Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,35-42

Pfarrer Friedhelm Maurer (ev.)

16.07.2017 Kommunale Gemeindehäuser in Königsau u. Woppenroth

Brunnenfest, Kirmes

Liebe Gemeinde,

als ein Vertreter vom sogenannten „Bodenpersonal Gottes“  - mit Verlaub: so originell finde ich diese Bezeichnung nicht -  rede ich heute einmal „in eigener Sache“.

Dreimal habe ich in meiner bisherigen Amtszeit als Pfarrer diesen Text gepredigt, es wären fünfmal gewesen, denn bekanntlich kommen die Predigttexte nach der sogenannten Perikopenordnung unserer Kirche alle sechs Jahre wieder, aber da der 5. Sonntag nach Trinitatis oft in die Sommerferienzeit fällt, war ich zweimal in Urlaub. Auch „Gottes Bodenpersonal“ braucht offensichtlich von Zeit zu Zeit Erholung.

Bei der Vorbereitung des diesjährigen Anlaufs, diesen Text der Gemeinde weiterzusagen, kam ich auf die Idee, meine bisherigen Auslegungen noch einmal intensiv nachzulesen. Das war spannend – und die für mich gute Nachricht:  alle drei Predigten könnte ich guten Gewissens noch einmal so halten. Ich habe keinen Unsinn erzählt und keine Gesetzlichkeiten verbreitet.

Bei gleichem Text waren es aber doch sehr unterschiedliche Interpretationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

 

In der Pop-Musik ist es üblich, nach vielen Jahren ein „Best of“ zu probieren, heißt mit anderen Worten, die sogenannten „Highlights“ zu präsentieren.

Gibt es das: „Highlights“, „hohe Lichter“, Glanzpunkte, Höhepunkte bei Predigten? Eine Zusammenstellung der besten Passagen etwa.

Die Hörer müssten das so bestimmen und entscheiden, was ein „Bestseller“ ist.

Im Unterschied zur Musik werden Predigten aber in der Regel nur ein einziges Mal gehört.

Jede Predigt, behaupte ich, kann ein „Highlight“ sein, wenn der durchscheint, der das „Licht der Welt“ ist.  Gerade in unscheinbarer Predigt, ohne rhetorischen Glanz, kann der glänzen, der uns Menschen das „Licht des Lebens“ bringt (Johannes 8,12).

 

Hier, im ersten Kapitel des Evangeliums nach Johannes, werden die Anfänge erzählt, wie das Licht zu leuchten begann, von dem Johannes der Täufer zuerst in der Wüste Zeugnis gab und sagte, dass es zu den Menschen kommen werde (1,7f).

Johannes der Täufer gab den beiden Jüngern den entscheidenden Hinweis: „Siehe, das ist Gottes Lamm“ (1,36)

Und jetzt ist er da, der Messias, der Christus. Das wahre Licht. Der, der nicht mehr mit Wasser tauft, sondern mit dem Heiligen Geist (1,33).

Und Johannes der Täufer gibt gerne seine Jünger an ihn ab. Und er tut das, indem er sich selbst zurücknimmt.  Das ist mehr als Bescheidenheit, das ist Ehrfurcht: „Ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse.“ (1,27) Und sein letztes Zeugnis ist: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30) – „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ (3,36).

 

Wie locker und zufällig ist doch der Anfang! Sozusagen im Vorübergehen ereignet sich Entscheidendes. Wo der Geist wirkt, geschieht Offenbarung. Johannes der Täufer erkennt Jesus, und die ersten Jünger erkennen Jesus. Keine Methoden. Keine Strategien.

Die hier Agierenden aber zeichnet aus, dass sie hören und sehen. Vielleicht geht das unserer Zeit heute ab: wirklich zu hören und wirklich zu sehen.

Acht Verse -  und neunmal ist vom Sehen und Hören die Rede!

 

Damit ist die Melodie des ganzen Johannesevangeliums gelegt: es geht um Hören und Sehen.  Jesus verheißt denen, die ihm nachfolgen, dass sie „den Himmel offen sehen werden“ (1,51). Aber doch in dieser Dialektik und in der Tiefe eines neuen Sehens des Glaubens,  so dass denen die Seligkeit geschenkt wird, „die nicht sehen und doch glauben“ (20,29).

Der Glaube kommt aus dem Hören und richtet sich aus nach dem Schauen. Am Ende werden uns wohl Hören und Sehen vergehen, wenn das Reich Gottes in seiner Herrlichkeit kommt!

 

Das erste Wort Jesu, das uns der Evangelist Johannes eben als erstes Wort Jesu zu Jüngern überliefert, lautet: „Was sucht ihr?“ (1,38). Weil es das erste Wort ist, hat es wohl besonderes Gewicht.

Es ist nicht überinterpretiert, wenn man hinter dieser Frage mehr vermutet als die Frage danach, ob sie irgendeinen Gegenstand verloren haben.

Es ist die Frage nach der Lebensbefindlichkeit, nach unserer Sehnsucht, nach Sinn und Ziel.

 

Die Gegenfrage der Jünger ist dann doch schon etwas verblüffend: „Wo ist deine Herberge?“

In anderem Zusammenhang wird Jesus einem durchaus Nachfolge-Willigen antworten: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Matthäus 8,20).

Kein Religionsbeamtentum mit Dienstwohnung und Pensionsanspruch.  Gottes Bodenpersonal darf offensichtlich keine Bequemlichkeit und keine Sicherheiten erwarten.

Der Rabbi, der Meister, der Chef, dem man folgt, wird am Ende gekreuzigt werden. Und mitgefangen heißt in dieser Welt oft genug: mitgehangen.

Aber sie bleiben bei ihm, und das über den Tag hinaus (1,39). Wenn sie ihn dann doch am Ende, als es brenzlig wird, aus Angst und gewiss auch aus Feigheit verlassen. Wobei manche Frauen wirklich mutiger waren. Aber sie finden ihn dann doch wieder – als Auferstandenen, der ihnen die Augen öffnet, dass sie nun mehr begreifen.

 

Das „Bleiben“ hat im Johannesevangelium auch eine große Bedeutung und verwebt sich mit der Melodie des Hörens und Sehens, wird immer stärker entfaltet.

In den „Abschiedsreden“ (13,1ff.)  muss Jesus seine Jünger darauf vorbereiten, dass er nicht immer in der jetzt vertrauten Weise bei ihnen bleiben wird; er wird sie verlassen müssen – und wird ihnen vorausgehen, um ihnen in  seines Vaters Hause im Himmel, wo es viele Wohnungen gibt, „die Stätte zu bereiten“, zu der er sie dann mitnehmen wird, wenn er wiederkommen wird (14, 2f.).

Wer einmal seine Bleibe bei Jesus Christus gefunden hat, soll auf Dauer bleiben können. Und das heißt nach dieser begrenzten Erdenzeit: im ewigen Leben in aller Herrlichkeit. „Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.“ (12,26) - All das klingt hier im ersten Gespräch Jesu mit seinen Jüngern an.

 

Und die Bewegung nimmt Fahrt auf. Der Kreis der Jesus-Jünger wächst. Und das ohne groß angelegte Werbekampagne.  Von Mund zu Mund wird die Botschaft weitergetragen.  Vom Hören-Sagen ist die Rede. Und es werden auch Vor-Urteile überwunden, so wie jenes, das der Mann mit Namen „Nathanael“ äußert: „Was kann schon aus Nazareth Gutes kommen?!“ (1,46). Doch Nathanael wird zur eigen Prüfung eingeladen: „Komm und sieh es!“ (1,46) – Und Nathanael kommt – und wird von Jesus gesehen und für gut befunden: „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist!“ (1,47) Nathanael wiederum ist überrascht, dass er so von Jesus erkannt wird – in der Tiefe seines Wesens (1,48).

 

Die Eigentümlichkeit in den Darstellungen des Evangelisten Johannes legen es nahe, in die Tiefe zu denken und nicht Oberflächlichkeiten verhaftet zu bleiben.

Die Rede von „Gottes Bodenpersonal“ ist so eine Oberflächlichkeit, so eine oberflächliche Redeweise.

Mit dem Ruf in die Nachfolge Jesu sind alle angesprochen. Gewiss nicht nur die im haupt- und nebenamtlichen Verkündigungsdienst. Die besondere Auszeit durch Aufgabe etwa des angestammten Berufes, die meisten Jünger Jesu waren ja wohl Fischer am See Genezareth,  bringt natürlich eine besondere Funktion mit sich, die sich im Laufe der Kirchengeschichte sehr komplex entwickelt hat. Jesus predigte das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche …

Wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben als ordinierte Dienerinnen und Diener am Wort Gottes   den besonderen Auftrag zur öffentlichen Wortverkündigung und zur ordentlichen Verwaltung der Sakramente.

Aber, und da bin ich bei der „Rede in eigener Sache“:  das „Bodenpersonal Gottes“ in diesem engeren Sinne wird seit Jahren ganz schön gestresst: man quält uns mit sogenannten „Struktur- und Reformprozessen“, bei denen nichts wirklich Vernünftiges herauskommt. Was brauchen wir ein neues kirchliches Finanzwesen (NKF mit Doppik), was brauchen wir Verwaltungsstrukturreformgesetze?

Der Kontrast zwischen den Anfängen der Berufung und der heutigen real existierenden Berufungspraxis in ein Pfarramt wird immer extremer. Vor mir – als dem Vorsitzenden der „Pfarrergewerkschaft“, in der über 1.000 Pfarrerinnen und Pfarrer in der Evangelischen Kirche im Rheinland organisiert sind (Evangelischer Pfarrverein im Rheinland e.V.), liegt ein verzweifeltes Schreiben einer Theologin, deren Zweites Theologische Examen nun schon zehn Jahre zurückliegt und der trotz Bewährung im Pfarrdienst und trotz großer Zustimmung aus der Gemeinde noch immer keine Anstellungsfähigkeit vom Landeskirchenamt zuerkannt worden ist, mit der sie sich auf eine Pfarrstelle bewerben kann. Man zwingt sie wiederum in ein Assessment-Verfahren, in dem sie – wenig transparent und nachprüfbar – mit Punkten bewertet wird, und am Ende fehlen dann eben ein paar Pünktchen …

Schier endlos sind die „Verfahren“ in unserer Behörden-Kirche:  Auswahlverfahren, Bewerbungsverfahren, Vorbereitungsdienst,  Probedienst,  Verfahren zur Zuerkennung der Anstellungsfähigkeit, Personalentwicklungsgespräche, 10-Jahresgespräche, Dienstanweisungen, Dienstvereinbarungsgespräche, Evaluation und nochmal neue Projekte mit neuen Verfahren, neuen Leitlinien und Leitbildern und Kriterienkatalogen, die Kompetenzen auflisten …

Die Lage ist „verfahren“. Und der Theologinnen- und Theologennachwuchs, der ins Pfarramt strebt, bleibt aus – warum wohl?

Und wieviel Jahre diskutieren wir nun schon in unserer Kirche über „Pfarrbilder“, wo wir doch wissen sollten, dass nicht nur das Gebot Gottes, sich von GOTT kein Bildnis zu machen, unbedingt zu befolgen ist (2. Mose 20,4), sondern auch, dass wir uns von Menschen, und zu denen gehören gewiss auch Pfarrerinnen und Pfarrer, kein Bildnis machen sollen!

In unübertrefflicher Weise hat das der Schriftsteller Max Frisch einmal ausgedrückt:  „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe de Lebendigen hält ( …)  Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis“.

Die Liebe! Die ist der Cantus firmus, die Hauptmelodie im Johannesevangelium. Wer hört und sieht, wer an Jesus glaubt, wer bei Jesus bleibt und Jesus bei ihm, der ist und bleibt in der Liebe! Im Johannesbrief heißt es: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1.Johannes 4,16) 

Alle Jüngerinnen und Jünger werden gebraucht, die „Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter“ (Matthäus 9,37) – Alle werden gebraucht. Die Zahl der Menschen wächst weiter weltweit. Und Ideologien drohen die Gemeinschaft der Menschen zu vergiften. Das Evangelium muss der Welt gesagt werden, wie soll sie sonst um ihre Erlösung und Rettung wissen, ihre Heilung und Vollendung?

 

Es ist beschämend, liebe Gemeinde, wenn einerseits um „Arbeiter für die Ernte“ gebetet und geworben wird, andererseits Willige und Fähige durch das System unserer Kirchenbehörde abgewiesen werden. Und das oft in einer kafkaesken Weise.

Alle werden gebraucht mit ihren unterschiedlichen Gaben. Nicht jede und jeder ist besonders stabil, so dass sie oder er von Jesus „Fels“ genannt werden wird. (1,42).

Vielleicht kann aber gerade bei dem schwachen Jünger und der dünnhäutigen Jüngerin das Licht, um das es geht, besonders auffällig leuchten. Erinnern wir uns: Jesus, das Licht der Welt, hat sich dem Paulus, von dem wir nicht genau wissen, welche Krankheit ihn geschwächt hat, gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9).

 

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass unsere Kirche das noch einmal begreift und dass die Begeisterung des Anfangs, wie wir sie in der Bibel nachlesen können, einen Neuanfang inspiriert. Und wir so aus dieser unseligen Rückbau- und Pfarrstellen-Abbau-Schleife herauskommen, in der Pfarrerinnen und Pfarrer vor allem eben nur als „Kostenfaktoren“ gesehen werden.

Neuanfang sage ich, keine „Restrukturierung“, denn aus Rühreiern lassen sich wohl keine Spiegeleier mehr machen. Neuanfang in einem neuen Geist, der Kirche ganz als Schöpfung des Wortes Gottes begreift, das heute wirkt. Keine Reformen brauchen wir, sondern Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern.

 

Als „Gottes Bodenpersonal“  können wir leicht verspottet werden, wenn wir vom Himmel erzählen, und der, den wir bezeugen, unsichtbar bleibt. Aber wo der Geist ist, kann er in seiner Wirkung am Ende nicht überhört und nicht übersehen werden.

In dem ganzen Struktur- und Reformgequatsche wollen wir uns Zeit nehmen für das Wesentliche, weil wir von unserem Herrn und Meister Jesus, dem Christus, in unserem wahren Wesen wahrgenommen werden. Die uns geschenkte Zeit ist zu kostbar, um sie weiter zuzuquasseln und mit weiteren „Papieren“ zuzutexten.

 

„In eigener Sache“ wollte ich reden. Das habe ich wohl auch getan.  Aber ich muss gestehen: so funktioniert es letztendlich nicht. Weil ich nicht absehen kann von dem, der auch an mir vorübergeht und den ich finde, wie er mich längst gesehen und gefunden hat.

Mag sein, dass die Verkündigung in Zukunft ohne den Pfarrberuf geht. Unter den jetzigen Umständen, wie in der Kirche mit diesem Beruf umgegangen wird, möchte ich ihn nicht noch einmal ergreifen. Die Freiheit des Anfangs ist verloren gegangen, wo einmal Geist war, ist heute vielfach nur noch Buchstabe und Gesetz mit Gesetzlichkeit.

Schlicht als Mensch, vom wahren Menschen und wahren Gott angesprochen, möchte ich weitersagen, dass ER, Christus, auch in Dir lebt und wirkt (Galater 2,20).

Amen.