Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 16,20

Pfarrer Matthias Hagen (ev.)

27.11.2015 Basilika Vierzehnheiligen, Bad Staffelstein

Ökumenischer Gottesdienst der Bruderschaft der Franziskaner Vierzehnheiligen mit der evangelischen Kirchengemeinde Bad Staffelstein

Als Bildgrundlage und Impulsbild hatte die Gemeinde das abgedruckte Bild von Schwester Martino Machowiak auf dem Liedblatt vor Augen:

(aus: Heribert Arens/Martino Machowiak: Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt  Ostfildern 2015 S. 191)

Liebe Gemeinde!

Es ist ein regnerischer, grauer Novembertag. Die Wolken hängen tief, klamme Kälte durchzieht die Luft. Quietschend öffnet sich das schmiedeeiserne Tor zwischen den braun-grauen Sandsteinmauern, durch das er in den Friedhof eintritt. Vor ihm öffnet sich ein Weg. Langsam, ja fast vorsichtig setzt er Schritt für Schritt. Immer schwer auch noch nach Wochen und Monaten für ihn, wie viele Wege, die er vor diesem gegangen ist. Wege im Krankenhaus, zum Bestattungsunternehmen, zum Pfarrer, schließlich den Weg hier, den letzten mit ihr. Links und rechts Gräber, auf denen Lichter stehen, warm leuchtend in der sich ausbreitenden Dämmerung. Gräber, Grabsteine wie Zeugen von vergangenem Leben, von Vergänglichkeit und Abschied, von Schmerz und Trauer. Vereinzelt Menschen im dunstigen Zwielicht, schemenhaft zu erkennen. Einer dort links, fast bewegungslos verharrend, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt. Dort rechts eine Frau, die verloren einzelne Blätter von einem Grab klaubt, eins nach dem anderen als käme es an diesem Ort auf peinliche Sauberkeit an. Hauptsache etwas getan, abgelenkt von allzu bedrängenden Gefühlen! Und trotzdem Fragen, Gedanken, Bilder, Erlebnisse, Erinnerungen: Wieder erwachen sie, werden lebendig, beginnen ihr Eigenleben, ob man sie will oder nicht. Gedanken, Fragen: für viele ähnlich, gleich, immer wiederholt, immer wieder:

Habe ich ihr jemals gesagt, dass ich sie liebe? Habe ich ihm jemals wirklich gedankt, dass er mich erzogen hat?

Habe ich ihr jemals gesagt, dass die gemeinsamen Stunden schön waren?

Habe ich ihm ehrlich gesagt, was ich an ihm niemals akzeptieren konnte?

Habe ich sie oft genug umarmt und geküsst?

Habe ich mich oft genug mit ihm gestritten und versöhnt?

Habe ich genügend Verständnis für ihre Sicht und seine Sorgen gehabt?

Bange Fragen – zu spät für Antworten und für Korrekturen.

Glockenläuten klingt leise von irgendwo her. Ein leichtes Rascheln von einem Baum, der direkt hinter dem Grab steht. Vereinzelt fallen Blätter von seinen Zweigen, fallen langsam und sachte zur Erde. Seine Augen folgen ihnen, wie sie sanft zu Boden schweben. Seine Augen bleiben an dem Baum hängen, folgen seinen Linien von unten nach oben. Der starke Stamm, der  aus der Erde heraus zum Himmel wächst, so fest und unbeugsam, so stark und kraftvoll wirkt er, so fest verwurzelt in der Erde. „Wie anders fühle ich mich doch!....“ - Spricht er es leise oder denkt er es sich nur? Hin- und herschwankend, unsicher, so ohne festen Wurzelgrund im eigenen Leben, so ohne Erdung, so ohne sie - im Anschauen und Berühren, im Hören und Reden, im Lieben! Der Blick wendet sich nach oben: Äste, Zweige, kahl, ohne nährendes, lebendiges, lebensförderndes Grün, die sich nach allen Seiten in ein Nichts strecken. Kalte Äste und Zweige, schwarz und unheimlich fast vor dem trüben, grauen Himmel. Äste, Zweige, die scheinbar ins Nichts wachsen, ohne Hoffnung auf Leben und Zukunft. Es schaudert ihn, sei es von der Kälte des Windes oder der Kälte seiner Gedanken und Gefühle. Da – da – direkt über mir ein Aststumpf. Wie eine Wunde ist er anzuschauen. Frisch ist er noch, kaum vernarbt. Da war ein Ast, zugehörig, Teil des Baumes, ein Stück seines Lebens, der ihm Stabilität, Schönheit, Weite, Ganzheit, Farbe und Vielfalt gab, der aber nicht weiterwachsen, weitertreiben, weiterleben konnte. Zurückgeblieben ist die Wunde, aber auch eine Wunde, die langsam, sehr langsam, aber doch stetig vernarbt. Er denkt je länger er hinschaut: Sie gehört zu ihm, diese Narbe, und sie macht ihn nicht häßlicher und unansehnlicher, nein im Gegenteil, eher interessanter und auf seine Weise schöner. Ja – eigentlich gehört sie dahin, gehört zu dem Baum, macht ihn erst zu dem, der er jetzt ist und der er bleiben wird. Versonnen, ganz in seiner eigenen Gedankenwelt steht er da, den Baum betrachtend: Erinnerungen, Erlebnisse, Geschichten, Bilder tauchen auf und vermischen sich: an die klaffende Wunde des Todes und an andere Niederlagen, Enttäuschungen, Trennungen, Abbrüche, die kleinen und größeren Tode mitten im Leben. Offene Wunden, die vernarben und doch immer bleiben, ein Teil des Stammes, aus dem wir Leben als Ganzes und Kraft ziehen. Wunde am Baum, Wunde in meinem Leben, bleibend, ja - und doch vernarbend, vielleicht auch guter, wichtiger, sinntragender Teil meines Lebensganzen, auch wenn es Zeit braucht, Ruhe, Stille, das zu entdecken wie hier. Grund, auf dem vielleicht Neues, Anderes, Unverhofftes, Ungeahntes wachsen kann?

Kalt wird es. Es fröstelt ihn und er will gehen. Ein Blick noch auf den überraschenden Freund von heute, den Baum. Da entdeckt er fast schon im Weggehen knapp über dem Aststumpf etwas ganz und gar Staunenswertes. Ein kleiner, grüner Trieb wächst aus dem Stamm. Vier kleine Blätter trotzen Kälte und Wind. Kaum zu erkennen sind sie und es braucht ein genaues, ein waches Hinsehen, um sie wahrzunehmen. Unscheinbar, aber frisch und hellgrün wachsen sie aus dem Graubraun des Stammes, ja fast aus der Narbe selbst heraus. Sollte es das geben wirklich für die, um die ich trauere? Sollte es das geben auch für mich selbst, selbst an diesem Ort? Leben neben dem Ab- und Ausgeschnittenen. Leben neben dem Abgestorbenen, Leben neben dem Tod, ja Leben aus dem Tod? Ein Wort fällt ihm ein, erst vor kurzer Zeit gehört: 

„Ihr werdet weinen und klagen, ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Ganz ruhig ist er dabei geworden und das Wort scheint in ihm zu wachsen, aufzugehen wie zarte Blätter mit sanftem Grün. Er spürt, Absterben und Treiben, Vergehen und Werden, Tod und Leben haben denselben Stamm, dieselbe Wurzel, haben denselben Grund und dasselbe Ziel.

„Ihr werdet weinen und klagen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Auch meine Trauer kann sich verwandeln, aus meiner Traurigkeit kann grünende Freude wachsen und die Wunde, die Narbe - sie wird und darf bleiben als Zeichen neuen Lebens für sie, für all das worum ich trauere und auch für mich.   

Langsam geht er zurück über den Friedhof. Aufrechten Ganges durch vergehende Natur. Freundlich lächelnd grüßt er jetzt die Frau links und den älteren Herrn rechts, nimmt das warme Licht mit, das Licht auf den Gräbern der Verstorbenen (Melodie anspielen „Du kannst nicht tiefer fallen...“ - als klangliche leise Untermalung, „Klangteppich unter den weiter gesprochenen Text). Eine Melodie klingt in seinem Inneren, die er erst vor kurzem kennen – und lieben gelernt hat. Und plötzlich formen sich auf seinen Lippen leise die dazugehörigen Worte. Leise, ganz leise, aber ganz bewusst spricht, betet, singt  er in sich hinein:

 

Du kannst nicht tiefer fallen

als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen

barmherzig ausgespannt.

 

Es münden alle Pfade

durch Schicksal, Schuld und Tod

doch ein in Gottes Gnade

trotz aller unsrer Not.

 

Wir sind von Gott umgeben

auch hier in Raum und Zeit

und werden in ihm leben

und sein in Ewigkeit.

 

Amen.