Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,29-30

Pfarrer Thomas Berke (ev.)

24.06.2015 Johanniter-Gottesdienst auf Schloss Veldenz

Themenjahr „Reformation und Bild“

Predigt zum Themenjahr „Reformation und Bild“ über Johannes 1, 29-30 mit Bezug auf das Bild „Gesetz und Gnade“ von Lucas Cranach aus dem Jahr 1536.

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017. In diesem Jahr dreht sich dabei alles um das Thema „Reformation und Bild“. Dies soll daran erinnern, dass die Einsichten der Reformatoren nicht allein mit Schriften und Predigten, sondern auch mit den Mitteln der Malerei verbreitet wurden. In der Reformationszeit vor 500 Jahren waren es vor allem die Bilder von Lukas Cranach dem Älteren und seinem Sohn, Lukas Cranach dem Jüngeren, die mit diesem Ziel geschaffen wurden. Ein sehr bekanntes Cranach-Bild von 1535 halten Sie alle als Farbkopie in den Händen. Es will die zentrale reformatorische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium dem Betrachter vermitteln.

Das Bild hat zwei Hälften. Die eine Hälfte ist die Seite des Gesetzes. Sie wird dunkel und kahl als Seite des Todes dargestellt.  Der Tod versetzt den um sich selbst besorgten Menschen in Angst und Schrecken und treibt ihn vor sich her. Im Hintergrund erkennen wir ein Motiv aus dem Alten Testament: Mit Adam und Eva hielt der Ungehorsam gegenüber Gott Einzug in die Welt. Die Abkehr von Gott ist zugleich die Ursache für den Tod. Im Vordergrund die Fürsten und Mächtigen dieser Welt. Ihre Gesetze und Anordnungen sind keine Wege zum Heil, sondern genauso vergänglich und unvollkommen wie sie selbst. Darüber sehen wir einen verdorrten, abgestorbenen Baum.

Die andere Hälfte stellt mit lebendigen Farben die Seite des Evangeliums dar. Im Zentrum steht der gekreuzigte Jesus Christus. Auf ihn weist Johannes der Täufer: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Darum ist unter dem Kreuz ein Lamm zu sehen. Durch den Tod von Jesus Christus wird der Tod besiegt. Dies zeigt das leere Grab mit dem Auferstandenen Jesus Christus. Im Hintergrund aus dem Alten Testament die Aufrichtung der ehernen Schlange beim Wüstenzug als erstes Gnadenzeichen Gottes. Darüber ein grüner Baum des Lebens.

Warum auf der linken Hälfte, auf der Seite des Gesetzes, Schrecken und Tod im Zentrum stehen, war vor 500 Jahren den Betrachtern klar. Der Grund besteht in der Ablasspredigt als Gesetzespredigt, die den Menschen Furcht und Schrecken vor einer Hölle im Jenseits einjagt. Den so geängstigten Menschen braucht die frohe Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus nicht lange erklärt zu werden: „Siehe, hier ist Gottes Lamm, es trägt alle deine Schuld und Sünde – für dich und an deiner Stelle!“ Wer durch das Gesetz erkennt, wie nackt und bloß und mit leeren Händen wir vor Gott dastehen, der wird froh, dass Jesus Christus - und damit Gott selbst – sein Leben für uns hingegeben hat. Nicht wir müssen bezahlen, sondern er hat bezahlt.

Ist, was vor 500 Jahren vor dem Hintergrund der verängstigenden Ablasspredigten sofort einsichtig war, heute noch aktuell? Martin Luther würde antworten: Du bist auch ohne Ablasspredigt dem Gesetz ausgeliefert, weil die Begrenztheit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit deines Lebens zu Gottes Gesetz hinzu gehört. Aber auch, weil uns immer wieder Gottes Gebote im Gewissen anklagen: „Was hast du getan?“

In all dem erfahren wir unsere Ohnmacht, die Luther in seinem Lied „Ein feste Burg“ auf den Punkt bringt: Gegen den altbösen Feind, den Tod, hat kein Mensch eine Chance. „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.“ Dennoch ist die Sache ist nicht aussichtslos. Denn es streitet für uns der richtige Mann. „Fragst du wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott.“ (EG 362, 1-2) 

Der Hinweis Johannes des Täufers geht in die gleiche Richtung. „Christus ist Gottes Lamm“ bedeutet: Wir leben von Gottes grenzenloser Liebe, von Gottes Hingabe an uns. Alle anderen Religionen hingegen fordern die Hingabe des Menschen an Gott und erzeugen damit zum Teil Angst und Schrecken, wie es auf dem Cranach-Bild auf der Seite des Gesetzes dargestellt ist. Denn die Hingabe des Menschen an Gott ist todbringendes Gesetz, es nimmt die Menschen gefangen, weil auf diese Weise niemand zu Gott kommen oder vor ihm bestehen kann. Die Hingabe Gottes erkennen wir daran, dass Gott sich selbst zu dem Lamm macht, das unsere Sünde trägt und für uns am Kreuz stirbt. Diese Hingabe Gottes ist befreiendes und frohmachendes Evangelium, weil es alle Angst und alle Gewissensnot überwindet und die Tür zum ewigen Leben öffnet.

Heute haben wir weder Ablasspredigten noch wird uns mit einer Hölle im Jenseits gedroht. Aber die Gesetzespredigt –achten wir einmal darauf – macht Angst vor einer menschengemachten Hölle im Diesseits: Klimakatastrophe, Umweltkatastrophe, Atomkatastrophe lauten die Stichworte. In vielen Predigten wird dies in der Manier Johannes des Täufers mit Buß- und Umkehrrufen verbunden. Es ist keineswegs falsch, die Menschen auf die Folgen ihres Handelns hinzuweisen. Aber es wird falsch und unbiblisch, wenn dabei alles auf dem Menschen lastet und in kurzschlüssiger Form behauptet wird, der Mensch könne durch sein Tun diese Welt zerstören, also könne er auch durch sein Tun diese Welt erretten. Nein, das ist nicht wahr. Der Mensch kann diese Welt schädigen, die Natur schädigen, aber nicht zerstören. Denn es ist Gott - und nicht der Mensch -  der diese Welt als seine Schöpfung erhält. Und es ist Jesus Christus – und nicht der Mensch –, der diese Welt und unser Leben erlöst und errettet.

Auch hier ist es nötig, den von Zukunftssorgen verängstigten Menschen das Evangelium zu verkündigen. Es nimmt alle falschen Ängste durch die Gewissheit: Was immer auch passiert, Jesus Christus steht dir bei, vergibt dir und schenkt dir sein Leben. Auf dieser Basis können wir mit Gottvertrauen an die Probleme dieser Welt herangehen, mit der Einsicht, dass es keine perfekte Welt, keine unberührte Natur, keine perfekte Gesellschaft und keine vollkommene Gerechtigkeit in dieser Welt geben wird. In dem Wissen, dass bis jetzt jeder, der dies versucht hat, die Hölle auf Erden geschaffen hat. So wie es auf der linken Seite des Bildes von Lukas Cranach dargestellt ist. Der Weg des Gesetzes führt nicht zum Heil!

Zum Heil führt der Glaube, der auf das vertraut, was Gott für uns getan hat. Durch die Gewissheit, dass am Ende Jesus Christus alles neu macht und das ewige Leben und seine Gerechtigkeit schenkt, können wir Licht sein für diese Welt.

Im Hören auf Gottes Wort werden wir ermutigt, Frucht zu bringen für unsere Mitmenschen, indem wir für die Armen, Kranken und Schwachen da sind. Wir „üben mit unserer kleinen Kraft gute Ritterschaft“ (EG 263, 6), indem wir an der Lösung von Problemen dieser Welt im Vertrauen auf Gott und in Verantwortung vor Gott mitarbeiten. So wie Jesus es gesagt hat, als er seinen Geist verheißen hat: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ (Johannes 14, 23)  Amen.

 

Wir beten:

Herr Jesus Christus, du bist Gottes Lamm. Du trägst die Sünde der ganzen Welt und auch die Last meiner Fehler, meiner Schuld und meines Unglaubens. Wir danken dir dafür, dass du am Kreuz dein Leben für uns hingegeben hast. Gib uns deinen Geist, damit wir hoffnungsfroh und befreit mit dir unseren Weg gehen. Amen.