Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesus Sirach 39,17-18

Pfarrer Jürgen Schwartz (ev.-luth.)

17.03.2017 katholische Kirche zu Lindern

Trauer-Gedenkgottesdienst

Predigt im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes aus Anlass des gemeinsamen Gedenkens aller (unabhängig von der Konfession) Verstorbenen aus den Dörfern.

Predigttext: Jesus Sirach 39,17-18 mit dem Symbol der Rose.

Der Gottesdienst wurde von Mitgliedern des ökumenischen Besuchsdienstkreises vorbereitet.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

liebe Trauernden,

liebe ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

 

I.

Heute Abend haben wir uns hier versammelt, um der Verstorbenen zu gedenken, von denen wir in den vergangenen Monaten Abschied genommen haben.

Als vorhin die Namen vorgelesen worden sind, da ist – bei dem einen oder anderen - innerlich vielleicht noch einmal ein Film abgelaufen, was man mit ihr oder mit ihm zusammen erlebt hat – mit dem Vater oder der Mutter, mit dem Bruder oder der Schwester, mit dem Sohn oder der Tochter, mit einem guten Freund … eben mit einem Menschen, den Sie, liebe Gemeinde, vorher schon kannten … als er noch lebte.

Und beim Hören der Namen der Verstorbenen leuchteten bei Ihnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Trauerbesuchsdienstkreises, auch die Namen der Angehörigen auf, denen Sie begegnet sind.

Die Namen sind nicht einfach „Schall und Rauch“, wie es im Volksmund heißt. Nein, mit jedem Namen verbinden sich Geschichten und Begebenheiten, die etwas in uns auslösen.

Beim Sich-Erinnern gab es vielleicht ein Schmunzeln. Man dachte: „Das war schön mit ihm; das war toll mit ihr.“

Und gleichzeitig tauchte auch so mancher Schmerz wieder auf, weil man sich auch erinnerte an andere Tode und Abschiede, die es vorher zu nehmen galt.

 

II.

Der Vorbereitungskreis hat – wie in den vergangenen Jahren auch - für den heutigen Abend ein Symbol ausgewählt, das den Gottesdienst durchzieht: nämlich die Rose. Wir haben gerade eben schon Gedanken und Texte zur Rose gehört.

Warum eine Rose?

Die Rose ist mehr als nur eine Blume. Die Rose ist eine Begleiterin von uns Menschen durch das Leben:

  • Seit Jahrtausenden stützt sie die Hoffenden.
  • Seit Jahrtausenden tröstet sie die Glaubenden.
  • Seit Jahrtausenden behütet sie die Traurigen und Liebenden.

Dir Rosen haben das Leben von uns Menschen verändert, weil sie das Herz von uns Menschen verändern - so wie in der Geschichte, die wir gerade eben von dem Dichter Rainer Maria Rilke gehört haben.

500 vor Christus werden die Rosen in Persien erwähnt; und seitdem haben die Rosen auch Einzug in die Bibel gehalten. Im Buch Jesus Sirach heißt es:

„Achtet auf meine Stimme, spricht Gott, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und ihr werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und ihr werdet blühen wie die Lilien“

(Jesus Sirach, Kapitel 39, Verse 17-18 i.A.).

 

III.

Unser Leben wird verglichen mit einer Blume, mit einer Rose.

Manch einer von Ihnen fühlt sich aber im Moment wohl eher wie die Rose von Jericho. (Rose von Jericho wird gezeigt)

Einge-igelt, traurig; da ist nichts mehr Blühendes an einem, weil die Trauer und der Schmerz so unendlich groß sind. Ist das tatsächlich eine Rose?!

Viel lieber wären wir eher wie diese Rose (Hochhalten einer einzelnen Rose):

Anmutig, blühend, einen wunderbaren Duft von sich gebend.

 

Und doch wissen wir, dass wir ansonsten auch beides sind: Da ist nicht nur die wunderbare Blüte, sondern: Da gibt es – ab und an – auch Stacheln; über wir manchmal erschrecken, weil wir sie neu an uns entdecken.

Und das haben Sie, liebe Trauernden, liebe Angehörigen, auch gemerkt, dass man in Zeiten der Trauer anders reagiert: Man ist empfindlicher.

Und für die Umgebung ist das manchmal gar nicht so leicht, dass man zu bestimmten Zeitabschnitten so nah am Wasser gebaut ist und dass man zu anderen Zeitabschnitten so nüchtern und kühl, ja gar abweisend sein kann.

 

Was zeige ich von mir? Was nehme ich selbst von mir wahr?

Manchmal gibt es auch ein großes Erschrecken beim Rückblick auf den vergangenen Tag: wie habe ich da reagiert?!

Manchmal fühlt man sich selbst wie tot: eingetrocknet; man mag sich gar nicht mehr freuen.

 

IV.

Einige von Ihnen haben es gesehen: Vor Beginn des Gottesdienstes habe ich so eine vertrocknete (Jericho-)Rose (Hochzeigen) genommen und ein Exemplar in diese Glasschale gelegt; die Küsterin hat mir ganz warmes, dampfendes Wasser gegeben, das ich in die Schale – über den Strauch, die Jericho-Rose - gegossen habe. Jetzt ist ungefähr eine knappe halbe Stunde vergangen und (Hochzeigen der Schale mit dem frischen Grün) – auch Sie dürfen nachher gerne gucken kommen – das erste Grün kommt schon durch.

Manchmal dauert es auch ein wenig länger. Wenn man kaltes Wasser nimmt, so stand es auf dem Beipackzettel, dann kann es einen Tag dauern; bei mir zuhause, als ich es ausprobierte, hat es sogar zwei Tage gedauert.

Trauern, Abschiednehmen braucht Zeit. Wir Menschen sind unterschiedlich. Der eine kann schon ganz früh, ganz leicht weinen; bei dem anderen dauert es ein wenig länger, oder der Tränenfluss setzt noch viel später ein. Früher sprach man vom sogenannten „Trauerjahr“. Das war eine ungefähre Zeitangabe, wie lange ein jeder, eine jede braucht, um zu akzeptieren, dass der geliebte Mensch, den man so gerne gehabt hat, nicht mehr da ist.

 

Aber – Trauer kann man nicht messen, auch nicht zusammenquetschen, auch nicht überspringen; bei manch einem dauert es ein wenig länger, bei manch anderen geht es ein wenig schneller. Daran misst sich aber nicht die Liebe zu dem Verstorbenen – nur weil der eine eher weinen oder sich eher dem Leben neu zuwenden kann oder eher die Trauerkleidung ablegt als jemand anderes.

Wir Menschen sind unterschiedlich; jeder und jede braucht seine, ihre jeweilige eigene Zeit dafür. So wie auch hier – bei der Rose von Jericho.

 

V.

(Rose mit Dornen hochzeigen)

Zu unserem Leben gehören sie: die Dornen, die piksen.

Nicht nur die Dornen der anderen, sondern auch unsere eigenen. Und das gilt sicherlich nicht nur für die Zeiten der Trauer, sondern auch sonst. Doch - ich will vorsichtig sein und nicht verallgemeinern. Ich sage es zumindest für mich: Ich kann nicht immer heiter und stark sein; ich kann nicht immer alles richtig machen; ich musste es lernen, dass auch die dornigen und piksigen Stellen an mir zu mir ganz regulär dazugehören.

Es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Worauf schauen wir? Was nehmen wir an uns, an unserem Mitmenschen wahr? Was beachten wir?

Achten wir auf den Duft oder auf die Dornen – bei uns, bei den anderen?

 

Was ist das, was wir weitergeben? Wie können wir miteinander leben?

Als Jesus gefragt wurde, was das Wichtigste im Leben sei, da antwortete er:

„Du sollst … Gott lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“

(Lukas 10,27).

Ja, das wollen wir tun: Liebe weitergeben – zu uns selbst, gegenüber unserem Nächsten, gegenüber Gott.

Wie kann das gehen?

Ein Perspektivenwechsel hilft.

In einem Gedicht  (in Fortführung von Wilhelm Willms) heißt es:

  • Wusstest du schon, dass Zeithaben für einen Menschen mehr bedeuten kann als teure Geschenke?
  • Wusstest du schon, dass ein frohes Zulächeln mehr bedeuten kann als Tabletten gegen Kopfschmerzen?
  • Wusstest du, dass intensives Zuhören beim Anderen Probleme lösen kann?
  • Wusstest, du schon, dass Vertrauen ungeheure Kräfte im anderen frei setzen kann?
  • Wusstest du schon, dass nur Güte und Zärtlichkeit beim anderen Härte und Verschlossenheit schmelzen lassen können?
  • Wusstest du schon, dass aufmerksames Schweigen mehr bewirken kann als Worte?
  • Das alles wusstest du schon?! Gut. Versuch es. Versuch es, in dein Leben hinein zu nehmen.

 

Wie schauen wir auf den anderen Menschen?

Schauen wir immer nur auf das Schreckliche, auf das Piksige, oder auf die Blüte.

Man kann natürlich sagen: „Es ist blöd, dass die Rose Dornen hat.“

Aber wir können auch die Perspektive wechseln und sagen: „Es ist schön, dass die Dornen eine solch tolle Blüte haben.“

Was schauen wir?

Was schauen wir an?

 

VI.

Aus dem Duft der Rose, den wir einatmen, schöpfen wir neue Hoffnung.

Wir betrachten die Rosen und sehen durch den Schimmer der Blütenblätter das Reich Gottes.

Unsere Welt ist mit einer Rose anders geworden als sie vorher war.

Das war die Erfahrung derer, die vor langer Zeit dichteten: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart“ (EG 30,1; GL 243,1). Sie, liebe Gemeinde, erinnern sich an dieses Advents-Weihnachtslied. Mitten im kalten Winter blüht eine Rose auf: Jesus Christus. Diese Blume überwindet sogar die winterliche Kälte; diese Rose überwindet sogar den Tod … und schenkt neues Leben. Man kann es sehen (Verweis auf die grünende Jericho-Rose): neues Grün kommt heraus.

 

Und das ist unsere Hoffnung:

  • Dass unsere Verstorbenen nicht verloren gehen, sondern aufgehoben sind bei Gott.
  • Und dass auch für uns, die wir im Moment noch traurig sind, neues Leben wartet.
  • Dass auch wir diese Erfahrung machen mögen, dass wir blühen wie Rosen, die an den Bächen gepflanzt sind,
  • dass wir lieblichen Duft: Worte der Liebe, der Nächstenliebe weitergeben.

Dazu helfe uns Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.