Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 16,20-23

Pastor Marco Voigt (ev.-luth.)

07.05.2017 St. Martin, Nienburg an der Weser

Konfirmation

Sokrates

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Festgemeinde,

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Ja, so war das, liebe Eltern, und das musste mal gesagt werden!

So war das – vor ungefähr 2400 Jahren schon. Denn diese Beschwerde über die Jugend stammt von Sokrates (470-399 v.Chr.). So war das – und so ist es auch heute noch, dass sich die Älteren über die Jüngeren und über deren Verhalten beschweren. Neulich sagte eine Achtklässlerin zu mir: „Also, die Sechstklässler haben wirklich überhaupt keinen Respekt mehr vor uns.“ So war das damals bei Sokrates, heute bei uns und natürlich auch zu Luthers Zeiten. Luthers Freund Philipp Melanchthon hat mal gesagt: „Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen dafür, dass der Weltuntergang nah bevorsteht.“

Wie wir wissen, ist die Welt noch nicht untergegangen. Und so haben wir noch Zeit, uns auch weiterhin über die Jugend, und insbesondere die Konfirmanden, zu beklagen. Auch bei uns hier in St. Martin gibt es immer mal wieder solche Klagen. Weil die Konfirmanden sich im Gottesdienst nicht benehmen können, weil sie sich in die letzten Reihen setzen, um dort ungestört mit dem Smartphone zu spielen oder um zu schwatzen. Weil sie nicht zuhören und schon gar nicht mitsingen. Weil sie immer nur so wenige sind, sodass man sie kaum mal im Gottesdienst sieht. So hörte ich es immer mal wieder.

Und dann kamt Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden von 2017. Und plötzlich haben die Klagen aufgehört. Nun hieß es plötzlich: „Was haben wir doch für einen Super-Jahrgang! Die Konfirmanden sind so nett! Sie sitzen in den ersten Reihen und machen mit.

So einen tollen Jahrgang hatten wir ja schon lange nicht mehr.“

Ja. So war das, liebe Eltern, und das musste auch mal gesagt werden! Mag sein, es war nicht durchgängig so. Mag sein, dass der eine oder die andere sich auch mal anders benommen hat. Ich sag nur „Zimmer Tersteegen: Tischdienst!“ Aber das war dann auf unserer Wochenendfahrt oder im Unterricht und hat nur Pastor Logemann und mich, die jugendlichen Helfer und die anderen Konfirmanden genervt, die gern mehr gelernt hätten.

Aber hier im Gottesdienst kam das nicht vor. Hier habt Ihr wirklich einen sehr guten und bleibenden Eindruck hinterlassen. Das sagt auch der Superintendent, von dem ich Euch heute Morgen sehr herzlich grüßen soll.

Luther

Und heute Morgen macht Ihr auch alle einen sehr guten Eindruck. Und schön seht Ihr aus:

Anzug statt Kapuzen-Pulli, Kleid statt Jeans, schwarze – und bei einigen sogar hochhackige – Schuhe statt Sneaker. Ihr habt Euch verändert. Aus Jugendlichen, die mit einem Bein noch in der Kindheit stecken, sind Jugendliche geworden, die nur noch einen Schritt vom Erwachsen-Sein entfernt sind. Heute jedenfalls seht Ihr schon mehr nach Erwachsenen als nach Kindern aus. Und wie professionell Ihr in die Kirche eingezogen seid – das sah richtig gut aus. Fast so, als hätten wir es geübt. Aus Kindern sind Leute geworden. Und das in kurzer Zeit. Es kommt mir fast so vor, als wäre es gestern gewesen, doch es ist nun schon über ein Jahr her, dass Ihr Euch zum Konfirmandenunterricht angemeldet habt. Und dann ging es los: Ein prall angefülltes Jahr mit monatlichen Treffen. Wir haben zunächst uns gegenseitig kennengelernt. Dann unsere Kirche und die Gemeinde. Wir haben uns mit dem Gottesdienst und dem Kirchenjahr, mit der Bibel und mit dem Gesangbuch beschäftigt. Jesus war natürlich unser Thema, dann die Taufe und das Abendmahl.

Wir waren miteinander auf großer Fahrt in ein kleines Dorf: Hanstedt I (ich frage mich, wo wohl Hanstedt zwei bis dreiundzwanzig liegen?!) Dort gab es eine supernette Hausgemeinde, aber nur schlechten Handyempfang. Leckeres Essen gab es dort, aber viel wichtiger war natürlich das W-LAN-Passwort! Und das wollten die Teamer und die Pastoren einfach nicht verraten. Aber so blieb immerhin ausreichend Zeit für die Hauptattraktion von Hanstedt I: Ein winziger Edeka-Laden, in den die Besitzerin immer nur drei Konfirmanden zur gleichen Zeit hinein lässt. Mit dem Thema Schöpfung haben wir uns dort in Hanstedt beschäftigt. Aber ich wette, dass Ihr Euch kaum an das Thema erinnern könnt. Interessanter war ja z.B., dass bei der Kanutour mehrere Boote kenterten und nach einem Boot sogar ein Suchtrupp losgeschickt werden musste.

Hier beim Unterricht in Nienburg, hatten wir auch mal Gäste bei uns: Die Bestatterin Frau Cempel z.B. und man glaubt gar nicht, welche Fragen sie von Euch so beantworten musste.

Über das Thema „Tod und Sterben“ reden wir ansonsten ja auch so gut wie nie. Da gab es viele Fragen. Den Diakon Martin Geissler hatten wir bei uns. Er wird in Zukunft für Euch zuständig sein, wenn Ihr Lust habt, die Angebote wahrzunehmen, die es für Jugendliche bei uns gibt. Die Friedensarbeiterin Agnes Sander hat mit uns zu Konflikten gearbeitet: Wie kann ich reagieren, wenn ich beleidigt werde? Gibt es andere Möglichkeiten, als zurück zu beleidigen oder gar zu schlagen? Soviel sei verraten: Als es darum ging, Wege aus der Beleidigung heraus zu finden, wart Ihr mindestens ebenso kreativ wie bei der Aufgabe, erst einmal die schlimmsten Beleidigungen zu sammeln, die Euch so einfallen. Die wiederhole ich heute Morgen lieber nicht. Den Zettel habe ich lieber vernichtet.

Und dann haben wir uns mit Martin Luther beschäftigt. In Eurem Vorstellungsgottesdienst im März habt Ihr das Ergebnis der Gemeinde präsentiert. Wir haben gesehen, dass man Luthers Leben unmöglich in 95 Sekunden erzählen kann, wie wir das eigentlich mal wollten, weil Luther ja 95 Thesen veröffentlicht hat. Fast 500 Sekunden haben wir gebraucht. Aber das passte dann ja auch wieder gut zum 500. Jubiläum der Reformation in diesem Jahr. Ihr habt ein kleines Anspiel vorbereitet, in dem Luthers Familie über ihn erzählte. So erfuhren wir auch, dass er mal gesagt hat: „Lieber Ratten im Keller als Verwandte im Haus!“ Ich weiß ja nicht, welche Verwandten Luther da vor Augen hatte, aber ich denke, für Euch und für den heutigen Tag gilt dieser Spruch ganz gewiss nicht.

Johannes

Zweiundzwanzig seid Ihr heute Morgen. Und ich frage mich: Wer von Euch ist eher froh, dass die Zeit des Konfirmandenunterrichts vorbei ist? Und wer ist vielleicht sogar ein bisschen traurig? Im Johannesevangelium spricht Jesus an einer Stelle darüber, wie sich seine Jünger wohl fühlen werden, wenn er nicht mehr bei ihnen sein wird.  Als er ahnt, dass seine Zeit auf Erden bald zu Ende sein wird, sagt Jesus:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“

Wenn ich mir vorstelle, wie Jesus mit seinen Jüngern durch die Lande gezogen ist, dann stelle ich mir das ein bisschen so vor wie eine Konfirmandengruppe: Eigentlich ist man ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Doch dann ist man plötzlich eng beieinander, erlebt vieles miteinander, hat Spaß zusammen und man lernt sich und seinen Glauben besser kennen. Man weiß aber auch: Bald wird es zu Ende sein. Als Jesus diese Worte zu seinen Jüngern sagte, wusste er, dass er bald sterben würde. Und er vergleicht die Trauer seiner Freunde mit den Schmerzen, die eine Frau bei der Geburt empfindet. Bei uns ist es heute bei weitem nicht so schlimm. Wir feiern heute zwar einen Abschied, aber es muss kein Abschied für immer sein. So mancher von Euch mag über diesen Abschied ein bisschen traurig sein, aber ich denke, keiner würde das mit Geburtsschmerzen vergleichen.

Vielleicht liege ich ja aber auch völlig falsch. Und heute überwiegt doch die Freude. Wir feiern heute ja nicht nur einen Abschied, sondern wir feiern auch einen Anfang. Eine Geburt sozusagen. Ihr dürft nun als mündige Christen selber den Kirchenvorstand wählen und Taufpate wählen. Ihr dürft selber entscheiden.

Und wenn wir das so sehen, dann ist die Konfirmandenzeit plötzlich die Zeit, in der Traurigkeit herrschte und in der man unter Schmerzen litt. Die Konfirmation wäre dann aber die Zeit der Freude und der Geburt eines neuen Lebens. Der Beginn einer neuen Zeit. Diese neue Zeit feiern wir heute: Wir feiern den Beginn der Zeit, in der Ihr selbst entscheiden dürft, welche Rolle der Glaube in Eurem Leben spielen wird. Ihr führt von nun an die Regie und Ihr entscheidet: Erhält der Glaube nur eine Statistenrolle, sodass er nur ganz am Rande in einer Szene Eures Lebensfilms vorkommt? Oder wird er eine Nebenrolle bekommen? Oder bekommt der Glaube eine der begehrten Hauptrollen zugewiesen? Ihr entscheidet. Heute sagt Ihr „Ja“ zu Eurem Glauben. Ihr versprecht, in diesem Glauben zu bleiben und darin zu wachsen. Wie Euer Glaube aber wachsen wird – ob er eine kleine Pflanze auf der Fensterbank bleibt oder ob er als großer Baum heranwächst, der Euch Schatten spendet – das wird Euer Leben zeigen. Ich wünsche Euch:

Euer Glaube möge wachsen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Amen