Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 23,5-6

Dr. theol. Ursula Baltz-Otto (ev.)

27.11.2016 Christuskirche Mainz

Universitätsgottesdienst

Hoffnung in Hoffnungslosigkeit

Es kommt die Zeit.
Das sind Worte, die Hoffnung wecken.
Es sind Sehnsuchtsworte in einer Zeit, in der für Hoffnung wenig Raum besteht.
Wann kommt die Zeit?
Zeit ist in diesen Wochen ein zentrales Thema. Zeit, die vergangen ist, die vergeht und Zeit, die kommt.
Adventszeit.
Erinnerung und Erwartung. Was wird kommen? Auf was warten wir?
Wie füllen wir, wie leben wir diese vier Wochen und schließlich auch das Weihnachtsfest selbst?
Das sind meine Fragen.
Und wenn von altersher die Zeit vor Weihnachten eine Zeit des Hoffens und Erwartens war, dann stecken darin noch andere:
Worauf sollen wir hoffen?
Und: Gibt es überhaupt noch Hoffnung?

1
Welt ohne Hoffnung
Der Weg zur Antwort auf diese Fragen ist mühsam, wenn ich kein Licht in der Finsternis sehe.
Wir brauchen offenbar viel Nüchternheit, wenn die Antwort keine Selbsttäuschung für ein paar schöne Stunden sein soll.
Ich habe wenig Hoffnung, wenn ich an die Situation in unserer Welt denke.
Was könnte denn am Ende des Jahres 2016 zu der Hoffnung berechtigen:
dass Terror, Krieg und Gewalt aufhören?,
dass Menschen unterschiedlicher Religionen, Hautfarben, Weltauffassungen friedlich miteinander leben können?,
dass Neid, Hass, Ausgrenzung aufhören?,
dass die technischen Irrtümer, technische Nachlässigkeiten irgendwo uns nicht heute oder morgen ein Ende machen?,
dass Profitsucht in der Wirtschaft durch Berücksichtigung des Lebens aller Menschen weniger wird?
Nein, aus den Erfahrungen, die wir alle derzeit machen, aus dem Zustand unserer Welt lassen sich solche Hoffnungen sicher nicht ableiten.

Ist es nicht so, wie es Hilde Domin formuliert:
Die Sehnsucht
nach Gerechtigkeit
nimmt nicht ab
Aber die Hoffnung

Die Sehnsucht
nach Frieden
nicht
Aber die Hoffnung…

oder wie Antje Naegeli sagt:
Hoffnung stirbt
viele Tode

Die Katastrophen des vergangenen Jahres sind allesamt Zeichen.
Sie sind mehr als Pannen und Betriebsunfälle.
Viel mehr.
Sie sind Zeichen der Ohnmacht: unser aller Ohnmacht, die Welt zu verbessern,
der Ohnmacht politischen Handelns gegenüber Macht und Gewalt, der
Ohnmacht gegenüber der Übermacht des technisch Machbaren.

2
Hoffen als Hoffnungslose

Und dennoch wird kaum einer unter uns leugnen: unausrottbar bleibt unsere Sehnsucht nach Leben, unausrottbar ist jener Satz, den wir in so vielen und in so unterschiedlichen Situationen schon gesprochen haben:
Ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Rose Ausländer sagt es treffend:
Wer könnte atmen
ohne Hoffnung
dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen
ein Liebeswort
die Angst überlebt

Diese Verse zeigen, dass Hoffnung für unser Leben so wesentlich ist wie das
Atmen. Sie sprechen davon, dass auch morgen Rosen sich öffnen, dass ich ihre
Schönheit auch morgen wahrnehmen kann und ein Liebeswort meine Angst
überlebt, weil Worte der Liebe und Zuwendung mich begleiten.
Wer könnte sagen, dass wir solcher Hoffnung nicht bedürften!
Ich gebe also die Hoffnung nicht auf.
Die Hoffnung auf Frieden, damit keine Gewalt mehr einen anderen tötet.
Die Hoffnung, dass es Brot für alle gibt, damit niemand mehr Hungers sterben
muss.
Die Hoffnung, dass unsere Erde irgendwann doch zu einem bewohnbaren
Garten der Gerechtigkeit werden kann.
Solches Hoffen bewahrt mich offenbar vor der Angst und der Resignation über
die permanente Gegenwart von Krieg und Hunger und Leid.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Aber jetzt ist entscheidend: Diesen Satz sollte man nur sehenden Auges
sprechen. Er kann sonst zur immer größeren Gefahr werden, wenn wir mit ihm
die realen Schwierigkeiten vernebeln.
Paradox genug:
Wer heute meint, keine Hoffnung mehr zu haben, sollte trotzdem die Hoffnung
auf Veränderung nicht aufgeben.
Diese Paradoxie ist es, die unser Leben ausmacht.
Das ist sicher schwierig umzusetzen, aber mit dieser Schwierigkeit haben wir
es gerade im Advent und an Weihnachten zu tun.

3
Jeremias größere Hoffnung

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte – nicht in unsere, sondern in die
Geschichte des Volkes Israel, die ja eine Geschichte mit Gott ist.
Israel ist am Tiefpunkt angekommen:
Die Einheit des Staates ist verloren, Israel und Juda sind zwei getrennte
Teilstaaten. Jerusalem und sein Tempel sind von den Babyloniern zerstört, die
Bewohner sind von den Siegern verschleppt im Exil, sitzen an den Wassern
Babylons und weinen. Denn sie sind fern vom Ort ihrer Toten, sie haben keinen
Tempel mehr zum Beten, das Land ist ihnen weggenommen. Nichts ist mehr wie früher. In Juda regiert ein Vasall von Babylons Gnaden, die Regierenden sind verantwortungslos, sind korrupte Rechtsbrecher – an diesem Tiefpunkt der Geschichte steht der Prophet Jeremia auf und sagt:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit
im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr ist
unsere Gerechtigkeit.“
(Jeremia 23, 5-6)

Das scheinen in dieser Situation nahezu absurde Worte zu sein.
Der Prophet formuliert eine Verheißung, die radikaler kaum sein könnte.
Dafür gibt es in der erlebten Realität der Zeitgenossen nicht den geringsten
Anhaltspunkt. Dennoch wird sie ausgesprochen, und sie geht seitdem durch
die Geschichte Israels. Sie sitzt in der Geschichte aller Hoffnungslosen fest als
ein Stachel, der die kritische Anfrage an korrupte und ungerecht Herrschende
zu aller Zeit dennoch wachhält. Heute ist sie auch Anfrage an uns, wie wir es
mit der Zusage vom Kommen einer Welt halten, die von Gottes Gerechtigkeit
geprägt ist.
Siehe, es kommt die Zeit.
Siehe, die Zeit wird kommen.


4
Noch immer: unabgegoltene Hoffnung

Genügt es denn, die Hoffnung Jeremias, sein Siehe, es wird die Zeit kommen einfach zu wiederholen, beschwörend in unsere Hoffnungslosigkeit hineinzurufen? Nein, wir müssen genauer hinsehen.
Zunächst muss man feststellen:
Jeremias Prophezeiung ist noch nicht erfüllt. Die Erfüllung steht noch aus.
Es wäre zu einfach, auch das Kommen Jesu hier kurzerhand als Erfüllung der alten Verheißung einzusetzen – woran doch Jeremia nie hat denken können und was bis heute kein Jude mitdenken kann.
Aber wir können immerhin sagen:
Jesus, sein Leben und sein Wirken, gehören in die Geschichte dieser Verheißung hinein. Und dass diese Verheißung heute nicht nur von Juden wachgehalten wird, sondern in christlichen Gottesdiensten ebenso, das gehört auch in die Geschichte Jesu hinein – in die Geschichte dessen, dessen Leben mit seinem Tod nicht zu Ende war. So verknüpfen sich Verheißungsgeschichte und Jesusgeschichte, Geschichte von Juden und Christen. Wir können darauf bauen, dass die alte Verheißung nicht zu Ende ist, sondern als Aufgabe in uns weiter lebt.
Jeremia prophezeit also auch noch heute unerfüllte Hoffnung:
Es kommt die Zeit.
Er hat gegen die Wirklichkeit seiner wie unserer heutigen Welt Hoffnungsbilder an die Wand gemalt, an eine mit Blut und Verderben und Unrecht getränkte Wand.
Welche Bilder?
Bilder, die sagen:
Gerechtigkeit ist keine Phantasie; ihre Zeit kommt.
Dass ihr sicher wohnen werdet, ist ein erfüllbarer Traum (und wer könnte das heute nicht lebensnah fühlen: sicher wohnen!)
Alles wird neu werden, nie dagewesen, und ihr werdet etwas erfahren, mit einem Satz des Juden Ernst Bloch, der seine Bibel kannte, etwas erfahren, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Auch das sind Worte der Hoffnung, damals wie heute ausgesprochen in hoffnungsloser Zeit. Auch sie beinhalten eine Verheißung:
Es kommt die Zeit. Sie ist aber noch nicht da.

Es soll eine Zeit kommen, in der trotz Dunkelheit etwas licht und hell wird.
Dafür zu leben lohnt sich. Licht in der Nacht ist der beginnende Tag. Vielleicht wird dann auch eine neue Richtung des Denkens und Hoffens anbrechen. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein.
Das ist Advent.

Jeremias Prophezeiung ist bis heute unerfüllt, aber Gott verbürgt es weiterhin, diese Hoffnung wachzuhalten. Er ist ein Gott, der vor uns ist und nicht hinter uns. Er steht ein für diese unabgegoltene Hoffnung. Von solcher wahnwitzigen Utopie reden wir, für sie leben wir, gegen alle Welt, gegen alle Erfahrung, gegen alle Hoffnungslosigkeit.
Diese Vision ist – Advent.

Alles beginnt mit der Sehnsucht
Immer ist im Herzen Raum für mehr
Für Schöneres, für Größeres…

Das sagt die große jüdische Dichterin Nelly Sachs.
Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Diese Wahrheit weist auf Ausstehendes hin, auf ein Noch-nicht. Im Sehnsuchtswort liegt die Hoffnung, die Wirklichkeit zu verwandeln.

5
Hoffnung als Widerspruch

Nun aber noch einmal zurück zum Anfang: Wie verträgt sich denn alles, was wir anfangs bedacht haben, mit einer bis jetzt unerfüllten Hoffnung des Jeremias?
Die Gefahr, der wir nicht erliegen dürfen, ist, dass wir mit der großen Vision des Jeremias unsere reale Situation übertünchen.
Die Paradoxie zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit ist auszuhalten.
Hoffnungslosigkeit mobilisiert also damals wie heute Hoffnung. Diese Hoffnung lässt sich auch nicht ein auf unsere Verlegenheitsargumente:
„Es wird schon nicht so schlimm werden.“
„Es wird sich schon ein Ausweg finden.“
„Noch immer ist es schließlich gut gegangen.“
Das sind Stereotypen und Belege für Verschleierung und Nicht-wissen-Wollen.

Jeremias Vision hat eine andere Dimension. Sie benennt Hoffnungslosigkeit
beim Namen und verheißt dennoch Veränderung.
Ich kann es ja nicht ändern, dass diese Auseinandersetzung zur gewohnten
Adventsstimmung nicht recht passen will – es sei denn, dass wir mit all
unseren Feierlichkeiten zu Advent und Weihnachten ein Zeichen setzen wollen
für die größere Hoffnung des Jeremia, für die größere Hoffnung der Hoffnungslosen, die da sagt:
NEIN – keines der üblichen Hoffnungsangebote tröstet mich.
NEIN – keinen Augenblick bin ich bereit, mich durch Unwahrheiten über reale Bedrohungen hinwegtäuschen zu lassen,
NEIN – an Frieden mittels einer wie auch immer begründeten Gewalt glaube ich nicht.

So gilt mein Plädoyer einer größeren Hoffnung trotz aller Hoffnungslosigkeit.
Hoffnung ist Widerspruch gegen Täuschung und Selbsttäuschung.
Auch das wird oft sein müssen: Hoffnung ist auch Protest.


Denn: Hoffnung hat viele Leben, das heißt: viele Gründe.
Amen