Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 59,1.2.8.9.21

Siegmar Beer (ev.-luth.)

05.11.2016 Schutzengelkirche in Eichenau

Ökumenischer Gottesdienst (Friedensgebet)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ist nun alles gut? – Im Jahr 538 v. Chr. besiegt der Perserkönig Kyros II. die Babylonier. Jetzt dürfen die im babylonischen Exil lebenden Judäer nach Juda und Jerusalem zurückkehren. Das tun nicht alle – aber viele. Und die treffen in der alten Heimat auf die judäische Restbevölkerung, die die Babylonier dort belassen hatten. Gemeinsam kann man einen neuen Anfang wagen. So wird auch der zerstörte Jerusalemer Tempel wieder aufgebaut und im Jahr 515 v. Chr. eingeweiht.

Ist nun alles gut? Nein! Bei der Lesung aus dem Jesajabuch haben wir die anklagenden Prophetenworte gehört. Und das Jesajabuch verzeichnet auch das Schuldbekenntnis der Judäer. Dort heißt es:

»Wir sind uns unserer Vergehen bewusst, wir kennen unsere Schuld: Untreue und Verleugnung des Herrn, Abkehr von unserem Gott. Wir reden von Gewalttat und Aufruhr, wir haben Lügen im Herzen und sprechen sie aus. – So weicht das Recht zurück, die Gerechtigkeit hat sich entfernt. Die Wahrheit kommt auf dem Marktplatz zu Fall, die Redlichkeit findet nirgendwo Einlass … Das hat der Herr gesehen und ihm missfiel, dass es kein Recht mehr gab.«1

Notleidend geworden sind also die beiden Grundbeziehungen der Menschen, nämlich die Beziehung zu Gott und die Beziehungen der Menschen untereinander. In beiden Grundbeziehungen mangelt es an Frieden. Aber die Menschen sehnen sich nach Frieden. Frieden – das ist ein Schlüsselbegriff im Alten Testament.

Welches Wort steht in der hebräischen Bibel für unseren Begriff »Frieden«? Ja, »Schalom«. Allerdings ist »Schalom« mit unserem deutschen Begriff »Frieden« inhaltlich nicht deckungsgleich. Vielmehr ist sein Inhalt wesentlich umfangreicher.

So bedeutet »Schalom« neben Frieden auch Wohlbefinden, Wohlergehen, Wohlsein, Freiheit, Heil, Heilsein, Unversehrtheit, Gesundheit, Sicherheit, Ruhe. Auch umfasst »Schalom« Aspekte des hebräischen Wortes »zedek«, auf Deutsch: Recht, Gerechtigkeit.

Es ist also nicht alles gut bei den Menschen in Juda und Jerusalem. Die anklagenden Prophetenworte und das Schuldbekenntnis der Judäer machen deutlich: Das Volk hat die Missstände selbst verschuldet. Damit ist es auch selbst dafür verantwortlich, dass sich die Dinge zum Guten hin ändern. Und für das Ändern gibt es eine motivierende Perspektive; auch das haben wir bei der Schriftlesung gehört. Hier noch einmal die Stelle aus dem Jesajabuch:

»Dies ist mein Bund, den ich mit ihnen schließe, spricht der Herr: Mein Geist, der auf dir ruht, soll nicht von dir weichen und meine Worte, die ich dir in den Mund gelegt habe, sollen immer in deinem Mund bleiben und auch im Mund deiner Kinder und Kindeskinder ...«2

Die Judäer müssen also die Dinge zum Guten hin verändern. Doch steht das in ihrer Macht? Hier kommt die Frage des freien Willens ins Spiel. Haben wir Menschen einen freien Willen? Können wir alle unsere kleinen und großen Entscheidungen grundsätzlich frei treffen? Können wir also bei all unserem Tun und Lassen zwischen den jeweils gegebenen Handlungsmöglichkeiten frei wählen? Über die Frage des freien Willens gibt es vor allem unter Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten Streit.

In jüngerer Zeit behaupten gewisse Modephilosophen und einseitig naturwissenschaftlich orientierte Hirnforscher, es gebe keine Willensfreiheit; der freie Wille sei vielmehr nichts als eine Illusion oder Fiktion. Denn in Wirklichkeit seien alle geistigen Phänomene auf rein körperliche Vorgänge zurückzuführen; es handle sich hier um bloße Gehirnfunktionen, um feuernde Neuronen. All unser Tun und Lassen sei also vollkommen durch die Gesetze der Physik vorherbestimmt.

Nun ist es in der Tat so, dass Willensfreiheit rein wissenschaftlich nicht bewiesen – allerdings auch nicht widerlegt werden kann. Aber es gibt Indizien, die den Glauben an die Freiheit des menschlichen Willens untermauern. Was sind das für Indizien?

Die Bibel sieht den Menschen durchaus nicht als willenlose Marionette. Vielmehr sagt sie uns an zahlreichen Stellen, dass wir unser Leben und unsere Umwelt aktiv in freier Entscheidung gestalten sollen. Das geht schon auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift los. Nach den beiden Schöpfungsberichten beauftragte Gott die Menschen, sich zu vermehren und sich die Erde untertan zu machen, um sie zu bebauen und zu bewahren.3 Zwar weiß ich nicht, ob das menschliche Vermehren in jedem Einzelfall eine Sache des freien Willens ist; aber gewiss erfordert das Bebauen und Bewahren der Erde differenzierte freie Willensentscheidungen, auch wenn deren Ergebnisse vielleicht nicht immer optimal sind.

Ein Lebewesen ohne freien Willen wird in seinem Verhalten ausschließlich durch seine Instinkte gesteuert; es kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden – wozu auch?! Der Mensch aber kann zwischen Gut und Böse unterscheiden, auch wenn er beim Tun des von ihm erkannten Guten oft versagt. Hätte der Mensch keinen freien Willen, wäre es sinnlos, ihn für sein Tun und Lassen verantwortlich zu machen, ihn zu bestrafen oder sein Verhalten zu loben oder zu tadeln – ganz abgesehen davon, dass dann auch niemand wüsste, was überhaupt Loben und Tadeln bedeutet. Ein Lebewesen ohne freien Willen kann nicht Scham, Reue oder Schuld empfinden – wozu auch?! Aber der Mensch kann es. Hätte der Mensch keinen freien Willen, könnte er nicht sündigen. Ja, er wüsste nicht einmal, was Sünde und Sündenvergebung ist.

Wir sehen: Es gibt viele bedeutsame Indizien, die unseren Glauben an die Freiheit des menschlichen Willens untermauern. – Zurück ins 6. Jh. v. Chr. Die Judäer stehen also vor der Aufgabe, ihre Beziehung zu Gott und die Beziehungen von Mensch zu Mensch wieder in Ordnung zu bringen. Sie müssen aktiv werden, damit wieder Frieden, Recht und Gerechtigkeit im Lande herrschen können. Und dazu sind sie dank der menschlichen Willensfreiheit auch grundsätzlich in der Lage.

Welche zentralen Forderungen aus dem Alten Testament haben die Judäer nun zu erfüllen, damit alles wieder gut wird? Das Wichtigste ist das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Als Leitlinie für das gesamte menschliche Tun und Lassen schließt es alle anderen Gebote mit ein:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.«4 Dieser erste Teil des Doppelgebotes, der die Beziehung des Menschen zu Gott betrifft, steht im Buch Deuteronomium, dem 5. Buch Mose. – »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«5 Dieser zweite Teil des Doppelgebotes regelt die Beziehungen der Menschen untereinander. Er steht im Buch Levitikus, dem 3. Buch Mose. Im Buch des Propheten Micha schließlich finden wir den Kerngehalt des Doppelgebotes auch in einem Bibelvers zusammengefasst: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich nichts anderes als dies: sich an das Recht halten, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott.«6

Nächstenliebe ereignet sich, wenn Menschen einvernehmlich zusammenleben, wenn allerorten Schalom in der ganzen Breite seiner Bedeutung wirksam ist. Gottesliebe bedeutet, dass sich der Mensch mit Gefühl und Verstand Gott zuwendet, über seine Worte, Taten und Gebote nachdenkt und die Gebote auch befolgt. Anders gesagt: Es geht darum, Gottes Nähe zu suchen. So lesen wir an vielen Stellen der Bibel, dass der Mensch Gottes Nähe suchen soll – und kann. Dazu zwei Beispiele. Zuerst eine Stelle aus dem Buch Maleachi:

»Seit den Tagen eurer Väter seid ihr von meinen Gesetzen abgewichen und habt auf sie nicht geachtet. Kehrt um zu mir, dann kehre ich mich euch zu, spricht der Herr der Heere.«7

Hier sieht es so aus, als müssten die Menschen selbst die Initiative zur Umkehr ergreifen. Das zweite Beispiel hingegen – es stammt aus den Klageliedern – sieht die Initiative offensichtlich bei Gott: »Kehre uns, Herr, dir zu, dann können wir uns zu dir bekehren.«8

Wie dem auch sei: Die Gottessuche ist auf jeden Fall ein zweiseitiges Geschehen. Damit sind wir bei der grundlegenden Frage: Wie ist das Verhältnis von göttlichem Handeln und menschlicher Freiheit? Oder anders gefragt: Was in unserem Leben tun wir selbst und was tut Gott? Wie haben wir uns das Zusammenwirken von Gott und Mensch vorzustellen? Sicherlich nicht so, dass der Mensch als gleichgeordneter Partner Gottes fungiert. Vielmehr handelt es sich hier um eine paradoxe Konstellation. Und dieses Paradox können wir Menschen mit unserer Logik und unserem unvollkommenen Erkenntnisvermögen nicht auflösen. So stellt Andreas Rössler treffend fest, dass uns verborgen ist, »wie Gott im Einzelnen in der Natur und in der Geschichte wirkt und wie weit andererseits die Freiheit reicht, die er uns einräumt«.

Halten wir fest: Bei der Frage »Was tut Gott und was tue ich?« sind wir auf Glauben und Vertrauen verwiesen. Und das ist auch gut so. Sind nicht alle unsere Willensentscheidungen, ist nicht all unser Tun und Lassen eingebunden in Gottes Gesamtplan für unser Leben?

Wie ist es nun bei den Judäern in der Zeit nach dem babylonischen Exil? Laut Jesajabuch wird dem Volk diese Botschaft zuteil:

»Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist. – Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne. Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm ... Denn er ist groß im Verzeihen. – Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. – Friede, Friede den Fernen und den Nahen, spricht der Herr, ich werde sie heilen.«9

Amen – Schalom!

Siegmar Beer
Predigt_2016.odt

1 Jes 59,12–15.

2 Jes 59,21.

3 Vgl. Gen 1,28; 2,15.

4 Dtn 6,5.

5 Lev 19,18.

6 Mich 6,8.

7 Mal 3,7.

8 Klgl 5,21.

9 Jes 55,6–8; 57,19.