Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 6, 1-15

Dorothee Becker (rk), Theologin und Seelsorgerin

29.07.2012 in den Kirchen Don Bosco und Bruder Klaus in der Pfarrei Heiliggeist in Basel

am 17. Sonntag im Jahreskreis B

11 541 Opfer der Belagerung von Sarajevo. Mitten in der Stadt erinnern ihre Grabmale noch heute.

Dann, um vier Uhr nachmittags, vierundzwanzig Stunden, nachdem die Mörsergranate auf seine Freunde und Nachbarn gefallen ist, während sie nach Brot anstanden, wird er sich bücken und den Bogen aufheben. Er wird sein Cello und den Hocker die schmale Treppe zur Strasse hinuntertragen. Der Krieg rundum wird weitergehen, während er in dem kleinen Krater sitzt, den die Mörsergranate beim Aufschlag gerissen hat. Er wird Albinonis Adagio spielen. Zweiundzwanzig Tage lang, Tag für Tag, einen für jeden Getöteten. Er wird es zumindest versuchen. Er ist sich nicht sicher, ob er überleben wird. Er ist sich nicht sicher, ob er genügend Adagios übrig hat.i

Diese Sätze, liebe Mitfeiernde, stehen im ersten Kapitel des Romans „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway. Ein Roman, der in einem Krieg spielt, der noch gar nicht so lange her ist. Der vor 20 Jahren begonnen hat und vor 16 Jahren endete. Gar nicht weit weg von hier. 1½ Flugstunden von Basel entfernt.

Fast vier Jahre lang wurde die Stadt Sarajevo von serbischen Nationalisten belagert mit dem Ziel, Bosnien-Herzegovina zu spalten. Und Sarajevo, wo seit Jahrhunderten die muslimischen, christlichen und jüdischen Einwohner und Einwohnerinnen friedlich zusammenlebten – es wurde das europäische Jerusalem genannt – sollte nach den Worten von Radovan Karadžić „durch eine Mauer, wie in Berlin“ geteilt werden.

Angeregt durch die Lektüre des Buches „Der Cellist von Sarajevo“ habe ich die Stadt vorletzte Woche besucht. Und war beeindruckt und bewegt. Kriegsschäden sind noch sichtbar, aber vieles ist auch wieder aufgebaut. Moscheen stehen neben Kirchen und Synagogen, die Stadt ist lebendig, es herrscht ein friedliches Miteinander. Ein Wunder nach all dem, was die Menschen dort durchmachen mussten.

Eine junge Frau, die als Kind mit ihrer Familie während der Belagerung nach Deutschland fliehen konnte und 1997 wieder in die zerstörte Stadt zurückkehren musste, hat mir in einer Führung die Fakten, aber auch viel Persönliches aus dieser Stadt mit grossem Engagement und viel Liebe zu ihrer Heimat nahe gebracht.

Fast vier Jahre lang waren 300 000 Menschen in Sarajevo eingeschlossen. Wurden Tag und Nacht mit Granaten und von Scharfschützen beschossen. Waren von der Wasser-, Gas- und Stromversorgung abgeschnitten. Mussten anstehen für Wasser, Brot und Nahrungsmittel, die rationiert waren. Wurden auf jedem Schritt, den sie auf die Strasse setzten, von den serbischen Nationalisten auf den Bergen bedroht. 11 541 Menschen verloren ihr Leben.

Die Protagonisten des Romans, der auf einer wahren Begebenheit beruht und die Schrecken des Krieges und der Belagerung authentisch schildert, versuchen jeder auf seine Weise, in dieser unmenschlichen Situation Menschlichkeit und Würde zu bewahren, versuchen, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass das Leben mehr sein muss als Überlebenskampf.

Zwei von ihnen, Kenan und Dragan, sind unterwegs, um Wasser und Brot zu holen – das Elementarste überhaupt, um überleben zu können. Es ist nur ein Tag, der geschildert wird – und es zieht sich endlos hin. Es ist das Sarajevo-Roulette – schiessen sie? Schiessen sie nicht? In Deckung gehen, über die Kreuzung rennen, wieder endlos hinter Barrikaden warten, miterleben, wie andere erschossen werden, wie eine Mörsergranate die Menschen trifft, die an der Wasserzapfstelle der Brauerei Schlange stehen, die eigene Unfähigkeit aushalten, nicht helfen zu können – aus Schock, aus Feigheit, aus Angst - , die Versuchung, nur für sich zu schauen und andere rücksichtslos zu behandeln – nach dem Motto: der Stärkere überlebt –, die Angst, die Trauer um das Leben vor dem Krieg, um die Menschen die nicht mehr da sind – sei es, weil sie gestorben sind, sei es, weil es ihnen gelungen ist, aus der Stadt zu fliehen. Der Kampf um die elementaren Grundlagen des Lebens. Wasser und Brot.

„Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ Eine scheinbar banale Frage, die wir im Evangelium gehört haben. Eine Frage, die eine ganz andere Bedeutung bekommt, wenn wir sie vor dem Hintergrund einer solchen wahren Geschichte hören. Wasser und Brot. Sie waren fast nicht zu bekommen in Sarajevo und meistens nur unter Einsatz des eigenen Lebens. Brot ist Leben, Wasser ist Leben. Das sind Wahrheiten, die sich vor diesem Hintergrund verkehren.

Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben? Woher sollen wir Hoffnung nehmen, damit diese Leute ihre Menschlichkeit und Würde nicht verlieren?

Und da ist der Cellist. Eine reale Gestalt, Vedran Smailović, Cellist des Symphonieorchesters von Sarajevo. Im Mai 1992 wurden 22 Menschen erschossen, die für Brot anstanden. 22 Tage hat er sich mit seinem Cello hingesetzt und für die Getöteten das Adagio von Albinoni gespielt. Und an anderen Orten der Stadt auch, beispielsweise in der zerstörten Nationalbibliothek. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben. „Was meinst du, weshalb er das macht?“ fragt Emina. „Spielt er für die Leute, die umgekommen sind? Oder spielt er für die Leute, die überlebt haben? Was will er damit erreichen? (…) Für wen spielt er?“ fragt sie erneut, und mit einem Mal meint Dragan es zu wissen. „Vielleicht spielt er für sich selbst“, sagt er. „Vielleicht spielt er, weil es das ist, was er wirklich kann, und will damit gar nichts bewirken.“ Und er glaubt, dass es stimmt. Er glaubt nicht, dass der Cellist etwas verändern oder wieder in Ordnung bringen, sondern nur verhindern will, dass es noch schlimmer wird.ii

Warum spielt der Cellist? Was kann er den Menschen geben – über Wasser und Brot hinaus? Was kann er den Menschen in der eingeschlossenen Stadt geben, das mehr ist, als sie für das nackte Überleben brauchen?

Am Ende steht Kenan, der 24 Liter Wasser von der Brauerei geholt hat für seine Familie, vor dem Cellisten. Als Kenan von dem Cellisten erfuhr, fand er das Ganze ein bisschen albern, ein bisschen rührselig. Was versprach sich der Mann davon, wenn er auf der Strasse musizierte?Davon wurde niemand wieder lebendig, niemand satt, kein Stein wieder auf den anderen gesetzt. Es war reine Torheit. Ein fruchtloses Unterfangen.

Doch mit einem Mal gilt das alles nicht mehr.iii

Und Kenan hat, während er das Adagio hört, eine Vision von der Stadt Sarajevo, wie sie im Frieden war und jetzt sein könnte. Er stellt sich vor, wie er jetzt mit seiner Familie ganz normal durch die Stadt spaziert, essen geht, seine grosse Tochter ermahnt, die mit dem Freund ins Kino will, seiner kleinen Tochter ein Eis kauft. Neun Minuten Normalität. Neun Minuten Hoffnung, vielleicht auch Gewissheit, dass es noch etwas anderes gibt als Krieg und Überlebenskampf und das Davonrennen vor Granaten und Scharfschützen. Und dann geht er – nicht nach Hause, sondern zurück über den Fluss und holt noch weitere 6 Liter Wasser für die Nachbarin.

Auch Dragans Verhalten ändert sich, noch ehe er den Cellisten überhaupt spielen gehört hat. Er erlebt, wie ein Mann erschossen wird, der die Strasse überquert und ein anwesender Kameramann macht Anstalten, den Toten zu filmen. Er wird nicht zulassen, dass dieser Tote gefilmt wird. Ihm fällt ein, was er zu Emina über den Cellisten gesagt hat, warum er seiner Meinung nach spielt. Um etwas aufzuhalten. Um Schlimmeres zu verhindern. Um alles in seiner Macht Stehende zu tun.iv Und unter Beschuss von Heckenschützen zieht Dragan den Toten von der Kreuzung. Gut, denkt er. Ich lebe nicht in einer Stadt, in der die Toten auf den Strassen herumliegen, und du wirst es der Welt auch nicht mitteilen. (...) Wenn die Menschen im Tal sich damit abfinden, mit dem Tod zu leben, sich so zu verhalten, wie es die Männer auf den Bergen wollen, dann wird Sarajevo sterben.v

Und Dragan? Er hört auf, zu rennen. Er will sich den Männern auf den Bergen nicht mehr unterwerfen. Er geht zur Bäckerei. Er wird sein Brot abholen und dann auf diesem Weg zurückgehen, egal, ob ein Heckenschütze da ist oder nicht. Auf dem Heimweg wird er einen kleinen Umweg zu der Strasse südlich vom Markt machen und bis vier Uhr warten, damit er Emina erzählen kann, was am letzten Tag geschehen ist, an dem der Cellist gespielt hat.

Dragan lächelt, als er an einem älteren Mann vorübergeht. Der Mann schaut ihn nicht an, hat den Blick auf den Boden gerichtet.

Guten Tag“, sagt Dragen frohgemut. Der Mann blickt auf. Er wirkt überrascht. „Guten Tag“, wiederholt Dragan. Der Mann nickt, lächelt und wünscht ihm das Gleiche.vi

Menschlichkeit und Würde, Hoffnung und Zuversicht auf ein besseres Leben, ein Leben in Frieden, mit gegenseitiger Toleranz – in einer solchen Situation so notwendig wie Wasser und Brot. Konnte der Cellist, konnte Vedran Smailović den Menschen in Sarajevo das geben, was sie so nötig brauchten wie Wasser und das tägliche Brot?

„Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ Keine müssige Frage, aber eine Frage, die nicht einfach und ein für allemal zu beantworten ist. Woher sollen wir Hoffnung nehmen, damit diese Leute ihre Menschlichkeit und Würde nicht verlieren?

Da kommt mir der Cellist vor wie der kleine Junge mit den fünf Broten und zwei Fischen. Auch nicht viel für fünftausend Männer. Doch mehr, als man kaufen kann. Das Adagio von Albinoni, dessen Fragmente man 1945 in der zerstörten Musikbibliothek in Dresden fand, ist in seiner Echtheit umstritten. Doch „dass etwas, das in einer vom Krieg zerstörten Stadt fast vernichtet worden wäre, wiedererstehen, etwas Neues und Wertvolles werden konnte, gibt ihm (dem Cellisten) Hoffnung. Eine Hoffnung, die jetzt zu dem Wenigen zählt, was den belagerten Einwohnern von Sarajevo geblieben ist.“vii

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, sagt Jesus an anderer Stelle im Johannesevangelium. Leben in Fülle. Mehr als Wasser und Brot. Würde, Menschlichkeit und Toleranz und die Hoffnung auf ein Leben in Fülle haben sich die Menschen in Sarajevo bewahren können über den Krieg und den Kompromiss von Dayton hinaus. Die Hoffnung lebt weiter, dass die gemässigten Kräfte dort weiterhin die Oberhand behalten können. Und dass auch in anderen Krisengebieten – Syrien, Irak, Afghanistan, Kongo – Würde und Menschlichkeit siegen. Die so nötig sind wie das tägliche Brot. Amen.

i S. Galloway, Der Cellist von Sarajevo. Luchterhand Literaturverlag München 22008, 14.

ii Ebd. 120.

iii Ebd. 195.

iv Ebd. 216.

v Ebd. 218f.

vi Ebd. 230.

vii Ebd. 11.