Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,19-23

Dorothee Becker, röm.-kath. Theologin und Seelsorgerin

04.06.2017 Heiliggeistkirche, Basel

Pfingsten

Ein Hauch nur. Atem, der Leben bedeutet. Wind, der kühlt in der Hitze. Heftiger Sturm, der braust und alles durcheinanderwirbelt. Bewegung und Energie. Das, liebe Mitfeiernde, mögen die Assoziationen sein, die Jesus hatte, als er die Jünger anhauchte. Und ihnen sagte: empfangt den heiligen Geist. Im Aramäischen, in der Sprache Jesu, die heute noch von den aramäischen Christinnen und Christen in Syrien und Irak gesprochen wird, heisst heiliger Geist: ruho qadisho. Darin finden wir das hebräische Wort Ruâh wieder, das weiblich ist und Wind und Atem bedeutet und manchmal im ersten Testament auch Geist. Die Geistkraft Gottes. Diese dritte Person der Dreifaltigkeit, die so unfasslich und kaum darstellbar ist – wir können uns nur behelfen mit Bildern von Feuerzungen und einer Taube und auch mit einer Figur, die fein, zart und weiblich ist und die hier in unserer Kirche steht – Ruâh. Der heilige Geist, die dritte Person der Trinität, sie geht von Vater und Sohn aus und vereint beide in der Liebe. Sie ist unser Atem, wenn wir beten. Sie ist die Kraft, die uns den Rücken stärkt. Sie ist die Ausstrahlung, die Menschen einander anziehend macht, die zärtliche Liebe, mit der Gott uns geschaffen hat. Die heilige Geistkraft als die weibliche Seite Gottes zu sehen lässt für uns Frauen den Satz „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, männlich und weiblich erschuf er sie“ noch einmal anders und besser verständlich und erfahrbar werden.

Und diese Geistkraft, diese Kraft Gottes, die spricht Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen zu. Empfangt die heilige Ruâh, die heilige Geistkraft, die euch in einem Masse befähigt, Dinge zu tun, die ihr nicht für möglich gehalten hättet. Empfangt die Energie und den Mut, die den Apostel Petrus am Pfingsttag befähigten, herauszutreten aus dem schützenden Dach und frei zu sprechen vor allen, die zusammengekommen waren, von der Erfahrung, die er gemacht hatte und die Jünger und Jüngerinnen mit ihm. Ausgerechnet Petrus, der Jesus verleugnet hatte, der geglaubt hatte, auf dem Wasser laufen zu können und dann doch der Rettung bedurfte, der Jesus von seinem Weg zum Kreuz abhalten wollte und der am Ende unter Tränen sagte: Herr, du weisst, dass ich dich liebe.

Der Geist Gottes, die heilige Geistkraft, sie hat durch die Jahrtausende gewirkt bis zu uns heute. Aus dem Hauch Jesu, aus der Sendung des Geistes, entstand eine Kraft, ein Impuls, ein Anstoss, der noch nicht zu Ende ist, der weitergeht. Aus der kleinen Schar der verschreckten Jesusfreunde und –freundinnen, die sich aus Angst versteckten, wurde ein weltumspannendes, allumfassendes Netz, in dem die frohe Botschaft von der Liebe und Zugewandtheit Gottes zu allen Menschen getragen wurde. Auch mit Schattenseiten, das muss zugegeben werden – dort, wo Menschen am Werk sind, geschieht auch Machtmissbrauch, Unrecht und Gewalt. Doch sobald Menschen das Wirken des heiligen Geistes zulassen und sich seinem Wehen öffnen, kann Gottes Wille geschehen und die Welt heiler werden. Reich Gottes jetzt schon unter uns. Deshalb sind wir heute hier. Deshalb feiern wir Pfingsten, den Geburtstag der gesamten Kirche mit all unseren Glaubensgeschwistern weltweit und wir feiern hier das Patrozinium, den Namenstag unserer Heiliggeistkirche. Deshalb kommen wir hier zu Hunderten zusammen, um die frohe Botschaft zu hören von dem einen, der uns unendlich liebt. Und die wunderbare Musik von Mozart, die inspiriert ist und Inspiration sein kann für uns und die unsere Liturgie bereichert.

Empfangt die heilige Ruâh, die heilige Geistkraft, das ist auch uns gesagt. Das ist nicht nur eine Geschichte von vor 2000 Jahren. Das passiert heute und das wurde uns zugesagt in der Taufe, in der Firmung und immer dann, wenn wir das Pfingstevangelium hören und uns mehr auf Gottes Kraft verlassen als auf die eigene. Empfangt den heiligen Geist. Hört meinen Ruf. Geht heraus aus euren Häusern, versteht die Sprache der Menschen und ihr Schreien, seht ihre Not und nehmt euch ihrer an! Verkündet mit eurem Leben, was ich, euer Gott, an euch gewirkt habe. Tragt meine Botschaft weiter. Lasst euch beflügeln. Macht das, was euch unmöglich erscheint, packt es an. Ich begleite euch mit meiner Kraft. Das ist versprochen.

Trotz Gegenwind, der mancherorts Orkanstärke erreicht. Trotz Entwicklungen und festgefahrenen Situationen, die uns Sorgen machen – sei es in der Politik und weltweit (Aufkündigung des Klimavertrages, schreiende Ungerechtigkeit, Kriege und Konflikte, die nicht enden….), sei es im persönlichen Bereich (Krankheit, scheiternde Beziehungen, materielle Not) – ja, das ist alles Realität, oft sehr schwierig und schwer zu tragen, doch auch da hinein wirkt die Kraft des Heiligen Geistes. Und auch in schweren Zeiten und in Not mutig Zeugnis abzulegen von der frohen Botschaft, das ist ein Zeichen für das Wirken der heiligen Geistkraft. Gerade dann.

Und hier kommt nochmal die Hummel ins Spiel. Erinnern Sie sich an die Osterpredigt von Pfarrer Wemmer heute vor 7 Wochen? Physikalisch gesehen ist es der Hummel unmöglich zu fliegen, aber sie tut es. Sie tut es deshalb, weil sie nicht weiss, dass sie es nicht kann. Sondern darauf vertraut, dass ihre kleinen Flügel sie tragen – und dass da etwas ist, das ihre kleinen Flügel trägt. Sie glaubt daran und sie tut es einfach. Und es funktioniert.

Vertrauen wir dem Heiligen Geist, der Kraft aus der Höhe, dem Hauch, der unsere kleine Kraft beflügelt und uns trägt. Machen wir das Unmögliche möglich – mit Hilfe der heiligen Geistkraft:

Komm, Heilger Geist, der Leben schafft,
erfülle uns mit deiner Kraft.
Dein Schöpferwort rief uns zum Sein:
nun hauch uns Gottes Odem ein. Amen.