Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,11-18 – Maria von Magdala

Pfarrer Roland Hadorn

18.04.2004 in der Schweiz

Der weinende, der trauernde Mensch

Am Grab stehen und weinen
Liebe Gemeinde,
da steht sie nun. Steht am Grab. Und sie weint. Nicht allen ist's ums Weinen am Grab. Ihr hier ist's ums Weinen. Sie weint. Weinen ist vieldeutig. Es kann von Herzen kommen, so richtig über einen kommen. Es kann mehr vom Kopf her kommen und für dieses und jenes eingesetzt werden. Und kann vieles mehr sein. Hier ist es ein Weinen am Grab, und auch dieses kann vieldeutig sein.

Die Frage nach dem Grund
Auch deshalb wohl wird sie gleich zweimal nacheinander gefragt: Warum weinst du? Kinder können manchmal so direkt fragen! Warum weinst du? Und sie können – auf ihre Weise – dem Weinen standhalten und sind nicht selten die besseren Tröster, gerade weil sie nicht trösten wollen, sondern zulassen können, was zugelassen werden will.

Offensichtlich halten die, die so fragen, Weinen aus. Und das ist viel. Längst nicht immer wird Weinen ausgehalten. Und deshalb wird schnell, schnell „getröstet“ – abgewürgt. „Du musst nicht traurig sein.“ „Du musst nicht weinen.“ „Weine doch nicht.“ Oder massiver: „Hör auf zu weinen!“

Abwürgen, still stellen. Denn Weinen macht hilflos. Macht auch und gerade Starke hilflos, also will man es loswerden, je eher, je besser.

Erwachsenen nötigt das Weinen am Grab viel ab, zumindest die Abkehr vom Einnisten in diesem Leben, als dauerte dies, wenn nicht gerade ewig, so doch zumindest kleinere Ewigkeiten auf Erden.

Die hier halten es aus, das Weinen dieser Frau. Sie halten ihm Stand und wollen wissen, was es ausgelöst hat. Denn hinter dem Weinen steht eine Trauer, und um die will man nun genauer wissen.

Die weltliche Antwort
Die Frau weint auch, weil ihr die Frage offen geblieben ist, was mit ihrem Toten geschehen ist. Wir wollen wissen, was mit unseren Toten geschieht. Die erste Antwort: dem toten Menschen gebührt ein Grab. Wie bedeutsam diese Selbstverständlichkeit ist, wird deutlich, wenn es einmal nicht so ist.

Bittere Tränen kann es auslösen, wenn Tote keine Grabstätte finden, wenn sie zwar als tot gelten, aber niemand den Angehörigen sagen kann, wo sie tot sind und wie sie tot sind.

Und so suchen immer wieder einmal Lebende über Jahre und Jahrzehnte hinweg nach Verstorbenen und zeigen: wie solche Ungewissheit nagen kann. Und glücklich, wer irgendwann trotzdem seine Gedanken und Gefühle ruhen lassen, sich eine Ruhestätte für den Toten ausdenken kann, um so selbst zur Ruhe zu kommen.

Die österliche Antwort
So sehr die erste Antwort auf die Frage weltlicher Art ist, so sehr ist die zweite Antwort österlicher Art: „Ich fahre zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“, (V.17c).

Hier liegt ein entscheidender Zusammenschluss vor: Der Vater dieses einen wird zum Vater der Menschen und der Gott dieses einen wird zum Gott der Menschen. Und dieser eine wird dem Grab entrissen; und weil er sich zusammenschliesst mit den Menschen, sollen Menschen ihren Gräbern entrissen werden.

„Gehe aber zu meinen Brüdern und sagen ihnen ..." (V.17b): Nun soll der Mensch dem Menschen diese Nachricht sagen. Die Frau, die als erste Osterzeugin zu Menschen gehen soll, hat zuvor mehr erlebt. Der „Herr", wie sie ihn nennt, zeigt sich ihr, wenn auch unnahbar, so doch unverhüllt, als der von Gott dem Grab Entrissene. Und Engel sitzen da.

Der durch ein Wunder Lebende antwortet auf die Fragen der Frau mit einem Wunder. Und alle Fragen und Zweifel sind ausgeräumt. Gott selber macht sich für Gottes Sache unter den Menschen stark. Und spornstreichs geht Maria! Kurz und bündig der Evangelist: „Maria geht und verkündigt ..." (V.18), so will es Johannes berichtet wissen.

Das Ärgernis
Dies aber bleibt, aufs Ganze gesehen, ein einmaliges Ereignis. Denn von jetzt an sind Menschen gehalten, sich als Osterzeugen unter Menschen zu zeigen, und sie sollen sich nun für die Sache Gottes unter den Menschen stark machen. Auf diesem indirekten Weg erreicht uns Antwort auf die Fragen, die das Sterben und der Tod auf uns legen.

Das mag man bedauern, es mag sogar Grund zu Trauer und Klage werden. In eindrücklicher Manier klagt Friedrich Spee (1591-1635) in einem Lied aus dem Jahre 1622, Zitat GB 361,1.4-6:

1. O Heiland, reiss die Himmel auf; / herab, herab vom Himmel lauf. / Reiss ab vom Himmel Tor und Tür, / reiss ab, wo Schloss und Riegel für.
4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / 0 komm, ach komm vom höchsten Saal, / komm, tröst uns hier im Jammertal.
5. 0 klare Sonn, du schöner Stern, / dich wollten wir anschauen gern; /0 Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein.
6. Hier leiden wir die grösste Not, / vor Augen steht der ewig Tod. / Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland.

Also könnte man abwandeln: O Heiland, reiss die Himmel auf, und zeige uns endlich diese himmlische Welt, an die wir glauben, auf die wir hoffen – im Leben wie im Sterben!

Was so verständlich ist – wird enttäuscht. Es bleibt, und damit ist der Evangelist nicht alleine, es bleibt nach dem ganzen Neuen Testament letztlich dabei: Geh' und sage ihnen ... Damit – scheint es – haben wir zu leben; und auch zu sterben. Prägnant Paulus: „Wir leben ja noch in der Zeit des Glaubens und noch nicht in der Zeit des Schauens" (2.Kor 5,7).

Damit kann ein Ärgernis verbunden sein. Das Ärgernis an diesem ewigen Versteckspiel Gottes. Und, einige Zeilen später ist es nachzulesen, der Apostel Thomas kann und will das Gerede von der Auferstehung nicht schlucken.

Er nötigt Jesu eine Reaktion ab, und dank Thomas spricht dieser die Worte: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 19,29).

Und so soll gerade und vor allem ihm, Thomas, ein „selig“ gelten, ihm, der seinem Fragen und Zweifeln Luft macht! Dank ihm erhalten wir so etwas wie eine äusserste und letzte Ration gegen den Zweifel, diesen Lockruf: Lass dich nicht von deinen Augen verführen; lass dich führen von deinem Herzen!

Freilich: damit kann man sich begnügen; aber man muss nicht. Wer es nicht kann, nicht will - oder wie genau auch immer, denn hier wären noch offene Fragen – jedenfalls, wer nicht kann, nicht will, wird mit einer Einsamkeit zu leben haben. Und weshalb sollte hier nicht ein „selig“ gesprochen werden dürfen?: Selig sind die Einsamen, denn ihre Zweifel sind berechtigt.

Und jetzt wir?
Sie steht nicht mehr am Grab. Ihr Weinen ist versiegt, ja hat sich wohl in österliches Lachen verkehrt. Und wir? Müssen auch damit zu leben lernen: allein an Gräbern zu stehen, allein zu weinen und zu trauern. Denn niemand wird uns letztlich Weinen und Trauern abnehmen können, wenngleich der Mensch dem Menschen am Grab und im Leben insgesamt einiges sein kann.

Es bleibt uns noch genug von der grossen Aufgabe, unser Leben zu führen, es zu gestalten in einer Weise, das der Humanitas (Menschlichkeit und Menschenliebe) würdig ist. Und dazu kann gehören, bereits schon mal das „eigene Grab" aufzusuchen.

Am eigenen Grab
Irgendwann und irgendwie vor dem eigenen Tod wäre das „eigene Grab“ zu besuchen, das da am Ende unseres Lebens für uns bereit stehen wird. Und es wäre dann und dort zu verweilen eine schöne Weile, wenn’s geht. Und dort ihn sterben zu lassen – diesen verständlichen und zugleich irreführenden Wunsch, dieses Leben hier zu verewigen.

Hätten dort und dann dies mit Matthias Claudius (1740 – 1815) gründlicher zu buchstabieren:

Der Mensch lebet und bestehet
nur eine kleine Zeit,
und alle Welt vergehet
mir ihrer Herrlichkeit. Es ist nur Einer ewig
und an allen Enden,
und wir in seinen Händen.

Und hätten womöglich mehr noch in dieses Grab zu legen als diesen einen Wunsch. Wenn wir in die Jahre kommen, kann sich auch sonst allerhand Trauer gestaut haben. Es ist nun nicht die Trauer, um anderes Leben. Es ist die Trauer ums eigene Leben.

Etwa in dem Sinn: Es wird uns bewusst, wie die vielen Lebensmöglichkeiten des jungen Lebens nicht mehr unsere sind. Das Älterwerden schränkt die Lebensmöglichkeiten ein, mehr und mehr. Dieser Verlust an Vitalität (Lebenskraft und –fülle) kann in sich eine Trauer bergen.

Oder auch in dem Sinn: Es wird uns bewusst – wir haben Lebensmöglichkeiten verpasst. Ein für alle Mal haben wir sie verpasst. Plötzlich kann nichts, aber auch gar nichts mehr nachgeholt werden, „der Zug ist abgefahren“, wie wir manchmal etwas grob sagen. Der Zug ist abgefahren; und wir sind nicht drin.

Es ist dann nicht nur der Verlust an Vitalität, es ist dann auch verpasste Vitalität, ungelebtes Leben, das wir so gerne gelebt hätten, so gerne noch nachleben möchten. Und jetzt geht das nicht mehr. Traurig! Und eben mit ein Grund, für allerhand Trauer, die sich im Laufe der Zeit stauen kann. Und es lässt sich dieses Bild noch etwas weiter malen: Gestautes Wasser fliesst nicht, es steht. So auch mit dem Leben: Wo Trauer sich staut, fliesst das Leben nicht weiter; es steht. Und stehen, das darf es auch, und das muss so sein.

Nur, nach einer längeren oder weniger längeren Trauerzeit sollte die Trauer nach und nach zum Abfliessen kommen, ansonsten unsere Vitalität grundsätzlich in Gefahr gerät. William Shakespeare (1564 – 1616) hat einmal festgehalten:

„Gemässigte Klage ist das Recht des Toten, übertriebener Gram der Feind des Lebenden“ (Lafeu, Ende gut, alles gut I,1). Mag der erste Teil auch rätselhaft sein, der zweite hat’s in sich – übertriebener Gram ist der Feind des Lebenden.

Und so hätten wir auf unserer Reise durchs Leben, lange, bevor man uns begräbt, immer wieder das eine oder andere zu begraben. Damit unsere Vitalität nicht bereits lange vor uns begraben wird.

Und so wird letztlich vieles auf dieser Reise bruchstückhaft bleiben, und die Reise insgesamt mag wie ein Bruchstück eines Ganzen erscheinen.

Und – wiederum – unserem Glauben bleibt es vorbehalten, durch Bruchstücke hindurch ein Ganzes zu er-glauben, das am Ende unserer Reise aus dem Bruchstückhaften zusammengefügt wird. Zusammengefügt durch den, der uns diese Reise zumutet, zutraut und der sie letztlich auch vollenden wird.

Amen.