dessen, was sich in das Format von Beschlüssen bringen lässt. Aber immer wieder wächst uns auch die Erfahrung zu, dass Gott seinen Segen auf die Beratungen legt, dass er uns begleitet und auch in schwierigen
Entscheidungen trägt.
Mein Herz, das mit dir, Gott, ist: Das ist der Ausdruck eines Grundvertrauens. Es kommt nicht aus mir selbst, sondern verdankt sich Gott. Gottes Herzschlag gibt den Rhythmus zum Leben. Er ist verlässlich da seit dem Anfang, als Gottes Geist auf dem Wasser schwebte und Gott das Leben schuf, als er Himmel und Erde für vollendet erklärte und seinen Segen auf alles Geschaffene legte, auf wirklich alles, was im Netz des Lebens miteinander existiert. Wir leben, weil anderes lebt.
Aber dennoch haben wir uns eingerichtet im anthropozentrischen Herrscherhaus; wir schreiben die Logik von „Sachzwängen“ fort; wir verursachen irreparable Schäden an der Mitwelt und nehmen die Verletzung von Lebens- und Menschenrechten in Kauf.
Ein Herz, das mit Gott ist: das bedeutet, dem von Verwertung regierten Menschen- und Naturverständnis öffentlich abzusagen. Das bedeutet, ihm ein Bild von der Schönheit des Geschaffenen, von der Ehrfurcht vor dem Lebendigen, vom Menschen als Mitgeschöpf entgegen zu stellen.
Dies schulden wir der Welt allerdings in großer Münze: in deutlichen, großen Taten und klaren, großen Worten.
Deshalb haben wir als Kirche aber auch an den Orten zu sein, wo Ungerechtigkeit und Gewalt regieren, wo Menschen verachtet und vergessen werden. Gott will sich dort finden lassen. Die Schmerzorte sind seine Stärke: der Stall der obdachlosen Familie, die Fluchtroute ins Ausland, die nachtschwarze Einsamkeit.

Transformation und Utopie, Umbruch und Erneuerung – darin liegen Herausforderungen an unsere Kirche heute. Wir begegnen ihnen durch den Glauben und das Vertrauen jeder und jedes einzelnen.
Gott, du siehst mich, du kennst mich, du prüfst mein Herz, das mit dir ist.
Du hast deine Weisung in unser Inneres gegeben und auf unsere Herzen geschrieben.
Du hast das eine Wort geschenkt, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

AMEN.

i Jer.12, 1-4
ii Jer. 29, 11-14
iii Jer. 32, 24ff
iv Jer. 31, 31.33
v Jer. 29, 1-7