Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 3,1-8

Pastor Stefan Burkhard

17.02.2008 in der ev.- ref. Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof, Schweiz

Neugeburt oder Second Life

Der Bibeltext zur heutigen Predigt steht im 3. Kapitel des Johannesevangeliums.
Ich lese Ihnen die Verse 1 bis 8 nach der ökumenischen Einheitsübersetzung vor:

Er war ein Pharisäer namens Nikodemus,
ein führender Mann unter den Juden.
Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm:
Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist;
denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust,
wenn nicht Gott mit ihm ist.

Jesus antwortete ihm:
Amen, amen, ich sage dir:
Wenn jemand nicht von neuem geboren wird,
kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Nikodemus entgegnete ihm:
Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?
Er kann doch nicht in den Schoss seiner Mutter zurückkehren
und ein zweites Mal geboren werden.

Jesus antwortete ihm:
Amen, amen, ich sage dir:
Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird,
kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch;
was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
Wundere dich nicht, wenn ich dir sage:
Ihr müsst von neuem geboren werden.
Der Wind weht, wo er will:
du hörst sein Brausen,
weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.
So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Amen.

Liebe Mitchristen,

vielleicht haben Sie schon vom Spiel Second Life gehört,
welches ein interaktives Computer-Spiel ist,
das seit 2003 übers Internet angeboten wird.

Second Life könnte man fast schon als eine Wirtschaftsgrösse bezeichnen,
denn im Durchschnitt sind rund um die Uhr
15 000 bis 60 000 User online – das heisst: aktiv am Spielen – ;
und insgesamt gibt es inzwischen 11 Millionen registrierte Benutzer.

Der Name Second Life ist Programm:
Es geht nämlich darum,
dass man sich in diesem Spiel quasi ein „zweites Leben“ generiert
und in einer virtuellen, durch die Benutzer erschaffenen Welt
mit anderen Benutzern kommuniziert;
also Kontakt zu anderen Usern knüpft,
mit ihnen Handel treibt,
ihnen Dienstleistungen anbietet
und in verschiedensten Formen mit ihnen interagiert.

Das Spiel ist darum als dreidimensionale Animation aufgebaut,
welches ein räumliches Erleben aus der Perspektive der eigenen Spielperson ermöglicht.
Man geht also fast wie im realen Leben
auch in diesem Spiel über Strassen und Plätze
oder kauft in Einkaufsläden ein,
und hört dazu jeweils die passenden Geräusche
- und richtet sich in dieser Welt sein zweites, individuelles, virtuelles Leben ein,
indem man sich seinen Avatar
- also seine eigene Identität in diesem Spiel –
nach freiem Ermessen erschafft und erzeugt.

Egal, wie dick man im realen Leben ist,
- in Second Life kann man die Traumfigur eines Models haben.
Egal, wie unsportlich man tatsächlich lebt,
- in Second Life ist es möglich,
die Figur eines Top-Athleten zu besitzen.

Damit Sie eine ungefähre Ahnung bekommen,
wie die Welt in Second-Life aussieht und aussehen kann,
habe ich Ihnen einige Screenshots
– also einige Bilder aus diesem Spiel –
auf einem Beiblatt kopiert und verteilt.

Sie sehen:
Second Life ist eine Traumwelt!

Denn Second Life bietet all das,
was einem das reale Leben oft schuldig bleibt.

Wer in seinem kleinen und womöglich schäbigen Zimmer
einen PC mit Internet-Anschluss stehen hat,
kann hier schon bald einmal auch die Erholung im Swimming-Pool geniessen;
und wer in der realen Welt beruflich erfolglos ist,
kann sich dank diesem Spiel
eine neue Zukunft und einen neuen Broterwerb erwirtschaften,
indem er zum Beispiel Kleider für andere Benutzer entwirft
und diese in der eigenen, virtuellen Boutique gegen Linden-Dollars
der Währung dieses Spiels –
verkauft;
- und am Ende diese Linden-Dollars gegen echtes Geld umtauscht.

Denn die Möglichkeit,
die virtuelle Spiele-Währung zu echtem Geld zu machen,
schafft offenbar genug Anreiz,
dass einige Teilnehmer ihren realen Job gekündigt haben,
um ihren effektiven Lebensunterhalt als Händler oder Dienstleistungsanbieter in diesem Spiel zu verdienen.

Folglich wird Second Life durch die Benutzer ständig weiterentwickelt,
indem sie jene Welt erschaffen,
die sie für erstrebenswert halten.

Und so wundert es mich auch nicht,
dass auch etwas weniger edle Wünsche und Sehnsüchte in diesem Spiel befriedigt werden:

Selbst kinderpornographisches Material wird in Second Life angeboten,
wogegen man inzwischen juristisch vorzugehen versucht.

Indes - ungeachtet von solchen Perversionen - ,
tauchen bei mir einige Fragen auf zu diesem Spiel:

Ist es nicht ein Zeichen einer zunehmenden Vereinsamung
hinter dem Bildschirm,
dass Menschen nun gerade wieder mit Hilfe des Computers
den Kontakt zueinander suchen,
indem sie sich an interaktiven Spielen beteiligen
und mit anderen Usern auf unterschiedliche Weise kommunizieren,
obwohl sie sich letztlich gar nicht kennen?

Ist Second Life also eine Prothese für das reale Leben,
in welchem man mehr und mehr vereinsamt
und echte Beziehungen amputiert?

Und:
Flüchten Menschen, die sich exzessiv an diesem Spiel beteiligen,
da nicht bloss vor sich selber in eine Traumwelt hinein?

Ist Second Life also der Ausdruck für die Realitätsflucht schlechthin?

Auf der anderen Seite habe ich für die Grundidee,
die in Second Life steckt,
ein gewisses Verständnis:
ja, ich muss sogar sagen,
dass dieses Spiel mit einem uralten Wunsch der Menschheit
spielt und arbeitet
und vermutlich deswegen so viele Menschen fasziniert.

Denn wer von uns kennt ihn nicht, den Wunsch,
dass er einmal ein anderer Mensch sein möchte?

Was Kinder bereits im Rollenspiel üben,
indem sie in eine andere Rolle schlüpfen,
das spielt sich auch in Second Life ab.

Und viele von uns sehnen sich vielleicht ebenfalls nach einem
Tapeten- und Rollenwechsel im Beruf oder in der Familie
und manche von uns möchten – zumindest hin und wieder –
ein anderer Mensch sein als der,
der sie nun mal sind.

Man möchte vielleicht nicht gar so verklemmt und spiessig sein,
man möchte womöglich etwas mehr Anerkennung von seiner Umwelt bekommen
und vielleicht auch etwas mehr Einfluss auf gewisse Bereiche haben
oder das Leben auch mal etwas gelassener und fröhlicher angehen können
und kann es dennoch nicht,
weil wir in unserer Haut gefangen sind.

Merken Sie, wie dieser Wunsch, ein anderer Mensch zu werden,
in uns allen verborgen liegt
und wie Second Life mit dieser Sehnsucht spielt
und vordergründig zu befriedigen sucht?

Und letztlich nehmen ja auch die Religionen
- und insbesondere das Christentum -
diesen Urwunsch der Menschen auf, ein anderer Mensch zu werden;
und auch Sekten behaupten,
dass sie ein Rezept wüssten,
womit sie die Menschen von sich selber befreien
und zu einem neuen, ganz anderen Menschsein leiten können.

Selbst im Neuen Testament ist sie da, die Idee,
nochmals von neuem geboren zu werden
und eine neue Existenz zu erhalten und zu bekommen:

Im 3. Kapitel des Johannesevangeliums sprechen Jesus und Nikodemus ziemlich ausführlich darüber,
ob es möglich ist,
dass ein Mensch nochmals von neuem geboren wird.

Nikodemus bezweifelt dies, (Joh 3,4)
während Jesus behauptet:
Wenn jemand nicht von neuem geboren wird,
so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
(Joh 3,3)
Wundere dich also nicht, dass ich dir sage:
Ihr müsst von neuem geboren werden.
(Joh3,7)

Nun - ;
alles dreht sich in diesem Gespräch natürlich um die Frage,
wie man denn nun von neuem geboren werden muss,
- was man sich darunter konkret vorzustellen hat.

Versteht man es wörtlich wie Nikodemus,
so ist eine Neugeburt
– ein Second Life, ein zweites Leben –
ein Ding der Unmöglichkeit.

Versteht man es jedoch wie Jesus in einem übertragenen Sinn,
so ist es – zumindest in Teilbereichen – möglich.

Aber eben:
Es ist in Teilbereichen möglich
- und nie total!

Denn selbst, wenn das Neue Testament wiederholt von einem neuen Sein in Christus spricht
und es zum Beispiel im Galaterbrief heisst,
dass man in der Taufe Christus übereignet worden ist
und darum Christus wie ein neues Gewand angezogen hat (Gal. 3, 27),
– was implizit ja auch bedeutet,
dass man als Christ für diesen Kleiderwechsel
das Gewand des alten Adams
ja eigentlich erst abgelegt haben muss - ,
so ist es dennoch so,
dass sich der alte Adam – das bisherige Menschsein –
nicht gar so leicht ablegen lässt.

Und:
Obwohl die Bibel immer wieder von einer neuen Schöpfung spricht
und von einem neuen Sein in Christus,
also quasi von einem zweiten Leben für all jene,
die sich unter den Herrschaftsbereich Christi stellen –
so ist es dennoch eine nicht zu leugnende Tatsache,
dass sich auch im Leben des „frömmsten“ Christen
– was immer man darunter verstehen mag –
der alte Adam
- nämlich das Menschlich-allzu-Menschliche -
zeigt
und sich nicht restlos überwinden lässt.

Denn wir bleiben uns immer, bei allem was wir tun,
in einem gewissen Sinne treu;
- und sind darum unsere eigenen Gefangenen.

Und selbst wer von einer radikalen Bekehrung in seinem Leben spricht,
der wiederholt, wenn man genau hinsieht, Altes.

Auch wer sich von einem so genannten „Saulus“ zum „Paulus“ bekehrt,
wechselt meist einzig und allein die Vorzeichen eines Referenzsystems aus
- und bleibt sich damit in mancherlei Hinsicht treu.

Denn so wie Paulus selber
zuerst die Anhänger Jesu mit Nachdruck bekämpft, (Gal. 1, 13ff, Apg 9)
so kämpft er nach seiner Wende zu Jesus
in ähnlicher Weise gegen all jene, (z.B. 2. Kor. 10,4, Gal 2,11 ff)
die er als Verfälscher des frei machenden Evangeliums erachtet.

Mit anderen Worten:
So ganz neu wird ein Mensch auch durch eine eigentliche Bekehrung nicht,
selbst wenn bei Bekehrungspredigten dieser Eindruck entsteht.

Ja, auch das Spiel Second life macht letztlich deutlich,
dass das virtuelle, zweite Leben nichts anderes ist
als ein billiger Abklatsch
der alten, bereits bekannten und realen Welt.

Hier wie dort existieren nämlich dieselben Wünsche und Perversionen.
Hier wie dort ist das Streben nach Gewinn und Profit auszumachen.

Sieht man also genau hin,
so ist Second Life nichts weiter als eine laue und dümmliche Illusion,
zumindest kann man meines Erachtens nicht wirklich
von einem zweiten und anderen Leben sprechen.
Hier wie dort ist
– trotz modernem Internet und zeitgemässer Aufmachung –
derselbe alte Adam am Werk!


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Doch auf Grund von solchen Urteilen und Schlüssen,
wie ich sie eben ausgeführt und dargelegt habe,
ist die heutige Predigt ja noch keine evangelische
- im Sinne von: befreiende und frei machende - Predigt.

Im Grunde genommen beginnt die wirkliche Predigt
erst an dieser Stelle:
Denn die Frage muss nun heissen:
Was müsste sich denn nun wirklich ändern,
damit man von einem anderen Leben reden kann,
damit man tatsächlich von einem neuen Sein in Christus reden darf?

Ich meine:
Diese Frage ist nicht allein zum jetzigen Zeitpunkt
sondern grundsätzlich wichtig;
und deshalb will ich mich bemühen,
diese Frage zu beantworten:

Wenn ich mich nämlich nicht vollständig irre,
so lautet die Antwort
und die Botschaft des Evangeliums in Jesus Christus
in etwa so:
Damit man anders und befreiter und erlöster leben kann,
muss man nicht eigentlich ein anderer Mensch zu werden versuchen
– das ist ja ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit – ,
sondern es gilt,
sich mit sich selber und mit seiner Geschichte auszusöhnen.

Man muss sich also annehmen - und annehmen lernen (!) - ,
wie man ist.
Darin widerspiegelt sich im Kern
bereits schon voll und ganz
die Gnade Gottes,
die den Menschen annimmt, wie er ist.

Aber ich weiss:
Manches Versöhnungsgeschehen mit sich selber
ist oft schneller gesagt, als getan.
Oft geht man mit sich selber sehr, sehr hart ins Gericht!

Indes;
der Schlüssel zu einem anderen Leben
und zu einem neuen Sein in Christus,
liegt nicht darin,
dass wir uns zu ändern versuchen,
sondern darin,
dass wir uns mit uns selber und mit unserer Biographie
versöhnen und aussöhnen
und sagen:


„Ich brauche gar kein zweites Leben,
weil dieses erste Leben mit all seinen hellen und dunklen Seiten
in Gott versöhnt und aufgehoben ist.“


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Und dann noch etwas anderes:
Gute und befreiende Theologie versucht die Menschen nicht erst
im Stil der klassischen Bekehrungstheologie zu ändern
und zu frommen Christen zu machen,
sondern sie nimmt die Menschen an, wie sie sind;
wie auch Gott nach neutestamentlichem Zeugnis
nichts anderes
„als die Gestalt eines Menschen
angenommen hat“.
(Joh 1,14; Phil 2, 7)

Denn das eigentliche Evangelium und das neue Sein in Christus liegt mitunter in zwei biblischen Sätzen begründet:
Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! (z.B. Mk 12, 31)
Und:
Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat! (Röm 15,7)

Amen.