Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 19,41 - 20,18

Pfarrer Thomas Berkefeld

12.04.2009 Rundfunkübertragung aus der Pfarrkirche Sankt Oliver in Laatzen

Ostersonntag

Hier die Predigt hören

 

Sie dachte, er sei der Gärtner, liebe Schwestern und Brüder,
denn „an dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten und in dem Garten war das Grab, in dem man ihn beigesetzt hatte“, so hörten wir es gerade (vgl Joh 18,41f).
Und nun in der Frühe des Tages: wer außer dem Gärtner sollte sich hier aufhalten?
Also, Maria von Magdala dachte, er sei der Gärtner.
Man möge ihr das nicht übel nehmen, denn es braucht Gärtner, damit ein Garten in Form bleibt.

In letzter Zeit war ich selbst mal wieder in einem Gärtnereibetrieb, um meinem Garten nach den Wintermonaten wieder etwas aufzuhelfen. Und ich war verwundert wie viele Gleichgesinnte ich dort antraf: Scharen von Menschen die einkauften: Säckeweise Blumenerde und Rindenmulch, kleine und größere Pflanzen, Blumenkübel, Teichfolien, Vogeltränken, Gartenlauben...
Es war fantastisch: so viele Gärtner!
Aber: Warum machen wir das eigentlich?

Für unsere Zuhörer von weiter weg ist es vielleicht interessant: Die Region Hannover ist bekannt für ihre großen und weitläufigen Gartenkolonien, die von vielen Bürgern bebaut und gepflegt werden. Und auch der große Herrenhäuser Barockgarten, den das hannoversche Könighaus einst anlegen ließ, ist als der größte Europas weltberühmt.
Warum machen wir das?
Könnte es sein, dass sich dahinter die Sehnsucht nach einer schönen und heilen Welt verbirgt, in der wir gerne leben möchten?
Ist es vielleicht unbewusst ein Versuch, wenigstens einen kleinen Ort auf dieser Welt zu schaffen, an dem alles gut ist, an dem ich mich wohl fühle, weil er meinem Geschmack entspricht - meinen Bedürfnissen?
Ein Ort, der für mich da ist, und wo ich nicht fragen muss, ob ich kommen oder bleiben darf? Ein Ort, an dem klar ist, dass ich hier hin gehöre und mich niemand wegschicken kann?
Also, könnte es sein, dass mein Garten oder mein Balkon - oder auch nur meine blumengeschmückte Fensterbank – ein Hinweis darauf sind, wie sehr ich mich nach einem Paradies sehne?

Gleich am Anfang wird in der Bibel die Welt mit einem Garten verglichen. Gott hat ihn für den Menschen angelegt, damit er hier sorglos lebe, ihn bebaue und hüte (vgl. Gen 2,8ff). Und: Gott stellt fest: alles ist gut - paradiesische Zustände.   
Dass es nicht dabei geblieben ist, auch davon erzählt die Bibel. Aber auch ohne sie wissen wir: Der Mensch hat Unordnung geschaffen. Getrieben von der Angst, zu kurz zu kommen oder benachteiligt zu werden, hat er den Konkurrenzkampf aufgenommen. Und es quält ihn das Wissen, sterblich zu sein. Es lässt ihn trauern, und die Angst davor lässt ihn manchmal selbst über Leichen gehen, wenn er sich damit vermeintlich einen Vorteil verschaffen kann.
Der Garten des Lebens ist zu einem Kampfplatz geworden.

Wen wundert da der Eifer, mit dem wir uns um andere Gärten bemühen, um Orte, an denen wir die Welt und unseren Alltag einfach mal vergessen können, an denen wir uns einfach erfreuen und wissen, dass wir unsere Kräfte für Schönes eingesetzt haben?
Und doch, Schwestern und Brüder: all unsere Gärten und der Einsatz dafür können im Letzten ja nichts ändern an den Tatsachen, die unser Leben bedrängen.
 
Auch an dem Ort, wo man Jesus gekreuzigt hatte, war ein Garten.
Und dieser Garten konnte nicht verhindern, dass jenseits seiner Grenzen getötet und gestorben wurde, qualvoll am Kreuz, an einem toten Baum. Und dass Menschen hilflos mit ansehen mussten, wie ihnen ein geliebter Freund weggenommen wurde und mit ihm all ihre Lebensfreude.
Ja, in diesem Garten schien man sogar die Sehnsucht nach einer heilen Welt begraben zu haben, denn es war ein Grab darin. Wer diesen Garten angelegt hat, weiß um das Schicksal der Menschen.
Es ist zum Heulen: alles neigt oder beugt sich der Grabkammer zu, wie die weinende Maria von Magdala. Was braucht es da noch Gärtner?
Doch in der Frühe des ersten Tages der Woche ist Maria nicht allein in diesem Garten.
Doch, sie erkennt ihn nicht, sie meint, es könnte der Gärtner sein. Wie abwegig, in solch einem Garten!?
Aber sie wird Recht haben.

Liebe Schwestern und Brüder,
Ostern, das ist ein Neuanfang für diese Welt, das ist Neuschöpfung. Die Welt und der Mensch mit seinem Garten des Lebens haben in Christus ihren Rabbuni gefunden, ihren Meister, ihren Gärtnermeister.
Wir wissen es ja: Es braucht Gärtner, die Hand anlegen, um einen Garten in Form zu bringen.
Und ER hat den verwüsteten Garten nicht nur kopfschüttelnd von außen betrachtet, er ist herein gekommen, hat sich eingelassen auf ein Leben. Er hat gezeigt, dass Gott sein Interesse an der Schöpfung nicht verloren hat.
Und tief hat er gegraben in den Schicksalen der Menschen. Er ist dem Übel der Welt bis an die Wurzel gefolgt, hat die Angst vor dem Tod kennen gelernt, Feindschaft und Konkurrenz, hat Schmerzen und Einsamkeit erfahren. Und doch ist er nicht müde geworden, immer wieder Gutes einzubringen und der Sehnsucht der Menschen nach Heil neuen Nährboden zu geben.
„Alles vergebliche Liebesmüh“, dachten selbst die, die sich einst von ihm hatten mitreißen lassen. Sie mussten mit ansehen, dass sein Schicksal auch kein anderes war, als man es kannte von dieser Welt. Und sie gingen zum Trauern in den Garten, zu dem Erdloch, in das man seinen Leichnam gelegt hatte.

Aber in der Frühe dieses Tages finden sie nur ein leeres Grab und sorgfältig beiseite gelegte Totenbinden: Eine neue Ordnung! Und eine Tatsache, an der die Welt von jetzt an nicht mehr vorbei kommt: Ja, das Grab bleibt im Garten der Welt, aber es ist leer.
Der Meister hat im Garten bleibende Spuren hinterlassen. Und auch nach vollbrachter Tat gibt er sein Interesse am einzelnen Menschen nicht auf.
„Maria“, sagt er zu ihr und gibt dann eine Richtung an, wohin seine Spuren gehen: „Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“
Es gibt ihn also, diesen Ort, von dem ER sein Leben lang gepredigt und zu dem ER Spuren gelegt hat. Diesen Ort, an dem alles gut ist, der für mich da ist, wo ich nicht fragen muss, ob ich kommen oder bleiben darf. Der Ort, an dem klar ist, dass ich hier hin gehöre.
Aber dann sollten wir es, Schwestern und Brüder, auch nicht nur bei unseren symbolischen Schmuckgärten belassen, sondern IHM nachfolgen - Hand anlegen an unsere Welt.
Und unser Meister wird sagen: „Es ist fantastisch: So viele Gärtner!“