Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,15-19

Dr. Klaus Thimm, Dipl. Physiker i. R. und Laienprediger (ev.-meth.)

17.11.2016 EmK-Gemeinde Essen-Holsterhausen

„Kommt und seht!“ – das ist immer wieder Aufforderung an Menschen, sich selbst zu überzeugen von Sachverhalten, die sich manchmal mit Worten schwer vermitteln lassen. „Ich habe es selbst gesehen!“- das ist doch viel überzeugender als jedes „Ich habe davon gehört“! Und so steht ein solches „Kommt und seht!“ auch schon am Beginn des NT, wo es in der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums heißt: „In der Stadt Davids ist heute einer geboren worden, der euer Retter sein wird. Und so werdet ihr ihn erkennen: Er ist ein kleines Kind in Windeln; das in einer Futterkrippe liegt. Als dann die Engel wieder zum Himmel aufgefahren waren, sagten die Hirten zueinander: „Wir wollen nach Bethlehem gehen und sehen, was dort geschehen ist, wie der Herr uns hat wissen lassen. Sie machten sich sogleich auf den Weg nach Bethlehem...“ – und der Rest der Geschichte ist bekannt.

Hier hieß es nicht „Kommt und seht!“, sondern stattdessen „Geht und seht!“
Aber wie aktuell ist solches ‚Kommt und seht!’ auch heute noch, wo wir doch überflutet werden mit Bildern im Fernsehen? Bilder, die uns den Eindruck vermitteln wollen, dass wir unmittelbar dabei sind, wenn etwas geschieht? Nun, dem ist nicht so – und erst vor kurzem zeigte eine Sendung im Fernsehen, wie Bilder und ganze Bilderfolgen verfälscht werden, wenn es darum geht, mit ihnen einen bestimmten Zweck zu erfüllen, mit ihnen Menschen zu manipulieren. Was uns dann als ‚Wahrheit’ vorgeführt wird, das ist nicht die Wahrheit, sondern da geht es darum, uns in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen, uns zu manipulieren. Und deshalb ist das „Kommt und seht!“ immer noch das Überzeugendste und Glaubwürdigste wenn es darum geht, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Aber was bedeutet dieses ‚Kommt und seht!’ heute für Menschen, die anderen gerne die gute Botschaft von der Liebe, mit der Gott sie sucht, nahebringen wollen? Was muss geschehen, dass aus diesem „Kommt und seht!“ ein „Kommt und findet!“ oder ein „Geht und findet!“ wird?.

Was hier so theoretisch klingen mag, das haben meine Frau und ich konkret erlebt – und es macht uns immer wieder Freude, davon zu erzählen:

Wir waren zu dritt von Bonn nach Wetzlar gefahren: Meine Frau Gisela, ich und eine junge Studentin, die in Magdeburg Philosophie studiert. Ein ganz besonderes Mädchen: Außergewöhnlich hübsch, mit einer wunderbaren Ausstrahlung und der seltenen Fähigkeit, offen auf Menschen zuzugehen – aber vollkommen fern von allem, was christlichen Glauben und Kirche anbelangt: In ihrer Familie war alles dies einfach kein Thema gewesen und deshalb für sie vollkommen fremd.
Wir waren diesem Mädchen ‚durch Zufall’ begegnet und hatten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ein Vertrauensverhältnis, zu dem auch gehörte, dass wir ihr von unserem Glauben erzählt und auch etwas zu lesen gegeben hatten. Als wir ihr erzählten von unserer Fahrt nach Wetzlar, wo wir Kurzpredigten aufnehmen wollten für den ERF Medien – früher und bei älteren Leuten immer noch besser bekannt als 'Evangeliumsrundfunk' - da war sie neugierig, mitzufahren. Auch, um erste Erfahrungen zu machen, wie es denn so zugeht bei einem solchen Treffen von Christen. Alles war ganz neu für sie – und deshalb nahm sie vieles interessierter und intensiver auf als wir. Sie hatte bald Gespräche mit anderen Teilnehmern, bekam eine Führung durch das Haus des ERF und seine Anlagen – und war rundherum begeistert. Sie konnte sich gar nicht genug tun, dieser Freude Ausdruck zu geben und uns zu danken. Und dabei war sie doch ganz einfach nur gekommen, um zu sehen!
 
Sie hat Vieles mitgenommen, was für sie eine Bereicherung sein kann – und es wird spannend sein, ob sie auch bei einer nächsten Fahrt nach Wetzlar mitkommen möchte.

Kommt und seht!“ – und diese aktuelle Erfahrung in Wetzlar ließ unsere Gedanken zurückgehen zu vergleichbaren Erfahrungen mit unseren ostasiatischen Studenten. Seit vielen Jahren kümmern wir uns um Studenten aus China, Korea und Thailand. In einer besonders intensiven Zeit hatten wir fast jeden Sonntagabend 8 bis 10 von ihnen versammelt um einen großen Tisch zu einem kleinen Imbiss und Wein. Und von Anfang an hatten wir allen vorgelebt, dass wir jedes Essen beginnen mit einem Tischgebet. Die Koreaner – ein Pastor mit seiner Frau und ein junges Paar von Theologiestudenten – waren Christen, die anderen nicht. Alle fühlten sich bei uns wohl – wobei vier in unserm Haus Studentenzimmer hatten.                                                                                                
Die chinesischen Studenten, die uns geradezu als ‚Ersatzeltern’ ansprachen, hatten einen Wortführer Yu Song, der am längsten bei uns war und mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelt hatte. Bei jedem Treffen sprach der koreanische Pastor In-Won das Tischgebet. Einmal konnte er nicht dabei sein – und da überraschte uns Song: Für ihn war das Tischgebet etwas Selbstverständliches geworden, das einfach dazugehörte. So wandte er sich an die koreanische Theologiestudentin Jeonghwa und erklärte sehr bestimmt: „Da In-Won heute nicht da ist, bist Du, Jeonghwa, heute unsere Pastorin und wirst jetzt mit uns beten!“ Jeonghwa war wie vom Donner gerührt und versuchte sich mit Ausflüchten und fast Tränen vor dieser Forderung zu retten – aber Song blieb unerbittlich: „Du bist heute unsere Pastorin und betest mit uns!“ – was sie schließlich auch tat, so dass das Essen beginnen konnte.           
„Kommt und seht!“ – und so war es für die Chinesen selbstverständlich geworden, dass das Gebet dazu gehörte zu unserer Gemeinschaft. Wir haben nie auf diese chinesischen Studenten eingewirkt, ‚sich zu bekehren’ – aber vielleicht gerade deshalb war es für sie selbstverständlich geworden, uns zu begleiten zu den Heiligabend-Gottesdiensten.
Und es hat uns geradezu umgehauen, als eine von ihnen – die viel persönliche Tragik nach Deutschland mitgebracht hatte - dann von einem eigenen Erlebnis berichtete. Sie hatte ein Forschungsstipendium nach Tokyo bekommen und verlebte die Weihnachtszeit dort. „Am Heiligabend“ – so erzählte sie uns nach ihrer Rückkehr - „war ich so einsam und hatte Heimweh nach Bonn und nach unseren Gottesdiensten, so dass ich mich im abendlichen Tokyo aufgemacht habe zu einer evangelischen Kirche, um dort Ruhe und Geborgenheit zu finden.“ Diese Studentin ist auch heute noch nicht ‚Christin’ – aber auch für sie gilt, was meine Frau und ich uns vorgenommen hatten: Alle, die zu uns kamen, sollten bei uns die liebevolle Aufnahme und Fürsorge erfahren in einer christlichen Familie – eben dieses ‚Kommt und seht!’ Wir würden niemand mit klugen Gesprächen oder Reden ‚missionieren’ wollen – dafür sollte der Heilige Geist andere Wege suchen. Aber jeder, der bei uns war, der sollte bei seiner Rückkehr in eine Führungsposition in China oder Thailand eine Erinnerung mitnehmen daran, in Deutschland die liebevolle Fürsorge und Wärme in einer christlichen Familie erlebt zu haben. Und sich von dieser Erinnerung leiten lassen, wenn er oder sie einheimischen Christen begegnen würde, um diesen etwas abzugeben von der bei uns empfangenen Liebe.
Gisela und ich sind uns völlig einig darin, dass die Erfahrung dieses ‚Kommt und seht’ genau dem entspricht, was christliche Mission bieten sollte in einem ‚Heute’, in dem christliche Traditionen und  Bibelwissen schwinden und bei vielen Menschen nicht mehr vorhanden sind. Dann bedeuten gelebte Vorbilder viel und machen Menschen neugierig, mehr zu erfahren von einem Glauben an Gottes Zuwendung und Jesu Liebe. Und vor dem Hintergrund solch eigener Erfahrungen konnten wir verstehen und nachvollziehen, was uns der ERF-Programmdirektor, Herr Baum, bei unserem Besuch in Wetzlar nahebrachte als Probleme und Zielvorstellungen eines neuen, zukunftsorientierten ERF.

Dabei war aus diesem „Kommt und seht“ wohl mehr ein „Kommt und erlebt mit!“ geworden. Es gibt viele Wege, wie Gott Menschen sucht und ihnen seine Zuwendung nahebringt. Die von mir außerordentlich geschätzte und leider allzu früh verstorbene evangelische Pfarrerin Hannelore Frank schrieb in ihrem Buch ‚Zuversicht’: „Wenn Gott uns helfen und beistehen will,
wenn er uns trösten, raten und ermuntern will, dann lässt er nicht ein Wunder mit Blitz und Donner geschehen, sondern er schickt uns einen Menschen.“                                                                                                        

Und diese Feststellung von Hannelore Frank kann ich aus eigenem Erleben nur bestätigen: Auch mir selbst hat Gott immer wieder Menschen geschickt, die mir in kritischen Situationen die richtige Weichenstellung gewiesen und den rechten Weg gezeigt haben.                                                                       Aber Gott erwartet eben auch von mir, dass ich für ihn zur Verfügung stehe, wenn es darum geht, die Sorgen anderer und manchmal auch deren Verzweiflung und Einsamkeit aufzunehmen.
Da würde wohl ein Jesus in unserer Mitte sagen: „Kommt und seht, was Schwestern und Brüder in meiner Nachfolge für euch in Liebe tun möchten“.

Und im Wissen um meine Grenzen und meine schwache Kraft bitte ich Jesus darum, mir zu helfen,  offen zu sein für Geschwister im Glauben ebenso wie für Menschen, die ihn noch nicht kennen und die zu mir kommen mit ihren Schwierigkeiten und ihren Fragen. Er möge mir helfen, auf beide zuzugehen, um ihnen das nahe zu bringen, was Jesus von mir erwartet. Und ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere von Ihnen mir darin folgen könnte.

Amen.