Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 58,1-11

Gesundheits-und Krankenpfleger Manuel Becker (ev), 25 Jahre

29.01.2012 in der Kirchengemeinde in Obertshausen

Sonntag-Morgen-Gottesdienst (meine erste Predigt als Prädikant in Ausbildung)

Gott schenke Reden, Hören und Verstehen durch seinen Geist.

Einen Mitschnitt der Predigt hören Sie hier.

Der Predigttext von heute steht in Jesaja 58,1-11 (nach „Hoffnung für Alle“):

1 "Ruf, so laut du kannst! Lass deine Stimme erklingen, mächtig wie eine Posaune! Halte meinem Volk seine Vergehen vor, zähl den Nachkommen Jakobs ihre Sünden auf!

2 Sie rufen Tag für Tag nach mir und fragen nach meinem Willen. Sie gehen gern zum Tempel, in meine Nähe. Weil sie sich für ein frommes Volk halten, das nach den Geboten seines Gottes lebt, darum fordern sie von mir auch ihre wohlverdienten Rechte.

3 'Warum siehst du es nicht, wenn wir fasten?', werfen sie mir vor. 'Wir plagen uns, aber du scheinst es nicht einmal zu merken!' Darauf antworte ich: Wie verbringt ihr denn eure Fastentage? Ihr geht wie gewöhnlich euren Geschäften nach und treibt eure Arbeiter noch mehr an als sonst.

4 Ihr fastet zwar, aber gleichzeitig zankt und streitet ihr und schlagt mit roher Faust zu. Wenn das ein Fasten sein soll, dann höre ich eure Gebete nicht!

5 Denkt ihr, mir einen Gefallen zu tun, wenn ihr euch selbst quält und nichts esst und trinkt, wenn ihr den Kopf hängen lasst und euch in Trauerkleidern in die Asche setzt? Nennt ihr so etwas 'Fasten'? Ist das ein Tag, an dem ich, der Herr, Freude habe?

6 Nein - ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei, und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab!

7 Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!

8 Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne, und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Eure barmherzigen Taten gehen vor euch her, meine Macht und Herrlichkeit beschließt euren Zug.

9 Wenn ihr dann zu mir ruft, werde ich euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: 'Ja, hier bin ich.' Beseitigt jede Art von Unterdrückung! Hört auf, verächtlich mit dem Finger auf andere zu zeigen, macht Schluss mit aller Verleumdung!

10 Nehmt euch der Hungernden an, und gebt ihnen zu essen, versorgt die Notleidenden mit allem Nötigen! Dann wird mein Licht eure Finsternis durchbrechen. Die Nacht um euch her wird zum hellen Tag.

11 Immer werde ich euch führen. Auch in der Wüste werde ich euch versorgen, ich gebe euch Gesundheit und Kraft. Ihr gleicht einem gut bewässerten Garten und einer Quelle, die nie versiegt.

Ist dies nicht das was wir uns wünschen, aber so selten erleben?

Wir wünschen uns, dass (V.8-11)...

...Gottes Licht unsere Dunkelheit vertreibt

...unsere Wunden in kurzer Zeit geheilt werden

...Menschen durch unsere Taten auf Gott aufmerksam werden

...Gottes Herrlichkeit aus unserem Leben herausscheint und Menschen dadurch verändert werden

...wenn wir rufen er sofort antwortet

...Gott uns klar führt

...Gott uns selbst in der Wüste versorgt

...Gott uns mit Gesundheit und Kraft beschenkt

Wir finden hier die schönsten aller Verheißungen! Gott fährt hier voll auf!

Jetzt gilt es nur eine Sache zu beachten:

in der Bibel ist es immer wichtig den Kontext zu beachten!

Es gilt die Regel:

„Findest du ein "deshalb" frage dich "weshalb"“

In unserem Fall: finden wir ein "dann" fragen wir uns "wann"

Bevor wir uns aber die Bedingungen für die Verheißungen ansehen, schauen wir zuerst gemeinsam wie die Israeliten damals geistlich unterwegs waren.

Aus Vers 1-5:

Sie haben Tag für Tag zu Gott gerufen.

Sie haben nach Gottes Willen gefragt.

Sie gingen gerne in den Tempel.

Sie hielten sich für ein frommes Volk welches nach Gottes Geboten lebt.

Sie haben regelmäßig gefastet.

Das klingt für mich nach sehr guten vorbildlichen „Christen“.

Diese Juden hatten sehr gute und wünschenswerte Eigenschaften, die ich mir heute oft in meinem Leben wünsche.

Viele dieser Eigenschaften passen auch auf unsere Gemeinde.

Wir fördern Gebet in unserer Gemeinde indem wir ein 24-Stunden-Gebet initiieren, wir haben „Tor zur Bibel“-Kurse, haben einen Kirchenvorstand der versucht Gottes Plan für uns als Gemeinde herauszufinden und die Zahl der Besucher des Gottesdienstes lässt schließen, dass hier auch viele gerne in den Gottesdienst gehen.

Aber Christen in der Geschichte hatten und haben immer blinde Flecken und "akzeptable" Sünde.

In der Kolonialzeit waren Menschen wie William Wilberforce leider die Ausnahme. Viel öfter waren es Christen die Sklaverei gefördert haben unter dem Deckmantel sich dem Staat unterordnen zu müssen und der Bibelstelle, dass Sklaven ihren Herren gehorsam sein sollen.

Zur Zeit des Nazi-Regimes waren Männer wie Bonhoeffer die Ausnahme. Der Großteil der Christen zu dieser Zeit hat sich nicht mit Ruhm bekleckert sondern eher still schweigend das System unterstützt.

Warum auch protestieren? Wir sind die welche den Vorteil von der weltweiten Ungerechtigkeit haben!

Wir sind die Nutznießer des Systems in welches wir geboren wurden und es ist sehr schwer dieses eigene System zu durchbrechen. Wer gibt schon gerne Vorteile und Luxus auf wenn es nicht notwendig ist.

Würde in unserer Gemeinde ein Ehemann fremdgehen und deshalb seine Frau verlassen dann wäre das ein großer Skandal und zwar zurecht, aber wenn wir die Armen ignorieren und nicht helfen obwohl wir es könnten, dann erhebt niemand seine Stimme, weil in unserem System ist Ausblendung der Ungerechtigkeit der Welt eine tolerierte Sünde.

So zeigt uns auch unser Predigttext den blinden Fleck der Israeliten damals

V.6-7:

„Nein - ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei, und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! 7 Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!“

Diese Verse sprudeln von Gottes Herz für die Armen, Letzten, Geringen und Unterdrückten

Erzbischof Desmond Tutu sagte einmal:

„Wenn ich behaupte Gott sei schwarz dann meine ich damit nicht eine Rasse oder Hautfarbe sondern seine grundsätzliche Identifizierung mit den Armen und Unterdrückten dieser Welt“

Hierbei muss ich an den Sportunterricht in der Schule denken. Bei der Teamwahl wurden die Besten immer zuerst gewählt. Die Auswahl der Wählbaren wurde dann immer kleiner, aber Verletzung und Scham immer größer. Zum Schluss kam dann noch ein Satz wie: "Ich nehme Rudi ihr könnt die anderen drei haben." Dabei stelle ich mir vor wie der Himmel aufreißt und eine Stimme vom Himmel kommt und sagt: „Das sind diejenige die ich erwählt habe. ich nehme euch! Euch will ich um mein Reich zu bauen. ihr sollt diese Welt auf den Kopf stellen. Ich will die Gemobbten, die welche immer den schlechten Job bekommen, die welche sonst niemand haben will, die Außenseiter, die welche nichts anzubieten haben.

Eine steile These? Klingt alles ganz nett, aber ist das biblisch haltbar?

Wir haben in diesem Gottesdienst schon zwei weitere Stellen die diese Identifikation Gottes mit den Armen belegen gelesen: Mt.25,40 und Jes.61,1.

Der König wird ihnen dann antworten: 'Das will ich euch sagen. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan!' (Mt.25,40)

Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich berufen hat. Er hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu bringen und die Verzweifelten zu trösten. Ich rufe Freiheit aus für die Gefangenen, ihre Fesseln werden nun gelöst und die Kerkertüren geöffnet. (Jes.61,1)

(meine Bibel hochhalten und durchblättern)

Ich lese die Gerechtigkeits-Bibel. In dieser Bibel sind alle Stellen markiert zu dem Thema Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Schon beim Durchblättern sieht man fast jede Seite ist markiert. Die Bibel hat sehr viel zu diesem Thema zu sagen.

Ein gerechtes Verhalten den Armen gegenüber ist die ganze Bibel durch Thema.

Gott erschafft Menschen gleichwertig.

Gott befreit sein Volk aus der Sklaverei.

Das Ziel vieler Gebote Gottes war es eine Nation zu schaffen in der Armut aktiv bekämpft wird: Gott fordert ein Erlassjahr und will, dass auf den Feldern Reste für die Armen liegen bleiben.

In Ruth geht es um eine arme Witwe der Gott Gerechtigkeit verschafft.

In den Psalmen heißt es:

Ps.68,6-7: Ein Anwalt der Witwen und ein Vater der Waisen ist Gott in seinem Heiligtum. 7 Den Einsamen gibt er ein Zuhause, den Gefangenen schenkt er Freiheit und Glück.

Die Sprüche reden immer wieder von der Notwendigkeit Armen zu helfen.

Spr.19,17: Wer den Armen etwas gibt, gibt es Gott, und Gott wird es reich belohnen.

Spr.21,13: Wer sich beim Hilferuf eines Armen taub stellt, wird selbst keine Antwort bekommen, wenn er Hilfe braucht.

Die Propheten kreiden Ungerechtigkeit an und fordern Gerechtigkeit.

Jes.1,17: Lernt wieder, Gutes zu tun! Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, tretet den Gewalttätern entgegen, und schafft den Waisen und Witwen Recht!"

Jesus geht zu den Ausgestoßenen, Armen und Unbeliebten.

In der Feldrede sagt er: „Selig sind die, die da arm sind.“ (Lk.6,20).

In Apg.6 geht es um eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel. 7 Männer wurden dafür eingesetzt um dabei für Gerechtigkeit zu sorgen.

In den Briefen des NT wiederholt sich die Aufforderung:

„Kümmert euch um die Witwen, Waisen und Armen.“

Die Gemeindeleiter in Jerusalem haben Paulus nur um eine einzige Sache gebeten:

„Nur um eins haben sie uns gebeten: Wir sollten die Armen in der Gemeinde von Jerusalem nicht vergessen. Und dafür habe ich mich auch immer eingesetzt.“ (Gal.2,10)

In Jak.2,5 lesen wir: Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt (...)?

In dem kurzen Buch Philemon bittet Paulus, dass der Sklave Onesimus gut behandelt wird.

Und in der Offenbarung finden wir, dass Gott am Ende für Gerechtigkeit sorgen wird!!!

Ich denke der biblische Befund ist glasklar!!!

Bonhoeffer hat einst gesagt:

„Tu deinen Mund auf für die Stummen! - Wer weiß denn das heute noch in der Kirche, dass dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?“

Jesus steht auf der Seite der Armen und Unterdrückten. Die Frage ist: auf welcher Seite stehen wir?

Wie ist die Lage? Ist das Thema in der Welt von heute noch relevant? Sklaverei gibt es doch nicht mehr oder?

Hier ein paar erschütternde Fakten:

10% der Weltbevölkerung besitzen 85% des Weltkapitals.

Wenn wir fließendes Wasser haben, ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Essen und ein Transportmittel - z.b. Bus oder Bahn, dann zählen wir zu den reichsten 15% der Weltbevölkerung.

Über 50 % der Weltbevölkerung lebt von weniger als 2 US-Dollar am Tag

Während diesem Gottesdienst sterben ungefähr 1000 Kinder weil sie nicht ausreichend Essen haben. Was würden wir tun wenn das unsere Kinder wären???

Es gibt heute ca. 30 Mio. Sklaven weltweit, davon 80% Frauen und 50% Kinder

Damals hat ein Sklave (umgerechnet) 30.000€ gekostet. Heute kostet ein Sklave: 70€.

Jeder von uns hat täglich Kontakt mit Sachen die von Sklaven erstellt wurden: Socken die wir tragen, Schokolade die wir essen, T-Shirts die wir kaufen,...

Diese Zahlen schocken und gehen vergessen, aber Schicksale, einzelne Menschen und ihre Geschichten bleiben hängen.

Ich werde nie die Kinder vergessen die in Mosambik im Müllberg gelebt haben, die ich kennengelernt habe. Die Ärmsten der Armen. Sie haben Reste aus Abfalleimern gegessen und sind barfuss durch den Müllberg gestapft.

Wie kann ich die Gesichter dieser Kinder vergessen, während ich meinen noch halb vollen Teller Essen in den Mülleimer schmeiße.

Armut in der modernen Welt von heute ist nicht schade, sondern ein zum Himmel schreiendes Unrecht!

Die Frage an uns ist: Auf welche Seite stellen wir uns? Was machen wir mit dieser gigantischen Erkenntnis von Gottes Charakter? Stehen wir auf wie Wilberforce und Bonhoeffer oder passen wir uns dem System an?

Was kann man konkret tun?

Sich informieren! Über das Thema lesen. Gottes Herz für diese Leute bekommen!

Zahlen können dadurch zu Gesichtern werden.

Für manch einen ist ein Kurzzeiteinsatz nötig um ein gebrochenes Herz für die Armen zu bekommen und die Not selbst zu sehen und zu erleben.

Oft wird gesagt lieber 1000€ spenden statt einen Einsatz machen, aber Armut live zu erleben bricht unser Herz und führt ganz oft zu lebenslanger Verbindlichkeit, statt kurzzeitigem Geben.

Was können wir noch tun?

Die Bibel zu dem Thema lesen! Eine eigene Farbe anlegen und markieren was die Bibel über Armut und Ungerechtigkeit sagt.

Wir können beten, dass Gott für Gerechtigkeit in dieser Welt sorgt und dass er Menschen das Thema aufs Herz legt!

Wir können bewusster einkaufen und unseren übermäßigen Konsum überdenken.

Wir können Geld in Menschen investieren, z.B. durch eine Kinderpatenschaft statt es auf dem Bankkonto zu bunkern.

Wir dürfen kreativ werden und auf ganz unterschiedliche Weisen Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen.

Meine Frau Miriam und ich sind z.B. nach Thailand in ein Kinderheim gereist, haben Bilder von den Kindern gemacht und einen Kalender erstellt, gedruckt und verkauft. Wir konnten durch den Kalenderverkauf 3900€ an zwei Kinderheime in Thailand überweisen.

Es soll keine "jetzt gehen wir alle mit einem schlechten Gewissen nach Hause und spenden 100€ um unser Gewissen zu beruhigen und danach ist wieder alles gut"- Predigt sein, sondern der Versuch neu zu betonen wie hoch Gott den Kampf für Gerechtigkeit in der Bibel hebt und der Anstoß zu schauen wie wir auch als Gemeinde den Armen dienen können und für Gerechtigkeit in der Welt sorgen können.

Kaiser Julian sagte:

"Das Christentum hat sich besonders dadurch ausgebreitet, dass den Fremdlingen mit so viel Liebe begegnet wird; ebenso dadurch, dass sie sich um die Beerdigung der Toten kümmern. Es ist eine Skandal dass es unter den Juden keinen einzigen Bettler gibt und dass die gottlosen Galiläer nicht nur für ihre eigenen Armen sorgen sondern auch noch für die unsrigen, während unsere eigenen Leute vergeblich auf die Hilfe warten die wir ihnen gewähren sollten."

Möge unser Umgang mit den Armen, Letzten und Geringen wie auch schon damals Gottes Charakter und seine Herrlichkeit wiederspiegeln und zeigen dass er in uns lebt.

Amen!