Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 66,13

Pfarrerin Christiane Borchers, Dipl.-Theol. (ev.-ref.)

03.01.2016 Emden

Predigt zur Jahreslosung 2016

Die Mutter umfängt ihr kleines Kind, wiegt es in ihren Armen, sie hält es, beschützt es, trägt es. Das Kind fühlt sich geborgen. Was gibt es Lieblicheres und Friedlicheres als dieses Bild?!

Ich erinnere mich an die Szene in einem Gottesdienst. Der Pastor wählte in diesem Gottesdienst einen besonderen Segen:  Gott segne und behüte uns. Er tröste uns wie eine Mutter ihr Kind. Er lasse sein Angesicht über uns leuchten und gebe uns Frieden.  Zum Segen hatte sich die Gemeinde erhoben. Mir gegenüber stand eine Mutter mit ihrem kleinen Kind im Arm. Sie blickte freundlich und liebevoll in das Gesicht ihres Babys und wiegte es sanft. Das Bild von der jungen Mutter mit ihrem Baby im Arm führte mir unmittelbar vor Augen, was der Segen verhieß: Gott nimmt sich unserer an wie sich eine Mutter ihres Kind annimmt. Er sieht uns, blickt uns freundlich an, liebkost uns mit seinem Blick, trägt uns und hält uns. Wer so umfangen ist von Liebe, fühlt sich geborgen, gehalten und getröstet.

Wer so umgeben ist von freundlicher Zuwendung, fühlt sich verbunden; von Harmonie und von einem vollkommenen Frieden umschlossen. Das ist ein Zustand eines umfassenden Glücksgefühls, - ein Zustand, wie ihn die Bibel für die ersten Menschen im Paradies beschreibt: ungetrennt, eins mit den Menschen und der Natur,  verbunden mit Gott.

Eine Mutter umfängt liebevoll ihr kleines Kind. Die Mutterliebe fragt nicht nach einem Grund. Sie braucht keinen Anlass. Sie verschenkt sich bedingungslos;  sie fragt nicht nach Ort und Zeit; sie ist da.

Nun kann es sein, dass eine Mutter in große Bedrängnis kommt. Ihr fehlt es am Nötigsten, ihr Kind zu versorgen. Sie kann ihr Kind nicht ernähren, weil sie selbst nichts zum Essen hat. Sie ist auf der Flucht und kann ihr Kind nicht so schützen, wie sie es gerne möchte. Sie lässt ihr Kind im Stich, weil sie selbst für sich und für ihr Kind keine Hoffnung hat. Das gibt es und es ist traurig, dass es Schicksale in unserer so reichen Welt gibt, die so etwas möglich machen. Grundsätzlich gilt aber: Eine Mutter liebt ihr Kind und tut alles dafür, dass ihr Kind versorgt und geschützt wird.   

„Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind tröstet“, spricht Gott. Dieses Bild von einer liebenden schützenden Mutter überträgt der Prophet Jesaja auf Gott. Die Losung bringt uns in die Zeit nach dem Exil. Das israelitische Volk ist aus babylonischer Gefangenschaft in seine Heimat Israel zurückgekehrt. Es ist voller Hoffnung auf eine gute neue Zeit. Endlich wieder zu Hause, endlich wieder frei, endlich wieder Gott öffentlich anbeten dürfen, und nicht in aller Heimlichkeit unter fremden Göttern im fremden Land!

Als die Israeliten zurückkamen, mussten sie komplett von vorne anfangen. Große schwere Aufgaben warteten auf sie. Der Tempel war zerstört, sie mussten ihn wieder aufbauen; ihre Häuser waren verwahrlost, nicht mehr bewohnbar oder gar nur noch ein Steinhaufen. „Tröstet, tröstet mein Volk“, hatte Gott durch den Mund des Propheten Jesaja gesprochen. „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Gefangenschaft ein Ende hat.“ Das war Balsam für ihre Seelen in der Gefangenschaft in Babylon gewesen. Das hatte ihnen Hoffnung gemacht, daraus hatten sie Kraft geschöpft.

Und jetzt? Jetzt sind sie in der Heimat. Sie finden sie verlassen und zerstört vor. Sind die schönen Worte nur eine Täuschung gewesen? Gilt der Trost nicht mehr? Hat Gott sie endgültig verlassen?

Und wieder wendet sich Gott durch den Mund des Propheten Jesaja an sein Volk und spricht: „Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind.“ Wieder sagt er ihnen: Ich halte zu euch, auch in großer Sorge um die Zukunft und um die Existenz. Ich bin bei euch und verlasse euch nicht, so wie eine Mutter ihr Kind nicht verlässt. Und wenn eine Mutter doch ihr Kind verlassen sollte, ich, euer Gott tue es nicht, heißt es an anderer Stelle beim Propheten Jesaja (Jes 49,15). Die Bibel kalkuliert ein, dass es Situationen gibt, an denen eine Mutter an ihre Grenzen kommt.

Die Jahreslosung in der Übersetzung Martin Luthers lautet: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist eine etwas holperige Formulierung, und es verwundert, dass Martin Luther, der wortgewandte Übersetzer der Bibel, hier eine etwas unglückliche Übersetzung liefert. „Ich will trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ Wir erfassen zwar den Sinn, aber die Formulierung ist umständlich.

Der jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt die Jesaja-Stelle so: „Ich will trösten wie eine Mutter einen Mann tröstet.“ Im hebräischen Urtext steht tatsächlich das Wort „Mann“.

Eine Mutter tröstet ihr Kind. Bei diesen Worten entsteht bei mir im Kopf zunächst das Bild eines kleinen Kindes. Doch für eine Mutter bleibt ihr Kind ein Kind, auch wenn es längst erwachsen ist und sich sein eigenes Leben aufgebaut hat. Eine Mutter tröstet ihr Kind und nimmt es voraussetzungslos an. Das gilt in jedem Lebensalter. Ein kleines Kind hat keine Schwierigkeiten, sich an die Mutter zu wenden, wenn es Hilfe und Trost braucht. Das Baby weiß instinktiv, dass die Mutter die physische und psychische Lebensquelle ist. Aber wie verhält es sich mit einem erwachsenen Mann? Wie groß muss die Not eines erwachsenen Mannes sein, wenn er sich Hilfe suchend an seine Mutter wendet? Wie schwer und wie tief muss der Schmerz oder die Enttäuschung sein, wenn ein erwachsener Mann den Trost seiner Mutter braucht? Jesaja hat an dieser Stelle an erwachsene Männer gedacht, die in ihrer Seele so zerstört und niedergeschlagen sind, dass sie sich keinen Rat und keine andere Hilfe mehr wissen, als Zuflucht bei ihrer Mutter zu nehmen. Das Leid, das sie in der babylonischen Gefangenschaft erfahren haben, und die trostlose Zustände, die sie in ihrer Heimat vorfinden, lassen die erwachsenen und gestandenen Männer bei ihren Müttern Trost suchen.

Eine Mutter nimmt ihre Kinder an und auf.

Hinrich ist lange ein erfolgreicher Mann gewesen. Er hat sich selbstständig gemacht, seine Firma lief gut. Bereits in jungen Jahren hat er geheiratet. Er möchte eine Familie. In seiner Erika hat er die Richtige gefunden. Die beiden sind glücklich. Bald nach der Heirat wird Erika schwanger. Als der kleine Eric geboren wird, ist das Glück vollkommen. Im Laufe der Zeit schenkt ihm seine Frau noch zwei weitere Söhne. Sie sind Hinrichs ganzer Stolz. Familiär kann es nicht besser laufen. Auch beruflich geht es voran. Hinrich baut die Firma aus; unermüdlich holt er neue Aufträge herein. Er stellt mehr Leute ein, damit ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist. Doch dann setzt ein schleichender Prozess ein, der alles verändert: Hinrich ist mit Arbeit zugedeckt. Die Familie kommt zu kurz. Aber das ist ihm nicht bewusst. Er hat nur noch die Firma im Kopf. Er merkt auch nicht, dass seine Frau unglücklich wird. Er findet es normal, dass sein Leben aus Arbeit, Telefonaten und Stress besteht. Zunehmend greift Hinrich zu Alkohol und Tabletten. Er kann sich bald nicht mehr vorstellen, wie er ohne Alkohol und Tabletten seinen Alltag bewältigen soll.

Seine Frau ermahnt ihn: Er soll aufhören mit dem Trinken und mit dem Tablettenkonsum. Sie wünscht sich Zeit mit ihm; wünscht sich, dass auch die Kinder etwas von ihrem Vater haben.

Als Hinrich die Forderung seiner Frau endlich ernst nimmt, ist es zu spät. Sie möchte dieses Leben so nicht weiterführen und verlässt ihn mit den Kindern. Hinrich bleibt allein zurück. Das hat er nicht gewollt. Er war doch immer fleißig gewesen. Er hat das doch alles nur für seine Familie getan. „Ich habe wohl viel falsch gemacht“, denkt er bei sich. In dem großen Haus ist es bedrückend leer und still. Die Familie, die er bisher für seinen Lebensinhalt hielt, gibt es hier nicht mehr.

Er wird mit der Zeit immer mutloser. Wozu noch in die Firma gehen? Wozu noch aufstehen? Wozu den Tag beginnen? 

Die Monate verstreichen. Hinrich kümmert sich nicht mehr um seine Firma, holt keine neuen Aufträge mehr herein. Die Firma geht zugrunde. Hinrich muss Konkurs anmelden. Es geht immer weiter bergab. Freunde hat er schon lange keine mehr, sie haben sich längst von ihm abgewandt. Da er die Raten nicht mehr bezahlt, verliert er schließlich das Haus.

Hinrich landet letztlich auf der Straße. Er ist ganz unten. Mit Alkohol betäubt er seine Einsamkeit und seinen seelischen Schmerz. In der Fußgängerzone bettelt er um Geld. Eines Tages - er weiß nicht wie - fasst er einen Entschluss: So will er nicht weiterleben. Es hat doch eine Zeit in seinem Leben gegeben, da ist er ein geachteter Mann gewesen, ein guter Ehemann und Familienvater, erfolgreich im Beruf. Er hat Freunde gehabt. Er will heraus aus seiner Situation. Er möchte noch einmal neu anfangen. Aber wo soll er hingehen? Er hat doch niemanden mehr, hat sie ja alle vergrault.

Da besinnt sich Hinrich auf seine Mutter. Seine Mutter wird ihn aufnehmen, erhofft er sich. Mit letzter Kraft rafft er sich auf, wirft die Flasche Bier in die Mülltonne, erbettelt sich das Geld für eine Fahrkarte und fährt zu seiner Mutter. Wohl bald zwanzig Jahre ist er nicht mehr bei ihr gewesen. Jetzt ist sie sein letzter Anker.

Er erreicht das Haus seiner Mutter, steht vor der Tür und klingelt. Sein Herz pocht. Es kommt ihm wie eine kleine Ewigkeit vor, bis er ihren Schritt hört. Er weiß genau, wie es sich anhört, wenn sie zur Tür geht. Das hat sich bei ihm eingeprägt. Das können auch zwanzig Jahre nicht wegwischen. „Sie kommt“, denkt er erleichtert. Gleich wird sie die Tür öffnen.

Hinrich hat sich nicht getäuscht; seine Mutter gewährt ihm Obdach und eine Heimstatt. Die Liebe seiner Mutter hat ihn gerettet. Bei ihr hat er Trost gefunden. Durch sie hat Hinrich wieder Fuß gefasst. Das hat eine Zeit gedauert. Es war ein schwerer Weg, aber die Rückkehr zu seiner Mutter, ihre Bereitschaft, ihn auf- und anzunehmen,  waren der Anfang gewesen. Sie hat ihm das Leben neu geschenkt.

Eine Mutter verweigert ihren Trost nicht - unabhängig vom Alter ihres Kindes. Ihr Kind bleibt ihr Kind.

„Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind“, spricht Gott. „Ich will trösten, wie eine Mutter einen Mann tröstet“, übersetzt Martin Buber ganz treffend.    

Die Jahreslosung begleitet uns durch alle Tage des neuen Jahres. Gott tröstet uns und richte uns auf, wenn wir Trost brauchen.  Er nimmt uns an wie eine Mutter ihr Kind. Bei Gott sind wir zu Hause und haben Boden unter den Füßen. Amen.