Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Joh 15,9-17

Propst i. R. Paul Jakobi

10.12.2016 Kirche in Heuerßen

Trauung

In einer Stadt führte ein Seiltänzer in schwindelnder Höhe seine Kunststücke vor. Am Schluss stand die Hauptattraktion: Er schiebt eine Schubkarre über das schwankende Seil. Als er sicher auf der anderen Seite angekommen ist, fragt er die Zuschauer, ob sie es ihm zutrauen, die Karre auch wieder zurückzuschieben. Die Menge klatscht begeistert Beifall. Da fragt er einen Einzelnen, der unten am Mast steht: „Sie, trauen Sie es mir auch zu, dass ich die Karre wieder sicher zurückschiebe?“ „Aber sicher!“ ruft der zurück und klatscht in die Hände. Da sagt der Akrobat zu ihm: „Dann kommen Sie doch herauf und steigen Sie ein; ich schiebe Sie hinüber!“ Nein, so hatte er es nicht gemeint; er wollte doch lieber Zuschauer bleiben.

 

Viele von Ihnen denken nun sicher, warum erzählt er uns diese Geschichte. Die meisten vermuten vielleicht, dass am Hochzeitstag die Brautleute zueinander sprechen: „Steig doch ein in meine Schubkarre; ich bringe Dich sicher an das Ziel Deines Lebens“. Diese Deutung wäre wohl nicht die schlechteste. Jeder weiß, wie viele Gefahren überall lauern; jeder kennt auch die Abgründe, die wir im Laufe eines Lebens überschreiten müssen. Das Risiko abzustürzen ist gewaltig. Es ist ein Geschenk des Himmels, wenn in diesem Augenblick der eine für den anderen zum Engel wird. Vielleicht können Sie es sich gegenseitig heute versprechen.

Wie ich aus dem Gespräch mit den Brautleuten entnehmen konnte, sind sie offen für Geheimnisse zwischen Himmel und Erde. Sie haben beide einen christlichen Hintergrund, der bei Luisa mehr katholisch, bei Johannes mehr evangelisch geprägt ist. Luisa war im Mindener Domchor Mitglied; vorher schon war sie in der Mädchenkantorei. Sie hat oft die Gottesdienste mit gestaltet und zum Lobe Gottes gesungen. Ein solcher liturgischer Dienst prägt den Menschen. Johannes ist in Hannover geboren und in Wolfenbüttel aufgewachsen. Auch er wurde gläubig erzogen. Wenn er seinen Dienst beim DRK absolviert hat, ist das mehr als eine vaterländische Pflicht, sondern ein Ausdruck für das Interesse, im Leben auch für andere, vor allem für Menschen in Not da zu sein. Beide haben sich im Studium in Münster kennen und schätzen gelernt.

 

Die vorangestellte Erzählung spricht vom Sicherheitsbedürfnis der Menschen. Die Fragen der inneren Sicherheit spielen im politischen Leben eine immer größere Rolle. Die Menschen fürchten sich vor Überfällen auf der Straße, vor Einbrüchen im Hause, vor Diebstahl und unangenehmer Überraschung. Darum werden ihre Wohnungen zu kleinen Festungen ausgebaut, die Polizeipräsenz wird verstärkt, die Strafen erhöht. Das ungesicherte und verängstigte Leben verliert an Qualität, weil auch der freie Umgang mit einander durch das Gefühl ständiger Bedrohung eingeschränkt wird. Viel schlimmer noch sind die Angriffe im digitalen Bereich, wodurch ganze Firmen, ganze Krankenhäuser, ganze Betriebe oder Städte lahmgelegt werden können – wie wir vor einigen Tagen in Deutschland erleben konnten. Wie sollen wir uns schützen? Was ist alles zu bedenken? Wer kann uns in dieser schwierigen Materie beraten?

In diesem Bereich ist das Brautpaar beruflich tätig. Das ist heute ein wichtiger Dienst zum Schutze der Menschen. „Das ist mein Gebot: Liebt einander“ (Joh 15, 9-17), haben wir eben in der großen Rede Jesu gehört. Wenn das Brautpaar sich für ihre Trauung dieses Wort ausgewählt hat, dann steht auch der Wille dahinter, so leben und sich und andere schützen zu wollen. Dieser anspruchsvolle Vorsatz ist sicher lobenswert und niemand wird seine Ernsthaftigkeit anzweifeln. Aber alle menschliche Erfahrung mahnt uns, weder die Missdeutungen der Liebe noch die Schwächen der Menschen aus dem Auge zu verlieren. Wer gibt uns die Kraft, immer einander in geschwisterlicher Liebe zugetan zu sein? Kann man Liebe einfach so machen? Ist Liebe überhaupt eine menschliche Qualität oder ist sie eine Gabe, die aus dem Himmel kommt? Ist Liebe nicht etwas Vorgegebenes, das Geschenk eines ganz anderen? Alles im Leben – vor allem die Liebe – braucht Verwurzelung, wenn es Bestand haben soll. Für diese tiefe Lebensweisheit gibt Jesus uns eine entscheidende Begründung. Weil wir von Gott geliebt sind, können wir aus dieser Kraft der Liebe schöpfen. Alle irdische Liebe ist ein heimlich gerettetes Stück  göttlicher Liebe. Sie ist tatsächlich eine Himmelsmacht. Oder wenn wir ins Eingangsbild zurückkehren wollen: Gott hält seine Schubkarre bereit und lädt uns ein einzusteigen. Die tiefe Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit kann nur in Ihm ihre Erfüllung finden. Um uns das bewusst zu machen, darum sind wir heute hier in dieser Kirche anlässlich der Trauung von Luisa und Johannes versammelt.

 

Weil Gott uns zuerst geliebt und uns zu seinen Freunden gemacht hat, können wir aus der Kraft seiner göttlichen Liebe leben. Gott ist nicht der Ferne, der sich hinter den Sternen zur Ruhe gesetzt hat und die Welt ihrem Schicksal überlässt. Er ist der Anteil nehmende, mitgehende, unser Schicksal teilende Gott, von dem der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen Dag Hammarskjöld, der in der ganzen Welt herumgereist ist und vielfachen Gefahren ausgesetzt war, gesagt hat: „Das Unerhörte – in Gottes Hand zu sein“, oder im Bild: In seiner Schubkarre von ihm gefahren zu werden. Wie ermutigend ist am Anfang eines neuen Lebensweges die Gewissheit, dass Gott auf allen unseren Lebenswegen mit seiner Zuwendung und Liebe bei uns ist. Wir sind nie allein. Das gibt Sicherheit!

Die Liebe Gottes hat in Jesus von Nazareth eine sichtbare Gestalt gefunden. Auch er war Risiken und Gefahren ausgesetzt, auch er musste Umwege gehen. Das Leben verläuft nie glatt; es bleibt nie problemlos. Darum bietet er sich mit seiner wunderbaren Botschaft von der Liebe Gottes an, indem er sagt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“. Am Anfang steht immer Gott. Er möchte Ihr Weggefährte, er möchte Ihr Wagenlenker sein. Und er ist es, der Sie auf dem schwankenden Seil des Lebens sicher auf die andere Seite bringt.

 

Der von vielen Menschen geschmähte und in die kommunistische Ecke gedrängte Dichter und Schriftsteller Bert Brecht hat nicht nur mit sozialkritischen Texten in die Gesellschaftspolitik eingegriffen; er hat uns auch herrliche Liebesgedichte geschenkt, von denen ich Ihnen eins auf Ihren gemeinsamen Lebensweg mitgeben möchte. Sie können es zueinander sprechen; Sie können es aber auch zu einem Gebet machen und zu Gott sagen. Es lautet:

 

     Ich will mit dem gehen, den ich liebe.

     Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.

     Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.

     Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.

     Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

 

Dieses Wort, das die Liebe ohne jede Berechnung beschreibt, lässt noch eine dritte Deutung zu. In ihr erhält es erst sein ganzes Gewicht, in ihr erfahren Sie letzte, existentielle Sicherheit, wenn Gott dieses Gedicht sich zueigen macht und zu Ihnen sagt: „Ich will mit denen gehen, die ich liebe“. Und zu denen er so spricht, die erfahren die Fülle der Freude; denn so sagte Jesus im heutigen Evangelium: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“. Dass Gott heute so zu Ihnen spricht und Sie dieses Angebot hören und freudig und dankbar annehmen – das ist mein Wunsch für Sie an diesem festlichen Hochzeitstag.