Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 11,1ff

Pfarrer Roland Hadorn

19.02.2009 in Klosters, CH

I.           Da ist einer krank; sterbenskrank. Ein letztes ist möglich: Seine Schwestern gelangen an den Mann, dem sie zutrauen, er könne verhindern, was sich abzeichnet - der Tod des Bruders. Da kämpft ein Mann den Kampf mit der todbringenden Krankheit; und mit ihm kämpfen seine Schwestern. Und jetzt: noch eine letzte Adresse, die Adresse der Hoffnung.

Jetzt können die Boten nicht schnell genug sein auf dem Weg hin zur letzten Hoffnung, hin zu diesem Mann. Nicht schnell genug kann dieser Mann kommen und dann hoffentlich helfen.

Wie viele Wege zur Adresse der letzten Hoffnung werden  gegangen! Gegangen dann, wenn der Tod seine Hand nach einem Leben auszustrecken begonnen hat. Was mag da gefahren, geflogen und gelaufen werden, was mag gefragt und abgeklärt werden, was mag gerufen, gehofft und mitunter auch gebetet werden? Nur Hilfe, schnell Hilfe, damit nicht geschieht, was nicht geschehen darf!

Da ist also gesandt zur Adresse der letzten Hoffnung. Für die Schwestern nicht irgendeine Adresse. Eher:  d i e  Adresse, wenn es darum geht: Einem Menschen die Würde vor sich selbst zurück zu geben. Wenn es darum geht: Gerade dem Menschen seine Würde zurück zu geben, der sich mit seinem Leben verrannt hat. Wenn es darum geht: Den Menschen das letzte Wort über das Leben anderer Menschen zu entziehen, weil dieses Wort Gott vorbehalten ist. Davon könnten die Schwerstern erzählen.

Jetzt aber Adresse der letzten Hoffnung in dem Sinne: Dort, wo einer für das Leben ist. Durch und durch, und durch und durch für den Menschen ist; er sei, wer und wie er auch sei. Dorthin ist gesandt. Denn wieder gilt es, dem Leben, das darnieder liegt, auf die Beine zu helfen; diesmal im ersten Sinne des Wortes "auf die Beine zu helfen".

 

II.          Der Helfer ist gerufen: "Als er gehört hatte, der sei krank, blieb er daraufhin noch zwei Tage am Ort, wo er war" (11,6). Als wolle er dieses ewige Gerücht nähren: "Wenn man Gott braucht, ist er nicht da. Wenn man nach ihm ruft, er solle kommen, kommt er nicht. Oder lässt sich Zeit, zu viel Zeit. Gerade dann, wenn's um Leben oder Tod geht!".

Zwar kommt er nicht, er hier. Aber: gehört hat er, der Helfer. Seine Wege scheinen nicht die zu sein, die "man" geht und auch seine Gedanken scheinen andere zu sein, als "man" denkt und seine Zeitrechnung scheint erst recht eine andere zu sein.

Es scheint, als lebe der hier von Jesajas Wort: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr" (Jes 55,8).

 

III.        Als er dann - nach vier Tagen – kommt, in seiner Zeitrechnung kommt: ist Lazarus tot. Die Schwestern im Leid um ihren Bruder. Und jetzt fällt er, der Satz:

"Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben" (11,21).

Es ist, als bündelte sich in diesem Satz die Enttäuschung; die Enttäuschung um jenen Gott, der zu spät kommt. Als bündelte sich die Einsicht: Der Tod ist schneller. Schneller als der, der für das Leben zuständig sein will. Oder zuständig sein sollte, oder zuständig sein müsste.

Wärest du hier gewesen. Wie viele könnten hier mitklagen! Und es mag anklingen: Im Letzten versteht der Mensch weder Leben noch Tod. Und er versteht jenen Gott nicht, den er hinter dem Leben und dem Tod glauben kann. Und so bringt der Tod Fragen mit: Was ist es um mein Leben? Und danach? Und wenn Gott ist, dann ist der Tod sein Gegner. Und wenn Gott Gott bleiben will, muss er diesem Gegner beikommen.

Hier: der Helfer lässt sich Zeit. Viel Zeit. Er lässt den Tod sein Werk vollziehen. Er hat durchaus sein Recht, dieser Tod. Und das nutzt er. Und nimmt den Schwestern den Bruder weg, nimmt Menschen Menschen weg. Und viel, fast alles kann damit verbunden sein, dann jedenfalls, wenn einem das Ein-und-Alles genommen wird.

Nicht immer ist es so, manchmal fehlt weit weniger und das wäre eine Gedankenstrecke für sich. Den beiden Schwestern hier scheint mit ihrem Bruder viel genommen zu werden. Eben noch war er da; jetzt bereits ist er begraben. Menschen fehlen Menschen.

Und wer älter und alt wird, hat zu verkraften: Immer mehr Menschen fehlen. Und mit ihrem Fehlen brechen Teile des eigenen Lebens weg und fehlen ebenso. Nach und nach löst sich dieses und jenes auf; am Ende löst sich alles auf.

"Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben", so auch die andere Schwester, beide Schwestern so. So, als verschwesterten sie sich mit den vielen, denen der Tod nimmt, was hätte bleiben sollen. Nicht ewig blieben. Nur einfach lange genug, lange genug. Oder einfach nur noch etwas. Wie auch immer. Hier ist es zu früh, es geht zu schnell und der Helfer: zu spät.

IV.         Was der Evangelist nun erzählt, ist anders erzählt. Was der Evangelist jetzt erzählt, erzählt er mit den Augen des Glaubenden; und er erzählt, schreibt es für Augen von Glaubenden. Nicht wahr, selbst die von ihm geschilderten Augenzeugen sehen das, was sie hier gesehen haben sollen, mit unterschiedlichen Augen. Dies macht der Ausgang der Schilderung in krasser Weise anschaulich (vgl. 11,45f.).

Selbst die, die hier mitten drin oder unmittelbar neben diesem Geschehen stehen, werden sich nicht einig.  Nicht einig darin, wer der sei, der das tut, was er tut. Nicht einig darin, wie zu diesem zu stehen sei - pro oder contra?

 

Zwischenspiel der Orgel

 

Was tut er? Das Selbstverständliche. Er ruft ins Leben, was nicht ist, was nicht mehr ist. Das Selbstverständliche. So, wie der Tod sein Selbstverständliches tut: Er ruft aus dem Leben,  was ist, damit es nicht mehr sei. Der Helfer hier: ruft ins Leben, was nicht mehr ist. Und dieser Ruf hat – bei aller Dramatik des Erzählten, etwas Unaufgeregtes, Selbstverständliches.

Es zeigt sich am Deutlichsten in der Zwiesprache Jesu mit dem, den er Vater nennt; mit dem er sich verbunden weiss. Hier wird für einmal nach aussen gewendet, was sonst innen ist; und erkennbar wird eine Verbindung, die selbstverständlich scheint.

Hier zeigt sich diese Verbindung so: Das vom Tod Gebundene wird herausgerufen aus der Höhle des Nichts; hineingerufen ins Licht des Lebens und indem entbunden wird, ist dem Tod entwunden.

Es ist, als ob das, was sonst hinter der Welt selbstverständlich geschieht, für einen kurzen Augenblick in diese Welt gezogen würde. Es ist, als ob das, was dort selbstverständlich geschieht, denen gezeigt wird, zu denen es hier nur als Aussergewöhnliches kommen kann.

Ist von daher diese Ruhe, dieses Unzeitgemässe, dieses Andere im Verhalten des Helfers zu verstehen? Bricht hier ein durch von einem anderem Leben? Ein Leben, das sich schwer tut sich und seine Selbstverständlichkeit verständlich zu machen, es schwer hat bei den Menschen, weshalb auch immer.

Und als ob Johannes von dieser Verständigungs-Schwierigkeit zwischen Himmel und Erde wüsste, als ober er auch um die Kürze des Augenblicks wüsste, in dem in die andere Welt gesehen werden kann - darum gibt er diesem Augenblick ein Wort und somit Länge. Ein kapitales Protestwort wider die Allmachtsansprüche des Todes:

"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaub, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben" (11,25).

Vom auferweckten Lazarus her gesprochen: Er kommt von dort, wovon dieses Wort spricht. Deshalb kommt er so, wie er kommt: lebend! Stärker: Deshalb kann er nicht anders kommen, als er kommt: lebend!

V.           Freitagmittag: Unser Friedhof. Im unteren Bereich des Friedhofes weiss-über-weiss über jedem Grab. Nichts von dem Gräbern ist sichtbar, Andeutungen. Bis auf das eine Grab. Aus ihm ragt ein schlanker Ast so einen halbem Meter aus dem zugeschneiten Grab himmelwärts.

Am Ast mit feinem Draht festgemacht: rote, blaue, goldene Sterne, Kreise aus Bastelfolie. Sie winken im Wind. Wir kennen uns, die Kinder und ich. Wieder haben sie gebastelt für ihren Aetti. Er fehlt ihnen. Und diese drei Worte stehen: für viel.

Und sie gehen hin, immer wieder an dieses Grab. Auch jetzt, im Hochwinter. Es ist eines der wenigen Gräber, die immer wieder und immer wieder freigelegt werden. Auf einem Grab mehr als nur weiss-über-weiss. Sterne, Kreise aus Bastelfolie, die winken.

Der Himmel macht's sich nicht leicht; uns auch nicht. Und man wüsste gerne mehr und Genaueres und Grundsätzliches. Einstweilen muss wenig genügen: Sterne, Kreise aus Bastelfolie die winken, als winke: mehr als sie. Oder jenes Wort, das gesprochen ist, damit aufgewühlte Herzen zu einer Ruhe kommen und Tränen versiegen und: das Lachen der zum Leben Gerufenen laut werden darf:

"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaub, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben" (11,25).

Einstweilen muss wenig genügen. Und etwas mehr. Vielleicht so: Menschen werden Menschen genommen. Wird ihnen damit viel genommen, wird vieles nicht mehr sein, wie es war.

Und dann kommt, so ist zu hoffen, ein anderer Tag. Und der Mensch fehlt immer noch. Doch etwas ist mit diesem Tag anders geworden. Und von nun an ist da wieder mehr der Mensch, der noch da ist. Die Menschen, die noch da sind. Und indem dies gewusst wird, wird es wärmer unter Menschen. Und die Tränen verlieren etwas vom beissenden Schmerz. Und indem durchlitten wurde und wird, dass ein Mensch fehlt, kann dies erwachsen: Der Mensch, der noch da ist, wird bedeutsamer als er es schon ist. Er ist noch da. Also.

Und womöglich meldet sich unter dem allem auch der Glaube. Er sei als Glaube jung oder alt oder wieder jung geworden. Und dieser Glaube traut dem alten Gott zu, er werde letztlich doch nicht fehlen;

er werde letztlich dort und dann nicht fehlen, wo  und wann man ihn sich - auch - wünscht: jenseits der Gräber, um das vom Tod Gebundene herauszurufen aus der Höhle des Nichts, es hineinzurufen ins Licht des Lebens.

Sie sind auch heute noch zu sehen: Die roten, blauen, goldenen Sterne und Kreise über dem Grab. Und der feine Ast. Er ragt auf, als zeige der himmelwärts.