Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,46-53

Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr (ev.-luth.)

22.01.2017 Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover

Einführung in das Amt der Landessuperintendentin

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus!

„Ach, früher war alles besser“. Wie ein Seufzer klingt der Satz. Sie schiebt müde eine Haarsträhne aus der Stirn und sieht in die Runde. Die anderen nicken. Irgendwo in einem Haus in Ephesus haben sie sich versammelt, die Ältesten der Gemeinde.

Auch ihr Glaube fühlt sich alt an. Als wäre die Gicht in den Glauben eingezogen wie in ihre Hände. Früher. Der Sehnsuchtsblick in die Vergangenheit hat was Tröstliches.

Für einen Moment können sie die Gegenwart vergessen. Die Unsicherheit, die Verantwortung, die zu schwer auf ihren Schultern liegt. Deshalb erzählen sie sich die alten Geschichten, immer und immer wieder. Die Geschichten wärmen wie eine Wolldecke im Winter. Wisst ihr noch? Wasser wurde zu Wein. Blinde konnten sehen, Lahme gehen, sogar Tote standen auf, weil Jesus es wollte. Auf sein Wort hin wurde die Welt eine andere.

Sie erinnern sich an vergangene Glaubenskraft. Die, die diese Gemeinde gegründet haben, waren Augenzeugen. Sie haben in der Menge gestanden, als Jesus predigte.

Damals vibrierte die Luft in den Gottesdiensten vom Heiligen Geist. Die Leute kamen in Scharen. Zuversicht ist anziehend. Damals, als alles besser war, in der Zeit der Zeichen und Wunder.

„Blödsinn“, tönt es da schroff aus der Ecke. Im Schatten sitzt gebeugt Bathseba. Die haben sie ganz vergessen. Sie ist fast blind und redet nur selten. „Ihr redet Blödsinn“, sagt sie noch mal deutlich und betont jede Silbe. „Wie kommt ihr darauf, dass der Glaube früher leichter kam? Zeichen und Wunder machen das Gottvertrauen nicht einfacher.“ „Wie kannst Du so was sagen?“, entgegnen die Anderen wie mit einer Stimme. „Weil ich es wissen muss. Ich bin doch die Tochter des Kindes, das Jesus geheilt hat. Mein Vater war der kleine Sohn des königlichen Beamten. In unserer Familie wurde die Geschichte wieder und wieder erzählt.“ Es ist eine Geschichte von Tollkühnheit und Zweifel, von Herzensgewissheit und von Misstrauen. Dann redet sie bis zum Morgengrauen. Und die anderen werden mit jeder Stunde jünger.

Im Johannesevangelium bleiben von der nächtlichen Familiengeschichte der Bathseba nur ein paar Sätze. Und die klingen so:

Der königliche Beamte sprach zu Jesus: Herr, komm herab. Mein Kind stirbt. Jesus spricht zu ihm: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte und ging hin. Und während er herabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in dem es besser mit dem Kind geworden ist. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebte Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Haus.

Eine Geschichte, bei der sich der Seufzer wie von selbst einstellt, oder? Damals, als alles besser war, in der Zeit der Zeichen und Wunder. Doch ein Satz stört. Würde die Geschichte glatt erzählt, müsste sie eigentlich anders enden: „Während er herabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Und der Mensch fiel auf die Knie, lobte Gott und er glaubte mit seinem ganzen Haus.“ Oder: „Er eilte nach Hause, herzte das Kind und glaubte mit seinem ganzen Haus.“ Das wäre ja die erwartete Reaktion: Ein großer Glaube, eine große Tat, große Dankbarkeit. Die Pointe der Geschichte von Bathsebas Großvater, dem königlichen Beamten, steckt in diesem einen Satz: „Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit dem Kind geworden war“. Ein sympathischer Vater reagiert anders, oder?

Offensichtlich war der Glaube, der in der Geschichte lapidar geschildert wird, gar nicht so groß. Im Moment absoluter Verzweiflung, zeigt sich ein kleiner Glaube, ein Glaube auf Probe, aus Trotz gegen das Schicksal oder als Wette mit Gott. Was ist das denn für ein Glaubensvorbild, das in dem Moment, wo ein großes Wunder geschieht, erst mal anhält und kritische Fragen stellt?

Die Heilungsgeschichte, wie Johannes sie berichtet, enthält weniger eine Theologie der Zeichen und Wunder als vielmehr eine Theologie des Glaubens. In wenigen Sätzen wird ein Glaube entfaltet, der den Zweifel verträgt. Ein Glaube, der Fragen des Skeptikers nicht vertuscht, sondern festhält, als Teil des Weges, den der königliche Beamte geht. Ein Glaubensweg, in dem das Zögern Platz hat, das Mitsich-Ringen, das offensichtliche Unbehagen, ein Glaubensweg, in dem die Explosion der Freude ausfällt und das Überwältigtsein ziemlich kümmerlich wirkt. Diese Figur ist für mich eine echte Entdeckung. In den mageren Sätzen wird das „Hin- und Hergerissensein“ zwischen Vertrauenwollen und der Skepsis spürbar. Dieser Zwiespalt passt ja auch zu seinem Beruf. Ein Karrierebeamter, würde man heute sagen. Die einen meinen das als Kompliment, die anderen, weil sie mit diesem Beruf Langeweile und Kontrollzwang verbinden.

Ich stelle mir diesen Mann als jemanden vor, der seinen Beruf als Berufung empfindet. Er ist verlässlich, präzise und klug. Ein Experte für Steuerungsfragen und gutes Regieren. Die Idealbesetzung für Beiräte und Vorstände. In der Synode ginge er in den Haushaltsausschuss. Wenn so einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, fällt er besonders hart. Wenn so einer sein ganzes Vertrauen auf einen Fremden setzt, dann ist das ein riskanter Schritt. „Der Mann glaubte dem Wort“, heißt es bei Johannes. Knapper geht es nicht. Was für Turbulenzen sich wohl in den Lücken zwischen den Worten abgespielt haben? Erst als er die gute Nachricht erhält, verwandelt er sich wieder in sein altes Selbst. Er muss es ganz genau wissen.

Das Glück, das sanft in ihm aufsteigt, muss warten.

Zweifel, das bedeutet ja: Zwiespalt. Dieser Zwiespalt wird nicht gekittet. Er wird in diesen einem Satz offengelegt. „Er erforschte Tag und Stunde.“ Ausgerechnet eine Wundererzählung macht diesen Zweifel sichtbar. Dieser eine Satz legt das Grübeln und den Hinterhalt der Einwände offen, aber auch die Suche nach dem, was wahr ist.

Der Großvater von Bathseba will es wirklich wissen, er will sich nicht mit Gerüchten abspeisen lassen, bevor er innerlich Purzelbäume schlägt.

Könnte man so weit gehen und nun auf der Grundlage des Johannesevangeliums ein Lob des Zweifels anstimmen? Oder ist der Zweifel nur ein lästiges Zwischenstadium in jeder Theologie des Glaubens, eine eingebaute Anfechtung, eine Art Spannungsbogen, an deren Ende das Gottvertrauen umso strahlender wird? So könnte man die Geschichte lesen. Denn als der Vater sich vergewissert hat, dass Jesu Wort und die Heilung zur selben Zeit erfolgen, springt der Glaube über jeden Vorbehalt.

Der Satz aber bleibt. So wie auch der der Zwiespalt im Glauben immer wieder aufbrechen kann.

Ein Lob des Zweifels fordert Peter L. Berger, der jüngst verstorbene Religionssoziologe aus Boston, von den Christinnen und Christen. Ein ganz und gar fragloser Glaube ist gefährlich, sagt Berger. Vollmundige Bekenntnisse, die über alles hinwegreden, was selbst für Gottesfürchtige einfach nicht aufgehen will, führen in den Fundamentalismus. Wo jeder Anflug von Zögern schon als Glaubensschwäche ausgelegt wird, gerät das Vertrauen in Gott zu einem Akt ängstlicher Unterwerfung.

Theologie ist mithin der Ort, wo das Zweifeln und Zögern in ein Forschungsgespräch verwandelt wird. Und die Kirche kann ein Ort sein, wo eine ernstgemeinte Frage sich ein Loch in allzu lieb gewonnene Sprachmuster gräbt. „Seid ihr sicher? Meint ihr das wirklich? Könnt ihr das ernsthaft beten?“.

Wenn sogar das Zweifeln an Gottes Macht erlaubt ist, dann können wir als Gemeinschaft der Glaubenden und Zweifelnden auch in anderen Bereichen zum unablässigen Hinterfragen ermutigen. Jede Bildungsgeschichte lebt vom

Fragendürfen. „Warum?“ fragen kleine Kinder und bringen ihre Eltern bisweilen in echte Verlegenheit. „Warum?“ fragen Wissenschaftler und Forscherinnen. Der Zweifel ist, wenn es gut läuft, der engste Freund der Wahrheitsliebe und die Schwester des Staunens.

Auch die Demokratie ist auf das öffentliche Zweifeln angewiesen. Vielleicht liegt hier die Zumutung, die viele Menschen nur noch schwer ertragen, weil sie alles in Zweifel ziehen außer der eigenen Sicht auf die Welt: „Was wäre, wenn der andere recht hätte?“ Wer fraglose Anerkennung fordert und den Streit verteufelt, ist auf dem Weg in die Tyrannei.

Wenn sogar Gott, der Zeichen und Wunder tut, unseren Zwiespalt aushält, dieses Hin- und Hergerissensein, dieses Vertrauen unter Vorbehalt, diese nagende Sehnsucht, wieder und wieder überzeugt werden zu wollen, um wieviel mehr müsste das für uns selber gelten, in unseren Ämtern und Funktionen, mit unseren Überzeugungen und Lebensstilen: den Zwiespalt zulassen, durch den die Fragen sich in falsche Selbstgenügsamkeit bohren.

Doch wer den Zweifel lobt, muss auch den bösen Zweifel benennen: den zynischen Zweifel, der seine helle Freude daran hat, die Sicherheiten anderer zu zerstören. Der zersetzende Zweifel, der eitel und selbstverliebt ist, weil er gar nicht überwunden werden will. Der Zweifel um des Zweifels willen, der nur so tut, als sei er aufgeklärt.

Es gibt nicht nur den alten Glaubensstolz, es gibt auch einen Unglaubensstolz.

Vielleicht liegt hier gegenwärtig unsere größte Versuchung, nicht nur in der Kirche, sondern insgesamt in der Welt, die sich selbst aufgeklärter Westen nennt. Zweifel - ein Alibi für das „sich nicht bekennen müssen“? Eine salonfähige Kirchenkritik ohne eigene Anschauung. Dumme Bemerkungen über die in den eigenen Augen allzu Frommen.

Manchmal ist das, was als Zweifel daherkommt, Neid oder Wehmut nach verlorener Eindeutigkeit. Zweifeln um seiner selbst willen führt zu Selbstverachtung, zu Unlust am Denken und zur Glaubensfaulheit. Der heilsame Zweifel, der aus dem Forschen und Fragen kommt, weiß um ein Fundament, auf dem er steht. Der fragende Glaube will verstehen, will überzeugt werden. Wie der Glaube von Bathsebas Großvater.

In der Morgendämmerung treten die Ältesten in Ephesus vor die Tür. Sie sehen, wie die Sonne am Horizont aufsteht und halten sich bei den Händen. Bathseba steht in der Mitte. Sie kann die Sonne nur fühlen. Die Wärme im Gesicht und die Wärme der Hände, die ihre Hände halten. Dafür ist die Kirche ja da, sagt sie. Hier kann mein kleiner Glaube sich an Euren klammern und wird größer. Wie der meines Großvaters, der diese Gemeinde mitgegründet hat, weil er um seine Glaubensschwäche wusste.

Hier kann meine Frage sich an eure Antworten hängen und mein Gottvertrauen eure Gottesleere füllen. Jetzt ist die Zeit der Zeichen und Wunder. Weil Gott fraglos an uns glaubt.

 

Amen.