Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,46-54

Pfarrerin Dr. Gönke Dorothea Eberhardt

22.01.2017 Kirche St. Nicolai, Lemgo

Vorausgehende Lesungen: Die Heilung des Naaman 2 Kön 5,9-15.19a und Joh 4,46-54 als Evangelium

 

Liebe Gemeinde,

Menschen lieben Wunder. Und fast immer gelten sie als ein Zeichen der Macht Gottes oder seiner Gesandten.

Aaron beweist dem Pharao die Macht des Gottes Israels, indem er seinen Stab zur Schlange werden lässt. Elia zeigt den Baalpriestern, dass sein Gott Feuer vom Himmel regnen lassen kann; der Steinklotz Baal natürlich nicht. Elisa heilt den Hauptmann Naaman, und der weiß jetzt, an welchen Gott er sich in Zukunft halten wird! Dieses Wunder ist ihm Beweis genug.

Auch Jesus stellt seine göttliche Macht unter Beweis, das haben wir im heutigen Evangelium gehört. ‑ Ich will uns die Geschichte noch einmal in Erinnerung rufen.

Da ist dieser Mann aus Kapernaum. Sein Sohn ist todkrank. Alles hat der verzweifelte Vater getan, um seinem Kind zu helfen. Nichts hat geholfen. Auch nicht seine Gebete. Vielleicht hat er zu Gott gerufen mit den Psalmworten, die auch wir vorhin gebetet haben: „Herr neige deine Ohren und erhöre mich! Vernimm, Herr mein Gebet und merke auf die Stimme meines Flehens! In der Not rufe ich dich an; du wollest mich erhören!“

Gott hat ihn nicht erhört.

Da erfährt der Mann, dass Jesus von Nazareth in Kana sei. Dieser Mensch, von dem man sagt, er habe Wunderkräfte. Der Vater zögert nicht lange und macht sich auf den Weg. Ohne Pause sind es acht Stunden Fußweg, und es geht fortwährend bergauf. Keine Ruhe gönnt er sich. Um jeden Preis will er diesen Wundermann zu seinem Sohn bringen, solange es noch nicht zu spät ist.

Als der Mann Jesus findet, wirft er sich ihm zu Füßen und fleht ihn an mitzukommen. Umsonst. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“, sagt Jesus. Es klingt fast abfällig.

Jesus ist offenbar der Meinung, dass er nicht in die Welt gekommen ist, um massenhaft Krankheiten zu heilen. Immer wieder hat er Mitleid mit den Menschen, die ihm begegnen. Aber wenn er versuchte, allen zu helfen, würde er nie fertig werden. Gott ist ein Mensch geworden. Er muss zu Fuß gehen, wie alle anderen auch. Und Jesus hat noch anderes zu tun: Er will den Menschen erzählen, wie Gott wirklich ist. Und dass Gott mehr mit ihnen vor hat als das, was in dieses kurze Leben hineinpasst.

Gleichzeitig weiß Jesus, dass seine Glaubwürdigkeit in Gefahr ist, wenn er keine Wunder tut. Niemand wird glauben, dass er der Sohn Gottes ist. Niemand wird seine Worte über Gottes Liebe und Hilfe glauben ‑ wenn er seine göttliche Herkunft nicht so unter Beweis stellt, wie man es vom Sohn Gottes erwartet. Menschen lieben eben Wunder. Sie sind ein Beweis besonderer Macht. Eine Art Gottesbeweis. Und wenn sie ausbleiben, ziehen die Menschen ihre eigenen Schlüsse daraus.

Jesus blickt auf den staubigen und schweißgebadeten Mann zu seinen Füßen. Dieser verzweifelte Vater will keinen Gottesbeweis. Er will einfach nur, dass sein Kind gesund wird. Er klammert sich an die Hoffnung, dass Jesus mitkommt und das Kind heilen kann.

Statt mitzukommen schickt Jesus ihn nach Hause. „Geh hin, dein Sohn lebt.“

Der Mann ist verunsichert. Kann dieser Mann tatsächlich ein Kind aus der Ferne heilen? Das hat es noch nie gegeben. Er zögert. Wenn er sich abwimmeln lässt, hat er die letzte Chance vertan. Aber wenn es doch stimmt, was Jesus sagt? Der Mann entschließt sich, Jesus zu glauben. Er dreht sich um und geht. Allein.

Je mehr er sich seinem Zuhause nähert, desto schneller werden seine Schritte. Schon auf der Straße laufen ihm seine Knechte entgegen. Als er sie sieht, ergreift ihn Panik. Aber sie rufen: „Dein Kind lebt!“

Der Mann will es genau wissen. Die unfassbare Erleichterung macht sofort seiner Neugier Platz. Ist es Jesus gewesen oder doch nur eine überstandene Krise? Aber die Tageszeit stimmt. Die Wende trat genau dann ein, als Jesus ihm die Heilung zugesagt hat!

Jetzt kann der Mann glauben. Glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Auch seine Familie überzeugt er davon. Mit diesem Wunder ist für ihn klar, dass Gott handelt.

 

Er hat es gut. Es ist so viel leichter an Gott zu glauben, wenn man ein Wunder erlebt hat oder zumindest aus verlässlicher Quelle davon erfahren hat. Deswegen sammeln sich mit der Zeit immer mehr Wundergeschichten rund um Jesus an. Vermehrung von Brot, Fisch oder Wein, Heilungen, Auferweckungen.

Wunder über Wunder berichtet die Bibel, um uns das Glauben leichter zu machen.

„Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“, hat Jesus gesagt. Auch er weiß, dass Menschen Wunder brauchen. Zunächst natürlich, weil ein Wunder meist eine Not beendet. Und dann, weil man es als Gottesbeweis deuten kann. Es wäre so schön, eine Garantie dafür zu haben, dass Gott da ist. Es wäre so schön, nicht nur glauben zu müssen, sondern zu wissen.

All diese Sehnsucht kannte Jesus. Aber er wusste auch, dass ausgerechnet Wunder im Grunde nicht als Gottesbeweis taugen. Oder jedenfalls nur für den Moment.

Denn für alles andere sind wir Menschen zu vergesslich. Wo ich gestern noch Gott erlebt zu haben glaubte, zweifle ich heute schon wieder und denke, ich könnte mich auch getäuscht haben ‑ oder ich könnte das, was göttliche Fügung zu sein schien, ganz sachlich erklären.

Ich mag Gott in der Vergangenheit noch so oft erlebt haben ‑ wenn ich ihn in der Gegenwart nur stark genug vermisse, werde ich mich fragen, warum Gott damals ein Wunder getan hat, aber heute keins tut. Und dann droht das fehlende Wunder zum Gegenbeweis zu werden. Zum Indiz dafür, dass mein Glaube mich getäuscht hat und es Gott doch nicht gibt oder er nicht handelt oder mich nicht liebt. All das, was ich in der Vergangenheit und als Zeichen Gottes erlebt habe, droht zu verblassen angesichts meiner jetzigen Not. Vielen Menschen geht das so.

Deswegen taugt ein Wunder nicht als Gottesbeweis. Jedenfalls nicht als endgültiger. Irgendwann gehört das Wunder zur Vergangenheit. Und die Gegenwart ist immer stärker.

Das ist das, was wir an unserem Glauben aushalten müssen. Dass er eben kein Wissen ist. Dass er aufblüht, wenn wir die Nähe Gottes erleben, aber auch dürr werden kann, wenn es uns zwischendurch einmal nicht gelingt, Gottes Begleitung in unserem Leben zu erkennen.

Und wir müssen auch aushalten, dass wir uns in diesem Leben immer wieder nach Wundern sehnen werden. Nicht nur, weil wir Gott gern bewiesen sehen würden, sondern wie bei dem Vater aus Kapernaum aus purer Angst oder Verzweiflung. Wir werden uns sehnen nach Heilung für uns selbst oder andere. Wir werden uns sehnen nach Rettung für Erdbebenopfer. Wir werden uns sehnen nach unverhofftem Frieden und nach dem Leben ‑ dort, wo der Tod nach uns greift.

Wir sehnen uns zu Recht. Es ist kein Paradies, in dem wir leben.

Deswegen ist es gut, dass wir nicht nur Wundergeschichten in der Bibel finden, sondern auch Klagepsalmen. Geschichten vom Zweifel wie die vom ungläubigen Thomas ‑ und Geschichten von Glauben und Gewissheit. Es sind uralte Geschichten und ur-ur-uralte Geschichten: das Echo von der Nähe und Ferne Gottes im Laufe von vielen hundert Jahren. Für diese Vielfalt liebe ich meine Bibel. Sie gibt mir Worte in Zeiten der Not und in Zeiten des Dankes. Worte für den Zweifel und für den Glauben.

Und sie fordert uns auf, anderen von unserer eigenen Geschichte mit Gott zu erzählen, damit das, was wir für uns als Zeichen der Hilfe Gottes und als Wunder erlebt haben, jene stärkt, deren Glaube durch Not dürr geworden ist.

Bis heute erleben es Menschen, trotz ihrer Bitten von Gott allein nach Hause geschickt zu werden ‑ und finden dann doch ein Wunder vor.

Bis heute singen und loben Menschen Gott, weil sie seine Hilfe erlebt haben oder einfach Gutes in ihrem Alltag.

Bis heute erfahren Menschen, dass, auch wenn der Glaube klein ist, die Hoffnung groß sein kann oder selbst in Verzweiflung die Liebe der anderen einen trägt.

Darum genieße deinen Glauben, wenn er blüht. Versuche, die Wunder deines Lebens in deinem Herzen zu bewahren und erzähle denen davon, die es nötig haben. Wir Menschen brauchen Wunder.

Amen.