Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,35-42

Pastor Tilo Linthe (ev.-freik.)

16.07.2017 EFG Gedern und Limeshain (Baptisten)

Was suchst du?“

Überläufer

Was sucht ihr?“ - So fragt Jesus die beiden Jünger, die zu ihm kommen. Offensichtlich sind sie auf der Suche: Zuerst waren sie Jünger bei Johannes und haben sich Antworten erhofft und bekommen eine von ihm: „Siehe das ist Gottes Lamm!“ oder mit unseren Worten: „Seht! Er wird alles für euch geben.“ Sie laufen zu Jesus über. Der Täufer hat sie nicht dazu aufgefordert, aber das zeigt eine Menge über das Innere der beiden Männer. Sie sind auf der Suche. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal selbst, wonach. Da ist eine unbestimmte Sehnsucht in ihnen, die sie antreibt. Deshalb die Frage Jesu: „Was sucht ihr?“ Es ist keine banale Frage, die einfach aus der Situation heraus entstanden ist. Jesus fragt damit nicht: „Was wollt ihr?“ Er fragt nach dem Grund ihrer Existenz. Wozu lebt ihr? Was ist eures Lebens Ziel? Und diese Frage ist genauso aktuell wie damals vor 2000 Jahren. Diese Frage richtet sich an uns Leser, so als blicke Jesus leicht über die Schulter der beiden Jünger hinweg und habe auch uns als Publikum im Blick: Was suchst du? Was erhoffst du dir von deinem Leben? Diese Frage muß sich jeder stellen lassen, der zu Jesus kommt. Auch als Leser und Hörer dieses Textes. Wer Jesus nachfolgen will, muß sich „nachfragen“ oder besser hinterfragen lassen. Diese Frage zielt auf unsere Existenz: „Was suchst du?“


Zu Besuch

Nun könnte man erwarten, daß die Jünger auf diese einfache Frage ebenso einfach antworten: „Wir haben dich gesucht, weil Johannes der Täufer uns von dir erzählt hat.“ Genau genommen antworten sie gar nicht auf die Frage. Stattdessen fragen sie: „Wo ist deine Herberge?“ - Wo wohnst du? Wo bist du zu Hause? Diese Gegenfrage macht deutlich: Die Jünger sind nicht an einer flüchtigen Begegnung interessiert. Das gibt es auch. In Amerika fand ich es zunächst befremdlich, daß man sich in der S-Bahn mit den Leuten unterhält. Es gehört zum guten Ton, über das Wetter, die Herkunft und das Ziel zu reden und sich nicht an zu schweigen wie in Deutschland. Smalltalk in dem Bewußtsein, daß man sich danach nie wieder begegnen wird. Da bleibt alles oberflächlich. Hier ist es anders: Die Jünger wollen Jesus richtig kennenlernen. Sie wollen ihn erfahren. Zeig mir wie du wohnst und ich sage dir, wie du bist. Welche Bücher stehen im Regal? Sind es Krimis oder historische Romane? Steht in der Garage eine Werkbank? Ist hinter dem Haus nur Wiese oder Anbaufläche mit Kohl, Kartoffeln und Zucchini? Man erfährt viel wenn man aufmerksam durch die Wohnung geht. Sie ist der Kontext des Lebens. Und das wollen die Jünger sehen. Sie wollen durch die Wohnung Jesu laufen und erfahren, wer er ist. Nicht nur eine flüchtige Begegnung in der S-Bahn. Und Jesus lädt sie zu sich ein: „Kommt und seht!“ - so einfach. Seht, wie ich lebe. Seht, wer ich bin. Überzeugt euch selbst. Dazu braucht es nicht viele Worte.

Das ist das einfachste missionarische Konzept, das es gibt. Menschen sind heute mehr denn je auf der Suche. Sie suchen eine neue Heimat, weil sie aus ihrer alten fliehen mußten. Sie suchen nach dem echten Leben, weil sie das falsche Leben, das die Werbung vorgaukelt, satt haben und sie nicht glücklich macht. Sie suchen nach etwas, das sie in Krisen trägt. Eigenartig, daß sie dieses Tragende nicht mehr in Kirche und Gemeinde suchen. Vielleicht liegt es daran, daß wir auf ihre Fragen zu selten sagen: „Kommt und seht!“ Warum laden wir die Menschen nicht mehr ein zu uns? Weil wir Angst haben, daß unser Glaube mehr Schein als Sein ist, wir nur noch einen ausgehöhlten Glauben haben, der in Scherben zerfällt, wenn jemand allzu fest dagegen klopft? Weil es uns peinlich ist, jemanden unser Haus zu zeigen? Auch unser Gemeindehaus? Kommt und seht! Hier wohnt Jesus Christus. Schaut euch um und macht euch ein eigenes Bild. Ohne viele Worte.


Augenblicke, die alles verändern

Dann heißt es In unserem Text: „Es war aber um die 10. Stunde.“ Es war also etwa 16.00 Uhr. Warum diese Zeitangabe? Ganz einfach, weil hier etwas Einschneidendes passiert. Etwas, das alles verändert. Bei den alltäglichen Ereignissen des Tages merken wir uns die Uhrzeit nicht einmal: „Ich war heute einkaufen.“ „Und wann?“ „Keine Ahnung. Muß so gegen 16:00 Uhr gewesen sein.“ Schaut man auf‘s Überwachungsvideo, war es eher gegen halb fünf. Wenn etwas Besonderes passiert, sieht die Sache anders aus: „Da habe ich also am 14. März 2005 um 15.47 Uhr an Kasse 5 bezahlt. Und in diesem Augenblick fährt mir jemand mit seinem Einkaufswagen in die Hacken. Ich drehe mich stirnrunzelnd um und wen sehe ich da? Die Frau, die ich ein Jahr später heiraten sollte. Und dort habe ich sie kennengelernt.“ Außergewöhnlich. Besonders. So muß es den Jüngern mit Jesus gegangen sein. Die Begegnung mit ihm hat sie so sehr beeindruckt, daß sie sich sogar die Zeit gemerkt haben. So ist das, wenn man Jesus begegnet. Die Stunde merkt man sich, denn das ist nicht belanglos oder alltäglich. Diese Begegnung ist etwas ganz Besonderes.

Solche Augenblicke, die alles verändern, muß man mit anderen Menschen teilen. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und im Matthäusevangelium heißt es: „Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über.“ So geht Andreas zu seinem Bruder Simon. Hier heißt es etwas merkwürdig formuliert: Andreas findet Simon. Andreas ist von der Begegnung so beeindruckt, daß er sich nicht einen Zettel schreibt: „Bei Gelegenheit Simon berichten!“ Nein. Er zieht sofort los und sucht ihn, bis er ihn gefunden hat. Die Sache duldet keinen Aufschub. Das ist bei uns ja auch so. Wenn man im Lotto die Millionen gewinnt, kann man nicht warten, bis der Ehepartner nach Hause kommt. Da muß man sofort berichten und versucht mit allen Mitteln den anderen zu erreichen. Andreas hat den Lottojackpot geknackt. Also sucht er Simon, bis er ihn gefunden hat. In seiner Begeisterung nimmt er ihn an die Hand und bringt ihn hin zu Jesus. So wie Kinder in einem Wildpark voller Begeisterung zu ihren Eltern rennen und rufen: „Kommt schnell! Ich muß euch was ganz wichtiges zeigen!“ Wir als Eltern verdrehen nach dem 3. Mal die Augen, weil nach den Ziegen und den süßen Schafen nur noch die Ponys kommen können. Es hilft aber nichts: wir müssen mit. Schließlich will man den Kindern nicht den Spaß verderben. Vielleicht ist Simon nur mitgegangen, weil Andreas ganz aus dem Häuschen war und er wollte kein Spielverderber sein. Vielleicht hat es ihn neugierig gemacht: Was kann es sein, daß meinen Bruder so begeistert? Jedenfalls läßt er sich breitschlagen und geht mit. Das bestimmt sein Schicksal, wie sich im letzten Satz unseres Textes zeigt. Simon wird zum Begründer der ersten Gemeinde. Aus Simon dem Wankelmütigen wird Petrus der Fels. Wer weiß wie viele wichtige Leute in unserer Umgebung darauf warten, an die Hand genommen zu werden? Vielleicht ist es eine Frage, die wir uns selbst stellen können: Was begeistert mich am Glauben? Wo bin ich so gepackt davon, daß ich meine Leute an die Hand nehme und sage: „Komm schnell, das mußt du sehen!“ Wir sind auch angesprochen und das macht eine letzte Beobachtung am Text deutlich.


Schluß

Es sind ja zwei Jünger, die zu Jesus gehen und die Frage gestellt bekommen: „Was sucht ihr?“ Der eine Jünger ist Andreas, der Bruder von Simon. Und der zweite? Keine Ahnung, sein Name wird nicht genannt. Der bleibt anonym. Vielleicht sind wir gemeint, die wir diesen Text lesen und Jesus stellt heute morgen dir diese Frage: Was suchst du? Warum bist du hier? Wegen der Gemeinschaft? Wegen des Kirchenkaffees oder schlicht aus purer Gewohnheit? Das sind alles gute Gründe in den Gottesdienst zu gehen. Ein noch besserer Grund wäre, weil du Sehnsucht hast nach Substanz in deinem Leben. Dann sagt dieser Text auch zu dir: „Komm und sieh!“ Jesus Christus lädt dich ein, sich bei ihm umzuschauen und zu überzeugen, wer er ist. Laß dich von ihm beeindrucken, wie Andreas. Laß dich an die Hand nehmen wie Simon. Überzeuge dich selbst, daß du bei ihm Leben findest die Fülle. Amen.