Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 2,1-5

Pfarrerin Birgit Birkner (ev.)

06.08.2017 Friedhof Meerane, „Waldgottesdienst“ unter freiem Himmel

Da liegt sie vor mir. Jerusalem, die Schöne. Von David besungen, von Salomo ausgebaut. Später oft eingenommen, zerstört oder zumindest verletzt in ihrer Ehre und Substanz: von den Babyloniern, von den Römern, von den Muslimen und den Kreuzfahren.

Oh Jerusalem. Was musstest du schon alles erleben? Wieviel Leid haben Sie dir angetan? Wie viel Hass musstest du ertragen?

Wenn deine Gassen sprechen könnten, würden sie von Mord und Verachtung vieler Jahrtausende erzählen. Sie würden über das Blut und den Schweiß berichten, der über sie floss. Immer und immer wieder wurdest du heimgesucht von Menschen, die dich beherrschen wollten, denen es um Macht ging. Sie wollten dich besitzen, weil sie glaubten, in dir Gott besonders nah zu kommen. Irgendwo habe ich mal die zynische Bemerkung gelesen, dass Menschen glauben, in deinen Mauern gäbe es ein Gespräch mit Gott zum Ortstarif. Verrückt, oder?

Du bist der Berg des Herrn. Ja – ohne Frage! Das ist eine Zusage und Verheißung, die Bestand hat.

 

In den Bergen Judas gelegen, weht oft ein Lüftchen durch die verschlungenen Wege deiner Altstadt, selbst bei brennender Hitze. Doch in deinen engen Gassen gärt es, Juden, Muslime, Christen und Besucher aller Welt. Ein schönes buntes Gemisch, das aber leicht entflammbar ist und aus dem kleinsten Grund aus dem Gleichgewicht gerät.

Erst neulich – wieder einmal – brach der Streit um den Tempelberg aus. Diesen Berg, der dein Zentrum ist, du schöne Stadt, ist der Zankapfel der Religionen und Nationen. Menschen werfen Steine, sie beleidigen einander, drohen mit Mord und Totschlag – nur um dir nahe zu sein.

Ja, du bist besonders. „Gefährlich“ sagen viele. Ja, auch das. Sie bedenken dabei nicht: In dir leben so viele verschieden Menschen, die unterschiedlich leben und glauben. Dafür ist es oft recht friedlich. Nicht perfekt. Aber immerhin. Und: Wer ist schon perfekt?

Jerusalem, eine Frage: Wärst du mir böse, wenn ich dir sage: Ich denke nicht, dass Gott nur in deinen Gassen, Häusern und auf deinem Berg besonders nah ist!?

Ich will nicht deine lange Geschichte in Abrede stellen. Zweifelsohne hat Gott genau da – also in deinen Gassen, Häusern und auf deinem Berg – besonders gewirkt und tut es auch heute noch. Du bist der Berg Gottes und wirst es auch bleiben in Ewigkeit.

Aber mit diesem einem besonderem Menschen – dem Nazarener, der sein Kreuz durch deine Gassen hinaus vor die Tore trug, auf Golgatha starb und später auferstand – mit diesem Menschen hat sich etwas verändert.

Nicht nur, dass du gewachsen bist seither: Golgatha und sein leeres Grab gehören schon längst zum Gewimmel und Gewaber der Altstadt, das dich belebt. Nein, mehr noch: Durch Jesus wurde die Botschaft Gottes und seine Verheißung größer: mehr Menschen als du allein ertragen könntest, haben sie erreicht. Gott ist allen nah – egal wo.

Du Jerusalem – du bist der Berg des Herrn! Aber du hast durch das Wirken von Gottes Sohn, dem Nazarener,  viele Schwestern und Brüder bekommen. Orte, an denen sich Menschen versammeln und Gottes Namen preisen. An dem sie beten, feiern und zuweilen auch trauern.

Aber Jerusalem – es ist ein Trauerspiel. Manche dieser Berge sind werden nicht mehr besucht. Die Kirchen, die auf ihnen gebaut worden sind leer – oder werden zu Museen für Menschen, die zwar die Kunst schätzen aber ihren wahren Wert und ihre Bedeutung nicht einmal ansatzweise erkennen. Die Völker ziehen zum Berg des Herren – und sie merken es nicht einmal!

Wem erzähle ich das?! – Du kennst das ja! Aus der Völkerwallfahrt zum Zion ist bei hier in Deutschland und bei dir in Israel eine Wallfahrt der „Sightseer“ und Touristenscharen geworden, die keinen Bezug mehr haben zu deinem, zu unserem, Gott.

Doch es gibt sie immer noch – Gott sei dank! – die Menschen, die deine Brüder und Schwestern erfüllen mit ihrem Gebet, Gesang und Glauben. Sie hören Gottes Wort und spüren seine Gegenwart. Sie sind in Meerane anzutreffen und andernorts. Sie hoffen darauf, dass Gott seine Verheißung wahr macht, die sein Knecht Jesaja einst verkündete: Schwerter zu Pflugscharen, Friede auf deinen Gassen und Straßen. Friede auf der Welt.

Oh Jerusalem. Ob sie merken – dass sie Teil seines Plans sind? Gott hat ihnen so viel geschenkt. Familien, Freunde, Fähigkeiten. Sein Wort haben sie gehört. Es hat sie getröstet und geärgert. So oder so wurden sie davon bewegt.

Jedes Mal, wenn sie kommen – und sei es noch so selten – Gott setzt einen Funken in ihr Herz. Ein Stück seines Wortes. Einen Samen, der hoffentlich aufgeht. Sie alle sind Kinder des Lichts, weil sie seine Kinder sind.

Jerusalem, lass uns zu Gott beten, dass dieses Licht, das er Ihnen schenkt, hell leuchten möge. Dass sie gewärmt werden davon, wenn sie gerade nicht auf den Bergen in den Kirchen sind. Dass sie das Licht in sich spüren, wenn sie hinabgestiegen sind in die Welt. Lass sie dieses Licht alle Tage weitergeben, wie wir zu Weihnachten das Friedenslicht weitergegeben haben.

Du schöne Stadt, Jerusalem – es ist so wichtig, dass sie es weitergeben. Denn dieses Licht ist dein Lebensatem genau wie der deiner Brüder und Schwestern. Aber vor allem ist es der Lebensatem der Menschen, jedes Körnchen Friedens, jeder Hoffnung, die trägt.

Wie furchtbar wäre es – wenn dieses Licht erlöschen würde? Was hieße das für die Menschen? Was für den Frieden?

Du kennst diese Momente – hast sie schon erleben müssen: als der letzte Funke göttlichen Lichts in dir fast erloschen war. Als niemand mehr von deiner Größe sang.

Aber sie beweinten deine Trümmer und erkannten ihre Schuld. Sie erkannten, dass du der Berg des Herrn bist. Niemand lebt für sich allein. Glaube braucht Gemeinschaft. In Gemeinschaft haben sie dich wieder aufgebaut. Nicht nur einmal. Und sie haben gesungen dabei, gebetet und sich gefreut, dass du wieder strahlen wirst und weit über alle Gipfel hinaus die Größe Gottes verkünden wirst.

Jerusalem, bete mit mir, dass die Menschen deine Brüder und Schwestern  wieder als Kraftquellen für ihr Leben erkennen. Sie sind es nicht aus sich selbst heraus, sondern dort Gottes Wort verkündigt und Gottes Geist in Gemeinschaft erlebbar wird.

Du bist eine Freundin Jerusalem – deine Umarmung habe ich genossen, in deinen Mauern zu leben, war mein Glück und du wirst für mich immer Heimat sein. Aber deine Brüder und Schwestern sind es ebenfalls. Denn das Haus Gottes ist an vielen Orten und du wirst dich wundern, wie klein mancher Berg ist und wie schäbig manche Hütte von außen aussieht. Ob Gottes Licht weiterstrahlen kann, liegt nicht an Schönheit oder Größe.

Oh Jerusalem, das Strahlen, das aus den Gotteshäusern dringt, darf nicht verlöschen! Es muss weitergetragen werden von denen, die in ihnen feiern und beten. Sie dürfen ihr Licht nicht unter einen Scheffel stellen, wenn sie zuhause sind. Sie sollen andere damit entzünden, oft davon reden und sich nicht schämen.

Weißt du, Meerane ist dir ähnlicher als du denkst. Der Friedhof ist auf dem Berg gegenüber der Kirche. So wie dem Zion gegenüber der Ölberg liegt.

Die Menschen die auf dem Ölberg begraben liegen, sollen als erste sehen, wenn Gott wiederkommt und das Ende der Zeit anbricht. Sie haben Logenplätze mit Blick auf den Berg des Herren.

Leider viele wissen gar nicht, dass es Logenplätze sind, – weil es ihnen keiner mehr erzählt. Manche Familie weiß nichts mehr zu sagen über den Glauben und die Hoffnung, die ihre Angehörigen erfüllten. Schade ist es – und traurig. Was wird sie trösten?

Jerusalem, ihr habt eine große Verantwortung: Du und Deine Geschwister. Ihr seid Orte der Gottesbegegnung. Aber noch größer ist die Verantwortung derer, die euch besuchen. Sie sind doch Kinder Gottes – Kinder des Lichts!

Der Scheffel möge zerbrechen, mit dem sie ihr Licht abdecken. Sie strahlen doch hell und wunderschön. Das sollen alle sehen: Damit die Dunkelheit in den Städten und Ländern weicht, Hoffnung wächst und Frieden einkehrt. Damit weniger Menschen traurig von den Gräbern hinüber zum Berg des Herren schauen, ohne zu wissen, dass ihnen von dort Hoffnung und Trost kommt.

Sondern dass sie hinaufziehen zum Berg des Herrn, dass er sie lehre seine Wege und sie wandeln auf seinen Steigen im seinem Licht.

 „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“