Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 40,1-5

Cosima Kiesner CJ (rk), Leiterin eines Geistlichen Zentrums

01.12.2013 im Bayerischen Rundfunk

für die Sendung „Katholische Morgenfeier“ vom 1. Advent

Unter folgendem Link des BR kann die Morgenfeier von Cosima Kiesner CJ vom 1.12.2013 noch online angehört werden: hier.

 

St. Moritz in Augsburg. Endlich wollte ich mir die neu gestaltete Kirche selbst einmal ansehen. Ich öffnete die hintere Eingangstür, schritt durch die kurze Vorhalle und betrat den Hauptraum der Kirche. Im Zentrum des leer wirkenden weißen Raums, ganz weit hinten, kommt mir jemand entgegen. Ein dunkler Umriss. In ein langes Gewand gehüllt. Die Arme schwungvoll erhoben. Sie ist noch ganz klein, diese Gestalt, weil sie noch so weit entfernt ist. Ihr Gesicht kann ich nicht erkennen, denn es liegt im Schatten des Lichts, das durch die großen Fenster der Apsis in den Kirchenraum dringt. Die Gestalt scheint auf mich zuzueilen, so als hätte sie keine Zeit zu verlieren, so als würde sie möglichst schnell mit mir zusammentreffen wollen. Ich aber bleibe erst einmal stehen. Ich bin irritiert. Die Wirkung ist so ganz anders als ich es von Kirchenbesuchen gewohnt bin. Ich muss erst einmal klären, was hier passiert. Ich lasse dieses Bild wirken. Da hinten in der Apsis, noch hinterm Altar, etwas erhöht, steht eine Jesus-Statue. Langsam gehe ich im Mittelgang näher an diese Statue heran. Ich schaffe es ungefähr bis zur Hälfte. Dann muss ich mich erst einmal setzen. Mein abgeklärtes Gehirn macht da nicht mit. Die Wirkung ist einfach umwerfend. Ich muss mir Zeit nehmen, um zu registrieren, was da passiert. Während ich mich langsam dieser Statue nähere, kommt sie mir immer weiter entgegen. Die Distanz zwischen ihr und mir verringert sich nicht nur um die wenigen Meter, die ich gelaufen bin, sie verringert sich durch das halbe Universum, so wirkt es auf mich. Die erhobenen, ausgebreiteten Arme der Statue sind wie ein Signal: Hier bin ich! Komm zu mir! Ich will nichts anderes, als Dir begegnen und Dich umarmen. Mein Herz beginnt sich zu freuen, ganz zaghaft, denn mir wird klar, dass das, was mir da in St. Moritz in Augsburg passiert, im alltäglichen Leben auch immer wieder geschieht: Gott will mir begegnen. Die Gestaltung des Kirchenraums greift dieses Thema auf und in der Erfahrung, die ich in St. Moritz mache, öffnet sich mein Verständnis dafür, wie das ist, wenn ich mich auf den Weg mache, um Gott ent-gegenzugehen. Während ich nur ein paar Meter auf Ihn zugehe, kommt Er mir schon Meilen entgegen. Nichts anderes bewegt Ihn als die Sehnsucht, bei mir zu sein. Gottes Sehnsucht – was weiß ich von ihr? Wie haben andere Menschen Gottes Sehnsucht erfahren und was erzählen die biblischen Texte davon? Gerade im Advent wird in den Kirchen die Rede von „Gottes Kommen“ aufgegriffen, denn wir gehen auf das Weihnachtsfest zu, das Fest, an dem Gott auf die Erde kam und mitten unter uns Mensch geworden ist. Ein solcher adventlicher Text ist der Abschnitt aus dem Kapitel 40 im Buch des Propheten Jesaja. Gott schickt seinen Propheten, um dem Volk Israel damals und uns heute anzukünden, wie Gott sich sein Kommen vorstellt. Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden. Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Das erste Wort, das Gott uns in dieser Botschaft mitteilt, heißt: Tröstet, tröstet mein Volk. Zur Zeit des Propheten Jesaja befand sich Israel in einer schweren Situation. Viele Israeliten waren ins Exil verschleppt worden und nur wenige waren in der Heimat zurückgeblieben. Sie waren unterdrückt, waren abhängig von der Gunst der siegreichen Babylonier. Doch jetzt kündigt Gott eine Veränderung an: Wenn Gott kommt, dann wird es eine Zeit der Freude sein, eine Hoch-Zeit. In Jerusalem, der verwüsteten und verödeten Stadt, soll wieder Leben herrschen und Friede und Jubel. Die Menschen, die in ihr wohnen, sollen alle Sorgen vergessen, wenn Gott kommt. Sie sollen Trost erfahren. Dieses Trost-Wort ist uns auch heute zugesagt: Genau an der Bruchstelle in meinem persönlichen Leben, in meiner Dunkelheit, in meiner Sorge will Gott mir Trost zukommen lassen. Genau da, wo ich schuldig geworden bin und sei es auch nur durch Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit, spricht Gott mir zu, dass Er nicht mehr nach der Schuld fragt. Und überall da, wo ich Enge und Unterdrückung erfahre, wird sich eine neue Zukunft auftun. Georg Friedrich Händel hat diesen Jesaja-Text in seinem Werk „Der Messias“ vertont. Ganz sanft beginnt der Tenor das „Tröste dich“ zu singen, als ob Gott zärtlich bittet „Weine nicht mehr“. Und er wiederholt es mehrfach, weil man mitten im Weinen und gefangen in Trauer vielleicht beim ersten Mal noch nicht genau gehört hat. Die ganze Zuwendung Gottes, die der Text ausdrückt, malt Händel in seiner genialen Komposition musikalisch aus. Tenor-Accompagnato (Nr. 2) aus „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel. Die Jesus-Statue in der Moritzkirche in Augsburg, dieses Tenor-Accompagnato, mit dem Händel den Messias-Zyklus eröffnet, oder der Jesaja-Text selbst, mit dem wir in diesem Jahr die Adventszeit beginnen – immer hat Gott schon die Initiative ergriffen. Von Gott her ist alles schon vorbereitet, was zur Begegnung nötig ist. Er wartet schon hinter der Kirchentür. Er flüstert schon Trost zu. In St. Moritz habe ich mir für den ersten Eindruck von der Gestalt, die hinten im Altarraum steht und auf mich zuzueilen scheint, erst einmal Zeit nehmen müssen. Auch für diese Trost-Botschaft braucht man vielleicht erst einmal Zeit, um ihr noch weiter nachzuhorchen, um sie noch weiter in sich eindringen zu lassen. Der Advent hat ja erst begonnen. Wir haben noch viel Zeit. Vielleicht gehen Sie mit mir aber auch noch einen Schritt weiter. Die letzte Zeile, die Händel in diesem Gesang vertont hat, ist eine Aufforderung: „Bereitet dem Herrn den Weg, und ebnet durch Wildnis ihm Pfade, unserm Gott.“ Sicher haben Sie gehört, dass die Musik an der Stelle einen anderen Charakter annahm. Gottes Zusage ist gemacht. Gott ist bereit. Jetzt ist der Mensch dran. Wir sollen uns vorbereiten und für Gott den Weg bahnen. Gott einen Weg bahnen, wie soll das gehen? Lesen wir weiter im Kapitel 40 des Jesaja-Buches, dann hören wir: Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. Jesaja entwirft ein Bild, das Bild einer großen Ebene. Kein Hügel steht mehr dazwischen und verstellt uns den Blick. Kein Tal, keine Senke erschwert das Vorankommen. Mitten im unfruchtbaren Land gibt es eine Straße. Eine Straße und nicht nur einen holprigen, ungesicherten Weg. Eine Straße ist die schnellste Verbindung zwischen zwei wichtigen Punkten. Zwischen Gott und Mensch entsteht eine Schnellstraße, eine Autobahn. Aber was bedeutet dieses Bild? Wie soll ich es verstehen? In St. Moritz habe ich eine Ahnung davon bekommen, welche Aussage in dem Bild steckt. Während ich wenige Schritte ging, schien die Jesusfigur vom Altarraum her mir sehr viel näher zu kommen als die wenigen Meter, die ich zurücklegte. Wenn sich zwei Personen auf den Weg machen und einander entgegengehen, dann verkürzt sich der Weg für jeden, dann findet die Begegnung schneller statt. Beide Seiten, Gott und Mensch, setzen sich in Bewegung. Für Gott gibt es keine Berge und Hügel, keine Täler und Gräben. Er kommt auf jeden Fall. Er lässt sich nicht aufhalten. Kein Hindernis ist Ihm zu hoch, kein Weg zu weit. Er kommt. So groß ist Seine Liebe, so groß Seine Sehnsucht, dass Er keine Mühe scheut, zu uns zu kommen. Den größten Anteil an den ebenen Wegen und den geraden Straßen bewältigt also Gott selbst. In Seiner Macht und Erhabenheit eilt Er zu uns. Es wird nicht lange dauern, bis Er da ist. Wie kann sich nun der Mensch auf den Weg machen? In der Adventszeit gibt es viele Vorbereitungen auf Weihnachten. Geschenke werden gekauft und das Wohnzimmer geschmückt. Das beste Geschirr wird herausgeholt und ein festliches Essen geplant. All diese Vorbereitungen verhelfen uns zu einem festlichen Rahmen für die Feiertage. Dann gibt es noch die Adventskalender. Sie sind ein hübscher Brauch geworden, um jeden Tag ein Türchen zu öffnen und ein kleines Stückchen Schokolade zur Vorfreude auf das große Fest zu naschen. Mit diesem Brauch geben wir dem Warten eine Struktur. Jeden Tag sind wir dem Weihnachtsfest ein Stück näher gekommen. Und es gibt den Adventskranz oder ein Gesteck mit den vier Kerzen. Jede Woche wird eine weitere Kerze entzündet. Jede Woche, so symbolisiert uns dieser Brauch, lichtet sich die Dunkelheit, wird es heller um uns, sind sich Gott und Mensch näher gekommen. Diese Zeichen, die sich Menschen ausgedacht haben, sind bedeutsam. Sie sprechen vom Warten und von der Sehnsucht. Wenn wir dieser Haltung in uns Raum geben, dann kann das Warten auf Gott unsere Sehnsucht bestärken und die Sehnsucht nach Ihm die Unebenheiten glätten. Unsere Sehnsucht wird aus kurzen und krummen Gassen eine breite, gerade Straße entstehen lassen. Unsere Sehnsucht findet den Weg auch durch die Wüste. Sie ist der direkteste Weg zu Gott, denn die Sehnsucht des Menschen nach Gott trifft auf die große Sehnsucht Gottes nach dem Menschen. So werden alle Hindernisse, die Berge und Hügel, die Täler und Wüsten überwunden. Sehnsüchtig Warten - das ist doch nichts. Schnell lenken wir uns ab, damit das Warten nicht so langweilig ist. An den Bahnhöfen gibt es die Info-Screens, damit die Wartezeit gleich für die wichtigsten Nachrichten, ein paar Werbungen und einen erheiternden Kurz-Comic genutzt werden kann. Doch wer braucht das noch? Während man wartet, holt man doch das i-phone oder das i-pad heraus, telefoniert schon mal mit jemandem oder liest seine Mails. Ungenutzte Wartezeit ist verlorene Zeit, so scheint es. Aber wie soll dann die Sehnsucht wachsen, diese wichtigste Vorbereitung des Menschen auf die Begegnung mit Gott? Sehnsucht braucht Zeit zum Wachsen. Sehnsucht will verkostet werden. In dieser Morgenfeier nehmen wir uns gemeinsam Zeit, in uns unserer Sehnsucht nach Gott nachzuspüren. Die Tenor-Arie aus dem Messias, die wir gleich hören werden, kann uns dabei unterstützen. Händel greift den Jesaja-Text auf, den wir gerade betrachtet haben: Alle Tale macht hoch erhaben und alle Berge und Hügel tief. Lange Koloraturen schrauben sich in die Höhe. Da ist etwas von der Sehnsucht zu spüren, die langsam wächst. Und dann diese leichte Bewegung zwischen zwei Tönen, wenn es heißt „das Krumme grad und das Rauhe macht gleich“. Was könnte das bedeuten?! Tenor-Arie (Nr. 3) aus „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel Diese Musik ist wie ein langes, tiefes Atemholen. Sie lädt ein, sich Zeit zu nehmen zum Lauschen. Sie erzählt zwischen den Tönen von einer großen Zuversicht, so als ob es sich lohnt, diesen Weg der Sehnsucht nach Gott auf sich zu nehmen, der Sehnsucht, die Gott den Weg zu mir bahnt. Aber wie gestaltet sich die Begegnung? Wie wird es sein, wenn Gott und ich uns treffen? Eine erste Antwort ist bei Angelus Silesius zu finden. Dieser schlesische Dichter aus dem 17. Jahrhundert überträgt das Weihnachtsgeschehen in die Lebenszeit eines jeden Menschen. Die beiden wichtigen Verse aus seinem Weihnachtsgedicht lauten: „Wär Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebst noch ewiglich verloren. Ach könnte nur dein Herz zu einer Krippe werden. Gott würde noch einmal ein Kind auf dieser Erden.“ Wenn Gott heute zu mir kommen will, dann kommt Er in mein Leben und meine Wirklichkeit. Dann will Er in meinem Leben einen Platz bekommen. Aber Er kommt ja nicht wie ein Gast, den ich in mein Wohnzimmer lasse und dem ich Kaffee serviere. Er kommt in mein Herz. In meinem Herzen kann ich Ihm einen Platz anbieten. Angelus Silesius greift das Bild von der Krippe auf. Eine Krippe ist ein kleiner und schlichter Platz. Mit solch einem kleinen Fleck begnügt sich Gott. Solch einen kleinen Ort zu schaffen in meinem Herzen, ist vielleicht gar nicht so schwer. Doch Gott diesen kleinen Platz frei zu räumen ist so viel wert wie Berge und Hügel abtragen und Täler auffüllen. Dieser Raum entsteht durch die Sehnsucht, die ich spüre, durch die Sehnsucht, die ich nach Gott aussende. In St. Moritz habe ich in der Mitte des Raumes erst einmal Platz genommen und die Jesus-Statue angeschaut. Ich habe mich ganz konzentriert, mich mit allen meinen Sinnen, mit Herz und Verstand, auf Ihn ausgerichtet. Ich habe nicht gebetet, ich habe nur gespürt, was da in mir geschieht. Wie ich so dasaß, fing ich an zu lächeln. Dann erhob ich mich und ging zügig nach vorn. In mir spürte ich Ermutigung, dann Freude und zugleich einen Frieden in meinem Herzen. Ich spürte in mir Dank und Lob, eine herzliche Freude über diesen Gott und eine Gewissheit, dass Er mich, genau mich im Blick hat. So wie dieser Christus Pankrator, den Georg Petel 1632 für die Sankt Moritz-Kirche in Augsburg, geschaffen hat, so sendet uns Gott viele Signale, um uns zuzurufen: „Ich komme! Ich komme zu euch! Mein Herz treibt mich, Euch entgegenzugehen! Seht! Meine Arme sind erhoben. Kommt und lasst euch umarmen!“ Wer eine solche Begegnung mit Gott erlebt, der spürt eine große Klarheit. Manchmal bleibt sie nur für einen kurzen Moment, manchmal währt sie eine lange Zeit. Georg Friedrich Händel muss in sich auch etwas von dieser Klarheit gespürt haben, sonst hätte er den letzten Vers aus dem heutigen Jesaja-Text nicht so vertonen können. „Denn die Herrlichkeit Gottes, des Herrn, wird offenbar.“ Der beschwingte Dreiertakt imitiert das vor Freude hüpfende Herz. Die Freude an Gott und Seiner Herrlichkeit ist groß. Wenn Er kommt, dann wird es fröhlich in unserem Leben. Dann haben wir Grund zum Lachen und Tanzen. Und so wird es kommen, ganz ohne Zweifel. Mit langen Tönen verkündet der Chor wie in einer Fanfare: „Da es Gott, unser Gott verheißen hat.“ Mit der Freude wächst in unserem Herzen die Gewissheit: Mit Gott wird alles gut. Chor (Nr. 4) aus „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel Herr und Gott, komm zu uns in Deiner Herrlichkeit und Macht. Komm zu uns mit Deiner Freude und Deinem Frieden. Hilf uns, Dir entgegen zu gehen mit wachem Herzen in der Sehnsucht nach dem Leben in Fülle, das wir von Dir erhoffen. In der Begegnung mit Dir erwarten wir unser Heil. Denn Du bist Gott, unser Gott. Amen. Die Musik wurde entnommen der CD: Tenor-Accompagnato, Tenor-Arie und Chor (Nr. 2, 3 und 4) aus „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel. Aufnahme von 1965 Münchener Bach-Chor und Münchener Bach-Orchester unter Karl Richter, Tenor: Ernst Haeflinger. eloquence (Deutsche Grammophon GmbH Hamburg) LC 00173, Universal Music Group 4801889</pre>