Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 14,15-21

Klaus Hamburger, Kath. Gefängnisseelsorger an der JVA Koblenz (Laie)

20.05.2017 Kapelle der Justizvollzugsanstalt Koblenz

Anlass: Suizid eines Inhaftierten

Still, nicht totenstill

 

Wir sind hier versammelt, Sie als Inhaftierte,

Sie als Vollzugsbeamtinnen und -beamte,

der Herr Organist und ich, und wir alle haben etwas gemeinsam:

 

Es geht nicht spurlos an uns vorüber,

wenn jemand dieses Haus nicht lebend verlässt.

Für uns alle gilt, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind,

vom eigenen Tod und dem anderer.

 

Aber wir stumpfen nicht ab, können uns nicht daran gewöhnen,

und allein das zeigt, dass wir für das Leben erschaffen wurden,

dafür, lebendig zu sein wie der lebendige Gott, und für sonst nichts.

Das ist ein schmaler Weg, weil er durch den Tod hindurch führt.

Es war auch für Jesus nicht anders.

 

Den Christen und allen Menschen ist verheißen,

dass es den Tod eines Tages nicht mehr geben wird,

und dass Gott dann jede Träne abwischt von unseren Augen.

 

Dies hat, worauf wir vertrauen können, unser verstorbener Häftling erfahren,

er weiß jetzt mehr davon als wir, er muss es nicht länger vermuten,

er soll es nicht einmal unerfahren glauben wie wir, er hat es schon erlebt.

 

In unserer Gesprächsgruppe sagte jemand diese Woche eindeutig und klar:

Keiner hat es verdient, hier, in diesem Haus, zu sterben.

Und er begründete sein Wort: Denn man stirbt hier ganz allein.

 

Das stimmt, denn wäre jemand anderer dabei,

ein Mitinhaftierter oder jemand, der hier Dienst tut,

wäre es fast unmöglich, seinem Lebenslauf hier selbst ein Ende zu setzen. 

Es gibt allerhand Vorrichtungen, keine besonders angenehmen,

das im Haus so weit wie möglich auszuschließen.

 

Aber die eigentliche Vorbeugung gegen die Unlust am Leben,

die, einem anderen Menschen den Geschmack am Leben zu erhalten,

ist ungleich schwerer, und wir haben sie nicht recht in der Hand.

Da greifen keine Bestimmung, kein Gesetz, keine psychologische Untersuchung

und schon gar keine Betäubung, gleich welcher Art.

 

Deshalb haben wir da nicht viel zu sagen,

wir können uns nur in Ehrfurcht verneigen vor dem Toten,

einfach einmal still sein, nicht totenstill, sondern mit einem Herzen, das schlägt,

jetzt gerade auch noch einmal für ihn, ob wir ihn gekannt haben oder nicht.

 

Er war ein aufrechter, gerader Mensch,

sagte mir jemand von Ihnen, der ihn lange kannte.

Trotz einer schweren Strafe hat er schon früher anderen Mut gemacht.

Die Zeit geht vorbei, sagte er dann zu manchem, auch die Zeit in der Haft.

Und nun ist die seine um.

 

Man konnte zu ihm aufschauen, sagte der Inhaftierte weiter,

er kann mir stark vor, er war groß und kräftig,

man musste ihn nicht fürchten, aber ich hatte Achtung vor ihm.

Ihm fiel immer ein lustiger Spruch ein,

wie es in seinem Inneren aussah, weiß man freilich nicht.

 

Schade, dass wenige Menschen etwas über ihn sagen können,

meinte der Inhaftierte noch,

als ich ihn zum ersten Mal traf, hat er mich grimmig angesehen,

aber dann hat er mir freundschaftlich an die Schulter geboxt

und gesagt: Lass den Kopf nicht hängen.

Er war eben ein herzlicher Mensch und doch in die Einsamkeit getrieben.

 

Von Leuten, die ihr Leben eigenmächtig beenden,

hieß es früher, sie kämen in die Hölle.

Wer so etwas zum Besten gibt, gehört vielleicht eher selber dorthin.

Denn wer von uns könnte behaupten,

dass sie oder er mit dem eigenen Leben so umgeht,

wie es dem unerschwinglichen, einzigartigen Geschenk

dieses Lebens entspricht.

Kostbar ist in den Augen Gottes das Sterben seiner Frommen,

heißt es in einem Lied der Bibel.

Die Art des Sterbens wird dort nicht erwähnt.

 

Ich wünsche ihm etwas ganz anderes, sagte der, der ihn gut kannte,

ein Plätzchen, an dem er froh, ein lebenslustiger Mensch sein kann,

wo er seinen Frieden hat.

 

Das alles konnte ihm die Justiz nicht geben,

sie kennt nur das Gesetz, und das reine Gesetz.

Das Gesetz allein, nur das Gesetz, ohne weiteres,

kann einen Menschen brechen, retten kann es ihn nicht.

 

In der Gesprächsgruppe haben wir den Text besprochen,

der heute vorgelesen wurde.

Da sagt Jesus: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.

Hier geht es nicht um ein bloßes Gesetz, Jesus meint vielmehr:

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr euch auf das Leben einlassen,

wie ich es führe.

 

Paulus schreibt in einem seiner Briefe an eine Gemeinde:

Wenn ihr einander die Lasten tragt, werdet ihr das Gesetz Jesu Christi erfüllen.

 

Er betont immer wieder, dass das Gesetz allein nicht genügt.

Zwar fordert Paulus niemand auf, Gesetze zu übertreten,

aber er sagt deutlich, dass kein Gesetz das innerlich freie Leben

herbeiführen, geschweige denn ersetzen kann,

die lebendige Beziehung zu sich selber, zu den andern, zu Gott.

 

So dürfte sein Ausdruck: Das Gesetz Jesu Christi, eher ironisch gemeint sein,

wäre also in Anführungszeichen zu setzen,

die einen gewissen Abstand zu dem Begriff ausdrücken.

 

Denn ein Gesetz ist mit einer Strafe bewehrt, wie das genannt wird,

es wird dabei also damit gerechnet, dass sich Menschen vor Strafen fürchten.

Ein Herrscher, sagte jemand in der Gruppe, soll einmal gesagt haben:

Mich braucht keiner zu lieben, solange mich alle fürchten.

Das war nicht der Weg Jesu.

 

Ihm reichte es nicht, dem Gesetz gemäß zu leben,

sich also lediglich  am Gesetz messen zu lassen.

Er wollte es nicht abschaffen, aber mit einer Liebe erfüllen,

durch eine Liebe übererfüllen, nach der wir uns alle sehnen,

so wie sich unser verstorbener Häftling nach ihr gesehnt hat,

bevor er diese Liebe im Tod, nach dem Tod, wie auch immer,

ungehindert in ihrer Fülle erfuhr,

worauf zu vertrauen uns nicht verwehrt ist.

 

Viel mehr, noch einmal,  haben wir da nicht zu sagen,

wir können uns nur in Ehrfurcht verneigen vor dem Toten,

einfach einmal still sein, nicht totenstill, sondern mit einem Herzen, das schlägt,

jetzt gerade auch noch einmal für ihn, ob wir ihn gekannt haben oder nicht.

 

Das lassen wir uns in der Stille zu Herzen gehen.

Ein bisschen Husten, einmal kurz lachen, auch weinen,

irgendwelche Geräusche des Magens,

das Singen der Vögel draußen, das ist alles stört die Stille nicht.

Nur bitte reden Sie nicht miteinander, lassen Sie sich einfach in Ruhe.

 

Das Orgelstück, mit dem der Herr Organist uns in die Stille hineinbegleitet,

wird unseren wunden Seelen guttun.