Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 21,15-19

Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann

22.04.2007 in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Brüssel

Person und Auftrag des Petrus aus evangelischer Sicht

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Joh 21,15-19:
15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.
19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Gemeinde,

Johannes berichtet hier, wie Petrus von Jesus in sein Amt eingeführt wird. „Weide meine Schafe“ ist sein Auftrag. Die katholische Kirche führt auf diesen Auftrag das Amt des Papstes zurück. Ich würde gerne an diesem Predigttext deutlich machen, was nach evangelischem Verständnis die Person und das Amt des Petrus ausmacht, evangelisch im Sinne einer „evangeliumsgemäßen“ Sicht.

Wer war denn dieser Petrus, den Jesus hier beauftragt? Warum wurde gerade er berufen?

Jesus spricht ihn an mit den Worten: „Simon, Sohn des Johannes“. Das weist zurück auf den Anfang des Evangeliums, auf die Berufung Petri. Dort berichtet das Johannes-Evangelium, wie Petrus durch seinen Bruder Andreas zu Jesus gebracht wird, mit den Worten „wir haben den Messias gefunden“. Und Jesus begrüßt ihn: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, Du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt Petrus, der Fels.“

Schon hier, in der ersten Begegnung, deutet sich die besondere Beziehung zwischen Petrus und Jesus an. Auf der einen Seite steht das Bekenntnis: Jesus ist der Messias, der Gesandt Gottes (bei Mt ist Petrus der erste, der bekennt: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“ Mt 16,16). Auf der anderen Seite steht die Antwort Jesu: „Du bist der Fels, auf dem ich meine Kirche bauen werde.“ (Joh 1,42 und Mt 16,18a)

Petrus war wie sein Bruder Andreas Fischer. Er stammte aus Betsaida im Norden des Sees Genezareth und lebte in Kapernaum auf der anderen Seite des Sees. Wir wissen, dass Petrus verheiratet war, denn die Bibel berichtet, dass Jesus die Schwiegermutter des Petrus heilte (Mt 8,14) - und im Zölibat hat man in der Regel keine Schwiegermutter. Auch Paulus berichtet im übrigen, dass Petrus mit seiner Frau von Gemeinde zu Gemeinde gereist ist.

Petrus muss jemand gewesen sein, der eine besondere Glaubensgewissheit hatte. Er hatte seine Existenz als Fischer aufgegeben, als Jesus ihn zu einem „Menschenfischer“ machte. Nach den Berichten der Evangelien ist Petrus jeweils der erste, der erkennt, wer Jesus wirklich ist. Aber nun war er ja kein Theologieprofessor, kein Schriftgelehrter, sondern ein einfacher Fischer. Wir alle kennen solche Menschen mit einem besonderen Glauben aus unseren Gemeinden. Menschen, die ihren Glauben leben, ohne groß Aufhebens davon zu machen, aber die einen besonderen Zugang zu Gott und zu Jesus Christus haben - und die das auch weitergeben können. Menschen, die Gott von ganzem Herzen vertrauen und dieses Vertrauen auf andere ausstrahlen. (Stille)

Und doch ist es ausgerechnet dieser Petrus, der Jesus so nahe stand, der ihn verleugnet hat. Dreimal fragt Jesus Petrus in unserem Bibeltext: „Hast Du mich lieb?“ Petrus antwortet ihm dreimal mit seinem Bekenntnis. Das ist eine Gegen-Geschichte zu der Verleugnung des Petrus in der Nacht vor der Kreuzigung Jesu. Damals - vor Ostern - hatte er ihn dreimal verleugnet, noch ehe der Hahn krähte.

Jetzt ist es nicht mehr Nacht, sondern Morgen, nicht mehr kurz vor dem Tode Jesu, sondern kurz nach seiner Auferweckung. Jesus ist den Jüngern erschienen und hat mit ihnen gemeinsam das Mahl gefeiert. Petrus, der ihn zuletzt noch verleugnet hatte, begegnet ihm jetzt als dem Auferstandenen, und es ist alles ganz anders als zuvor. Aber dieser Konflikt, das Verleugnen Jesu, steht noch im Raum und es muss geklärt werden. Es ist bezeichnend, wie Jesus diesen Konflikt klärt: Es gibt keine Schuldzuweisung, keine Bußpredigt, es geht nicht um Verrat, um die Kränkung Jesu. Jesus geht es nicht um das, was Petrus ihm angetan hat, als er ihn verraten hat. Ihm geht es um Petrus! Er will ihm herauszuhelfen aus der Not, aus dem Zweifeln an sich selbst, weil er versagt hat, wo er sich doch selbst beweisen wollte.

Und dabei erspart Jesus Petrus nichts. Dreimal hatte dieser ihn verleugnet, dreimal fragt er ihn nun: „Hast Du mich lieb“. Und Petrus muss ihm dreimal antworten. Dabei geht es nicht nur darum, Petrus davor zu bewahren, sich wieder selbst zu überschätzen, es geht auch darum, dass es keine billige Gnade gibt. Vergebung setzt voraus, dass der andere erkennt, was er getan hat.

Vergebung aber klärt nicht nur die Vergangenheit, sondern öffnet auch die Zukunft: Jesus stellt Petrus nicht nur infrage, er traut Petrus auch etwas zu. Er vertraut ihm seine eigene Aufgabe an. „Weide meine Schafe“. Petrus soll nun den Dienst weiterführen soll, den Jesus selbst begonnen hat.

Worin besteht nun dieses neue Amt des Petrus?

Das Amt des Petrus: Es ist Dienst und nicht Herrschaft.
„Dazu seid Ihr berufen, dass Christus ... Euch ein Vorbild hinterlassen hat, dass Ihr seinen Fußstapfen nachfolgen sollt“, umschreibt der 1. Petrusbrief diese Aufgabe.
Jedes kirchliche Amt, auch das in Rom, muss sich also immer wieder kritisch fragen lassen, inwieweit es diese Aufgabe noch erfüllt: den Menschen zu dienen, Gemeinschaft zu schaffen, nicht der Gemeinschaft im Wege zu stehen.

Das Amt des Petrus: Es ist Leben als Gerechtfertigter.
Petrus hatte Jesus ja nicht mit Absicht verleugnet. Er hat nur erlebt, dass wir uns noch so bemühen können, perfekt zu leben, aber es geht nicht. Wir sind eben nicht unfehlbar, sondern bleiben angewiesen auf die Gnade Gottes.

Das Amt des Petrus: Es bedeutet, Gott traut uns etwas zu!
Er weiß, dass wir nicht perfekt sind, aber das hält ihn nicht davon ab, uns in die Verantwortung zu nehmen. Nicht nur wir brauche Gott, sondern Gott braucht uns. Braucht uns, um ihm nachzufolgen, nachzuleben, dort weiter zu arbeiten, wo er angefangen hat, mit unseren (beschränkten) Möglichkeiten, mit dem, was uns gegeben ist.

„Wir sind Papst“, hatte die Bild-Zeitung gedruckt, als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde. So evangelisch, weil evangeliumsgemäß, war die Bild-Zeitung noch nie!

„Folge mir nach“ ist eine Aufgabe für uns alle. Wir alle sind verantwortlich für die Gemeinschaft in der Gemeinde, nicht nur die Amtsträger, Pfarrerinnen und Pfarrer oder das Presbyterium. Wir alle sind gefragt, uns mit einzubringen zur Erbauung der Gemeinde, zum Weiden der Schafe, zur Nachfolge. „Ihr seid als lebendige Steine erbaut zum Hause Gottes“ steht im 1. Petrusbrief über die Gemeinde, kein einzelner Stein, kein einzelner Petrus, sondern eine lebendige Gemeinschaft aller.

Von Petrus kann man lernen, dass dazu auch gehört, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, aber die anderen, denn die sind unendlich wichtig (Bonhoeffer). Folge mir nach, sagt Jesus. Er ist der eigentliche Grundstein (der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben), auf den sich die Kirche gründet.

Amen.