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Predigt über Jesaja 49, 13-16

Pfarrer Christoph Lang (ev)

29.12.2013 in der Evangelischen Kirche in Eggenstein

1. Sonntag nach Weihnachten

Einen Audiomitschnitt der Predigt hören Sie hier.

 

[Predigttext aus Jesaja 49, 13-16, Ü: Luther]

13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. 14 Zion aber sprach: Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. 15 Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.

I.

Liebe Gemeinde!

Am 1. Sonntag nach Weihnachten singen wir noch immer das „Gloria in Excelsis Deo“, und vieles klingt nach von den Weihnachtsfeiertagen. Der Jubel und die Freude, aber sicherlich bei dem einen oder der anderen auch eine Nachdenklichkeit über so manche Begegnung. Oder auch die große Frage: Was bleibt? Welche Bedeutung messe ich dem Weihnachtsfest 2013 zu in meinem Leben?

Ist es „endlich rum“, der Stress geschafft? Oder war es ein ganz besonderes Weihnachten, erfüllt, mit lichten Momenten und besonderen Stunden?

Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, liebe Gemeinde, das wir feiern, garantiert ja nicht, das wir ein Leben ohne Probleme führen könnten, so wenig wie wir eine „weiße Weihnacht“ erhoffen dürfen.

Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, liebe Gemeinde, zielt auf mich als Mensch – in all meinen Bezügen: Auf mich persönlich, auf mich in meinem sozialen Umfeld, und damit auch in unserer Gesellschaft, und auch auf mich als Mensch in dieser Welt, auf dieser Erde, in dem großen Zusammenhang, den wir „Welt“ nennen.

Und nun hören wir an diesem 1. Sonntag nach Weihnachten, an dem das große Fest noch nachklingt in den Liedern und in unseren Herzen, auf einen biblischen Abschnitt, der beides zum Thema hat: Den menschlichen Jubel über Gottes Erbarmen und seine Hilfe.

Und zugleich den – ebenso menschlichen – Zweifel darüber, was von den Versprechungen Gottes den bleibt, was andauert, was trägt, wenn die Festtage vorbei sind.

Das „Trostbuch Gottes“, wie der Alttestamentler Werner Grimm den zweiten Jesaja nennt, hat in seiner Mitte, im 49. Kapitel, zunächst einen Jubel ohne Ende zu verkünden:

Jubelt, ihr Himmel, freue dich, Erde! Platzt, ihr Berge, vor Jubel!

Ja, Gott hat sein Volk getröstet, seiner Armen erbarmt er sich!“

In dem Augenblick, da es dem Propheten zum vollen Bewusstsein kommt, welche wunderbare Erlösung er den Deportierten im Exil ansagen darf, in dem Augenblick erfüllt eine grenzenlose Freude sein Herz, und er möchte am liebsten die ganze Welt damit anstecken!

Kinder sagen das manchmal, ich habe das mal erlebt, als wir vor einer der ganz großen Autofähren warten mussten und unsere damals noch kleinen Jungs es kaum aushalten konnten. Sie wurden ganz still, bis es dann wirklich nicht mehr anders ging: „Papa, ich platze jetzt gleich!“ Vor Aufregung, vor Freude, vor Vorfreude auf die bald beginnenden Überfahrt!

So oder so ähnlich stelle ich mir die Gemütslage des Propheten vor, wie er aus diesem ersten Vers aus Jes 49 zu uns redet:

Jubelt, ihr Himmel, freue dich, Erde! Platzt, ihr Berge, vor Jubel!

Ja, Gott hat sein Volk getröstet, seiner Armen erbarmt er sich!“

Diese Freude über Gottes Eingreifen, über Sein Kommen ist Symbol für die Weihnachtsfreude, die wir in den vergangenen Tagen miteinander erleben und feiern konnten. Er hat sein Volk erlöst. Er hat sich erbarmt.

Er ist zu uns gekommen – was der Prophet damals vor tausenden Jahren denen im Exil zu sagen hatte, klingt nach und klingt weiter in unserer Weihnachtsfreude und in unseren alten und neuen Liedern.

Jauchzet, frohlocket! Eine uralte Sprache des Glücks – ich platze fast vor Glück, so möchte ich mit den Kindern sagen und mich mit hinein nehmen lassen in die Hoffnung, die hier mitklingt.

II.

Und dann geht unser biblischer Abschnitt weiter. Und die Verse, die sich nun diesem ersten Jubelruf anschließen, gleichen in gewissem Sinne den Tagen nach Weihnachten:

Es zieht der Alltag wieder ein. Die Geschenke sind umgetauscht, das Essen ist längst verdaut und hoffentlich hat es nicht zu viel Ärger und nicht zu viel Traurigkeit gegeben an diesen Festtagen…

Denn schon damals – wie heute auch – stellten sich die Fragen bald wieder ein:

Wo ist denn der Trost, wo ist denn die Hoffnung?

Was bleibt von unseren Liedern und unserem Feiern im Übergang zum neuen Jahr 2014?

Damals, im Exil, sagten sie höhnisch: „Singt uns doch Lieder vom Zion“, von unserem geliebten Tempelberg – schau doch, wir müssen hier sitzen „by the rivers of Babylon“, an den Strömen Babels, und weinen und denken mit Wehmut an Zion!

Das Schicksal der Heimat-Stadt beklagen sie, wie man damals einen verlassenen Menschen beklagt hatte.

Sie identifizieren sich mit der Mutter und ihrem Leid und bringen dem Propheten ihre Einwände:

Zion sprach: Verlassen hat mich Gott, der Herr hat mich vergessen!

Der Prophet, ein Seelsorger und im Auftrag Gottes unterwegs, hat es genau wahrgenommen, er kennt seine Leute und weiß, wie wir immer wieder daran zweifeln, angefochten sind, es nicht glauben können, was uns gesagt ist.

Darum antwortet er mit einem Gotteswort und geht tröstend auf die Zweifel seiner Leute ein:

Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen – ohne Erbarmen für den Sohn ihres Leibes?!

Selbst wenn diese vergäßen – ich vergesse dich nicht.

Siehe, in beide Hände habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind beständig vor mir.

Der Prophet, den wir den 2. Jesaja nennen, benutzt ein starkes Bild, um die Seinen zu trösten, die Zweifelnden, die sich immer wieder wie Verbannte und Verstoßene fühlen mussten.

Wenn auch eine Mutter ihr Kind vergessen könnte, was schon die absolute Ausnahme darstellt – Gott selbst kann die Seinen nicht vergessen.

Eine interessante Wendung, liebe Gemeinde, auf die die rabbinische Auslegung hinweist: Es heißt hier nicht „verlassen“, sondern „vergessen.“

Die Exilierten, die sich manches Mal von Gott verlassen fühlen mussten, werden daran erinnert, dass es dennoch den Einen gibt, der sie nicht vergessen hat. Vergessen wäre etwas Radikaleres als Verlassen.

Die Rabbiner im Judentum vergleichen das ganz lebenspraktisch mit einer Partnerschaft: Wenn ein Mann eine Frau verlässt und eine andere nimmt, so sagen sie, dann denkt er doch immerhin noch an die erste… Die Rabbiner weisen darauf hin, dass Gott nicht vergisst, auch wenn er uns manchmal verlässt oder wenn es den Anschein hat.

Gott kann wohl vergessen: die Sünden, die bösen Taten Israels, wie z.B. die Sünde des Goldenen Kalbs, aber nicht vergessen kann er, dass Er sich seinem Volk selbst versprochen hat und zugesagt hat: „Ich vergesse dich nicht!“ Ob das auch uns Christen etwas zu sagen hat?

III.

Liebe Gemeinde!

Wenn Gott sich seinem Volk so einmalig versprochen hat, und wenn wir in Jesus dieses Versprechen für uns Christen eingelöst sehen, dann sehen wir auch an Jesus, was es heißt, dass ein Mensch wohl von Gott verlassen sein kann – wie Jesus am Kreuz, aber doch niemals vergessen sein wird!

Das Kind in der Krippe, mit dem die Weihnachtsgeschichte ihren Anfang nimmt, und der Mann am Kreuz, der Gottverlassene, das sind die beiden Pole, mit denen uns unser Gott nahe kommt und uns tröstet.

Vieles von dem, was uns widerfährt, mag uns so erscheinen, als seien wir von Gott verlassen. Vieles von dem, was wir erleben, geht nicht auf in der Formel: „Glück“, „gelingendes Leben“, „Erfolg“ und wie die modernen Phrasen alle lauten.

Dafür hören wir mit dem heutigen biblischen Abschnitt von einem Gott, der mit der absolut vollkommenen Mutterliebe verglichen wird. Diese Einsicht trägt der Prophet nicht vor, weil er das irgendwie abstrakt gelernt oder aus seiner Tradition gehört hätte.

Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass der zweite Jesaja, der hier zu uns spricht, wirklich die Not seiner Leute erkannt hat und im Zuge seiner Seelsorge gar nicht anders kann als mit großen und immer neuen Bildern zu trösten!

Der Prophet redet so, weil er gelernt hat, in der Stille auf Gott und sein Wort zu hören UND weil er zugleich sieht, was die Menschen seiner Zeit so dringend brauchen.

Das mütterliche Bild, das er hier von Gott zeichnet, findet sein Echo im 3. Teil des Jesaja-Buches, im 66. Kapitel (V. 13), wo es dann heißen wird: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Und hier eben:

Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen – ohne Erbarmen für den Sohn ihres Leibes?!

Selbst wenn diese vergäßen – ich vergesse dich nicht.

Siehe, in beide Hände habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind beständig vor mir.

Ein Ausleger, Werner Grimm, erklärt diese Worte so:

In der Verlassenheitsangst kann nur ein elementares Wort der Liebe und der Zuwendung helfen; dieses zu sagen, ist der Prophet ermächtig. Wie er es sagt, darin erweist sich wieder einmal die Meisterschaft des Dichters und Seelsorgers.

Er belässt es nicht einfach bei der Gegenbehauptung: Gott vergisst dich doch nicht, sondern er gibt ihnen ein Bild, das sie im Herzen und in der Vorstellung behalten sollen: Er hat als Gedenkzeichen die zukünftigen Mauern, „gewissermaßen den Bauplan“ […] der neuen Stadt, in seine Handflächen „eingezeichnet“, so dass er sie stets vor Augen hat und immer wieder an sie erinnert wird – ein schönes Sinnbild dessen, was Gottes „Gedenken“ meint“ (Werner Grimm, Deuterojesaja, S. 343).

Gott vergisst die Seinen nicht, der Prophet vergleicht ihn hier mit einem, der es sich auf die Hand schreibt, was er auf keinen Fall vergessen darf – Schüler machen das heute noch manchmal.

Gemeint ist hier im Falle des 2. Jesaja aber nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft: Ja, nur miteinander, nur in der Gemeinschaft der Geschaffenen, mit Mann und Maus, Mütter und Väter, Eltern und Kinder, „Israel“ heißt es bei Jesaja, das ist die Gemeinschaft – derer gedenkt Gott selber – es geht also nicht um MEIN Heil, sondern nur als Gemeinschaft spricht Gott uns das zu!

Und bemerkenswert, was der Prophet über Gott sagt: die „Hand“ hier ist die Handhöhlung, also in besonderer Weise die geöffnete und empfangende sowie die beherbergende Hand. Das bedeutet: Die Seinen dürfen sich darin selbst nicht nur eingezeichnet, sondern in einem umfassenden Sinne gut aufgehoben wissen. Auch die Lebenszeit (Ps 16, 31) ist darin eingezeichnet, das ganze Leben mit Leib, Seele und Geist ist in der geöffneten, empfangenden und beherbergenden Hand Gottes eingezeichnet.

IV.

So, liebe Gemeinde, lässt sich Gott an die Seinen erinnern – was dem Volk im Exil damals gesagt wurde, wird zumindest transparent auf das hin, was wir an Weihnachten gehört haben:

Da haben wir in hohen Tönen die Geburt des einen gefeiert, Jesus, der in diese Welt gekommen ist und im Wunder der Menschwerdung, der Inkarnation, aus Gottes Hand seinen Weg hier auf Erden gegangen ist, bis hin zur Gottverlassenheit am Kreuz – um uns den Weg zu weisen, den Weg bedingungslosen Vertrauens.

Er ist den Weg radikaler Abhängigkeit von Gott gegangen. Den Weg, der darin das Glück entdeckt, sich Gott ganz anzuvertrauen.

Er ist den Weg der Gemeinschaft gegangen, die nicht auf das Eigene schielt und es wie einen Raub festhält, sondern die den anderen immer mitdenkt und sieht – nur als solche Gemeinschaft in solcher elementaren Verbundenheit haben wir eine Chance, bei Gott nicht vergessen zu sein. Solange wir nur das eigene Heil suchen, wird uns die Kraft fehlen, das Gesicht dieser Welt zu verändern. Er sagt seiner Kirche bis heute: geht auch ihr den Weg der Gemeinschaft und haltet nicht still, wenn die Ungerechtigkeiten der Welt zum Himmel schreien, wenn Armut und Reichtum immer ungerechter verteilt ist und sich manche wie ausgeschlossen fühlen, weil ihr die Tore verschlossen haltet.

Jesus ist übrigens auch den Weg absoluter Diesseitigkeit gegangen, den Weg der Hingabe und des Loslassens – um am Ende wieder selbst sich eingezeichnet zu finden in den geöffneten Handflächen Gottes…

Das Bild, das Deuterojesaja, der 2. Jesaja hier benutzt, um uns daran zu erinnern, dass Gott vielleicht die Welt verlassen hat, aber sie doch nicht vergessen hat, ist das kühne Bild der Mystiker aller Zeiten:

Auch wenn Du nichts spürst von Deinem Gott, ja selbst wenn Dir Deine Welt wie von allen guten Geistern verlassen vorkommt – ER hat Dich nicht vergessen.

So wie er in Jesus Mensch wurde, so wie er in seinem Wort uns ganz nahe kommt, so kommt er noch heute zu uns – Siehe, in beide Hände habe ich Dich gezeichnet.

So schimmert und scheint hindurch in diesen alten Worten, was wir an Weihnachten gefeiert haben:

Dass Gott uns das Leben schenkt und uns nicht vergessen hat, auch wenn wir uns manches Mal von ihm verlassen fühlten oder wir seine Wege verlassen hatten.

Indem wir uns für ihn öffnen, uns an Jesus orientieren, uns in der Stille ihm nähern, und es wagen, unseren Weg mit ihm weiterzugehen, wird er uns sein heilvolles und Leben spendendes Wort immer neu ins Herz geben – und unsere Füße werden den Weg des bedingungslosen Vertrauens weitergehen können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verwendete Literatur:

Werner Grimm/Kurt Dittert, Deuterojesaja: Deutung – Wirkung – Gegenwart. Ein Kommentar zu Jesaja 40-55 von Werner Grimm in Zusammenarbeit mit Kurt Dittert, Calwer Verlag Stuttgart, 1990.