Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 11

Pastor Dr. Martin Grahl, Deutsche Ev.-luth. Kirche in Lettland

in Riga und Dobele, Lettland

Palmsonntag 2009

Informationen von Martin Grahl über die Gemeinde:

Die „Gemeinde“ ist sehr bunt zusammengesetzt, - Letten mit deutscher Herkunft, Russlanddeutsche, Bundesdeutsche, die hier wohnen und regelmäßig auch Touristen. Viele der hier Lebenden sind zwei- oder mehrsprachig, es gibt einen relativ hohen Anteil an Akademikern. Auch wer hier als Tourist ist, spürt allerorten den Schatten der ehemaligen Sowjetunion. Im Land gibt es eine noch zu schwach entwickelte Demokratie, die Position der Kirche in Gesellschaft und Staat ist umstritten. Es besteht die Gefahr, einerseits sich als Kirche in eine kleine Ecke der Gemeinde zurückzuziehen, andererseits versucht sich die (lettische) Kirche gern als Hüter der moralischen Werte, indem sie zum Beispiel Homosexualität prinzipiell verteufelt und Homosexuelle vom Abendmahl ausschließt. Von vielen wird Glaube als eine Art neue (alte) Ideologie gesehen, wo es gilt, alles „richtig“ zu machen. Die Fragen nach dem Verhältnis von Kirche, sozialer Verantwortung, Öffentlichkeit und Kultur, aber auch zu anderen Konfessionen und dem Judentum sind ein Areal, auf dem die Kirchen sich unsicher bewegen.
In unsere Gottesdienste kommen immer wieder auch Menschen, die sonst selten in die Kirche gehen. Für sie ist so ein Kirchgang in der Ferne, manchmal auch am Ort ihrer familiären Wurzeln etwas Besonderes, was man sich daheim nicht zumuten würde.
Die „Kirchgänger“ unserer Gemeinde suchen nach Identität und haben oft erst im Erwachsenenalter zur Kirche gefunden.

Es ist in unserer Gemeinde üblich, die Predigt mit einem Gebet zu beginnen.

 

Predigt Palmarum 2009 zu Johannes 11

Herr, Du kommst in unser Leben mit Deinem Wort, leise und unaufdringlich. Du überraschst uns mit Einsichten und lässt uns verstehen, wo wir nicht gedacht hatten, dass es etwas zu verstehen gäbe. Du schenkst uns Weisheit, wo wir alle Weisheit verloren gegeben hatten. Du verunsicherst uns aber auch, wo wir allzu sicher waren. Du störst uns auf in unserem Schlaf, wenn wir das Wichtigste versäumen. Du tröstest uns und weckst unsere Herzen mit Glauben. Herr, komm in unser Leben! Erlöse uns. Amen.

Liebe Gemeinde!
Vom Kommen Gottes in unser Leben spricht das Kirchenjahr immer wieder, zum Beispiel am Palmsonntag und zu Pfingsten. Pfingsten ist es der große Gesang des Heiligen Geistes, - am Palmsonntag zieht Jesus in Jerusalem ein, - empfangen wie ein König wird Er, - aber dieser Gang ist überschattet von der Karwoche, die damit beginnt. Wir wissen, - Er wird keinen anderen Thron besteigen als das Kreuz. Die Großen im Land werden nicht auf Ihn hören und Ihn respektieren, sondern sie werden Ihn verspotten und verhören wie einen Übeltäter. Das Gute zieht ein in die Heilige Stadt, Gott selbst kommt, der Messias ist da, - und was tun wir Menschen? Wir finden das alles super, einige jubeln sogar, werfen großmütig ihre Kleider zu einem improvisierten Teppich auf die Straße. Doch wenn es eng wird, kneifen wir. Andere waren schon klüger und hielten sich gleich mehr zurück. Und wieder andere sehen das alles gar nicht gern, sondern beraten sich: Man muss diese Unruhe vermeiden, den Mann da ruhig stellen, ihn fertig machen, ausschalten, wozu haben wir Obrigkeit und Gerichte!
Und hinter diesem Jesus auf Seinem Esel trotteten unsicher die Jünger und wussten vielleicht am wenigsten, was sie von alledem halten sollten. Vielleicht dachten sie: Endlich werden wir auch im Heiligen Jerusalem öffentlich anerkannt. Was werden unsere Gegner dazu sagen? Die Stadt ist voller Römer, diesen Besatzern. Die lassen uns doch nicht machen, was wir wollen. Aber wer weiß, nach all diesen Wundern mit Jesus, vielleicht ist das jetzt die große Wende? Oder die Jünger dachten ans Weglaufen. Judas zum Beispiel, der wird sich spätestens hier eingestanden haben: Ich geh da nicht mehr lange mit. Und auch die anderen Jünger, - als Jesus verhaftet wurde, haben sie ihr Glück in der Flucht gesucht, allesamt. Einer stand sogar richtig nackt da, lesen wir. Ja, sie waren nicht mal fähig, mit Jesus im Garten Gethsemane ein paar wichtige Stunden zu wachen.
So sind wir Menschen, wenn Gott zu uns kommt. Wir finden das toll, oder haben unsere Zweifel, oder laufen lieber gleich weg. Man könnte freilich auch anfangen zu glauben, - dieses schwer zu definierende Verhalten, zu dem uns die Bibel einlädt,…
Wie kommt Gott zu uns heute? In welchem Menschen begegnet Er uns? In welchen Worten klingt Sein Echo? Wer sind die „geringsten Schwestern und Brüder“ Gottes, durch die Er uns zur Verantwortung ruft?
Knüpfen wir mit dem an, was uns unser Evangelium heute nahelegt. Wie tritt Gott öffentlich auf? An jenem Tag war Sein Auftritt so etwas wie eine Demonstration. Die Straße gehörte Ihm. Also denken wir zunächst mal an das, wo Jesus öffentlich heutzutage zur Geltung kommt, - mit der Kirche. Denn dazu sind wir doch auch da, oder? Darum hat Gott die Kirche gestiftet, damit durch sie Sein Wort öffentlich verkündet und wirkungsreich gelebt wird.
Wir als deutsche evangelische Gemeinde in Lettland sind allerdings ziemlich klein und unauffällig. Wenn wir überhaupt mal irgendwo auftauchen in der Öffentlichkeit, ist das schon viel. Anders ist es zum Beispiel mit dem Dom von Riga, - die erste Kirche im Staat. Oder der orthodoxe Metropolit, - die Stimme der Kirche unter den Russen. Oder die Evangelische Kirche in Deutschland, der Papst in Rom, der Kirchturm im Dorf. Das sind nicht nur Esel, die man dort sieht, da fährt auch schon mal ein Mercedes durchs Land.
Aber bevor wir auf die falsche Fährte geraten: Jesus hat den Esel nicht deswegen gewählt, weil es ein Gefährt der Bescheidenheit war im Unterschied zu Pferd und Kutsche. Es war vielmehr ein Zitat: Sacharja,  der geheimnisvolle und vielleicht am schwersten zu deutende Prophet, hatte gesagt, dass der Messias einst - mit einem Esel in die Heilige Stadt einziehen werde, - ein König ganz anderer Art. Denn wenn Gott in unser Leben kommt, ändert das gewaltig viel. Es bleibt nicht so, wie es ist, und es wird anders werden, als wir es erwarten. „Gott ist anders“ hieß einmal ein berühmtes Buch (A.T. Robinson). Auf der anderen Seite, - zuviel Prunk und Reichtum hat der Kirche in ihrer Geschichte selten gut getan. Denn dann gerät Gott in den Hintergrund. Und man könnte das missverstehen, wenn es von Ihm heißt, Er sei König und Herr. Es würde aussehen, als wäre Er doch nur einer unter anderen Königen, als wäre Gott einer von denen, die sich selbst am liebsten haben.
Liebe Gemeinde, - wie bringen die Kirchen das Wort Gottes zur Menschheit? Denn Jesus wandte sich in unserer Geschichte auch nicht an die Jünger, sondern sozusagen an alle Welt. Machen wir das als Kirche auch, wenigstens hin und wieder? Wir wissen, wie wichtig Gemeinde für Kirche ist. Sie entscheidet vielleicht als Synode, was getan wird oder nicht; sie sorgt dafür, dass die Veranstaltungen laufen und kommen auch so regelmäßig zur Kirche, dass die Institution sich hält. Und in der Predigt rede ich Sie an: Liebe Gemeinde. Manchmal denke ich, es wird Zeit, diese Anrede hin und wieder zu verändern. Selbst die Anrede „liebe Schwestern und Brüder“ spricht ja nicht jeden an.
Wie ist es, wenn sich jemand hier mal einfindet, der sich an dieser Stelle sagt: Ach so, ich bin hier als Gast sogar aus der Predigt ausgeschlossen, mich meint der gar nicht! Denn ich gehöre nicht zur Gemeinde, und ein Glaubensbruder bin ich auch nicht. Ja, wir müssen uns hin und wieder, mindestens im Windschatten Jesu, in die weite, ablehnende, jubelnde und kritische Welt hinauswagen. Kirche ist mehr als Gemeinde, und Gottesdienst mehr als eine Gemeindeveranstaltung. Bei der Kirche geht es nicht nur um Gläubige und ihren lieben Gott. Hier sollen sich nicht etwa nur Gleichgesinnte treffen. Denn hier hören wir auf jemanden, der nicht als Vereinsmitglied zu unserer Gemeinde zählt. Wir hören auf jemanden, den wir auf keinen Fall und niemals als einen von uns vereinnahmen können. Das ist Gott. Und außerdem betrifft das, was Er uns sagt, auch nicht nur Seinen Club. Seine Stimme reicht weiter als das, was innerhalb dieser Wände hier zu hören ist. Sein Gegenüber ist die ganze Schöpfung, und nicht nur so ein paar Ausgesuchte.
Übrigens waren auch die Jünger nicht gleich Pastoren. Sie waren Fischer, Zöllner und was weiß ich, - jedenfalls keine sogenannten Geistlichen. Ihr Rabbi war Jesus, sie waren die Schüler. Dann erst sind sie Apostel geworden. Und wie Jesus haben auch sie nicht etwa nur zu ihren Freunden gesprochen, sondern sich herausgewagt, sonst wäre die Kirche nicht derart gewachsen in den ersten Jahrhunderten. Sonst wäre sie nie, - Staatsreligion des römischen Imperiums geworden. Ja bis dahin hatten sie überhaupt keine Kirchgebäude. Und als sie sich dafür eine passende Bauform suchen durften, - wählten sie die sogenannte Basilika, - das war so etwas wie ein überdachter Marktplatz, das architektonische Symbol der Öffentlichkeit.
Ich weiß, liebe Mitmenschen, wenn ich das erzähle, regen sich auch Bedenken, - war das denn nur gut, dass das Christentum Staatsreligion wurde?
Dass alle Bürger Christen werden, erscheint ja wünschenswert, aber auch diese mordenden und unterdrückenden Imperatoren? Hat das nicht die Kirche zu dem gemacht, was sie nie sein sollte, - verbandelt mit den Mächtigen und Unterdrückern? Ist da Jesus nicht zur hölzernen Figur geworden, den man jetzt nicht mehr auf dem Esel sieht, sondern den man als Galionsfigur vor die Staatskarosse spannen konnte?
Es ist für uns leicht, so etwas zu verurteilen. Aber vielleicht merken wir daran auch, wie ungeheuer schwierig es ist, unseren Glauben als öffentliche Angelegenheit zu betrachten? Haben wir zum Beispiel Konzepte gegen die Krise, haben wir etwas zur Lösung beizutragen, denken wir überhaupt daran, dass unsere Stimme dazu etwas beitragen könnte? Immerhin hüten wir Gottes Wort, oder? Lassen wir uns auf solche Gespräche ein, wie sie Karl Marx oder Friedrich Nietzsche in der Gesellschaft begonnen haben? Über die Welt und Gott reden doch nicht nur die Pastoren. Da reden Eltern mit ihren Kindern darüber, die Zeitung ist davon voll. Selbst in der Oper versucht man mit sogenannten modernen Inszenierungen Botschaften zu transportieren, die sehr viel mit uns als Kirche zu tun haben. Zauberflöte, Wagneropern, Goethes Faust, Christa Wolfs „Kassandra“, da geht es um all die Fragen, die Jesus angesprochen hat. Wollen wir das etwa unvermittelt nebeneinander stehen lassen, als hätte man da draußen außerhalb der Kirchenmauern nie etwas dazu gesagt? Oder wollen wir uns in eine immer kleiner werdende Burg zurückziehen und auf unseren Traditionen einfach beharren nach dem Motto: „Und die Bibel hat doch recht!“? Sollen die Psychologen doch sagen was sie wollen, wir bleiben dabei, dass Homosexualität böse Lust ist?
Sollen die Jugendlichen doch ihre wilde Rockmusik lieben, wir werden nie etwas anderes zulassen in der Kirche als alte Choräle? Sollen die doch ihr Theater spielen, wie sie wollen, wir tun so, als hätte da niemand irgendetwas gesagt? Es ist noch schlimmer: Viele Menschen leben wie auf zwei oder mehr Gleisen, die in unterschiedliche Richtungen laufen. Es gibt für sie ein frommes Gemeindeleben, - und daneben, wohl getrennt davon, das Leben in der Welt. Wie man zwei Sprachzentren im Gehirn haben kann. Mit dem einen Verstand reden wir mit der Welt, mit dem anderen im Kämmerlein zum lieben Gott. Wenn das freilich die Lage unserer Kirche ist, kann man sie nur „verzweifelt“ nennen, - auseinandergerissen in zwei Teile. Dann verstehen wir uns selbst nicht mehr.
Nein, liebe Zeitgenossen, wir müssen das anders machen. Und wir können das auch nicht nur Pastoren oder Synoden überlassen. Da sind wir als Christen alle gleichermaßen gefragt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns auseinanderzusetzen mit den schwierigen Fragen unserer Zeit. Wir müssen uns einlassen auf die Gedanken der Anderen. Gemeinde reicht nicht hin für Kirche. Und wenn wir zum Beispiel Nietzsche lesen, ohne ihn gleich pauschal zu verdammen, wenn wir auf die Psychologen hören, werden wir merken, es ist ein spannendes Gespräch. Es ist ein Gespräch, das dann Gott - in uns - mit der Welt führt. Es gilt, denen recht zu geben, die etwas herausgefunden haben. Wir brauchen uns vor keinen Aufklärungen und Weisheiten zu schützen. Klar darf man nicht alles glauben, was im Gewand der Wissenschaft daherkommt. Aber wir müssen uns auch nicht davor verstecken. Wir sollten im Gegenteil lernen, das wunderbare Echo von Gottes Wort in der Geschichte, in unserer Zeit besser wahrzunehmen. Wir können auch mit denen, die sich nicht als unsere Schwestern und Brüder ansehen, freimütig über Gott und die Welt reden. Und wir erfahren dabei, wie viel sie uns zu sagen haben.
Wir spüren vielleicht erst dann wirklich, wie viel uns allen das Wort Gottes zu sagen hat, wie tief es geht und wie weit es reicht.
Wir leben ja in einer Zeit, die von Neuem lebt. Das war schon in Athen vor 2000 Jahren so. Da kam Paulus in die Stadt, und es heißt in der Apostelgeschichte: Athen ist eine Stadt, in der alle auf Neuigkeiten versessen sind. Sie wollten darum von Paulus wissen, was er lehrte. Und er ließ sich auf das Gespräch ein und ging mit ihnen zum Altar vom unbekannten Gott. Und er sagte: Das ist unser Gott.
Und damit meinte Paulus nicht nur, dass den Griechen dieser Gott von Abraham und Mose und Jesus noch unbekannt war. Er kannte ja die Geschichte von Mose und dem Dornbusch. Da hatte Mose wissen wollen, welchen Namen denn Gott hätte. Und Gott sagte ihm Seinen Namen, dessen Sinn man so wiedergeben kann: Ich bin der, der euch begegnen wird. Das wird also nie eine olle Kamelle, das mit dem Glauben überlebt sich nicht! Gott hat immer Überraschungen parat. Der Glaube ist wie uraltes Quellwasser, das immer neues Leben gibt. Er ist Licht, das auf die Dinge des Tages fällt und uns Neues daran entdecken lässt. Seine Weisung ist Evangelium. Auch Dichter wie Shakespeare haben die Bibel nicht nur so nebenbei zitiert. Der Vater des modernen Theaters hat sich gern in den Schatten jenes Rabbis aus Nazareth gestellt, der ihn so viel gelehrt hatte. Überall in seinen Bühnenstücken ist zu spüren, wie viel der Autor bei unserem Meister gelernt hat.
Unser Gespräch, in dem Gottes Wort vorkommt, endet nicht einfach nur mit „Ja und Amen“. Es ist der mutige Gang in die Stadt Jerusalem, wo sie alle warten, - Freunde und Feinde, Neugierige und Skeptiker. Und wir selbst gehören auch zu ihnen. Gott hat sich dem allen selbst ausgesetzt. Einerseits endete das alles schon nach wenigen Tagen am Kreuz. Alles war nun gesagt, was zu sagen ist. Andererseits begann damit etwas, was auch heute noch lange nicht an seinem Zielpunkt angelangt ist. Und wir gehen mit und dürfen gespannt sein, wohin uns das führt, - wie das Heil aussehen wird, das Er uns verheißt. 
Amen.